Dez 19 2015

Sakramentale Notgemeinschaft

Autor: . Abgelegt unter Altkatholizismus

Blick aus Gewölbe
Anfang des Jahres 2012 veröffentlichten der alt-katholische Theologe Andreas Krebs und der Trierer Psychologe Dirk Kranz die sogenannte relAK-Studie zur Religiosität in der alt-katholischen Kirche. In dieser Studie hatten die beiden Wissenschaftler auch die Mitgliederstruktur ihres kirchlichen Untersuchungsgegenstandes unter die Lupe genommen. Aus methodischen Gründen erreichten sie mit ihrer Untersuchung in erster Linie die regelmäßigen Gottesdienstbesucher unter den Alt-Katholiken. 79 Prozent der Befragten, so das Ergebnis der Studie, waren Konvertiten. Von ihnen kamen 83 Prozent aus der römisch-katholischen Kirche und nur 12 Prozent aus protestantischen Glaubensgemeinschaften. Die alt-katholische Kirche sei eindeutig eine “Entscheidungskirche”, folgerten die Wissenschaftler.
Nun ja, eine recht euphemistische Sichtweise. Anders ausgedrückt: Alt-Katholiken sind Fleisch vom Fleisch der römischen Kirche und können sich aus sich selbst heraus kirchlich nicht reproduzieren. Alt-Katholiken gibt es überhaupt nur deshalb, weil immer wieder römisch-katholische Christen ihre Kirche verlassen und zu den Alt-Katholiken übertreten. Hier werden solche Übertritte in der Regel ohne Wenn und Aber begrüßt.

Fortgesetzte Kirchenspaltung

Ich kann diese Freude indes nicht uneingeschränkt teilen. Okay, einerseits bin ich froh, dass es die alt-katholische Kirche und insbesondere meine alt-katholische Gemeinde in Hannover gibt. Aber: An anderer Stelle habe ich geschrieben: „Jesus Christus hat eine Kirche gestiftet. Wenn es richtig ist, dass alle Christen durch und in der Kirche den mystischen Leib Christi bilden, dann ist alles zu tun, um die Einheit der Kirche (in Vielfalt) herbeizuführen. Oder andersherum: alles, was die Kirche weiter spaltet, ist zu unterlassen.“
Die alt-katholische Konfession aber ist im Prinzip ein Ausdruck fortgesetzter Kirchenspaltung. Das kann kein Grund zu uneingeschränkter Freude sein. Im Gegenteil. An der Spaltung der Christenheit gibt es meiner Meinung nach wenig zu feiern. Darum auch löst beispielsweise die Aufforderung unserer protestantischen Mitchristen, alle Konfessionen sollten gemeinsam die Reformation “feiern”, immer ein wenig Befremden in mir aus.
Aber zurück zu den Alt-Katholiken. Weil jeder Übertritt aus der römisch-katholischen Kirche immer auch ein Ausdruck der Kirchenspaltung ist, sehe ich einen solchen Schritt immer auch skeptisch. So wie man nicht ohne Not einfach eine „neue Kirche gründen“ kann, sollte man auch der römisch-katholischen Kirche nicht ohne Not den Rücken kehren, meine ich. Sie ist und bleibt Referenzpunkt der westlichen Christenheit, sie ist das bedeutendste und größte Glied Seiner Kirche – mit dem Petrusamt an der Spitze.

Ein Ort der Barmherzigkeit

Gibt es vor diesem Hintergrund überhaupt eine Legitimation für den Wechsel von der römisch-katholischen zur alt-katholischen Konfession? Und schließlich: gibt es vor dem Hintergrund dieses Kirchenverständnisses überhaupt eine Legitimation für den Alt-Katholizismus?
Ich glaube ja.
Als sich am Ende des 19. Jahrhunderts die ersten alt-katholischen Christen versammelten, kam es ihnen erst einmal gar nicht in den Sinn, eine andere Kirche zu schaffen. Aber sie konnten zu den neuen Dogmen in der Kirche, insbesondere zu der nach dem I. Vatikainischen Konzil veränderten Rolle des Papstes, aus Gewissensgründen und aufgrund ihres Festhaltens an der alten katholischen Tradition, nicht ja sagen. Und deshalb mussten sie sich zwangsläufig als exkommuniziert betrachten, denn so hatte es das Konzil ja beschlossen: „Wer also sagt, der römische Bischof habe nur das Amt einer Aufsicht oder Leitung und nicht die volle und oberste Gewalt der Rechtsbefugnis über die ganze Kirche – und zwar nicht nur in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch in dem, was zur Ordnung und Regierung der über den ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche gehört –; oder wer sagt, er habe nur einen größeren Anteil, nicht aber die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt, oder diese seine Gewalt sei nicht ordentlich und unmittelbar, ebenso über die gesamten und die einzelnen Kirchen wie über die gesamten und einzelnen Hirten und Gläubigen, der sei ausgeschlossen.“
Schließlich ergab sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Möglichkeit, die apostolische Sukzession durch die Weihen der römisch-katholischen Kirche von Utrecht fortzusetzen. Diese Chance nutzten die Altkatholiken, um eine sakramentale Notgemeinschaft zu schaffen. Nur daraus bezog dieser Zusammenschluss von Katholiken seine Legitimation, eine sakramentale Notgemeinschaft zu sein: weil ein römisch-katholisches Gremien Beschlüsse gegen die Tradition und gegen die Positionen der Gesamtkirche – zu der auch die großen Ostkirchen gehören – gefasst und damit einen Teil der Katholiken der faktischen Exkommunikation überantwortet hatte.
Meiner Meinung nach ist das bis heute so geblieben: die Alt-Katholiken bilden eine sakramentale Notgemeinschaft mit kirchlichen Strukturen und der Vollmacht zur Bischofsweihe durch die in ihr wirkende apostolische Sukzession. Die alt-katholische Kirche ist eine sakramentale Notgemeinschaft, nicht mehr und nicht weniger. Hier finden die Merkwürdigen, Zweifler und Sünder Zuflucht, jene, die an der Ehe gescheitert und daher von der Kommunion in der (römisch-katholischen) Kirche ausgeschlossen sind, Priester, die ihr geistliches Amt lieben ­– aber eben auch eine Frau; jene Sünder auch, die an der Moral- und Sittenlehre der Kirche scheitern aber dennoch die Nähe zu Jesus Christus suchen. Es ist gut, das es so einen Ort gibt, weil es – wie ich glaube – dem christlichen Gebot der Barmherzigkeit entspricht.

