Archiv für die Kategorie 'Religion und Alltag'

Dez 24 2014

Über das Schenken zu Weihnachten mit ein bisschen Kapitalismuskritik

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Religion und Alltag

Weihnachtsgeschenke
Weinachten ist da. Nur noch weinige Stunden bis Heiligabend. Die zur Zeit meistgestellte Frage lautet wahrscheinlich: „Habe ich auch alle Geschenke beisammen?“ Und vor allem: „Habe ich das Richtige gekauft, werden sich die Beschenkten auch über meine Gaben freuen?“
„Okay“, denken Sie jetzt: „Das läuft hier wohl wieder auf die obligatorische Kritik an der Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes hinaus“. Stimmt, ich gebe es zu. Aber meine Kritik ist origineller als andere. Behaupte ich. Also ruhig weiter lesen!
Was ist denn eigentlich gegen das sich Beschenken einzuwenden?. Es belebt die Wirtschaft: Das Weihnachtsgeschäft macht zwischen 25 und 50 Prozent des Umsatzes im Einzelhandel aus. „Ohne Weihnachten würde das für uns so lebenswichtige kapitalistische System zusammenbrechen und Deutschland müsste Geld von Griechenland ausleihen“, meint Eric T. Hansen von Zeit-Online.

Außerdem bereitet das Schenken neben dem ganzen Einkaufsstress viel Freude. Und nebenher wächst zu Weihnachten mit oder trotz dem ganzen Einkaufsrummel sogar noch die Sensibilität für unsere Mitmenschen und für soziale Missstände hier und anderswo. In der Vorweihnachtszeit wird nicht nur gekauft und konsumiert, was das Zeug hält, sondern auch gespendet und geholfen wie zu keiner anderen Zeit im Jahr. Was soll also das ewige Lamento über die Kommerzialisierung des Festes, das alle Jahre wieder an prominenter Stelle aufgesagt werden muss.
In diesem Jahr war es zum Beispiel der Reggae-Musiker Gentleman, der in der Süddeutschen zu Protokoll gab, dass er immer mehr versuche, diesem „Trubel und dem Rummel zu entkommen“. Eigentlich komisch für jemanden, der doch von Trubel und Rummel lebt. Nun ja, vielleicht ja gerade deshalb. Das, was draus gemacht werde, fände er ziemlich grausam, diesen ganzen „Hardcore-Konsum-Flash“, meint Gentleman. Eigentlich solle man doch jemanden feiern, der da mal geboren wurde und den „Durchblick gehabt hat“. Okay, das ist vielleicht etwas unorthodox formuliert, zielt aber tendenziell in die richtige Richtung. Aber: warum denn nicht die Ankunft Christi, das größten Geschenk, dass die Menschen je erhalten haben, mit dem gegenseitigen sich Beschenken feiern. Um damit zumindest symbolisch etwas von der Freude zu teilen, die Christus durch seine Ankunft den Menschen bereitet hat.
Historisch betrachtet ist die Tradition der Weihnachtsgeschenke ein Erbe der Reformation. Ursprünglich war der 6. Dezember der Tag des Schenkens, denn an diesem Datum wird dem Heiligen Nikolaus von Myra gedacht. Und diesen Heilige hält man insbesondere wegen seiner generösen Art gegenüber Armen und Bedürftigen in Ehren. Daher bekanntlich der Brauch des Schenkens. Weil Luther die Heiligenverehrung ablehnte, wurde der Heilige “durch einen dubiosen Weihnachtsmann ersetzt, der Tag des Schenkens vom 6. Dezember auf den 24. Dezember verlegt. Seitdem ist Weihnachten zwei Feiertage in einem: Der Tag Christi Geburt und eben der Tag des Schenkens“. Luther war hier auf der ganzen Linie erfolgreich.

An Weihnachten feiern wir die Ankunft Christi auf der Erde. Gott hat sich uns damit gewissermaßen selbst geschenkt. Dieses Geschenk ist niemals zu toppen. Daher ist das symbolische Teilen der Freude darüber durch das gegenseitige sich Beschenken zu Weihnachten auch gar kein Problem. Wohl aber, dass sich das Schenken gegenüber seinem Anlass in weiten Teilen vollständig verselbstständigt hat.

