Okt 15 2016

“Mein Reich ist nicht von dieser Welt”

Autor: . Abgelegt unter Die Kirche

Sonnenuntergang am Meer
(…) immer bleibt auch das Wort wahr, das Jesus zu Pilatus gesagt hat”‘Mein Reich ist nicht von dieser Welt’ (Joh 18,36). Manchmal in der Geschichte ziehen es die Mächtigen dieser Welt an sich. Aber gerade dann ist es bedroht: Sie wollen ihre Macht mit der Macht Jesu verknüpfen, und gerade so entstellen sie sein Reich, bedrohen sie es. Oder aber es ist der beständigen Verfolgung durch die Herrscher ausgesetzt, die kein anderes Reich dulden und den machtlosen König vernichten möchten, dessen geheimnisvolle Macht sie dennoch fürchten.”
(Papst Benedikt XVI. Jesus von Nazareht.Prolog. Die Kindheitsgeschichten. S. 43)

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Okt 05 2016

Fatal synodal?

Autor: . Abgelegt unter Altkatholizismus

In Mainz leitete die 60. Ordentliche Synode des Katholischen Bistum der Alt-Katholiken die Abschaffung des Ehesakraments ein

Synodalabgeordnete

Die Synode hat getagt. Am letzten Sonntag dem 2. Oktober 2016 ging in Mainz die 60. Bistumssynode der Alt-Katholiken zu Ende. Obwohl ich persönlich nicht teilgenommen habe, konnte ich mich in den letzten Tagen dank der sozialen Medien einigermaßen auf dem Laufenden halten.

Synode und Demokratie

Auf unsere Synodalität sind wir Alt-Katholiken besonders stolz. Gern wird Synodalität als Beleg für die eigene Fortschrittlichkeit und Modernität gegen den rückständigen römischen Zentralismus in Stellung gebracht. Synodalität, das bedeute: nicht Papst und Kurie gebieten darüber, was in der Kirche passiert, sondern das Kirchenvolk selbst bestimme, wo es lang geht. Dabei wird oft betont, dass Synodalität keineswegs vergleichbar mit politischer Demokratie sei. Synodalität beruhe auf dem Prinzip der Konsensbildung, am Ende sollte sich jeder und jede irgendwie in dem Ergebnis wiederfinden können. Doch das ist, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß, oft nicht mehr als ein frommer Wunsch. Wenn es drauf ankommt, wird abgestimmt. Und dann zählt, was ausgezählt wird. Wer die meisten Stimmen bekommt, setzt sich durch. Jeder, der oder die schon einmal an so einer alt-katholischen Synode teilgenommen hat, wird das bestätigen können. Und auch, dass es dort mitunter nicht viel freundlicher zugeht, als beispielsweise im deutschen Bundestag.

Synodalität in der Kirchentradition

Die synodale Kirchenverfassung der Alt-Katholiken wird unter anderem mit der Synodalität in der alten Kirche begründet. So wird etwa darauf verwiesen, dass es bereits im ersten christlichen Jahrtausend mancherorts eine direkte Mitbestimmung des einfachen Kirchenvolkes gegebenen habe.
Der emeritierte Lehrstuhlinhaber am alt-katholischen Seminar der Universität Bonn, Günter Eßer, hat in einer Diskussionsrunde nach einem seiner Vorträge über die alt-katholische Kirche bestritten, dass die alt-kirchliche Synodalität vergleichbar sei mit der heute üblichen Form der synodal-demokratischen Kirchenstruktur bei den Alt-Katholiken. Und doch hat es wohl noch im Frühmittelalter Formen beispielsweise der direkten Bischofswahl durch das Volk gegeben, die später zugunsten einer Ernennung durch Domkapitel oder Papst beseitigt wurden. Der Historiker Rainald Becker von der Universität München schreibt:

Grundsätzlich war die Bischofserhebung eine innerkirchliche, staatsfreie” Angelegenheit. Unter dem Einfluss der Gregorianischen Kirchenreform (Papst Gregor VII., reg. 1073-1085) bildete sich das Prinzip der freien kanonischen Wahl (electio canonica libera) durch die Gemeinde (“Klerus und Volk”) als maßgebliche kirchenrechtliche Norm aus. Im Hoch- und Spätmittelalter – insbesondere mit den konkordatären Vereinbarungen des 12. und 15. Jahrhunderts, aber auch in der kirchenrechtlichen Entwicklung (etwa auf dem IV. Laterankonzil von 1215) – gestaltete sich das Verfahren weiter aus. Die Domkapitel sicherten sich – bei Zurückdrängung von Klerus und Volk – das alleinige Bischofswahlrecht (eligendi potestas).

Vor dem Hintergrund der mancherorts praktizierten direkten Bischofswahl noch im Frühmittelalter lässt sich Synodalität durchaus mit einiger Berechtigung auch aus der Tradition der Kirche heraus begründen. Und schließlich, so wird von alt-katholischer Seite betont, herrsche auch in der orthodoxen Kirche das Prinzip der Synodalität.
Das ist ein gewichtiges Argument, hat sich doch in der Orthodoxie die Struktur und der Glaube der alten Kirche wahrscheinlich am ursprünglichsten erhalten. Doch die Synodalität in der orthodoxen Kirche ist eine episkopale, auch wenn bei der Ernennung der Bischöfe bestimmte plebiszitäre Berufungszeremonien noch auf die altkirchlichen Mitwirkungsrechte des Kirchenvolkes hindeuten. Allerdings würde es in der orthodoxen Kirche niemandem einfallen, einem kirchenrechtlichen Laiengremium die Abstimmung über zentrale Glaubensfragen, wie etwa die Ordination von Frauen zu “Priesterinnen” oder die Frage der Sakramentalität kirchlicher Handlungen, zu überlassen, wie es bei den Alt-Katholiken üblich (geworden) ist.

Synodenentscheidung zur Frauenordination? Null, nada, nichtig!

Die Entscheidung über Glaubensfragen durch ein Laiengremium kann niemals katholisch sein. Hat doch Christus nach katholischer Auffassung seinen Aposteln selbst den Auftrag zur Verkündigung und Bewahrung des Evangeliums und zur Spendung von Heilszeichen – wie der Sündenvergebung – gegeben. Und die haben ihn seither durch Gebete und Handauflegung an die Ältesten (bald schon Bischöfe und Priester), an speziell berufene Nachfolger mithin, weitergegeben. Nur wenn dieser spezielle Auftrag abgestritten wird, wie im Protestantismus, kann das Befinden über Glaubensfragen zur Sache der Allgemeinheit werden
Dafür gibt es möglicherweise einige Argumente (die ich allerdings nicht teile), nur katholisch ist das dann nicht mehr. Aber man zwingt ja auch niemanden, katholisch zu sein. Nur sollten nicht die Ergebnisse solcher protestantischer Gepflogenheiten als katholisch ausgegeben werden. Aus katholischer Perspektive ist beispielsweise der alt-katholische Synodenbeschluß aus den 1990er Jahre zur Frauenordination gar nicht gültig: Null, nada, nichtig!

Homosexuelle Partnerschaften und Ehesakrament

Womit wir endlich bei der am letzten Sonntag zu Ende gegangenen 60. Bistumssynode in Mainz angekommen wären Dort sollte es diesmal unter anderem um die Frage nach dem Sakrament der Ehe für homosexuelle Partnerschaften gehen. Bereits bei der vorletzten Synode stand dieses Thema zur Debatte. Bischof Matthias Ring hatte seinerzeit eine Abstimmung darüber verhindern können, das Ganze sollte auf der nächsten Synode wieder auf die Tagesordnung kommen.
Und so stand das Thema Ehesakrament für homosexuelle Paare auf dieser 60. Bistumssysnode am letzten Samstag im Mittelpunkt der Diskussion. Es mag sich ja für andere Katholiken absurd anhören – aber es gibt, nennen wir es mal: einflussreiche Kräfte bei den Alt-Katholiken, die das über kurz oder lang durchsetzen wollen. Zu ihnen gehört unter anderem der neue Lehrstuhlinhaber des Alt-Katholischen Seminars der Universität Bonn, Andreas Krebs. Für ihn sind Sakramente, wie es in einer Pressemitteilung des Bistums heißt, “ein Beziehungsgeschehen, das seinen Ausgangspunkt in der grundlegenden Beziehungshaftigkeit des Menschen hat”. Sakramente seien Beziehungsereignisse, ein Handeln der Kirche und zugleich ein dynamisches Geschehen.
Ein Beziehungsereignis!?
In meiner katholischen Vorstellung galten Sakramente bisher immer als von Christus ausgehende Gnadenzeichen, worin sich, wie die Kirche sagt, durch Worte und Handeln Jesus Christus selber ausdrückt und gegenwärtig wird. In einer von dem serbisch-orthodoxen Erzpriester Milan Pejic aus Hannover redigierten Schrift über den Glauben der orthodoxen Christen heißt es: “Als ein heiliges Mysterium oder Sakrament bezeichnet man einen sichtbaren rituellen Vorgang, durch den die unsichtbare rettende Kraft – genannt Gottes Gnade (göttliche ungeschaffene Energie) – den Gläubigen wundervolle Gnadengaben schenkt. (…) Gottes Gnade sind Gottes Gaben, die der Vater den Menschen durch den Heiligen Geist um der Verdienste des Sohnes Willen spendet”. Und das heilige Mysterium der Ehe ist “das Mysterium, durch das der Heilige Geist einen christlichen Mann und eine christliche Frau, die vor einem Priester geloben, lebenslang in wechselseitiger Liebe und Treue verbunden zu bleiben, zu einem vereint”.
Andreas Krebs definiert das Sakrament indes neu, indem er es auf ein Beziehungsgeschehen zwischen Mensch und Kirche herunter bricht, bei dem es um “göttliche Wirklichkeit” gehe, “die auf Gleichheit, Einvernehmlichkeit und Verbindlichkeit beruht”. Damit kann er im Prinzip alles, was einvernehmlich ist, zum “Sakrament” erklären. Um denen, die da noch nicht ganz mitkommen, ein kleines Zückerchen zu geben, kam zwischenzeitlich der Vorschlag auf, man könne ja das Ehesakrament so belassen und dem noch ein “Sakrament des Lebensbundes” hinzufügen. Es war wiederum der Bischof, der hier davor warnte, vorschnelle Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig betonte, das homosexuelle Partnerschaften eben nicht das gleiche seien, wie der Ehebund. Das Ganze ist daher wieder vertagt und einer Arbeitsgruppe übergeben worden. Aber die Angelegenheit ist damit nicht vom Tisch. Es gibt bei den Alt-Katholiken eine einflussreiche Fraktion von Modernisten, die das über kurz oder lang durchbringen will – und, allen bisherigen Erfahrungen gemäß, auch wird. Dann allerdings wäre es, wie ich meine, endgültig um die Katholizität der Alt-Katholiken geschehen. Da ist leider kein (päpstliches) Ex Cathedra vor.