Keine bessere katholische Kirche!

Was die Alt-Katholiken aber bestimmt nicht sind: eine bessere katholische Kirche. Im Gegenteil: die alt-katholischen Institutionen haben sich mittlerweile in so wesentlichen Aspekten wie der Frauenweihe, dem Eheverständnis und anderen Fragen des katholischen Glaubens gegen die katholischen Traditionen gestellt, das die Papstdogmen zumindest in ihrer praktischen Relevanz heute fast schon wie Peanuts erscheinen.
In vielen Fällen würde ich Übertrittswilligen daher am liebsten sagen: kommt zu uns, feiert mit uns die Eucharistie, betet mit uns – aber bleibt in der römisch-katholischen Kirche, solange euch nicht die schiere Not treibt. Natürlich sehe ich das Dilemma: damit es einen altkatholischen Zufluchtsort gibt, braucht die alt-katholische Kirche kirchensteuerzahlende Mitglieder. Nur so können Kirchen gebaut und unterhalten und Priester bezahlt werden.
Aber grade weil der alt-katholischen Kirche das Dilemma innewohnt, Ausdruck fortgesetzter Kirchenspaltung zu sein, müssen wir alles dafür tun, zu einer Einheit mit unserer großen römisch-katholischen Schwesterkirche zu kommen. Wir müssten im Grunde sofort alles das umsetzen, was die römisch-katholische – alt-katholische Dialogkommission beschlossen hat, jedenfalls sofern es in unserer Macht steht. Wir müssten den Ehrenprimat des Papstes ernst nehmen und ihn in die Intercessiones des Hochgebetes aufnehmen, wir müssten aufhören, der römischen Kirche mit dem erhobenen Zeigefinger Ratschläge zu erteilen, wir müssten uns gegen antirömische Reflexe im alt-katholischen Umfeld wenden – und wo es geht die Einheit stärken.
Weil ich die Spaltung der Kirche für ein Problem halte und weil die Einheit der Christen meiner Meinung nach eines der obersten Gebote unserer Zeit ist, deshalb kann ich nicht vorbehaltlos jedem Übertritt zustimmen. Ich wünsche mir indes, dass alle Katholiken eines nicht so fernen Tages in gegenseitigem Einverständnis – ganz offiziell – wieder gemeinsam an Seinen Tisch treten können. Und das die Frage eines Übertritts dann einfach nicht mehr wichtig ist.

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Aug 30 2015

Rückkehr(zur)-Ökumene: Gedanken zum Todestag von Frère Roger

Autor: . Abgelegt unter Katholisches,Wir Christen

Frere Roger

Heute vor 10 Jahren und 14 Tagen wurde der Gründer und Prior der Gemeinschaft von Taizé ermordet, Frère Roger. Die Nachrufe sind geschrieben und an vorderster Stelle wurde dabei der herausragenden Bedeutung Frère Rogers für die Ökumene gedacht. Denn wenn Taizé für etwas steht, dann ist es der Gedanke einer Versöhnung der in Konfessionen gespaltenen Christenheit durch den Geist der Gemeinschaft.

Die postmoderene Ökumene
Ökumene ist insbesondere unter sich als weltoffen und fortschrittlich verstehenden Christenmenschen quer durch alle Konfessionen hip. Sie wird dabei quasi als natürlicher Gegensatz zu einem traditionalistischen Verständnis von Christentum gesehen und oft gegen traditionelle römisch-katholische Glaubensüberzeugungen in Stellung gebracht. Ökumene und traditionsorientierter Katholizismus, dass scheint sich prinzipiell auszuschließen. Diese Auffassung ist sowohl unter Traditionalisten als auch unter “Modernisten” verbreitet. Die einen bekommen deshalb häufig schon beim Wort Ökumene Kopfschmerzen, den anderen kann es gar nicht ökumenisch genug zugehen.
Der liberale Protestantismus hat das Modell der sogenannten “versöhnten Verschiedenheit” hervorgebracht. Darunter wird landläufig verstanden, dass die Konfessionen ihre Unterschiedlichkeit als gegenseitige Bereicherung anerkennen sollen und quasi jede Glaubensauslegung ihre gleichwertige Berechtigung habe. Dieses Verständnis von Ökumene ist von postmodernem Zuschnitt:
Die Verteidigung einer Überzeugung, die Suche nach einem Sinn hinter den Erscheinungen, die Suche nach einer Wahrheit, das alles gilt den Protagonisten der Postmoderne wie Jean-Francois Lyotard oder Jacques Derrida als tendenziell totalitär. Der Suche nach Wahrheit wird eine Vielfalt nebeneinander stehender Systeme und Sichtweisen gegenüber gestellt.
Der liberale Protestantismus aber auch einige liberale Strömungen im Katholizismus haben die postmoderne Weltsicht stillschweigend adaptiert. Für die eigenen Glaubensüberzeugungen einzutreten oder gar die Überzeugungen anderer zu kritisieren, gilt als unfein und als “dogmatisch”, intolerant. Intolerant zu sein ist einer der schwersten Vorwürfe, der einen heutzutage treffen kann. Wer in den Ruf kommt, intolerant zu sein, ist gebrandmarkt. Alles geht, bis auf eine traditionell orientierte katholische oder auch protestantische Überzeugung. Als ein evangelischer Pastor aus Bremen in seiner Kirche einen konservativ orientierten Protestantismus verteidigte, wurde er in den Medien als “Hassprediger” beschimpft.

Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners
In der Praxis läuft dieses postmoderne ökumenische Modell auf eine Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners und auf ein unverbindliches Nebeneinander der verschiedenen Konfessionen hinaus. Solcherart ökumenische Veranstaltungen pflege ich so gut es geht zu meiden. Warum? In der Regel lassen sie jede liturgische Form, jede spirituelle Tiefe und jegliche intellektuelle Originalität vermissen und dienen meistens nur dazu, sich gegenseitig der ökumenischen Correctness zu versichern. Total langweilig!

Sehnsuchtsort Taizé
Nun wird jeder Taizébesucher und jede Taizébesucherin wissen, dass es dort hoch liturgisch zugeht und es sich um einen Ort von einer ganz besonderen spirituellen Tiefe handelt. Taizé ist ein Sehnsuchtsort, fast alle kommen tief berührt von dort zurück. Ich vermute: Es muss sich in Taizé um eine andere als die postmoderne Form der Ökumene handeln.

Spaltung der Christenheit – Versündigung am Leib Christi
Der Gründer der Gemeinschaft von Taizé, Frère Roger, stammt aus einer protestantischen Familie. Seine Eltern und Großeltern waren evangelisch-reformierte Christen, die sich indes durch einen Hang zur katholischen Spiritualität auszeichneten. Das hat ihn tief geprägt, wie er selbst bekannte: “Das Lebenszeugnis meiner Großmutter hat mich so geprägt, dass ich schon in jungen Jahren meine Identität als Christ darin gefunden habe, in mir den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem die Gemeinschaft zu brechen”. Für Frère Roger bedeutete Ökumene daher immer auch eine Wiederherstellung einer Gemeinschaft mit der apostolischen katholischen Kirche der westlichen Hemisphäre, eine Wiederherstellung der Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche. Frère Roger war sich bewusst, dass die eine von Christus gestiftete Kirche trotz aller Unzulänglichkeiten ganz wesentlich in der katholischen Kirche aufgehoben ist, dass eine Einheit der Christenheit nur mit der katholischen Kirche verwirklicht werden kann und nicht neben ihr, dass die Spaltung der Christenheit in konkurrierende Gruppen und Gemeinschaften eine Versündigung am Leib Christi ist.

Versöhnte Gemeinschaft
Frère Roger war sich außerdem bewusst, das die entscheidende spirituelle Kraft in der westlichen Hemisphäre von der römischen-katholischen Kirche ausgeht. Er konnte überhaupt nur zu einem Ordensgründer werden, weil er sich mir der katholischen Spiritualität versöhnt sah. Gleichwohl war es ihm immer wichtig, seine Brüder und Schwestern in den protestantischen Konfessionen auf diesem Weg mitzunehmen. Deswegen sah er eine individuelle Konversion für sich nicht als eine Lösung an: Gerüchte, wonach er in die römisch-katholische Kirche konvertiert sei, wurden nach seinem Tod von der Gemeinschaft von Taizé entschieden dementiert: “Frère Roger habe einen einzigartigen Weg gehabt, stellt die Gemeinschaft von Taizé fest. Als Protestant sei er ‘nach und nach in die volle Gemeinschaft mit dem Glauben der katholischen Kirche getreten, ohne eine “Konversion”, die einen Bruch mit seinen Wurzeln bedeutet hätte’.”

“Versäumen wir diesen uns geschenkten Moment nicht!”
Wer also heute einem letztlich unverbindlichen Nebeneinander der Konfessionen der Wort redet, kann sich dabei jedenfalls auf Frère Roger nicht berufen. Im Gegenteil, wer dem Vorbild von Frère Roger folgen will, muss alles unterlassen, was den Riss zwischen den Konfessionen und die Trennung von der römischen Kirche vertieft und alles tun, um so schnell wie möglich wieder in eine Gemeinschaft mit ihr zu gelangen. Der Nachfolger von Frère Roger und jetzige Prior der Gemeinschaft von Taizé, Frère Alois, hat dazu einen Vorschlag gemacht: “Könnten nicht alle Christen die Berufung des Bischofs von Rom anerkennen, Verantwortung für die Gemeinschaft unter allen zu tragen, einer Gemeinschaft in Christus, in der auf manchen Gebieten Unterschiede im theologischen Ausdruck weiterbestehen können? Gibt Papst Franziskus nicht uns allen dadurch die Richtung vor, dass er der Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes die höchste Priorität einräumt? Versäumen wir diesen uns geschenkten Moment nicht! Ich bin mir dessen bewusst, dass ich damit ein heißes Eisen anfasse und mich vielleicht auch unbeholfen ausdrücke. Dennoch sehe ich keinen anderen Weg, um in Richtung einer versöhnten Verschiedenheit weiterzugehen”.