Die Verselbstständigung des rein quantifizierbaren Aspekts eines Phänomens gegenüber seiner ursprünglich sozialen und/oder spirituellen Bedeutung ist eine typische Erscheinung des Kapitalismus. Wie sich der Tausch(wert) gegenüber den Gebrauchs(wert)eigenschaften eines Produkts im Kapitalismus fast vollständig verselbstständigt, bis hin zum Warentausch von stofflich gar nicht mehr vorhandenen Werten beispielsweise im Kapitalhandel, so tendiert diese Wirtschaftsform dazu, alles Soziale, Spirituelle und Höhere auf ein rein Dingliches herunter zu brechen. Christen müssten aus diesem Grund eigentlich fundamentale Kapitalismuskritiker sein. Das sie es weitgehend nicht sind, ist nicht nur die Schuld des leidigen Bündnisses von Repräsentanten der Kirche mit den Mächtigen dieser Welt, sondern auch des fatalen und destruktiven Atheismus der Linken. Von den Verbrechen, die im Namen linker Weltanschauungen begangen wurden, ganz zu schweigen.
Auf jeden Fall brauchen wir uns über die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes nicht zu wundern. Sie ist ein Resultat der Herrschaft des Tauschwerts. Aber diese Herrschaft ist nicht absolut. Wenn die Menschen zu Weihnachten in großer Zahl in die Kirchen gehen, dann tun sie das, weil sie einen Verlust erahnen. Es ist der Verlust des Heiligen, das man noch am Heiligen Abend im wahrsten Sinne des Wortes gegen das Profane getauscht hat. Die Menschen sind auf der Suche. Das zeigt nicht zuletzt, dass die Herrschaft des (Tausch)Werts niemals absolut ist. Es bestimmt eben nicht nur das Sein das Bewusstsein. Es ist ebenso die Herrlichkeit Gottes, die (fast) jeder Menschen zumindest als eine Ahnung und ein Sehnen in sich spürt. Insofern auch kratzt jede Kritik an der Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes ein wenig an der Tünche des Kapitalismus, der dazu tendiert, alles Heilige zu profanisieren. Nicht das sich Beschenken ist dabei problematisch, sondern dass es sich gegenüber seinem eigentlichen Sinn, der Freude über das Geschenk Gottes an die Menschen, verselbstständigt hat. Dieses Geschenk ist uns gemacht worden und wir müssen es nur annehmen, indem wir unsere Herzen dafür öffnen. Indem wir zulassen, das Christus gleichsam auch in uns selbst geboren wird: „Wir feiern Weihnachten, auf dass diese Geburt auch in uns Menschen geschieht. Wenn sie aber nicht in mir geschieht, was hilft sie mir dann? Gerade, dass sie auch in mir geschehe, darin liegt alles“, sagt Meister Eckhart
Eric T. Hansen von Zeit-Online meint übrigens, Schenken käme „sehr gut auch ohne Religion aus“. Nee: eben nicht!

Keine Kommentare

Apr 25 2014

Beten – lohnt sich immer!

Autor: . Abgelegt unter Religion und Alltag

Gleißendes Licht eines Sonnenuntergangs
„Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät, bedde däät“. Im Jahr 1982 waren diese Zeilen des Lieds „Wenn et Bedde sich lohne däät” erstmalig auf dem neu veröffentlichten BAP-Album „Von drinne noh drusse” zu hören. Sänger und Chef der Band war – und ist noch heute – der im Jahr 1951 in Klön geborene Wolfgang Niedecken.
Niedecken stammt aus einem katholischen Elternhaus, in einer Talkshow berichtet er, wie sehr sein Vater darunter gelitten habe, dass er als wiederverheiratet Geschiedener nicht mehr zur Kommunion gehen durfte. In der gleichen Talkshow hat Niedecken hat davon erzählt dass er als Schüler in einem katholischen Internat von einem Geistlichen, der auch sein Beichtvater war, misshandelt worden sei.
Und so ist Niedecken wohl irgendwann das Gottvertrauen und die Erfahrung der heilsamen Wirkung des Betens abhanden gekommen. Das ist schade, sind es doch alles sehr ehrenwerte Anliegen, die er da besingt und um die er beten würde, wenn. Niedecken vertritt in seinem Lied eine weit verbreitete Vorstellung vom Beten. Beten ist darin gleich bitten, und wenn das Erbetene sich nicht erfüllt, ist das Beten eben sinn- oder erfolglos gewesen. Als sei das Beten so etwas wie eine Bestellung, die man bei Gott aufgibt und abwartet, dass sie geliefert wird.
Bittgebete haben ihre Berechtigung. Aber in erster Linie geht es beim Beten darum, sich auf Gott hin auszurichten, die Beziehung zu Gott zu suchen und sich ganz auf Ihn hin zu orientieren. Das ist manchmal sehr schwer, weil wir den Kopf nicht frei kriegen von unseren Alltagsangelegenheiten, Verpflichtungen, Gedanken und Gefühlen. Aber Beten ist der Versuch, all das für die Zeit des Gebets loszuwerden und sich ganz dieser anderen Dimension, dieser anderen Wirklichkeit, dem Dreieinigen Gottes hinzugeben. Beten ist so etwas wie das Bemühen, in Beziehung zu treten, sich auf Gott hin zu öffnen.
In der Ostkirche wird insbesondere von den Mönchen regelmäßig das Herzensgebet praktiziert. Der Betende versucht, innerlich still und leer zu werden, sich von allem Störenden zu befreien und einen inneren Raum für die Anwesenheit Gottes zu schaffen. Dazu dient dem Betenden das Gebetswort, das er permanent leise oder in Gedanken vor sich hin spricht. Beispielsweise: „Herr Jesus Christus, Du Sohn Gottes, erbarme Dich meiner“. So wird, wenn wir diese große Gnade erfahren dürfen, Jesus Christus durch das Gebetswort im Betenden gleichsam wieder neu präsent. Aber diese liebende Begegnung ist immer ein Geschenk, wir können und dürfen sie nicht erzwingen, wir können nur versuchen, ihr den Boden zu bereiten. Manchmal öffnet sich dann ein kleiner Spalt der Tür zum Göttlichen, zum Himmelreich – und ein kleiner Widerschein der brennenden Liebe, die hinter dieser Tür liegt, scheint zu uns und in uns durch. Das kann eine überwältigende Erfahrung sein und lässt uns etwas von der ungeheueren Größe und Liebe Gottes erahnen, auf die sich unsere ganze Sehnsucht richtet.
Beten lohnt sich immer!