No, never, Nein und Amen!

Es gibt in der Schrift mehrere recht eindeutige Textstellen, in der homosexuelle Handlungen verurteilt werden. Man kann jetzt darüber streiten, wie das gemeint ist: ob diese Schriftstellen allein eine zeitgenössische Bedeutung hatten, ob sie lediglich auf ein Verbot homosexueller Promiskuität oder auf den in der griechischen Antike praktizierten Sex mit “Lustknaben” zielten. Am Ende muss das jeder für sich allein entscheiden und seinem Gewissen folgen. Und selbstverständlich ist jede Herabsetzung von Menschen mit homosexuellen Neigungen zu verurteilen. Nur eins geht absolut nicht: Aus von der Schrift verurteilten homosexuellen Verbindungen eine sakramentale Gnadengabe zu machen. No! Never! Nein und Amen! Damit würde sich die alt-katholische Kirche endgültig ihrer Katholizität begeben. Wird es soweit kommen? Derzeit sieht es danach aus. Aber vielleicht geschieht ja noch ein Wunder.

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Okt 02 2016

Licht vom Lichte

Jesus Christus Du Licht vom Lichte lass Dein Licht leuchten in mir erfülle mich mit Deiner Gegenwart nimm alles von mir weg, was mich von Dir trennt, stille Du, Christus, mein Verlangen und vergib mir meine Sünden!

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Aug 08 2016

Reisen bildet? Ein Urlaubsbeitrag!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein

Mensch, geh’ nur in dich selbst,
denn nach dem Stein der Weisen
darf man nicht zuallererst
in fremde Länder reisen.

Angelus Silesius (1624 – 1677)

Das Besondere und das Normale

Burro - Eselchen

Urlaubszeit! Nein, ich verreise nicht, ich ziehe um. Aber das ist eine andere Geschichte. Da Urlaubszeit oft auch Reisezeit ist, könnte ich doch wenigstens mal was übers Reisen bloggen, habe ich gedacht. Deshalb gibts jetzt hier einen Text, denn ich vor zwei Jahren auf Teneriffa geschrieben habe.

Immer wenn ich in so einem Touristenflieger hocke, dicht an dicht mit anderen 100 bis 200 Leuten, dann frage ich mich: Warum tust du dir das eigentlich an? Warum quetscht du dich in so eine Sardinenbüchse, in der du mehrere Stunden lang in unbequemer Sitzhaltung verharren musst, ausgeliefert auf Wohl und Wehe an zwei unbekannte Typen in einem Cockpit und an eine letztlich immer wieder fehleranfällige Technik, nur, um dich an einen anderen Ort bringen zu lassen, von dem du dir irgendetwas Besonderes erhoffst? Ja – was eigentlich?

Besseres Wetter? Abstand von den Verpflichtungen und den Mühen der Arbeit und des Alltags? Abstand vom normalen Leben? Ja: Abstand vom Normalen. Wir Urlaubsreisende suchen das Unnormale, also das Besondere. Besondere Landschaften, besonderes Klima, besonderes Essen, besondere Leute, eine besondere Landschaft, besondere Architektur. Die Crux dabei: Oft tut uns das besondere Klima gar nicht gut, sondern belastet unseren Kreislauf und unsere Widerstandsfähigkeit. Magen-Darm Turbulenzen zumindest am Anfang der Reise oder auch hartnäckige Verstopfungen sind für so manchen obligatorisch. Auch das besondere Essen vertragen wir häufig nicht. Mit den besonderen Leuten können wir uns nicht austauschen, weil wir ihre Sprache nicht sprechen und uns ihre Verhaltensweisen im Grunde befremden. Die besondere Landschaft entpuppt sich manchmal als eine unwirtliche Einöde und die Details der besonderen Architektur vergessen wir wieder, kaum das wir aus der einen oder anderen Quelle etwas über sie erfahren haben.

Das Besondere kann also im Zweifelsfall ganz schön nerven und ziemlich anstrengend sein. Also wünschen sich viele von uns Urlaubsreisenden, dass das Besondere doch eigentlich so ist, wie wir es vom Normalen her gewohnt sind. Wir möchten uns auf deutsch verständigen können, die besonderen Leute sollen also gefälligst Deutsch sprechen. Wir möchten deutsches Brot und unsere geliebten kleinen deutschen Brötchen essen, deutsche Zeitungen lesen und deutsches Fernsehen gucken. Am wohlsten fühlen sich also viele von uns, wenn das Besondere nicht allzu besonders, sondern wenigstens einigermaßen normal ist.

Noch einmal: Warum also setzen wir uns dann der Tortour eines mehrstündigen Aufenthalts in diesen fliegenden Sardinenbüchsen aus. Weil wir etwas Besonderes erwarten. Weil wir unsere Träume und Hoffnungen, die mit dem Normalen oft wenig zu tun haben, in das Besondere projizieren, das wir an anderen Orten zu finden hoffen. In das Besondere, vor dem wir uns im Grunde genommen aber fürchten. Die ganze Tourismusindustrie lebt zu mindestens 80 Prozent von einer Illusion – oder sagen wir besser von jener Illusion, die sie selbst erzeugt und die schließlich die Hauptqualität des Produkts Urlaubsreise ausmacht.

Das muss jetzt nicht heißen, das die Bedürfnisse der Touristen am Reiseort völlig ins Leere laufen. Viele lieben es zum Beispiel, einmal im Jahr für zwei Wochen von hinten bis vorne bedient zu werden und so richtig den Larry raushängen lassen zu können. Stichwort: all inclusive. Zuhause immer kleine Brötchen backen, vorm Chef buckeln, gute Miene zu bösem Spiel machen, hier aber mal so richtig Macker sein oder auch mal so richtig rumprollen können. Wer nicht weiß was ich meine, der oder die steige mal in einen Flieger nach Mallorca, Ibiza oder Bankok. Bei so manchem Fernreisenden kommt der Genuss hinzu, sich dabei so richtig an seinem westlichem Überlegenheitsgefühl zu berauschen.

Natürlich sind nicht alle so, vor allem wir nicht. Wir gehören zu denen, die im Urlaub einfach mal ausspannen und gute Erfahrungen machen wollen. Wir lernen vor der Reise zumindest einige Brocken der Sprache, die an unserem Reiseziel gesprochen wird. Wir sind richtig offen für alles Neue, das uns begegnet – und gehen auf die Leute zu (nen Stück weit!). Und so weiter und so fort. Wir von dieser Kategorie wären ein Thema für sich. Und schließlich ist die Sache ja manchmal auch viel einfacher: wir möchten beispielsweise nur für ein bis zwei Wochen dem Schietwetter in Deutschland entkommen und etwas Sonne tanken. Dumm gelaufen, wenn dann, wie in meinem Fall im letzten Jahr, fast der ganze einwöchige Urlaub auf Madeira verregnet ist. Und weil der ganze Spaß nicht billig war, musste ich mir etwas ausdenken, um ihn nicht ganz misslungen zu finden. Man hat immerhin mal was anderes gesehen, ne.

Ja ­ – etwas anderes gesehen. Reisen bildet, heißt es ja. Früher war es wohl wirklich so. Die Reisenden haben etwas riskiert, um Neues zu entdecken, aufzuschreiben und damit das Entdeckte anderen zugänglich zu machen. Reisen erweiterte nicht nur das Wissen des Reisenden, sondern auch das gesellschaftlich verfügbare Wissen an sich, wenn auch in einer subjektiven und kulturspezifischen Draufschau. Thema: die koloniale Perspektive. Die indes ist, wie bereits angedeutet, auch heute noch nicht unbedingt Schnee von gestern.

Man kann vor sich selbst nicht weglaufen sondern nimmt sich überall hin mit, lautet ein kluger Spruch. Wie wahr. Aber immerhin: Der Abstand vom Normalen kann zumindest einen distanzierten Blick auf das eigene normale Leben mit seinen Zwängen, Gewohnheiten und Abhängigkeiten ermöglichen. Wenn man denn zu so einem kristischen Blick in der Lage ist.

Insofern verrät uns so manche Reise vielleicht mehr über unser Normales, als über das Besondere, das wir auf unserer Reise suchen.

Ein Kommentar

Jun 06 2016

Skizze zur Rekonstruktion der Aufklärung

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Politik und Alltag

Aufklärung
Ganz hoch im Kurs linker Legendenbildungen steht die sogenannte Aufklärung. Sie ist – auch als Reaktion auf antimodernistische Phänomene in der Einwanderungsgesellschaft – vom liberalen Mainstream bis zur Linken zu einem der beliebtesten Narrative unserer Zeit geworden. Aufklärung ist gleichzeitig ein narratives Gegenmodell – in erster Linie – zum Christentum. Seine eigentliche ideologische Dynamik bezieht der Aufklärungsdiskurs aus der Negation des Christentum.
Der (post)moderne Aufklärungsglaube
Gereon Wolters von der Universität Konstanz bringt diesen (post)modernen Aufklärungsglauben auf den Punkt”
“Religiöse Inhalte verlangen den Modus des Glaubens, aufklärerische den des argumentgestützten Wissens und der Wissenschaft.