Ja zur Rückkehr-Ökumene
Die Ökumene, die Frère Roger uns näherbringen wollte, war die versöhnte Verschiedenheit als versöhnte Einheit mit der (römisch-)katholischen und natürlich auch den orthodoxen Kirchen. Eine solche Ökumene kann nicht anders, sie muss immer auch ganz wesentliche eine Ökumene der Rückkehr zur Einheit mit der großen katholischen Kirche sein, auch wenn der Begriff “Rückkehr-Ökumene” immer wieder auf heftige Abwehr trifft.
Die Brüder der Taizé-Gemeinschaft stellen klar: „Jene, die um jeden Preis wollen, dass die christlichen Konfessionen ihre jeweilige Identität darin finden, dass sie sich in Opposition zum anderen begeben, können sicherlich nicht den Weg von Frère Roger erfassen. Er war ein Mann der Gemeinschaft, und vielleicht ist es das, was manche nur schwer verstehen können.“
Das sei auch so manchem Alt-Katholiken ins Stammbuch geschrieben.

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Jul 04 2015

GEHORSAM

Autor: . Abgelegt unter Altkatholizismus,Katholisches

Christus

Vor einigen Wochen ist hier im Notizblättchen ein Beitrag über die alt-katholische Konfession als sakramentale Notgemeinschaft erschienen und einige Zeit später war der Text dann plötzlich wieder futsch! Was ist passiert?

Kurz nach Veröffentlichung hatte ich von unserem Pfarrer eine Mitteilung erhalten, in der er deutlich seine Missbilligung zum Ausdruck brachte und mich sehr nachdrücklich darum bat, den Beitrag zu entfernen oder doch erheblich zu verändern. Im Kern zielte seine Kritik darauf, dass hier eine ganz bestimmte Person zu identifizieren gewesen – und die oder der Betreffende möglicherweise erheblich verletzt worden wäre. Ich musste unserem Pfarrer recht geben. Es war für mich also überhaupt kein Problem, den Beitrag zu löschen und dadurch möglicherweise Schlimmeres zu verhindern. Die Crux dabei:
Ich hätte den Text auch dann entfernen müssen, wenn ich mich der Auffassung unseres Pfarrers nicht hätte anschließen können.

Warum?

Unser Pfarrer hatte mich hier nicht als Privatperson sondern als ein Mitglied der Kirche (mit kirchlichen Funktionen) angesprochen und auch der Pfarrer selbst hatte nicht als Privatperson sondern als ein in der apostolischen Sukzession stehender Repräsentant der Kirche und – unserer katholischen Überzeugung nach (hoffe ich doch) – daher quasi als Sachwalter Christi in der Gemeinde gesprochen. Wir Christen aber sind seiner Kirche gegenüber, die wir Katholiken ja als Seinen Leib und uns als dessen Glieder betrachten, zu Gehorsam verpflichtet, denn die Kirche ist Seine Repräsentanz und die Repräsentation seiner Herrlichkeit in der Welt.

Ich sehe jetzt schon wieder manchen Alt-Katholiken die Stirn runzeln: „Das ist doch altmodisch“. Ja genau: die Kirche ist altmodisch, sie entzieht sich den flüchtigen Moden und Marotten des Zeitgeistes – und genauso muss es auch sein, denn sie stellt etwas viel Größeres und alle Zeiten und Moden Überspannendes dar.

Als Spät-Achtundsechziger hat es mich selbst bei dem Wort „Gehorsam“ vor einigen Jahren noch geschüttelt. Im Diskurs der Achtundsechzigerbewegung wurde der Begriff „Gehorsam“ gleichgesetzt mit Kadavergehorsam gegenüber selbsternannten Autoritäten, als moralischer Imperativ zur Unterordnung und Akzeptanz der Repressionsagenturen: Staatsapparat, Institutionen, wirtschaftliche Machtinstanzen und Ausbeutung. Gehorsam als moralischer Imperativ war und ist in diesem Diskurs zuvorderst die innere Repräsentanz der äußerlichen Unterdrückungsapparate und damit das Gegenteil von Freiheit. Dem Gehorsam wurde die Aufforderung zur Rebellion entgegengesetzt.

Auch wenn außer einigen Soziologieprofessoren und Alt-Achtundsechzigern kaum noch jemand etwas von der Genealogie der Gehorsamskritik weiß, so ist der Begriff heute doch umfassend negativ konnotiert. Die Achtundsechziger waren erfolgreich: Gehorsam ist heute völlig old-fashioned und uncool. Allerdings hat das mit Emanzipation, wie es viele Achtundsechziger anstrebten, auch kaum noch etwas zu tun. Denn das, was sie dem Gehorsam entgegensetzten, die Rebellion, ist schnell zu einer Ware, zu einem Label, zu einem Konsumtionsverhalten verkommen. Mit der Demontage des Gehorsambegriffes ist die angestrebte Freiheit selbst zur inhaltsentleerten Warenform herunter gebrochen worden. So wäre es meiner Meinung nach an der Zeit, den Freiheitsbegriff selbst neu zu artikulieren und damit auch den Begriff des Gehorsams als ein Element der Freiheit neu zu bestimmen, beziehungsweise ihn aus christlicher Perspektive in seiner ursprünglichen Bedeutung zu rekonstruieren.

Okay, ich will hier jetzt mal auf dem Teppich bleiben und nur kurz noch einige Hinweise geben.

Wo Freiheit als Freiheit verstanden wurde und wird, sich alles zu nehmen beziehungsweise anzueignen, wonach einem aktuell der Sinn steht, Sex, Naturressourcen, Geld, Einfluss, den Rausch flüchtiger Genüsse, Macht, da führt das zu Leid und menschlichen Katastrophen. Unsere Gesellschaft krankt an einem Zuviel an hedonistischer Freiheit und an einem Zuwenig an Mitgefühl, Verantwortung und auch Gehorsam. Die Rebellion hat mittlerweile ihre eignen Kinder gefressen.