Keine Kommentare

Apr 22 2014

Mal ordentlich zugetazt: Atheismus und Antisemitismus

Autor: . Abgelegt unter Religion und Alltag

aufgeschlagene taz
Früher, ich gestehe es, war ich selbst mal Taz-Leser. Das ist schon lange her. Heutzutage kräuseln sich mir oft (nicht immer) Fußnägel, wenn ich dieses neoatheistische Blättchen lese. Aber: es gibt, wie wir wissen, Zeichen und Wunder. So hat mir etwa ein Beitrag, der vor einigen Jahren zum Thema Atheismus und Antisemitismus veröffentlicht wurde, ganz gut gefallen.

Gäbe es keine Religion mehr, so wären die wesentlichen Probleme der Menschheit gelöst, das jedenfalls suggerieren Neoatheisten wie Richard Dawkins, Christopher Hitchens oder Michael-Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der religionsfeindlichen Giordano Bruno Stiftung. Letzterer ist Mitautor einer als Kinderbuch präsentierten Publikation mit dem Titel “Wo bitte geht’s zu Gott . . .?”, das in Verdacht geraten ist, antisemitisch zu sein. Das ein selbstgerechter, zur Ideologie und Ersatzreligion geronnener Atheismus schnell in gefährliche Nähe zum Antisemitismus gerät, zeigt der Kulturjournalist Alexander Kissler in seinem Text “Die Wut auf die Differenz”. Der Weg von der Religionskritik zum Antisemitismus war schon immer kurz, sagt Kissler, ob zur Zeit der Aufklärung oder im heutigen Atheismus.

“Kann ein Buch, das von einer “Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung” gefördert wird, antisemitisch sein? Vor dieser Frage stand die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Sie musste am vergangenen Donnerstag auf Antrag des Familienministeriums entscheiden, ob ein Kinderbuch mit dem Titel “Wo bitte geht’s zu Gott . . .?” auf den Index wandert.

Unter der Schale des inkriminierten Kinderbuches verbirgt sich ein Pamphlet für atheistische Erwachsene. Nicht aber wegen der Verwirrung der Kategorien, nicht wegen des Anliegens, Gläubige als wahnverfallene Menschen zu brandmarken, erhitzte die von der Giordano-Bruno-Stiftung geförderte und verteidigte Bilderschrift die Gemüter. Auch die schlechtesten, schlichtesten Bücher muss eine liberale Gesellschaft erdulden. Schwer aber wog der Verdacht, hier sei an einigen Stellen die Grenze von der Religionskritik zum Glaubens- und zum Judenhass überschritten. Der Religionspädagoge Albert Biesinger urteilte, diese “Hetze gegen Juden” sei indiskutabel. Micha Brumlik hielt den Verbotsantrag für berechtigt, Stefan Kramer vom Zentralrat der Juden nannte “Wo bitte geht’s zu Gott?” gefährlich und befürwortete eine Indizierung dieses “Machwerks”.