  • Die mentale Disposition des Glaubenden ist Gehorsam gegenüber der Offenbarung und/oder ihrer Verkündigung, während Aufklärung sich als Vollzug menschlicher Autonomie und Freiheit versteht.
  • Religion stellt sich in Offenbarung, Predigt und nicht reproduzierbarer, privater religiöser Erfahrung dar; Aufklärung baut auf universalisierbare Argumente und reproduzierbare Erfahrung.
  • Die Verbesserung der Welt wird in der Religion durch Gebet und göttliche Gnade erreicht, während die Aufklärung mit ihrem Schibboleth „Fortschritt“ der wissenschaftsgestützten menschlichen Tat vertraut.
  • In den Kirchen wies das Paulinische (vgl. 1. Kor. 14, 34) “Mulier taceat in ecclesia!” den Frauen eine untergeordnete Rolle zu. Aufklärer betonen (wenn auch weitgehend nur theoretisch) die Gleichheit der Menschen, die Frauen eingeschlossen. Condorcet gilt sogar als eine wichtige Figur in der Geschichte des Feminismus, und selbst der knorrige Kant macht sich für die Aufklärung auch und insbesondere der Frauen stark.
  • Generell beansprucht Religion, im Besitz absoluter Wahrheiten zu sein, während ein Grundzug der Aufklärung gerade in deren skeptischer Depotenzierung besteht.”

Gereon Wolters vertritt implizit die verbreitete Ausfassung, erst die Aufklärung habe Rationalität, Forschergeist und Naturerkenntnis in den Naturwissenschaften – quasi in Abgrenzung zur Religion, beziehungsweise zum Christentum – ermöglicht: ja geradezu gegen das Christentum erkämpft.
Die Henne Fortschritt und das Ei der Aufklärung
Als realhistorisches Phänomen ist Aufklärung jedoch gleichsam selbst eine Reaktion auf den Fortschritt, den die europäische Welt durch den Aufstieg der Naturwissenschaften erfahren hat.
Wären die enormen Fortschritte der Naturwissenschaft von der Aufklärung abhängig gewesen, hätte es sie nie gegeben. Die Aufklärung, wie sie von Kant begründet worden ist, war im Kern eher wissenschaftsfeindlich und hat, ganz im Gegensatz zur christlichen Philosophie, die Möglichkeit einer “objektiven” Welterkenntnis tendenziell verneint. Das bedeutet: Der Aufstieg und die enormen Fortschritte der Naturwissenschaften sind kein Ergebnis der Aufklärung. Im Gegenteil: Der Aufklärungsglaube resultierte seinerseits aus den Fortschritten der Naturwissenschaften, die im wesentlichen ein Ergebnis der antiken Philosophie und ihrer christlichen Rezeption sind. Warum das so ist, werden wir noch sehen!
Der Aufklärungsmythos – bye bye Adorno
Aufklärung ist mithin weder eine Vorbedingung des Siegeszuges der Naturwissenschaften, noch ist sie als postmodernes Narrativ eine spezifisch realhistorische Epoche in der frühen Neuzeit Europas. Sie ist vielmehr ein ideologisches Gegenmodell zur Religion, insbesondere zum Christentum – und nimmt als solches eine spezifisch historische Perspektive gleichsam als Erzählung in sich auf. Diese Erzählung lautet kurzgefasst so: Über tausend Jahre herrschte finsteres Mittelalter in Europa, Barbarei, Dunkelheit, eine Allianz des Schreckens und der Rückständigkeit zwischen Feudaladel und Klerus. Dann, ganz plötzlich, brach die Aufklärung über die Menschheit herein, nachdem es vorher noch ein bisschen Reformation gegeben hatte.
Viele der Aufklärungsapologeten sind unter dem Einfluss des Marxismus politisch sozialisiert worden. Dass die Mär von einem derart voraussetzungslosen historischem Geschehen wie dem plötzlichen Hereinbrechen der Aufklärung in eine Epoche der Finsternis kaum mit dem marxistischen Diktum “Das Sein bestimmt das Bewußtsein” zu vereinbaren ist, scheint keinem aufzufallen. Es wirkt die Kraft des Mythos.
Und in der Tat: Die Geschichte von der Aufklärung ist ein Mythos. Aufklärung wird dabei zur Zauberformel einer selbstgenügsamen bürgerlichen Vernunft: vergessen, dass es einmal eine links-philosophische Aufklärungskritik gab, die insistierte, dass der Aufklärung selbst eine Dialektik innewohnt. Bye bye Adorno!
Was ist Aufklärung?
Was aber ist die Aufklärung jenseits ihrer postmodernen Verklärung. Gereon Wolters verortet sie im langen Jahrhundert, dem “Siècle des Lumières”, das mit der “Glorious Revolution” von 1689 in England beginnt und mit der “Grande Révolution” von 1789 endet, mit dem Beginn der französischen Revolution also, wodurch die Aufklärung erstmals tief in Blut gebadet wurde.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts formierte sich vor dem Hintergrund des enormen Fortschritts in den Wissenschaften einerseits – und der Erfahrung langer und grausamer (Religions-)Kriege andererseits, eine Philosophie , die das Postulat der “Vernunft” und einer darauf basierenden Moral in den Mittelpunkt ihres Diskurses stellte. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts hatte sich die Naturwissenschaft mehr und mehr als eine eigene geistige Kraft etabliert und dabei der Vorstellung von einer Welterkenntnis ohne Gott den Weg geebnet. In Konkurrenz zur Theologie geriet die Aufklärung durch eine Philosophie, die ihre Existenzberechtigung neben den Naturwissenschaften darin suchte, als normative Kraft die Vernunft gegen Religion in Stellung zu bringen. Die Vernunft und der Gebrauch des “eigenen Verstandes” erschien als ein Mittel, um die “wahren” Sachverhalte gegen die vermeintlich reale Unvernunft, gegen Schein und Verblendung zu verteidigen. Letzteres verorteten die Aufklärer insbesondere auf Seiten des Christentums katholischer Provinienz. “Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts war eine geistige und gesellschaftliche Reformbewegung, die sich von der Klarheit des Denkens nicht nur geistige Fortschritte, sondern auch eine Verbesserung aller Verhältnisse versprach”, schreibt der Philosophieprofessor Werner Scheiders.
Aufklärung und Absolutismus
Am stärksten ausgeprägt war der Vernunftglaube und die von der Vernunft erhoffte Weltverbesserung im Bürgertum und im sich national formierenden Adel. Die Aufklärung war mithin eine Bewegung, die im Absolutismus, also in einem Zeitalter, das von Karl Marx als die Epoche der ursprünglichen Akkumulation bezeichnet wurde, ihren politischen Ausdruck fand.
In dieser historischen Epoche formierte sich der Staat zum Nationalstaat, als dessen Geburtshelfer sich die Rationalität der Aufklärung erwies. In ihr fand die rationale Berechnung und Verwaltung, die Quantifizierbarkeit der Handelsbilanzen, die Garantie des Privateigentums und die Vertragsfreiheit der bürgerlichen Subjekte sowie eine Vereinheitlichung der Rechtsnormen ihren Niederschlag.
Indem die Aufklärung an der Herstellung dieser Bedingungen auf einer ideologischen Ebene beteiligt war, verwandelte sie sich dem modernen Staat immer mehr an. Friedrich Hegel sah im preußischen Staat seinen durch die Geschichte waltend-wabernden Weltgeist zu sich selbst kommen, Voltaire war Höfling des Preußenkönigs Friedrich II.
Die Aufklärung wurde zur Ersatzreligion des aufstrebenden Kapitalismus und seiner Anomien. Karl Marx etwa formuliert in seinem Hauptwerk, Das Kapital: um dieselbe Zeit „(…) wo man in England aufhörte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen“.
Die missratenen Kinder der Aufklärung
So nahm mithin im Zeitalter der Aufklärung der “‘Fortschritt der wissenschaftsgestützten menschlichen Tat'” Anlauf auf die Guillotinen der französischen Revolution, die Gulags des Stalinismus, die Vernichtungslager von Auschwitz und Treblinka, die maoistische Kulturrevolution mit ihren Millionen Toten und deren Nachahmer des Pol Pot-Regimes in Kambodscha. Nicht, dass die Philosophie der Aufklärung selbst diese Greueltaten gefordert oder gutgeheißen hätte. Aber indem sie die “Rationalität” zum Leitprinzip menschlicher Tugend erklärte, trieb sie die Menschen immer stärker in eine Richtung, in der letztlich jene zu Opfern werden konnten, die der allgemeinen Entfaltung eines je spezifischen Konzepts dieser Rationalität im Wege standen: höfischer Feudaladel, Juden, Klassenfeinde, Intellektuelle. Die Monster der Moderne sind die missratenen Kinder der Aufklärung. Hat sich die Aufklärung also gegen ihre eigenen Ursprünge verselbstständigt?