Die umfassendste und beglückendste Erfahrung, von der uns etwa mystisch inspirierte Menschen berichten, ist der Erfahrung der Ganzheit, des Einssein mit der ganzen Schöpfung. Die umfassendste Freiheit ist daher wohl ein Leben in spiritueller Hingabe an das Göttliche, die Suche nach der Nähe Gottes, der in allem, durch alles und über allem ist. Die umfassendste Freiheit ist also in Leben in Hingabe und Liebe, so wie Christus es gelehrt hat. Dahin gelange ich nicht, wenn ich nur oberflächlichen Genüssen hinterher jage, Sex, Rausch und ständig neuen Kicks. Dahin gelange ich wahrscheinlich nur durch Disziplin, Übung und wohl auch Gehorsam. Ich denke, dass ist einer der wesentlichen Gründe für die große Bedeutung des Gehorsams in der monastischen Tradition.

Noch einmal zurück zum Ausgangspunkt: Vor diesem Hintergrund fühle ich mich gegenüber der Kirche Christi zu Gehorsam verpflichtet Ich meine damit die apostolische und katholische Kirche als Ganzes und nicht lediglich die altkatholische Konfession, der ich angehöre. Aber wenn der Priester, als Repräsentant der Kirche in der Gemeinde, für die Kirche spricht, dann handelt er meiner katholischen Überzeugung nach ähnlich wie in der Liturgie und bei der Spendung der Sakramente in persona Christi. Und das verpflichtet mich ihm gegenüber zu Gehorsam. Nicht ihm gegenüber als Privatperson, seinen privaten Meinungen kann ich mich anschließen oder es lassen, darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, was er als Repräsentant der Kirche tut. Und als solcher hat er in der skizzierten Situation von mir verlangt, die Veröffentlichung eines Beitrages zum Thema Konfessionswechsel zu entfernen. Also habe ich das selbstverständlich getan!

Nachtrag: Gilt diese Gehorsamspflicht immer?
Nein. Sie gilt dann nicht, wenn der Geistliche beziehungsweise die Geistlichen offensichtlich gegen die Tradition, Schrift und Lehre der Kirche oder gegen das Prinzip der Humanität sprechen oder handeln. Dann müssen wir davon ausgehen, dass sie nicht für die Kirche sprechen. Dann sind wir quasi einem übergeordneten Gehorsam gegenüber der Kirche verpflichtet, die dann den Ungehorsam in einem speziellen Fall einschließt. Auf dieses Prinzip haben sich im 19. Jahrhundert die Altkatholiken berufen und damit die Entstehung der altkatholischen Konfession begründet. Das hatte etwas für sich.

Nicht darauf berufen können sich die Altkatholiken jedoch meiner Meinung nach, wenn es um Frauenordination oder Homoehe geht. Denn hier sind sie es, die sich nach Auffassung der Kirche gegen Schrift und Tradition wenden. Die Lehre der Kirche in ihrer großen Mehrheit – also in der römisch-katholischen sowie den ostkirchlichen Konfessionen – ist hier eindeutig. Daher könnten solche Fragen meiner Meinung nach auch nur gesamtkirchlich neu beantwortet werden. Für so etwas müsste es ein gesamtkirchliches Konzil geben.
Wie? Das ist unrealistisch? Ich erinnere mich da an einen linken Spruch aus meiner Jugend: „Let’s be realistic, try the impossible!“

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Jun 07 2015

Winnetou ist ein Christ

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Wir Christen

Chsr-lih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Leb wohl!

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Mrz 11 2015

Flashmob für jüdisches Leben

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Politik und Alltag

Mann mit Kippa und Israel-Fahne
Für ein buntes jüdisches Leben in Hannover haben gestern knapp 100 Teilnehmer eines Kippa-Flashmobs in der Hannoverschen Innenstadt demonstriert.

Mit der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung Kippa, Israel-Fahnen und jüdischer Musik demonstrierten sie für ein vielfältiges jüdisches Leben. Vor allem nach dem Gaza-Krieg im vergangenen Jahr habe es “wüste antisemitische Ausfälle” gegen Juden gegeben, sagte Initiator Monty-Maximilian Ott von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Hannover. An der Demonstration beteiligten sich auch Landtagsabgeordnete von SPD und FDP. Befürchtete Provokationen von Rechtsextremisten blieben aus. (NDR.de)

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass „vielfältiges jüdisches Leben“ in deutschen Städten wieder seinen festen Platz hat – zumal nach der jüdischen Immigration aus den GUS-Staaten in den 1990er-Jahren.
Aber weil dafür demonstriert werden muss, ist es leider nicht selbstverständlich. Und das ist ein Skandal, der als solcher scheinbar nur von einer Minderheit wahrgenommen wird. Oder wo sind die 1500 Kundgebungsteilnehmer, die Anfang des Jahres in Hannover gegen Pegida und Hagida auf die Straße gegangen sind? Warum fehlen sie bei einer Demonstration für jüdisches Leben in Hannover?

Nein, hinsichtlich des jüdischen Lebens hier und anderswo in Deutschland herrscht eben keine Normalität. Dass eine von der Polizei bewachte Demonstration von etwa 100 Kippa tragenden Menschen unbehelligt von antisemitischen Übergriffen durch die hannoversche Innenstadt ziehen kann, wird bereits als Erfolg verbucht. Das ist wahrhaftig kein Ruhmesblatt für die deutsche Gesellschaft, 70 Jahre nach dem deutschen Massenmord an den europäischen Juden.

Normalität gibt es erst dann, wenn ein oder zwei Kippaträger auch sicheren Fußes durch Hannovers Nordstadt oder den Sahlkamp spazieren können. Wer möchte es einmal ausprobieren?