Es kam anders: Das zwölfköpfige Gremium entschied sich gegen eine Indizierung. Die mögliche Verletzung religiöser Gefühle erfülle nicht den Tatbestand der Jugendgefährdung. Trotz dieses Urteils kehrte mit der Debatte um das “Ferkelbuch” die Nachtseite einer atheistisch zugespitzten Aufklärung zurück in die Öffentlichkeit. Diese Nachtseite ist die Versuchung zum Antisemitismus. Ganz gewiss predigt der Autor, zugleich Vorstandssprecher der Bruno-Stiftung, keinen eliminatorischen Antisemitismus. Die Verachtung richtet sich gegen alle Religionen und Religionsvertreter. Die Hauptfiguren des Buches, ein Ferkel und ein Igel, gelangen schließlich zu folgender Erkenntnis: “Wer Gott kennt, dem fehlt etwas! Nämlich hier oben . . .”, sagt das Ferkel und tippt sich lachend an die Stirn.

So lautet die Conclusio nach der Begegnung mit einem wütenden Imam, einem zornigen Bischof, den die Tiere einen “Menschenfresser” nennen ob seiner Vorliebe für Hostien, und einem orthodoxen Rabbiner. Dieser hat schiefe Zähne, Schläfenlocken und Vollbart, trägt ein Kassengestell und erhebt drohend beide Zeigefinger. Er redet von der Sintflut und wird schrecklich laut. Er geht dem Bischof mit einer Torarolle an die Gurgel.

Der Verbotsantrag nahm solche Darstellungen eines “wütenden Mannes mit entgleisten Gesichtszügen” zum Beleg, hier werde die jüdische Religion als “besonders menschenverachtend, grausam und mitleidslos” denunziert. Zumindest wäre eine solche Stoßrichtung weder neu noch originell. Seit der Geburt des Monotheismus, der das Pantheon der grausamen, launischen Götter ablöste, müssen Juden wie Urchristen sich gegen Vorwürfe zur Wehr setzen. Unlängst hat Peter Sloterdijk daran erinnert: “Schon gebildete Römer der frühen Kaiserzeit fühlten sich vom Separatismus der Juden so sehr irritiert, dass sie ihnen den Titel ,Feinde des Menschengeschlechts’ anhefteten, den Cicero ursprünglich zur Ächtung von Seeräubern geprägt hatte. Noch der junge Hegel notiert ganz konventionell: ,Ein Volk, das alle anderen Götter verschmäht, muss den Hass des ganzen menschlichen Geschlechts im Busen tragen.'”

Damals wie heute ist es weniger die den Juden unterstellte Grausamkeit, die das Motiv abgibt für platte Beschimpfungen, sondern ihre vermeintliche Neigung zum Separatismus. Wer Dinge tut, die sich nicht im Nützlichen erschöpfen, Dinge, zweckfrei, aber sinnvoll, einem Höheren zu Ehren, der muss mit Widerstand rechnen. Bei Richard Dawkins, dem Säulenheiligen der neoatheistischen Bewegung, wie sie sich in der Bruno-Stiftung formiert, heißt es: Die im Judentum “sorgfältig geförderten Spaltungstendenzen” reichten aus, um die Religion zu einer “bedeutsamen Kraft des Bösen in der Welt zu machen”. Die säkulare Erbsünde, die mit den Juden laut Dawkins in die Welt kam, besteht in ihrer “absichtlichen, gezielten Unterstützung der natürlichen Neigung der Menschen, Gruppenangehörige zu begünstigen und andere Gruppen auszuschließen”. Ein solches Verhalten führe zu Gewalt. Würden die Menschen sich über alle Grenzen von Nation und Glauben hinweg verheiraten, gäbe es nach wenigen Generationen keine religiös begründeten Konflikte mehr – dieser Hoffnung geben Dawkins und seine Adepten sich hin.

Somit heißt das Credo einer breiten Strömung innerhalb des Neoatheismus: “Das Böse kam von den Juden.” Der Gott des Alten Testaments, schreibt Dawkins, sei “ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann”. An anderer Stelle heißt es: “Das Judentum war ursprünglich ein Stammeskult um einen einzigen, äußerst unangenehmen Gott, voller krankhafter Versessenheit auf sexuelle Beschränkungen, mit dem Geruch verbrannten Fleisches, mit einem Überlegenheitsgefühl gegenüber Konkurrenzgöttern und mit der Exklusivität des auserwählten Wüstenstammes.” Das vermeintliche Kinderbuch wird ausdrücklich als “Dawkins for Kids” beworben.