Der Kopernikus der Philosophie
Die berühmteste Antwort auf die Frage, was denn Aufklärung sei, hat zweifellos Emmanuel Kant (2. 4 1724 – 12. 2. 1804) gegeben: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”
Wer könnte sich dieser Aufforderung heutzutage nicht anschließen. (Und im Prinzip sollte sich diese Definition so mancher heutige Aufklärungsapologet einmal gehörig hinter die Ohren schreiben.) Aber mit diesem Diktum sind wir mit Kant und der Aufklärung noch nicht durch. Denn mit dem Verstand hatte es bei dem alten Kant so seine Bewandtnis. Kant, so schreibt Dietrich Schwanitz in seinem Bildungswälzer, sei nämlich der Kopernikus der Philosophie: „Er drehte die Blickrichtung um, und siehe da, der Verstand hörte auf, sich um die Realität zu drehen, und die Erde der Erfahrungswelt drehte sich um die Sonne des Verstandes (430).”
Die Sonne des Verstandes! Kant verleiht dem menschlichen Verstand die Fähigkeit, sich die Dinge der Welt und ihre Eigenschaften überhaupt erst selbst zu erschaffen. Der Mensch, so Kants Auffassung, könne über die Dinge an sich überhaupt nichts sagen. Er könne lediglich die Bedingungen und Voraussetzungen der eigenen Perspektive einer tendenziell erkennenden Betrachtung unterziehen. Damit brach Kant in der Tat radikal mit den Voraussetzungen der Naturwissenschaften, die dem menschlichen Verstand schon seit der Scholastik die vernunftgestützte Fähigkeit zur Welt-(und Gottes-)erkenntnis attestierte. Die Naturwissenschaften hatten sich bereits zu Kants Zeiten gegenüber der Philosophie verselbstständigt. Wäre dem nicht so gewesen, so würden die Wissenschaftler vielleicht heute immer noch in den “Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis (Schwanitz) ” herumstochern. Kant können wir mit Fug und Recht als Vater der postmodernen konstruktivistischen Philosophie bezeichnen, die bis heute um sich selbst rotiert.
Die Naturwissenschaften – wie auch die scholastische Philosophie – haben hingegen immer dazu tendiert, sich dem Erkenntnisobjekt soweit wie möglich verstehend anzunähern.
Die Grundlagen der modernen Wissenschaften
Die Grundlagen der modernen Wissenschaften finden wir mithin weniger in der Aufklärung denn im Christentum begründet. Zu diesen Grundlagen gehört die Vorstellung von einem Gott, dessen Schöpfung rational nachvollziehbaren Gesetzen folgt. “Das empirisch experimentelle Arbeiten als Grundlage der modernen Wissenschaften entsteht zunächst in den Klöstern” (Ballestrem 99).
Die Wissenschaften entstiegen den Klöstern wie das Küken dem Ei. Der Vernunftdiskurs des Christentums zielte auf die Fähigkeit, sowohl die Welt in ihren Naturzusammenhängen als auch Gott als Schöpfer und Geist hinter und in all dem erkennen zu können. Naturerkenntnis und Gottesverständnis im Christentum schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich geradezu. Eine Sichtweise, die insbesondere in der modernen Physik heute mehr und mehr an Kontur gewinnt.
Aufklärung und Religionskritik
Es ist daher eine weit verbreitete und nichtsdestotrotz falsche Aufklärungsmär, dass der Fortschritt in Gesellschaft und Wissenschaft quasi erst durch die Aufklärung gegen das Christentum erkämpft werden musste. Dieser Mythos wird auch dadurch nicht richtiger, dass er ständig wiederholt wird.
Die Aufklärung als Bewegung und zeitgeschichtliches Phänomen hat sich schon früh in Abgrenzung zum Christentum definiert. Ihre Apologeten beklagen sich darüber, dass die Kirche sie nicht in ihr Herz geschlossen hat, sondern den Fehdehandschuh aufnahm und die Schriften der Aufklärer auf den Index setzte
Als Essenz der Aufklärung gilt heutzutage die Religionskritik. Auch vom Standpunkt der christlichen negativen Theologie aus betrachtet, ist gegen Religionskritik per se zunächst einmal gar nichts einzuwenden. Feuerbach, Kant oder auch Marx haben die Bilder dekonstruiert, die sich Menschen von Gott gemacht haben. Auch die negative Theologie konzidiert, dass menschliche Begriffe und Erklärungen über Gott notwendigerweise defizitär sein müssen, da jene transzendente Wirklichkeit, die wir Gott nennen, mit unseren Begriffen gar nicht zu erfassen ist. Wo die Wirklichkeit Gottes beginnt, hört menschliches Sprechen über Gott im Prinzip auf. Das betonen insbesondere jene immer wieder, die Gott vielleicht am nächsten kommen: die Mystiker .
Die Religionskritik der Aufklärung indes schafft mit der Dekonstruktion des Gottesbegriffs eine Leerstelle, die sie mit “Vernunft ” und “Rationalität” füllt. Sie spricht dort, wo das Sprechen aufhört. An den Rationalitätsbegriff der Aufklärung konnte deshalb der dialektische Materialismus als rationales Erklärungsmodell des Weltgeschehens ebenso anknüpfen wie der biologistisch begründete Rassismus und Antisemitismus der Nationalsozialisten, die sozialdarwinistische Wirtschaftstheorie des Thomas Robert Malthus oder der Ordoliberalismus eines Friedrich August von Hayek. Von Hayek, Marx, Lenin, Malthus oder Hitler, sie alle sind Kinder der Aufklärung.
Paul Thiry D’Holbach, einer Aufklärer des 18. Jahrhunderts, sah die “Summe der Leiden des Menschengeschlechts” durch die Religion nicht geringer werden, sondern durch alle Institutionen der Religion stets anwachsen. Der Irrtum der Religion sei die wahre Quelle des Leidens der Menschheit: “nicht die Natur machte sie unglücklich; nicht eine Erbsünde hat die Menschen schlecht und unglücklich gemacht: allein dem Irrtum verdanken wir die bedauerlichen Wirkungen (…)“.
Nun müssen wir diesem Aufklärer zugute halten, dass er die “Quellen des Leidens”, die uns die Aufklärung beschert hat, noch nichts wusste. D’Holbach starb im Jahr 1789, in jenem Jahr also, als die „Flamme der Vernunft” auf unter den Guillotinen der französischen Revolution erstmals so richtig zu lodern begann: Auschwitz, Gulag, Maos Kulturrevolution, Kambodscha, all diese Kapitel der Aufklärung waren zu seinen Lebzeiten noch nicht geschrieben.
Aufklärung – Götterdämmerung von Humanismus und Zivilisation?
Heute kennen wir sie. Und doch ist der Ruf der Aufklärung als „Götterdämmerung” von Humanismus und Zivilisation ungebrochen.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass die allgemein verbreitete Geschichte der Aufklärung im Wesentlichen der Blick der selbsternannten Aufklärer auf sich selbst ist. Die Protagonisten der Aufklärung sind in die bequeme Position geraten, sich die Geschichte ihrer eigenen Bewegung gleich selbst schreiben zu können. Ja, die Aufklärung selbst ist zu großen Teilen nichts anderes, als die Arbeit an diesem Aufklärungsmythos.
Den eigenen Blick auf sich selbst als allgemeines Geschichtsbild zu etablieren, dass haben alle Despoten immer wieder vergeblich versucht. Geschafft haben es nur die „Aufklärer”. Das ist vielleicht eine ihrer größten Leistungen.
Wurzel des Fortschritts – das Christentum
Der Fortschritt der Natur- und Geisteswissenschaften verdankte sich der scholastischen Philosophie und dem Forschergeist, der in den Klöstern seinen Ausgangspunkt nahm und einen ersten Höhepunkt zum Ausgang des Mittelalters in der Renaissance fand. Das war eine Zeit, in der sich auch die (römische) Kirche – mithin, in der Diktion der Aufklärung, das finstere Mittelalter – auf dem Höhepunkt ihrer Macht befand. Hochmut kommt vor dem Fall, könnte man sagen: was dann folgte, war die Reformation. Aber das ist eine andere Geschichte.
Mit Kirche und Christentum bekämpften die Aufklärer mithin die Bedingungen ihrer eigenen Existenz.
Das ist im Prinzip bis heute so geblieben. Was an der linken Aufklärungsapologetik ihrer heutigen Protagonisten manchmal befremdet, ist die Euphemismus, mit der antihumanistische Phänomen des Islamismus und Islams bagatellisiert werden, während man gleichzeitig an den eigenen zivilisatorischen Grundlagen, dem Christentum, kein gutes Haar lässt. Bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass auch dies keineswegs neu ist. Die heute so häufig zu hörende These vom toleranten Islam, der durch die christlichen Raubzüge christlicher Kreuzfahrerheere erst den “muselmännischen Fanatismus” heraufbeschworen habe, stammt von keinem geringeren als dem Spätaufklärer und Sozialisten August Bebel. Es ist ein Argumentationsmotiv, dass heute in kaum einer Islamdiskussion fehlen darf.
Die postmoderne Aufklärungsapologetik wird damit vollends zur Projektion einer Denkweise, die sich im Netz des Selbsthasses auf die eigene zivilisatorische Grundlagen verfangen hat.
Doch gerade jene Errungenschaften, die das postmoderne Subjekt vermeidlich affirmiert, wie Menschlichkeit, Demokratie, Selbstbestimmung, Religionsfreiheit und allgemeine Menschenwürde, werden untergehen, wenn es nicht gelingt, die intellektuellen Eliten der Gesellschaft mit ihren eigenen zivilisatorischen und sozialhistorischen Wurzeln auszusöhnen. Und diese Wurzeln liegen im Christentum.
Gelingen kann das nur mit einer gründlichen Dekonstruktion des Aufklärungsmythos.