Vielleicht sollte der nächste Kippa-Flashmob genau an jenen Orten stattfinden. Und dann hoffentlich nicht nur mit 100 – sondern mindestens mit 1000 Teilnehmern! Denn die werden wir dort brauchen, fürchte ich.

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Feb 28 2015

Warum katholisch sein?

Autor: . Abgelegt unter Katholisches

Christus – Kreuz in einem Franziskanerkloster im RheingauWarum man katholisch sein sollte, erklären überzeugend die Katholiken für Israel auf ihrer Website:

Vielleicht glauben Sie, dass die Vorstellung katholisch zu werden der absurdeste Gedanke ist, der Ihnen je in den Sinn gekommen ist.
Vielleicht glauben Sie, dass die Bibel allein ausreicht, um den Willen Gottes für Ihr Leben herauszubekommen.
Vielleicht glauben Sie, Gott sei nicht an “Religion” oder Institutionen interessiert, sondern möchte einfach nur eine persönliche Beziehung zu Ihnen haben.
Vielleicht denken Sie, dass es das einzig wirklich notwendige ist um gerettet zu sein, Jesus als Herrn und Erlöser in sein Herz zu nehmen.
Vielleicht sind Sie jüdisch und glauben, dass Sie Ihren jüdischen Glauben und Ihr jüdisches Erbe verraten, wenn Sie ein Katholik würden.
Vielleicht haben Sie anti-katholische Ansichten und glauben der Katholizismus sei eine heidnische Korruption des reinen, biblischen Glaubens.
Vielleicht haben Sie das Gefühl, dass Ihnen in Ihrem Glauben etwas fehlt?
Vielleicht haben Sie das Gefühl, dass Gott “noch etwas mehr” für Ihren Glauben hat, aber Sie haben noch nicht herausbekommen, was es ist.

Wenn wir einen Streifzug quer durch die Geschichte machen, vom ersten bis zum einundzwanzigsten Jahrhundert, vom Abendland der Antike bis ins moderne Amerika, sehen wir, dass zahllose Menschen so dachten wie Sie – sie waren entweder ein bisschen neugierig, gleichgültig, ohne großes Vertrauen in die Kirche oder sogar voller Verachtung ihr gegenüber…bis sie eines Tages begannen, die Lehre der Kirche ernsthaft zu ergründen. Wieder und wieder sehen wir, wie solche Untersuchungen die aus Neugier oder sogar Feindschaft gegenüber der Kirche unternommen wurden, in einer wunderbaren Liebesgeschichte endeten: die Geschichte eines Gottes der uns so begeistert liebt, dass er seinen eigenen Sohn hingab damit er für uns starb, so dass wir ewiges Leben haben können. Er bildete seine menschliche Familie, die katholische (universelle) Kirche, um sein eigenes göttliches Leben mit seinen Kindern zu teilen, vor allem im Sakrament der Eucharistie.

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Jan 27 2015

Afrikanische Einheit

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Armselige provisorische Hütten aus Müll. Flüchtlingscamp in der Wüste

Vorgestern Abend musste ich noch zu später Stunde arbeiten. Im Hintergrund lief Musik von Salif Keita. Keita ist ein Musiker aus Nigeria, der im Jahr 1949 in Mali mit dem sogenannten Albinismus, einer Pigmentstörung der Haut, zur Welt kam. Albinismus gilt in der Herkunftsgesellschaft Keitas als ein Unglückszeichen. Auch er selbst hatte unter diesem Aberglauben zu leiden. Dass er trotzdem den Aufstieg zu einem international anerkannten Künstler geschafft hat, grenzt ein Wunder.

Irgendwann fiel mir bei beim Hören seiner Musik eine Auseinandersetzung ein, die ich im Sommer 2010 mit meinem Bruder geführt habe. Es ging dabei um die Fußballweltmeisterschaft, die gerade in Südafrika stattfand – und in diesem Zusammenhang um die Zustände auf dem afrikanischen Kontinent so ganz allgemein. Mein Bruder war zu dieser Zeit in Südafrika vor Ort und probte mit einigen südafrikanischen Jugendlichen eine Theaterperformance, die teilweise auch vor den Fußballstadien aufgeführt wurde, in denen die Meisterschaftsspiele stattfanden.

Unter den Afrikanern herrschte eine ziemliche Euphorie, denn die eigene Mannschaft konnte sich eine ganze Weile tapfer gegen die Favoriten behaupten. Rund um die Fußballstadien entdeckten die Afrikaner plötzlich ihre Einheit wieder, die sie in ihre Bafana bafana („unsere Jungs“) genannten Kicker hineinprojizierten. Die also hatten auf dem grünen Rasen stellvertretend die Ehre Afrikas zu verteidigen, während sich die verfeindeten Clans und ethischen Gruppen in anderen afrikanischen Ländern weiter abschlachteten.
Mein Bruder ließ sich von diesem Gemeinsinn stiftenden medial inszenierten Großereignis tief beeindrucken und kam bei jeder E-Mail, die er uns in die Heimat schickte, mehr ins Schwärmen. Ich war relativ entsetzt von diesem (völlig unüblichen) plötzlichen Einbruch seiner Urteilsfähigkeit.

