Selbst schuld. Über Gicht, Sünde und Gerechtigkeit

Jüngst plagte mich ein heftiger Gichtanfall. Mein Fuß war so schmerzempfindlich, dass ich kaum laufen konnte. Eine Freundin hatte vernommen, dass es mir nicht gut ging und mir gute Besserung gewünscht. Als sie von der Ursache meines Problems erfuhr, schrieb sie: „Gicht? Selber Schuld (…) bei Gicht habe ich keinen Mitleid. Gute Besserung ziehe ich wieder zurück.“
Einmal abgesehen davon, wie man die Reaktion bewertet, Fakt bleibt, dass Gicht die Folge eines erhöhten Harnsäurespiegels im Blut ist und sich derartige Anfälle durch eine angepasste Ernährung, wie Verzicht auf übermäßigen Fleischkonsum, Zucker, Alkohol und andere Lebensmittel, in der Regel weitgehend vermeiden lassen. Die Betreffende ist Heilpraktikerin und weiß daher, dass so ein Anfall oft selbst verursacht ist. Selbst schuld also!

Nun gibt es eine Vielzahl von Erkrankungen, deren Ursachen zu großen Teilen auf persönliches Fehlverhalten zurückzuführen sind. Nikotin- und Alkoholkonsum, falsche fetthaltige und zuckerlastige Ernährung etwa sind die Gründe für etliche Leiden, wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Störungen bis hin zu Schlaganfällen, Krebs und anderes mehr. Gerade in unserer Wohlstandsgesellschaft ist eine Zunahme solch selbst mitverschuldeter Erkrankungen zu beobachten.

Ungesunde Lebensführung als Sünde

Eine ungesunde Lebensführung kann mithin als ein selbstschädigendes Verhalten bezeichnet werden und ist bereits von den frühen Kirchenvätern als Sünde betrachtet worden. Das menschliche Leben ist aus dieser Perspektive ein Geschenk Gottes, mit dem respektvoll und achtsam umzugehen ist. Clemens von Alexandrien schreibt im zweiten Jahrhundert: „Gut ist die mittlere Lage (ή μέση κατάστασις) in allen Dingen, nicht am wenigsten aber bei der Einrichtung der Mahlzeiten; denn die äußersten Gegensätze (άκρότητες) sind immer gefährlich, die mittleren Zustände (μεσότητες) dagegen gut. Die richtige Mitte aber hat alles, was nichts von dem Notwendigen (άναγκαϊον) vermissen läßt. Denn das natur- gemäße Verlangen wird durch das ausreichende Maß (αυτάρκεια) begrenzt.”

… unmäßig gegessen …

Maßhalten und respektvoller Umgang mit der eigenen Gesundheit ist mithin ein christliches Gebot. Insbesondere in der orthodoxen Theologie, die wesentlich patristischer, also an den Kirchenvätern orientiert ist als die westliche, wird dieser Aspekt stark betont. Im orthodoxen Abendgebet sollen die Menschen immer wieder Rechenschaft vor sich selbst ablegen, so etwa ob „(…) ich unmäßig gegessen, getrunken oder sinnlos gelacht (…)“ habe?
Unmäßigkeit ist Sünde, und während sie als Ursache bei vielen Erkrankungen nicht immer sofort offensichtlich wird, bestraft uns unser Körper im Fall der Gicht quasi unmittelbar für ein Fehlverhalten. Ein schmerzender Fuß? Selbst schuld, dafür haben wir kein Mitleid verdient!
Stimmt das wirklich? Wie geht unser Schöpfer mit Fehlverhalten, also mit Sünde, mit Verhaltensweisen mithin, die uns von ihm entfernen, um?
Insbesondere in der alttestamentarischen Schrift gibt es durchaus Beispiele für die Unduldsamkeit Gottes mit den sündigen Menschen. Das prominenteste Beispiel ist wohl die Geschichte von der Sintflut: „Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur Böse war. Da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.“ (Gen 6: 5-7) Gnade fand bekanntlich allein der rechtschaffende Noah. Allein er durfte sich in einer Arche retten und von allen Lebewesen auf der Welt ein männliches und ein weibliches Exemplar mitnehmen, um mit ihnen später neu anfangen zu können.
Doch Gott gönnte den Menschen nicht nur einen Neuanfang, sondern versprach schließlich sogar, dass er nicht noch einmal so drakonisch strafen würde, obwohl das Trachten des Menschen von Jugend an boshaft sei: „: (..) Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“ (Gen 8: 21)

Gottes Mitleid mit einen Geschöpfen

Früh deutet sich also in der Schrift an, dass Gott Mitleid mit seinen Geschöpfen hat, trotz ihrer selbstverschuldeten Sündhaftigkeit. Daraus erwächst schließlich eine einzigartige Heilsgeschichte. Die Menschen hatten durch ihre eigene Schuld die Gnade Gottes, sein Mitleid, verspielt. So war es nur gerecht, dass er sie in der großen Sintflut mit Ausnahme des einen Gerechten und seiner Angehörigen mit Mann und Maus untergehen ließ. Das aber kehrt sich nun um. Zunächst einmal gilt: Die Menschen sind weiter bösartig und sündig, und jeder Einzelne hat Strafe verdient, das ist gerecht. Viele Menschen haben ein Gespür für diese kosmische Gerechtigkeit. Alles, was du jemals anderen angetan hast, wird dich irgendwann selbst einholen, heißt es. Im Buddhismus gibt es dafür sogar ein religiöses Konzept: das sogenannte Karma.

Ausbrechen aus der Logik

Doch die christliche Heilsgeschichte schert aus dieser Logik aus. Um die verdiente Strafe von den Menschen abzuwenden, bestraft Gott sich gewissermaßen selbst für ihre Sünden: In Jesus Christus nimmt er Fleisch an, wird Mensch und stirbt für unsere Sündhaftigkeit den qualvollen Kreuzestod, um uns von der verdienten Strafe zu befreien. Gott hebt in Christus das Prinzip der gerechten Strafe für unsere Schuld auf. Hier gibt es kein „selbst Schuld, damit habe ich kein Mitleid“ mehr. Vielmehr ist das Mitleiden Gottes so groß, dass es noch die Konsequenzen für den Schuldner selbst auf sich nimmt.
Das heißt jedoch nicht, dass wir nun einfach weitermachen können, wie gehabt, da ja in Christi Kreuzestod schon alles geklärt sei, wie es manche protestantischen Lehren nahelegen. Vielmehr sind wir immer wieder selbst zur Veränderung aufgefordert. Christus sagt zur ertappten Ehebrecherin nicht, „du kannst so weiter machen, es ist schon alles vergeben“, sondern, „ich klage dich (auch) nicht an, geh, und sündige von jetzt an nicht mehr“.
Für meine Gicht heißt das ganz banal: Ich muss mich zukünftig besser um gesunde Ernährung kümmern. Und wenn es doch mal wieder nicht so perfekt klappt, auf Christi Mitleid und Vergebung vertrauen!

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