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Mrz 12 2016

Oooh what a lucky man

Autor: . Abgelegt unter Sounds

Zum Tod von Keith Emerson

Keith Emerson

Wenn ein Idol aus Jugendjahren das Zeitliche segnet, so fühlt sich das ein bißchen an, als ginge ein Stück der eigenen Welt unter. So war mir jedenfalls heute morgen zumute, als ich vom Tod Keith Emersons hörte.
Die coolen Sounds von Emerson, Lake and Palmer gehörten damals in den 1970er-Jahren zu den absoluten Favoriten von mir und meinem damaligen Freund Kurt, der ein lebensgroßes Poster von Keith Emersonen an den Tasten in seinem Kellerzimmer hängen hatte. Einer unserer größten Wünsche damals war, einmal ein Live-Konzert der Band zu erleben. Und irgendwann spielte die dann wirklich in unserer nahegelegenen norddeutschen Landeshauptstadt. 40 Mark kostete die Karte. 40 Mark, ein Vermögen. Und außerdem brauchten wir damals noch das Plazet unserer Eltern für solche Unternehmungen. Wir verschoben das Ganze auf ein anderes Mal. Zumindest ich bin nie in ein Emerson, Lake and Palmer Konzert gekommen. Von Kurt weiß ich es nicht.
Wenn wir sie schon nicht live hören konnten, dann spielten wir Emerson, Lake and Palmer wieder und wieder auf unseren Plattenspielern, ich für meinen Teil in der von meinen Eltern geerbten alten Musiktruhe. Die schepperte schlimmer als Keith Emersons Moog-Synthisiser.
Die Band war für uns jedenfalls das Coolste, was es zu der Zeit gab. Irgendwie passten Emersons synthetische Klangkluster, die er mit riesigen Tastenanlagen elektronisch erzeugte, in diese technikaffine Zeit. Eine Zeit, die gerade die ersten Mondlandungen hinter sich und das anbrechende Computerzeitalter vor sich hatte. Emerson, Lake and Palmer, das war die musikalische Antwort der Siebziger auf Scott Mckanzies Hippieromantik der verflossenen sechziger Jahre. Emerson, Lake and Palmers Sound röhrte wie eine Harley Davidson (Gott sei Dank bin ich nie zum Motorradfahrer geworden)und explodierte wie die Attacken der Stadtguerilla in die saturierte Welt des anbrechenden Postfordismus. Emerson, Lake and Palmers Sounds, das waren musikalisch-synthetische Monumentalgebilde, irgendwie Krieg für die Ohren einerseits und reine Poesie andererseits – und oftmals beides gleichzeitig.
Mir persönlich hat der Tasten-Virtuose Keith Emerson den Weg zur Klassik – und vor allem zum Jazz gebahnt. Die mit dem Moog-Synthisziser in Klangrümpfe zersägten klassischen Werke wie Mussorgskys “Bilder einer Ausstellung” wollte ich dann irgendwann doch auch mal im Original hören – und erkannte eigentlich erst jetzt ihre Schönheit auch in den Interpretationen Keith Emersons wieder.
Als ich schließlich über den Jazzrock der späten Siebziger zum Jazzfan wurde, verstaubten die alten Emerson, Lake and Palmer Platten für die nächsten 30 Jahre im Regal. Erst voriges Jahr habe ich sie wieder entdeckt und sie gleichzeitig ganz neu gehört: vielleicht habe ich erst jetzt die Virtuosität von Emersons Tastenklängen, die Poesie von Carl Palmers auf der akustischen Gitarre begleiteten Balladen und den genialen Kontrast von beidem so richtig verstanden.
Keith Emerson war bestimmt ein fantastischer Künstler. Keine Ahnung, was er sonst für ein Mensch war. Er soll sich erschossen haben, war heute Morgen zu hören und zu lesen. Irgendwie scheint ihn eines der bekanntesten Stücke seiner Band am Ende eingeholt zu haben:

White lace and feathers
They made up his bed
A gold covered mattress
On which he was led

Ooooh, what a lucky man he was
Ooooh, what a lucky man he was

A bullet had found him
His blood ran as he cried
No money could save him
So he laid down and he died

Hoffentlich kommt Keith Emerson in den Pianisten-Himmel!

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Jan 30 2016

Theologie ohne Glauben

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Wir Christen

Glasfassade einer Bank

Oder: wie die moderne Theologie den christlichen Glauben wegrationalisiert.

Vor zwei Jahren veröffentlichte das antiklerikale Kampfblatt “Die Tageszeitung” (Taz) anlässlich der Gründung einer alt-katholischen Gemeinde in Bremen einen recht wohlwollenden Artikel über die Alt-Katholiken. Soweit, so gut. Aber wenn die “Taz” anfängt, Katholiken gut zu finden, werde ich skeptisch.

Und das zu Recht. Irgendein norddeutscher Alt-Katholik muss dem Taz-Journalisten in die Feder diktiert haben, dass diese Kirche modern sei und man beispielsweise die Jungfrauengeburt nicht mehr biologisch verstehe. Modern? Das gefiel dem Reporter natürlich gut. Er schrieb:

“Sie (die Alt-katholiken) finden nicht, dass die Frau sich dem Manne unterzuordnen habe. Sie sind gegen die kultische Verehrung Mariens und sie verstehen die Sache mit der Jungfrauengeburt auch nicht als biologische Aussage. Sie erlauben ihren Geistlichen, PartnerInnen, Sex und Kinder zu haben und ihre Bischöfe werden nicht von Rom ernannt, sondern von der Gemeinde gewählt. Sie feiern Abendmahl zusammen mit Protestanten, sie trauen homosexuelle Paare und sie wählen bekennende Schwule zu Diakonen.“

Ich war irritiert. Und nicht nur darüber, dass bei den Alt-Katholiken angeblich homosexuelle Paare “getraut” werden. Die Jungfrauengeburt keine “biologische Aussage”. Das müsste dann ja heißen, die Jungfräulichkeit Mariens sei rein metaphorisch zu verstehen und Maria im “wirklichen Leben” eben doch eine ganz normale Frau?

Bloß keinen Ärger mit der Presse

Die Alt-Katholiken haben keinen aktuellen Katechismus. Daher ist es schwer, überhaupt irgendwelche verbindlichen Aussagen darüber zu finden, was geglaubt wird und was nicht. Aber immerhin gibt es die “Koinonia auf altkirchlicher Basis“: das ist ein Positionspapier, in dem die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen des orthodox-altkatholischen Dialoges aus den Jahren 1975 bis 1987 publiziert worden sind.
In Bezug auf die Gottesmutter heißt es dort:

„Da die Kirche Maria als Gottesmutter anerkennt, deren Niederkunft der heilige Ignatius von Antiochien ‚ein laut rufendes Geheimnis’ nennt rühmt sie auch die bleibende Jungfrauschaft. Die Gottesmutter ist immer Jungfrau, da sie unversehrt und auf unsagbare, nicht zu klärende Weise Christus geboren hat“.

Das passt doch auf keinen Fall zu dem, was der Taz-Reporter über den Glauben der Alt-Katholiken geschrieben hatte, dachte ich mir. Da musste doch eine Richtigstellung her. Ich schrieb das bischöfliche Ordinariat in Bonn an. Von dort bekam ich die Auskunft, dass in der Presse immer wieder Sachverhalte stark vereinfacht und auch falsch dargestellt würden. Es erfordere aber

“ein sehr genaues Nachdenken darüber ob eine Gegendarstellung im presserechtlichen Sinne angezeigt ist. Es könnte auch leicht der Eindruck entstehen, der Umgang mit der alt-katholischen Kirche ist schwierig. ‘Bei denen muss man ganz genau aufpassen, sonst gibt es schon wieder eine Gegendarstellung’, oder so ähnlich. Damit fördert man nicht die Motivation, über kirchliche Themen zu berichten.”

Ergo, lieber nehmen wir eine falsche Berichterstattung hin, als es uns mit der Presse zu verderben. Nun ja – ich gebe zu, es ist mühsam, ständig richtigzustellen, was die kirchenunkundige Presse so verzapft. Und dann lässt man es halt. Richtig ist das nicht, geht es, wie in diesem Fall, doch um die Essenz unserer Glaubensüberzeugungen. Oder glauben die alt-katholischen Theologen gar nicht mehr, was Jahrhunderte lang katholische Grundüberzeugung war?
In Sachen Jungfrauengeburt antwortete man mir seitens des bischöflichen Ordinariats:

“Das Wesen eines solchen Glaubens-Mysteriums wie der Reder (sic) von der ‘Jungfrauengeburt’ ist nicht seine rationale Unerklärbarkeit. Im Übrigen haben wir heute ein anderes Welt- und Wirklichkeitsverständnis sowie ein fortgeschrittenes Weltwissen, mit dem wir an solche Glaubensaussagen von Menschen vor vielen Jahrhunderten herangehen, die ihrerseits ein ganz anderes solches Welt- und Wirklichkeitsverständnis und Weltwissen hatten. Ich plädiere hier jedoch immer für gegenseitigen Respekt.”

Wie bitte? Das Wesen eines Glaubensmysteriums ist nicht mehr seine rationale Unerklärbarkeit? Was denn sonst? Wir haben ein “fortgeschrittenes Weltwissen” mit dem wir die rationale Unerklärbarkeit der Mysterien ad legen können? Es gibt nichts Unerklärbares mehr? So etwas erwartet man eigentlich eher von Atheisten wie Richard Dawkins oder Christopher Hitchens, nicht aber von einem Mitarbeiter des bischöflichen Ordinariats.

Wer eine solche Theologie hat, braucht keine Atheisten mehr

Womit wir beim Kern des Problems angekommen wären: Für die moderne Theologie insbesondere protestantischer Prägung (wovon der Alt-Katholizismus scheinbar immer mehr zu einer bloßen Spielart wird) gibt es keine Mysterien mehr. Transzendenz wird ersetzt durch einen ethischen Imperativ; was einmal als Glaubensüberzeugung die Lebenswelt der Menschen durchdrang, wird heruntergebrochen auf reine Metaphorik. Die kritische Exegese in der Theologie hat den Glauben wegkritisiert. Warum also sollten die Leute noch in Kirche kommen, wenn sie da ohnehin nichts weiter zu erwarten haben als ein paar sinnige Sprüche zum Herzerwärmen. Da kann man doch besser gleich zum Yoga gehen.
Für die sogenannten kritisch-historischen Theologen wie Rudolf Bultmann sind die Evangelien geschichtsförmige Einkleidungen frühchristlicher Glaubensideen. Sagen und Mythen statt Mysterien. Das ist übrigens etwas anderes als geistliche Bilder, die in ihrer Symbolik immer noch eine metaphysische Wahrheit repräsentieren. Einen Wahrheitsgehalt indes spricht die sogenannte kritische Theologie den Evangelien direkt oder indirekt rundum ab. Wer eine solche Theologie hat, braucht eigentlich keine Atheisten mehr.
In der katholischen Theologie – und mithin auch in der orthodoxen – ist dagegen etwa die Jungfrauengeburt nicht erst seit den neuen Mariendogmen im 19. Jahrhundert als umfassend wahr begriffen worden. Und das heißt nicht nur als metaphorisch sondern auch als symbolisch und geschichtlich wahr. Papst Benedikt XVI übrigens hat das in seinem Christusbuch noch einmal ausdrücklich unterstrichen.