Kurz gefasst: Ohne Judentum kein Christentum und kein Islam, ohne Judentum kein Separatismus, ohne Separatismus kein Übel, keine Gewalt, keine Explosion des Bösen. Gerade indem sie dieser trüben Spur folgen, erweisen sich die Neoatheisten als vorgestrig. Christengegner Celsus urteilte um das Jahr 180: Der “Separatismus der Juden und Christen” stehe der “Religionseinheit der Weltvölker” entgegen. Jenes Volk, das als erstes an den einen Gott glaubte, war dem klugen Celsus ein Dorn im Auge. Er, den sein deutscher Herausgeber bei der Neuauflage 1984 einen “Voltaire des zweiten Jahrhunderts” nannte, verabscheute das Tun der Christen, insofern diese sich auf jüdischen Spuren bewegten und “heimliche Verbindungen untereinander außerhalb der gesetzlichen Ordnungen” bildeten. Dass Juden wie Christen nicht mittun wollten beim staatlich verordneten Polytheismus, dass sie auf ihrem religiösen Eigensinn und also auf Sonderung statt Vermischung beharrten, gereichte ihnen zum Nachteil.

Daran hat sich nichts geändert. Der jüdische Stachel treibt die Neoatheisten in die Nähe des Antisemitismus, ob Richard Dawkins oder Christopher Hitchens (“Der Herr ist kein Hirte”), der den Horizont des Alten Testaments “bedrückend beschränkt” nennt. Dergleichen Brachialaufklärung, die Vernunft und Glaubensferne in eins setzt, betrieb schon Ahnherr Voltaire, die “Sonne der Aufklärung”. Er unterstellte den Juden Kannibalismus, ihre Sprache sei ein Plagiat, ihre Leidenschaft für Massaker legendär. Sie trügen keine Unterwäsche und nähmen keine Bäder. Die Literaturwissenschaftlerin Gudrun Hentges resümiert: “Unterhalb der Ebene seines Eintretens gegen das Verbrennen der Juden auf dem Scheiterhaufen der Inquisition eröffnet sich ein ganzes Panorama der Judenfeindschaft. Voltaires Bibelrezeption ist darauf ausgerichtet, das angeblich Verachtenswerte der Hebräer/Israeliten/Juden in den Vordergrund zu stellen.”

Auch in der Enzyklopädie Diderots und d’Alemberts aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Juden an den Rand der Menschheitsfamilie gedrängt. Diderot suggerierte, das Judentum zu überwinden sei im Namen der Aufklärung erforderlich. Es lehre blinden Respekt gegenüber Autorität und Tradition, entspreche also nicht den Anforderungen an eine aufgeklärte Weltanschauung. Folgt man dieser sehr problematischen Sichtweise, dann widersteht das Judentum hartnäckig allen Appellen von Diderot und dessen Nachfahren an die Einheit des Religiösen, an die Einheit der Vernunft, an die Einheit der Umgangsformen – heute umso mehr, da der Atheismus sich als globalisierungskonforme Weltdoktrin empfiehlt. Der jüdische “Separatismus” ist der größte anzunehmende Angriff auf die Alternativlosigkeit des säkularen Denkens. Im Gewand der Aufklärung kehren die Ressentiments des Erzfeindes wider, der Kirche.

Selbst Immanuel Kant sprach von der “Euthanasie des Judentums”, die nötig sei, um zur “allgemeinen Vernunftreligion” vorzustoßen. Das Judentum schließe “das ganze menschliche Geschlecht von seiner Gemeinschaft aus” und stehe dem “reinen, für alle Welt gleich einleuchtenden Religionsglauben” im Wege. Kant sah sein Ziel, den einen “ethischen Staat auf Erden”, die eine globale Vernunft, nur jenseits des Judentums realisierbar. Zu Recht weist der Philosoph Kurt Flasch darauf hin, dass Euthanasie hier eine “sanfte Selbstverwandlung der jüdischen, statuarischen Religion in Vernunftreligion” meine. Dennoch ist Kants “aufgeklärter Antijudaismus” (Steffen Dietzsch) keine Quantité négligeable.

Auch eine “Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung”, als welche sich die Giordano-Bruno-Stiftung bezeichnet, kann in das trübe Fahrwasser einer zumindest latenten Judenfeindschaft geraten. Für diese Gefährdung ganz unempfindlich zu sein belegt, wie notwendig eine neue Dialektik der Aufklärung ist. Antisemitismus bedeutete immer, so Horkheimer und Adorno, Gleichmacherei und “Wut auf den, der auffällt ohne Schutz”, ‘Wut auf die Differenz’. Die neoatheistische Bewegung hat ihre Herkunftsgeschichte bisher kaum aufgearbeitet.”

Ein Kommentar