Nur weil anlässlich eines medial inszenierten Großereignisses ein gewisses Solidaritätsgefühl zwischen Menschen schwarzer Hautfarbe verschiedener Nationen Afrikas entsteht, gibt es in der sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit dort noch lange keine afrikanische Einheit, schrieb ich zurück: Was für ein Afrika soll denn da überhaupt gemeint sein. Schließt es den Norden ein, dessen muslimische Bevölkerung seit Jahrhunderten die Menschen im Inneren des Kontinents als Sklaven ausbeutet? Wo, wie in Darfur, hellhäutige Muslime dunkelhäutige Muslime anderer ethischer Gruppenzugehörigkeit abschlachten. Oder wo hellhäutige Muslime im nördlichen Teil sich auf die dunkelhäutigen Christen im Süden stürzen? (Inzwischen, nachdem sie ihre „nationale Unabhängigkeit errungen haben, schlachten sich die sogenannten Christen im Süden des Sudans auch untereinander ab.) Oder Somalia, wo sich die Angehörigen Hunderter verschiedener Clans gegenseitig massakrieren? Ruanda etwa oder Burundi, wo vor noch nicht allzu langer Zeit ein Völkermord monströsen Ausmaßes stattgefunden hat und sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen weiterhin feindselig und ängstlich belauern? Kongo, wo die verschieden ethnischen Gruppen – aufgehetzt von blutrünstigen Warlords –, sich gegenseitig massakrieren, um Zugang zu den Rohstoffvorkommen des Landes zu erhalten. Nigeria, oder jetzt auch die Zentralafrikanische Republik, wo Moslems und vermeintliche Christen mordend und brandschatzend durch die Wohnviertel der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe ziehen? Und das sind nur die populärsten Beispiele.
Es wird so gut wie kein einziges Land geben, im dem auch nur im Inneren so etwas wie eine Einheit besteht. Afrikanische Einheit? Nicht mal ein Mythos. Ein Witz. Afrika – um es mal etwas drastisch auszudrücken – ist am (…), oder sagen wir es vornehmer, ist eine einzige Katastrophe! Gestern und heute ausgeplündert von Kolonialisten verschiedener Couleur. Gegeneinander aufgehetzt von deren antikommunistischen und staatssozialistischen Erben, die erfolgreich auch noch jede emanzipatorische Regung im Keim erstickt haben. Die letzten Flämmchen einer gerechteren sozialen Entwicklung ausgepustet vom IWF und dessen neoliberaler Politik unter seinem Präsidenten Köhler und Kameraden. Wirtschaftlich abgewürgt durch Importbeschränkungen, Terms of Trade und Handelsbörsen.

Aber auch ausgeplündert von den heimischen Stammesfürsten und ethnischen Eliten, die sich ans Kapital verkauft und um ihres persönlichen Reichtum willens ihre angeblichen Landsleute auf das brutalste ausgepresst, gefoltert und gemordet haben und das immer noch tun. Zerrissen auch von den eigenen tief verwurzelten Feindseligkeiten zwischen den Ethnien, zerfressen von Aberglauben, mörderischen Kulten und Kannibalismus.

Afrikanische Einheit? Ein Scherz, über den man nicht lachen kann. Gegen das, was auch nur ein paar hundert Kilometer weiter nördlich passiert, ist Südafrika mit seinen rauchenden Slums, ärmlichen Hütten und der immer brutaler werdenden Massenkriminalität noch die Insel der Glücklichen.

Die katastrophalen Zustände, die in den meisten Teilen Afrikas herrschen, mittelalterlich zu nennen, täte dem europäischen Mittelalter Unrecht. Afrika ist eine groteske Karikatur der Moderne, die diesem Kontinent übergestülpt wurde, ohne das er auch nur im mindesten sozial und kulturell darauf vorbereitet gewesen wäre. Man hat versucht, aus den von Stammesdünkel zerfressenen und bis ins Mark verfeindeten Gemeinschaften Nationen zu konstruieren. Das ging nur solange gut, wie die westlichen Mächte mit dem Finger am Abzug darüber wachten, dass die Stammeskrieger nicht über einander herfielen. In Feindschaft gegen ihre Kolonialherren mag hier und da vielleicht wirklich so etwas wie eine Einheit zwischen den Stämmen entstanden sein, die aber sofort wieder zerfiel, als die Kolonialisten abzogen. Seit dieser Zeit bekämpfen sich die künstlich zu Nationen zusammen geschusterten tribalistischen Gemeinschaften unter dem Vorzeichen von nationalem Befreiungskampf, Sozialismus hier, parlamentarische Demokratie da, bis aufs Messer. Seit die ideologischen Systeme ihre Strahlkraft verloren haben wird deutlich, dass es im Grunde immer nur um die Usurpation von Ressourcen für die eigenen Stammesgenossen und zur Aufrechterhaltung zutiefst korrupter und nepotistischer Strukturen ging und geht. Afrika hat sich an der Moderne verschluckt und hört nicht auf, daran zu würgen. Bis dieser verlorene Kontinent vielleicht einen Ausweg aus dem Elend findet, werden wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte vergehen. Und bis dahin wird jeder Afrikaner (oder doch sehr sehr viele), der dazu in der Lage ist und die Möglichkeit hat, versuchen, aus dieser riesigen Afrika genannten No-Go-Area herauszukommen, dorthin, wo es sich besser und einfacher (über)leben lässt. Nach Europa zum Beispiel. Wir würden es genauso machen.

Allein das mag irgendwann die europäischen Mächte dazu veranlassen, etwas zu unternehmen. Fragt sich nur: was?

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Jan 11 2015

Je suis charly?

Autor: . Abgelegt unter Allgemein

je ne suis pas charly

Ich bin nicht Charly, weil ich nicht den Mut aufbringe, den die getöteten Zeichner und Redakteure in Paris aufgebracht haben. Sie haben sich für die Freiheit der Rede, des Bildes und des Spottes geopfert. Aber ich bin nicht Charly. Weil es die Vertreter jener menschenverachtenden Ideologie längst geschafft haben, mich nachhaltig einzuschüchtern. Und ich glaube, dass 80 Prozent derjenigen, die jetzt vollmundig bekunden, “Ich bin Charly”, es auch nicht sind.
Die Morde an den Zeichnern und Redakteuren haben solchen Angsthasen wie mir leider recht gegeben und werden daher auch noch mehr Menschen einschüchtern. Insofern sind sie kein “Sieg über die Meinungsfreiheit”, wie es überall heißt, sondern ihre Niederlage. Gesiegt haben (vorerst) die Mörder.