Transzendierende Wirklichkleit

Wenn wir die Mysterien als symbolisch wahr bezeichnen, dann erübrigt sich im Grunde die Frage, ob das in einem biologischen oder nur metaphorischen Sinn gemeint ist. Denn es geht um eine Wahrheit, die das materielle und also auch biologische Geschehen transzendiert, das heißt, darüber hinaus weist und es gleichzeitig in sich aufhebt. In dieser transzendierten Wirklichkeit gibt es überhaupt kein entweder oder mehr. Wer den christlichen Glauben erfassen will, ja, wer glauben will, muss in der Lage sein, Paradoxien auszuhalten. Insofern könnte man auf die Frage, ob die Jungfrauengeburt auch biologisch zu verstehen sei, antworten: du kannst sie so verstehen – aber im Grunde interessiert mich diese Frage gar nicht. Denn: die christlichen Mysterien sind in einem höheren Sinn wahr und auf der materialistischen und sogenannten rationalen Ebene unbegreiflich.
Gerade aber damit kommt der hausbackene – sogenannte rationale – Verstand nicht klar. Genauso wenig wie er die Quanten- und – oder Chaostheorie begreift, so wenig begreift er beispielsweise, dass etwas Höheres sowohl drei als auch eins – dreieinig – sein kann. Er begreift nicht, dass es Dinge gibt, die sich der Messbarkeit und Rationalisierbarkeit entziehen. Weil sie sich der Rationalisierung entziehen, können sie nicht wahr sein.

Theologische Begleitmusik der Moderne

Horkheimer und Adorno schreiben in ihrer “Dialektik der Ausklärung”:

“Das mythische Grauen der Aufklärung gilt dem Mythos. Sie gewahrt ihn nicht bloß in unaufgehellten Begriffen und Worten, wie die semantische Sprachkritik wähnt, sondern in jeglicher menschlichen Äußerung, wofern sie keine Stelle im Zweckzusammenhang jener Selbsterhaltung hat. Der Satz des Spinoza ‘Conatus sese conservandi primum et unicum virtutis est fundamentum’ (Der Versuch des Sich-Selbst -Erhaltens ist die erst und einzige Grundlage der Tugend) enthält die wahre Maxime aller westlichen Zivilisation, in der die religiösen und philosophischen Differenzen des Bürgertums zur Ruhe kommen.”

Für Horkheimer und Adorno ist die Zurichtung aufs Rationale eine Selbstentäußerung der Individuen, “die sich an Leib und Seele nach der technischen Apparatur zu formen haben”. Die beiden Philosophen haben ihren Angriff auf die Rationalisierung aller Lebensäußerungen zugegebenermaßen nicht als Verteidigung der christlichen Mysterien sondern als Kapitalismuskritik angelegt. Aber sie haben gezeigt, wie die Moderne die Sinneshaltung der Menschen sukzessive auf ein Quantifizierbares eingeengt hat und Metaphysik in diesem Zusammenhang als Bedrohung bekämpfen muss. Alles, was nicht rationalisierbar ist, ängstigt den Menschen der Moderne – und daher muss er es von sich abspalten. Als letztes Höheres gilt dem modernen Subjekt die reine Selbsterhaltung. Die kritisch-historische Theologie ist mit ihrer Entzauberung des Metaphysischen gewissermaßen die theologische Begleitmusik von Moderne und Postmoderne, die im Übrigen mit dem Neoliberalismus derzeit scheinbar immer mehr an ihre eigenen rationalen Grenzen gerät. Im postmodernen Neoliberalismus wird der Rationalismus langsam an sich selbst irre.
Die moderne Theologie – oder besser die Theologie der Moderne – versucht dabei in ihrem diskursiven Niemandsland der ihr zugewiesenen Funktion gemäß noch irgendwie Sinn zu generieren, wo sie selbst schon lange keinen Sinn mehr sieht.

Everything goes

Vorgemacht hat das jüngst wieder der “Spiegel”. Unter dem Titel “Vom Himmel hoch”, fragte das Nachrichtenmagazin einmal genauer nach: “Ist Gott nur ein Irrtum! Und der Mensch nur Zufall?” Um Antworten wurden der britische Astrophysiker Ben Moore und der evangelische Pastor Johann Hinrich Clausen aus Hamburg gegeben. Moore übernahm den atheistischen Part, der Pastor sollte Gott und das Christentum verteidigen. Die Eingangsfrage an beide Gesprächsteilnehmer lautete: Was sehen Sie, wenn Sie nachts in den Himmel blicken. Der Astrophysiker sah die Zukunft, er sah die Menschheit zu den Sternen reisen um zu erkunden, was dort existiert, ob es dort wohlmöglich Leben gibt. Eine kühne und gleichzeitig optimistische Vision, den immerhin glaubt er an eine große Zukunft der Menschheit. Der Pastor sah nur Sterne. Deshalb stellte er sich seine Frage lieber gleich selbst: nämlich, was er dabei fühle. Er fühle Ehrfurcht, so die Antwort.
Immerhin. Ehrfurcht. Nicht schlecht. Ehrfurcht vor Gottes grandioser Schöpfung, dem Universum, sicherlich. Aber so wollte es Pastor Claussen nicht verstanden wissen. Vielmehr ging es ihm um die Frage nach dem Unendlichen. Auch nicht schlecht! Wenn Menschen daran denken, so der Kirchenmann, dann würden sie an ihr eigenes Lebensende denken und fragen, ob es auch in ihnen etwas Unendliches gebe. Jedoch: eine Antwort hatte er leider nicht. Und auch auf die Frage des Spiegels, ob er an einen kosmischen Designer – sprich Schöpfer – glaube, “der das alles geschaffen haben soll? (…)” musste Pastor Claussen passen: “Ich weiß es nicht”. Was Wunder, dass der atheistische Astrophysiker schließlich insistierte, welche Aufgabe Gott dann nach Meinung von Pastor Claussen in der Welt habe, wenn er weder den Menschen schuf noch das Universum. “Welche Rolle hat er dann noch”, bohrte Ben Moore weiter. Pastor Johann Hinrich Claussen blieb in philosophisch Allgemeinem verfangen und wusste zur Verteidigung der Religion substanziell eigentlich nicht viel mehr vorzubringen, als dass sie etwas Wahres, gutes und Wunderschönes in ihm anstoße und seit Kant eigentlich jeder individuell bestimmen könne, was er damit und mit der Religion meine. Everything goes.
Ich glaube, dieses “everything goes” wirft uns auf uns selbst zurück, auf Spinoza und sein Paradigma von der reinen Selbsterhaltung, geschmückt mit etwas philosophisch-religiösem Zierat von den evangelischen Kanzeln, das aber von den eignen Apologeten nicht mehr so ganz ernst genommen wird. Wie aber sollen es dann die Menschen ernst nehmen.

Sich dem Zeitgeist entgegen stemmen

Diese Art von Theologie schafft sich selbst ab. Sie affirmiert das Weltbild der Moderne, in dem Quantifizierbarkeit und Messbarkeit zur letzten Wahrheit gerinnt. Sie sieht ihre Aufgabe scheinbar nur noch darin, das ärmliche Los der Menschen als Subjekte einer Tugend des reinen sich Selbst-Erhaltens mit ein paar frommen Sprüchen erträglicher zu machen.
So eine Theologie brauchen wir nicht. Vielmehr brauchen wir eine Theologie und eine Kirche, die sich diesem fatalistischen Zeitgeist entgegen stemmt.

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Jan 03 2016

Kann ein Christ Marxist sein?

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Marx, Karl

Mein langer Abschied vom Marxismus

Im Wendejahr 1989 sprach der damalige Arbeits- und Sozialminister der christliberalen Regierungskoalition in Deutschland, Norbert Blüm, vor polnischen Werftarbeitern in Danzig. Dort hatte der sichtbare Zusammenbruch des Sowjetsystems Anfang der 1980er Jahre begonnen und inzwischen seinen Höhepunkt erreicht. Seiner Freude darüber gab der gläubige Katholik Blüm dabei mit markigen Worten Ausdruck: “Marx ist tot, Jesus lebt”, verkündete er den jubelnden Arbeitern. Mir persönlich war seinerzeit ganz und gar nicht zum Jubeln zumute. Im Gegenteil: Ich habe mich damals über Blüms Spruch geärgert. Denn ich verstand mich als Marxist. Und auch wenn ich mit den östlichen Staatssozialismen haderte und längst keiner Organisation mehr angehörte, so galten sie mir doch immer noch als erhaltenswerte Versuche, eine sozial gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Den Untergang des Staatssozialismus empfand ich daher fast wie eine persönliche Niederlage
Als vor etwa 15 Jahren Christus an meine Tür klopfte, hätte ich meinen Marxismus gern gerettet. Ich wollte am liebsten beides sein, Christ und Marxist – und fand mich bestätigt durch lateinamerikanische Befreiungstheologen wie den ehemaligen nicaraguanischen Kulturminister Ernesto Cardenal. Das Evangelium sei die gute Nachricht von der Befreiung der Armen, sagt Cardenal – ähnlich übrigens, wie der derzeitige Papst. Weil auch Marx auf eine gerechte, ja perfekte, Gesellschaft ziele, deshalb könne er, Cardenal, sich als Christ und Marxist zugleich verstehen.

Transzendenz und Kommunismus. Nicht vereinbar?

So wie bei Cardenal und anderen Befreiungstheologen hatte es schon Jahrzehnte zuvor Versuche gegeben, den Marxismus – beziehungsweise seit Anbruch des 20. Jahrhunderts den Marxismus-Leninismus – mit dem Glauben an einen Gott zu versöhnen. Ein solches Bespiel finden wir etwa bei dem russischen Schriftsteller Maxim Gorki, der ein glühender Anhänger Lenis und der Bolschewiken war. Von marxistischer und kommunistischer Seite hat man solche Arrangements zeitweilig aus taktischen Gründen toleriert. Die Einheit des revolutionären Kampfes sei wichtiger als die Einheit der Meinung der Proletarier, beschied etwa Lenin seinen Genossen und Bündnispartnern (Küng 2004. s. 275). Letztendlich jedoch haben Marxisten solche Avancen weltanschaulich immer energisch zurückgewiesen. Ihre materialistischen Überzeugungen hielten sie mit der Annahme einer transzendenten Wirklichkeit unter dem Strich als nicht vereinbar. Lenin etwa las seinem Verehrer Gorki kräftig die Leviten und etikettierte den “‘Volks’-begriff vom lieben Gott und vom Göttlichen” als puren Stumpfsinn. Wie er, Gorki, den Volksglauben an Gott als demokratisch bezeichnen könne, sei ihm absolut unverständlich, schrieb Lenin dem Schriftsteller ins Stammbuch.

“Eins auf die Pappn“

Die herablassende Geste der Linken gegenüber Christen hat sich bis heute gehalten. Die Ex-Sponti-Postille “Die Taz” hat für ihre gläubigen Fans in der Regel nur Hohn und Spott übrig. Alt-Katholiken und Protestanten unter den Tazlesern, die sich etwa über Leitartikel freuen, in denen süffisant die Abschaffung des Papstamtes gefordert wird, sollten sich darüber klar sein, dass ein Großteil der Taz-Schreiber am liebsten gleich die ganze Kirche (und nicht nur die römische) abgeschafft sähe und mit dieser Auffassung selten hinterm Berg hält.
Sich als links verstehende Christen mögen sich noch so viel Mühe geben und beteuern, sie ständen auf der Seite der Benachteiligten, an den Rand gedrängten und Ausgebeuteten, sie können noch so oft darauf hinweisen, dass es einen herrschaftskritischen und revolutionären Unterstrom in der Geschichte des Christentums gäbe, es nützt nichts: am Ende gibts die Watschen – beziehungsweise eins “auf die Pappn”. So hat Hermann Gremliza, Herausgeber von “konkret“, (trotz allem eines der wenigen einigermaßen klugen linken Blätter in dieser Republik), schon vor Jahren seine Perspektive – die gleichsam Mehrheitsmeinung unter Marxisten ist – klargestellt:

“Jedes Stückchen Emanzipation der Menschheit, noch das bescheidenste, ist nicht mit, sondern gegen Religion und Kirche erkämpft worden. Und schlichtester Anstand müßte es verbieten, einer religiösen Organisation, deren Geschichte eine einzige breite Blutspur zeichnet, den Gebrauch des Wortes »Menschenrecht« anders zu quittieren als mit Hohnlachen oder einem Schlag auf die Pappn.”

Natürlich irrt Gremliza hier gewaltig: das Menschenrecht, auch wie Gremliza es versteht, ist ohne das Christentum gar nicht denkbar – aber das soll nicht Gegenstand der Erörterung sein.
Mich ob meines linken christlichen Gemüts haben solche Ausfälle lange bekümmert. Aber der Umstand, dass Marxisten und Kommunisten uns Christen im Grunde für bescheuert halten, muss ja noch nicht per se gegen die Vereinbarkeit von Marxismus und Gottglauben sprechen.

Risse im marxistischen Gebälk

Und doch bekam mein Marxismus mit der Zeit mehr und mehr Risse. Ich fragte mich, ob der marxistische Atheismus wirklich nur ein politisches Phänomen sei, geschuldet dem Umstand, dass Kirchenvertreter in Vergangenheit und Gegenwart oftmals eher den Mächtigen, Herrschern und Ausbeutern und nicht ihren Opfern nahe standen (und stehen). Oder ob dieser Atheismus nicht vielmehr doch konstitutiv für die marxistische Weltanschauung sei? Mehr und mehr gelangte ich zu der Auffassung: Wäre das der Fall, dann hätte es sich mit meinem Marxismus im Prinzip erledigt.
Kann also ein Christ Marxist sein? Der Theologie und Anhänger der bekennenden Kirche im Nationalsozialismus, Hellmut Gollwitzer, hatte sich die gleiche Frage bereits Anfang der 1950er Jahre gestellt, kurz nachdem er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. In seiner Schrift “Kann ein Christ Kommunist sein?”, gab er darauf eine eindeutige Antwort:
Nein.
Denn der Kommunismus sei nicht nur ein politisches Programm, schrieb Gollwitzer, vielmehr sei

“das Programm (…) eingeklammert von einer umfassenden Weltanschauung. Diese Weltanschauung macht Aussagen über das letzte Wesen der Welt, über das Wesen des Menschen, über den gesamten Gang der Geschichte und erhebt den Anspruch, dies alles – Welt, Menschenleben und Geschichte – ohne Gott erklären zu können. Sie ist also prinzipiell atheistisch und hält jede Religion, auch den christlichen Glauben, für eine Selbstbetäubung der Menschen (Opium für Volk, sagt Marx) und hinderlich für den Fortschritt.”

Der Christ hingegen glaubt das Gegenteil, schreibt Gollwitzer, und damit wäre die Frage (zunächst) beantwortet: “Ein Christ kann nicht Marxist sein, weil der Marxismus eine atheistische Weltanschauung ist.” (Helmut Gollwitzer: Kann ein Christ Kommunist sein? Verlag Kirche und Mann. Gütersloh. S. 2)
Später hat Gollwitzer diese Position teilweise revidiert. Ich denke jedoch, er hat in diesem Text ein wesentliches Phänomen benannt: nämlich den Absolutheitsanspruch des Marxismus. Der Marxismus ist schon bei Marx angelegt als umfassende und universelle Weltanschauung, die auf alle bedeutende Fragen der Menschheit ein Antwort geben könne: Und zwar

  • auf die Beziehung zwischen Ökonomie, Politik und Gesellschaft,
  • auf die geistesgeschichtliche Entwicklung der Menschheit
  • auf die Triebkräfte der geschichtlichen Entwicklung im Allgemeinen und Besondern,
  • auf die Beziehung zwischen stofflicher und geistiger Welt,
  • auf die Konstitutionsmerkmale und inneren Gesetze des Materiellen und Stofflichen,
  • auf die Entstehung von Ideologien, Weltanschauungen und Religionen
  • auf den Glauben an einen Gott und nicht zuletzt
  • auf das Wesen des Menschen.

Eine Theorie für alles, eine totale Theorie, gewissermaßen – und zwar ausgestattet mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und universeller Gültigkeit. Lenin schrieb: “Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung (…).”
Lenin hob die bolschewistische Partei aus der Taufe, die sich im Besitz dieser “allmächtigen Wahrheit” des Marxismus wähnte und als Avantgarde und Kaderpartei, ausgestattet mit exklusivem Wissen, die neue Gesellschaft schaffen wollte. Beseelt von der Überzeugung, im Besitz einer allmächtigen Wahrheit zu sein, konnte es keine Kompromisse, keine Diskussionen mehr geben. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als der Marxismus staatsförmig und zum Instrument einer Kaderpartei wurde, musste es mit demokratischer Kultur vorbei sein. Wir wissen, wohin das geführt hat.

Stalin, Mao und Pol Pot: Ausgeburten einer totalitären Ideologie

In der Geschichte der linken Bewegungen des 20. Jahrhunderts hat es viele Versuche gegeben, den Leninismus wieder vom Marxismus trennen und ihn so von der Verantwortung für die autoritären bis terroristischen Formen freizusprechen, die er unter Stalin, Mao, Pol Pot, Kim Ill Sung und anderen angenommen hat. Aber muss nicht eine Theorie, die einen Anspruch auf Totalität erhebt, zwangsläufig im Totalitarismus enden? Marx wollte gar keinen “Marxismus”, hieß es. Und doch hat er ihn durch seinen Universalismus, mit dem er meinte, alles erklären zu können und zu dem eben auch der Atheismus gehört, selbst begründet. Ich stimme deshalb Gollwitzers frühen Ergebnissen zu: ein Christ kann kein Marxist sein.

Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Und doch. Muss man mit dem Marxismus gleich den ganzen Marx über den Haufen werfen? Für mich gehört Karl Marx nach wie vor zu den genialsten Denkern der Neuzeit. Keiner hat die Strukturzusammenhänge von Ökonomie und Politik des Kapitalismus so präzise beschrieben wie er. Marx hat als erster die Bedeutung der materiellen Lebensbedingungen für die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft umrissen. Man muss Marx nicht mit dem Marxismus über den Haufen werfen, sondern kann seine Schriften als Steinbruch politisch-ökonomischer Erkenntnisse nutzen, wenn man gleichzeitig anerkennt, dass seine Analysen eine begrenzte Reichweite haben, die persönlich, historisch und philosophisch bedingt ist. Ich glaube, Marx hat uns noch etwas zu sagen – aber er kann uns nicht die ganze Welt und schon gar nicht Gott erklären. Der Marxismus als politische Ideologie ist ja ohnehin am Ende – und das ist auch gut so.

Für die soziale Utopie

Aber wir dürfen mit dem Marxismus natürlich nicht die soziale Utopie begraben. Wir brauchen den Entwurf von einer sozial gerechteren Welt, in der nicht ein Teil der Menschheit auf Kosten des anderen Teils lebt. Dass es noch Elend, Hunger und bittere Armut in dieser reichen Welt gibt, ist eine Katastrophe, mit der wir uns niemals abfinden dürfen. Wir brauchen eine Wirtschaftsordnung, die sich der gerechten Verteilung der Ressourcen und der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet weiß. Im Evangelium hat Christus sich den Erniedrigten und Ausgestoßenen zugewandt. Natürlich müssen sich Christen auf die Seite der Armen und Ausgebeuteten stellen. Wir brauchen die soziale Utopie von einer besseren Welt. Helmut Gollwitzer hat sein 1951 getroffenes Urteil, dass ein Christ kein Marxist sein kann, vor dem Hintergrund von Wettrüsten, vom Westen angefachter Bürgerkriege in der sogenannten dritten Welt, der Arroganz der Mächtigen und einer auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruhenden Wirtschaftsordnung später teilweise wieder revidiert. Darin folge ich ihm nicht.
Gollwitzer vertrat die Position: “Sozialisten können Christen, Christen müssen Sozialisten sein“. Ob der Sozialismus heute noch als Konzept für eine gerechtere Gesellschaft herhalten kann, weiß ich nicht. Wenn ich mir die heutigen Sozialisten so anschaue, beschleichen mich Zweifel. Aber dass wir uns als Christen auf die Seite die Armen stellen müssen und dass wir den Entwurf einer gerechteren Welt brauchen, darin gebe ich ihm uneingeschränkt recht. Denn das ist, wie ich meine, genuin christlich!