Das Beste und Katholischte zum Thema natürlich wieder mal bei Geistbraus: Warum Satire negative Theologie braucht

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Jan 01 2015

Neujahrsgruß!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein

Winterliche Impression - Grashalme im geoldenen Licht

„Ich grüße Dich als Freund, und tief ist meine Liebe für Dich. Nichts kann ich Dir geben, das Du nicht schon hättest. Du aber kannst vieles, sehr vieles nehmen, was ich nicht geben kann.

Es gibt für uns erst einen Himmel, wenn unser Herz im Hier und Jetzt zur Ruhe kommt. Nimm also den Himmel! Es gibt keinen künftigen Frieden, der nicht schon jetzt in diesem Augenblick verborgen läge. Nimm also den Frieden!

Die Schwermut der Welt ist nur ein Schatten. Dahinter, und doch zum Greifen nahe, liegt Freude. Mitten in der Finsternis strahlen Glanz und Herrlichkeit, wenn wir nur sehen können. Und um zu sehen, müssen wir nur schauen. Ich beschwöre Dich also, mach’ Deine Augen auf!

Das Leben schenkt so großzügig. Wir aber urteilen nach der äußeren Hülle der Gaben und verwerfen es als hässlich, schwer oder hart. Schaue unter die Hülle und Du wirst eine lebendige Pracht finden, von Liebe gewoben in Weisheit und mit Kraft. Nimm’ dieses Geschenk dankbar in Empfang und Du wirst die Hand des Engels fühlen, die es Dir bringt. Alles, was wir Heimsuchung, Leid oder Verpflichtung nennen, kommt, glaube mir, aus des Engels Hand; es ist Geschenk und Wunder einer überschattenden Gegenwart.

So auch Deine Freuden. Sei nicht zufrieden mit ihnen als bloße Freuden; auch sie verbergen göttlichere Gaben. Das Leben ist so voller Sinn und Bedeutung, so voll verschleierter Schönheit, dass Du entdecken wirst: Die Welt verhüllt nur Deinen Himmel. Habe also Mut, ihn zu beanspruchen! Darauf allein kommt es an. Aber Mut hast Du ja, und die Gewissheit, dass wir gemeinsam als Pilger auf dem Weg sind durch fremdes Land heimwärts.
Und so grüße ich Dich denn zu dieser Jahreszeit, nicht wie die Welt Grüße sendet, sondern mit tiefer Ehrfurcht und bete, dass für Dich der Tag anbrechen möge und die Schatten weichen, jetzt und für immer.“ Weihnachten, anno Domini 1513.

Fra Giovanni Giocondo (1435 -1515)

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Dez 28 2014

Die weihnachtliche Revolution

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

Kardinal Marx
An Weihnachten erinnern wir uns an eine wirkliche Revolution, sagt der Münchner Bischof, Kardinal Reinhard Marx (Bild oben).

Gott ist vom Himmel gekommen und für unser Heil Mensch geworden. „Weihnachten feiern wir aus guten Gründen als beglückendes und fröhliches und hell erstrahlendes Fest, weil wir mitten im Winter auf den hinweisen wollen, der Licht in unser Leben bringt.“ Die Revolution der Bibel liege darin, sagt Marx, dass der Mensch als Person geschaffen ist „und in verantwortlicher Freiheit das eigene Leben führt. Darin gründet die gleiche Würde aller Menschen, die niemandem zuerkannt und niemandem abgesprochen werden kann.”
Der Kardinal hat recht: Weihnachten erinnert uns daran, das Gott selbst Mensch geworden ist und alle Freude und alle Not des Menschseins auf sich genommen hat. Er hat das getan, um den Menschen nahe zu sein, um den Menschen die Botschaft seiner Liebe zu bringen und alle Menschen, die ihn annehmen, zu retten und vom Tod zu erlösen.
Andere Völker in früheren Zeiten haben ihre Könige und Kaiser zu Göttern erhoben. Das Revolutionäre an Weihnachten ist, dass Christus völlig nackt und schutzlos in einem Stall geboren wird und sich in die Hände der einfachen Menschen begeben hat. Das Revolutionäre an Weihnachten ist, dass er sich zu den Niedrigen hinab gebeugt hat, indem er sich selbst erniedrigte. Christus ist in die Welt gekommen, um die Elenden, Erniedrigten, die, die ganz unten sind, herauf ans Licht zu holen. Er hat sich selbst erniedrigt und die Erniedrigten zu den Subjekten seiner Botschaft und der ganzen Menschheitsgeschichte gemacht.
Das ist wirklich revolutionär. Und von dieser Revolution gehen alle Veränderungen aus, die auf Gerechtigkeit zielen, die Würde des Menschen stärken und auf Vervollkommnung des Menschen und des menschlichen Miteinanders gerichtet sind: von der mystischen Gotteserfahrung über die Verteidigung der Menschenrechte bis hin zur Idee einer gerechten Gesellschaft in sozialen Utopien. (Dieses revolutionäre Wesen des Christentums mit seiner besonderen Hinwendung zu den Armen und Erniedrigten übrigens, findet eine spezielle Betonung im lateinamerikanischen Katholizismus, wie er von Papst Franziskus repräsentiert wird. Den europäischen Katholiken mit ihren teils im Feudalismus verhafteten Traditionen geht das häufig eher ab.)
Die Ankunft Christi in der Welt ist eine Revolution, die an Weihnachten beginnt und mit Ostern vollendet wird.

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