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Dez 25 2015

Frohe und gesegnete Weihnachen!

Wir feiern Weihnachten, auf dass diese Geburt auch in uns Menschen geschieht.
Wenn sie aber nicht in mir geschieht, was hilft sie mir dann?
Gerade, dass sie auch in mir geschehe, darin liegt alles.

Meister Eckhardt

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Dez 20 2015

Die Forderung zu Weihnachten: Bettler rein!

Gemälde - Roma Frau

Vor einigen Tagen war ich zum Weihnachtshopping in der Innenstadt unterwegs. Als ich so durch die City Mall schlenderte, kam mir eine junge Frau entgegen – dunkler Typ, schwarzes Haar, langer weiter Rock und abgewetzter Mantel. Eine Erscheinung, die wir zielsicher mit osteuropäischem Roma identifizieren.

Die Lady sah mich und stürzte sofort auf mich zu: „Bitte bitte helfen“, rief sie und reckte mir ihre gefalteten Hände entgegen. Solche theatralischen Demutsgesten gehen uns coolen Mitteleuropäern – so auch mir – ganz erheblich auf die Nerven. Um möglichst schnell aus dieser Situation herauszukommen, gab ich ihr flugs einen Euro und machte mich auf und davon.

Nachdem ich einige Sachen erledigt hatte, begab ich mich etwa eine Stunde später zurück auf den Weg zum Parkhaus. Da lief mir genau jene Lady ein zweites Mal über den Weg. Die Frau sah mich, grinste kurz, steuerte zielgenau in meine Richtung und hob wieder mit erbarmungswürdigem Wehklagen an: „Bitte helfen, zu viele Kinder, keine Mann, bitte!“ Ich kann Leute, die so offensichtlich arm sind, nicht einfach stehen lassen, auch wenn sie mir auf die Nerven gehen. Vielleicht sieht man mir das an. Und wenn schon.
Bei dieser „Wiederholungstäterin“ war ich zwar doppelt genervt, aber okay, sollte sie doch noch einen Euro haben – ich hatte gerade ein Vielfaches davon ausgegebven. Allerdings schien die Dame zu merken, dass sie mit mir einen guten Fang gemacht hatte. Bei einem Euro ließ sie es daher nicht bewenden sondern drang darauf, dass ich mit ihr zum nahegelegenen Discounter gehen solle, um ihr einen Einkauf zu bezahlen. Das fand ich jetzt doch echt – zu viel des Guten. Bettler sollen gefälligst mit dem zufrieden sein, was man ihnen zusteckt. Unterwürfig war die Dame nicht, dafür um so theatralischer. Ich sann auf eine Fluchtmöglichkeit, steckte ihr dann schnell 10 Euro zu, drehte mich auf dem Absatz um und eilte davon. Nach einigen Metern blickte ich noch einmal zurück. Würde sie mir folgen? Die Frau sah mir aber nur mit ernstem, irgendwie überraschten Gesicht nach und rief mir dann noch „danke“ hinterher.
Schorsi spinnt – das war der spontane Impuls eines Bekannten, dem ich davon erzählte. Zu weich für diese Welt. Vielleicht hat er auch insgeheim gedacht: zu blöd – lässt sich sofort um den Finger wickeln. Lässt sich von so einer „Zigeunerbraut“ um zehn Euro erleichtern. Die muss ihre Kohle doch sowieso bei irgendeinem stinkreichen Mafiosiboss abliefern.
Nun ja, vielleicht.
Bildzeitung: Hier bringt die Bettel-Mafia IHR Geld zur Bank
Ich glaube aber, unsere Welt krankt nicht an zuviel Barmherzigkeit – sondern an zu wenig. Und lieber lasse ich mich von einer Roma-Lady beim (Weihnachts-)Einkauf bescheißen, als mich gegenüber Not zu verhärten. Und was heißt schon bescheißen: falls sie für einen rumänischen Mafiosi arbeitet, muss sie das auch nur tun, um selbst über die Runden zu kommen. Was wissen wir schon über die Abhängigkeitsverhältnisse in diesen Zusammenhängen?
Ich selbst bin dabei aber gar nicht so uneigennützig und edel, wie ich vielleicht zunächst den Anschein erwecke(n) will. Denn mit dem Geben und dem Erzählen dieser Geschichte erhebe ich mich natürlich auch moralisch. Ich schlüpfe, wie der ehemalige katholische Blogger Johannes Martin Grannenfeld (dessen Blog inzwischen leider geschlossen ist) in einem seiner klugen Artikel haarscharf feststellte, in die Rolle des Überlegenen (und Guten), der sich in der Peinlichkeit des gnädigen Hinabbeugens zu dem Bettler gleichsam selbst erhöht:

Grannenfeld:

Die Peinlichkeit des Almosengebens besteht darin, dass ich einem Menschen gegenüberstehe, den ich zu achten und zu lieben bereit bin wie jeden anderen auch – und dass mir das aufgrund der Situation verwehrt bleibt. Ich erlebe mich beim Almosengeben zwangsläufig als hochmütig, da ich die Rolle des Überlegenen einnehme, selbst wenn ich das nicht will.

Das ist ein Dilemma, das Grannenfeld mit christlicher Dialektik auflöst.

„Christus spricht selbst: ‚Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan’ (Mt 25, 40). „Im Bettler erblicken wir Christus, (…) Der Bettler, der nichts hat, und Christus, der alles hat, entsprechen einander, weil Christus die Fülle dahingegeben hat und der Bettler die Fülle gewinnen wird. Wir aber, wir ‚normalen’ Menschen, stehen dazwischen. Wir werden nie mit dem Bettler und nie mit Christus auf Augenhöhe stehen.“

Wir kommen aus dem Dilemma nur durch den Glauben an Christus raus, sagt Grannenfeld. Christus reißt die, die an ihn glauben, mit sich „ins Paradies“. Er beugt sich zu uns herab wie zu Bettlern. Und im Bettler begegnet er uns gleichsam selbst.

Diese Geschichte von der Roma-Bettlerin und Grannenfelds Blogbeitrag fielen mir heute wieder ein, als ich i meinem noch nicht entsorgten Altpapier einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung fand (HAZ) in dem darüber berichtet wurde, dass in Norwegen ein Verbot für Bettler geplant sei. In Norwegens Hauptstadt Oslo bestand schon seit einem Jahr ein Bettelverbot, jetzt sollte es auf das ganze Land ausgedehnt werden.

„Sogar das Geben von Almosen an Bettler will die Regierung künftig unter Strafe stellen. Wer Bettlern hilft, soll mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden. Strafbar ist laut dem Regierungsentwurf jede Art von Gabe, die Bettelei erleichtert, ob es sich nun um Geld oder eine Herberge handelt (HAZ vom 08.02.2015).“

Gemälde Bettelnde Frauen Bettelverbot

Norwegen macht dem restlichen Europa vor, wie mit dem unschönen Nebeneffekt der europäischen Einigung umzugehen ist. Natürlich gehe es in erster Linie darum, die organisierte Bettelei zu bekämpfen, beteuerte man im norwegischen Justizministerium.
Handel und Wandel, gern. „Qualifizierte Fachkräfte“, herein damit. Aber dass es in diesem Europa auch schreiendes Elend und Slums gibt, das muss man sich nicht auch noch zumuten. Erstens haben wir jetzt schließlich “richtigen” Flüchtlinge hier – die aus Syrien – und außerdem macht es uns schon genug Scherereien, das eigene Lumpenproletariat aus den Shoppingmeilen unserer Innenstädte zu vertreiben.
Die bettelnden Zigeuner mit ihrem wahlweise unterwürfigen oder theatralischem Gehabe nerven. Sie verderben uns die gute Laune. „So einem Penner gebe ich ja schon mal einen Euro, das ist okay, aber die mit ihrem unterwürfigem Gehabe, das geht gar nicht“, habe ich schon oft in meinem Bekanntenkreis gehört. Da stimme ich ganz spontan sogar erst einmal zu.
Kriminelle Banden? Vielleicht. Wo Not ist, entsteht Kriminalität. Die Not führt uns die eigene Saturiertheit vor Augen. Wir wollen doch kein schlechtes Gewissen kriegen, beim Einkaufen. Das bringt den Spießer auf die Palme und weckt den kleinen Spießer in uns selbst.
Roma-Slum in Osteuropa
Die Roma sind die Parias Europas, das europäische Lumpenproletariat. Selbst unter den Flüchtlingen stehen sie auf der Mitleidsskala ganz unten. Erst vor kurzem hat man Hunderte von ihnen in den Kosovo abgeschoben, ohne dass es jemanden der vielen Flüchtlingsfreunde groß interessiert hätte (den Flüchtlingsrat Niedersachsen mal ausgenommen).
In ihren Herkunftsländern sind die Roma abgeschoben in Slums, an den Rand von Müllkippen. Sie zeigen uns, dass es in diesem Europa ein Elend gibt, das wir doch eigentlich in die sogenannte Dritte Weltverdrängt sahen. Das hat doch nichts mit uns zu tun. Doch genau dieses Elend kommt uns immer näher. Dass die Elenden in unsere Städte kommen, um etwas besser zu leben als in den Slums ihrer Heimatländer, das passt uns nicht. Wir wollen es nicht sehen, denn wenn wir es wirklich sehen würden, müssten wir uns wohlmöglich irgendwie verantwortlich fühlen.
Und genau deshalb müssen die Elenden auch in unserer schönen metropolitanen Glitzerwelt bleiben. Um uns zu zwingen hinzuschauen – nicht nur zu Weihnachen!
Die Bettler aus unseren Städten, aus unserem Leben zu vertreiben, das heißt (nicht nur) aus der Perspektive von Grannenfelds christlicher Dialektik auch, Christus selbst aus unserem Leben zu vertreiben. In diesem Sinne kann ich ganz weihnachtlich nur sagen: Bettler rein!

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