Archiv für die Kategorie 'Politik & Christentum'

Jan 03 2016

Kann ein Christ Marxist sein?

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Marx, Karl

Mein langer Abschied vom Marxismus

Im Wendejahr 1989 sprach der damalige Arbeits- und Sozialminister der christliberalen Regierungskoalition in Deutschland, Norbert Blüm, vor polnischen Werftarbeitern in Danzig. Dort hatte der sichtbare Zusammenbruch des Sowjetsystems Anfang der 1980er Jahre begonnen und inzwischen seinen Höhepunkt erreicht. Seiner Freude darüber gab der gläubige Katholik Blüm dabei mit markigen Worten Ausdruck: “Marx ist tot, Jesus lebt”, verkündete er den jubelnden Arbeitern. Mir persönlich war seinerzeit ganz und gar nicht zum Jubeln zumute. Im Gegenteil: Ich habe mich damals über Blüms Spruch geärgert. Denn ich verstand mich als Marxist. Und auch wenn ich mit den östlichen Staatssozialismen haderte und längst keiner Organisation mehr angehörte, so galten sie mir doch immer noch als erhaltenswerte Versuche, eine sozial gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Den Untergang des Staatssozialismus empfand ich daher fast wie eine persönliche Niederlage
Als vor etwa 15 Jahren Christus an meine Tür klopfte, hätte ich meinen Marxismus gern gerettet. Ich wollte am liebsten beides sein, Christ und Marxist – und fand mich bestätigt durch lateinamerikanische Befreiungstheologen wie den ehemaligen nicaraguanischen Kulturminister Ernesto Cardenal. Das Evangelium sei die gute Nachricht von der Befreiung der Armen, sagt Cardenal – ähnlich übrigens, wie der derzeitige Papst. Weil auch Marx auf eine gerechte, ja perfekte, Gesellschaft ziele, deshalb könne er, Cardenal, sich als Christ und Marxist zugleich verstehen.

Transzendenz und Kommunismus. Nicht vereinbar?

So wie bei Cardenal und anderen Befreiungstheologen hatte es schon Jahrzehnte zuvor Versuche gegeben, den Marxismus – beziehungsweise seit Anbruch des 20. Jahrhunderts den Marxismus-Leninismus – mit dem Glauben an einen Gott zu versöhnen. Ein solches Bespiel finden wir etwa bei dem russischen Schriftsteller Maxim Gorki, der ein glühender Anhänger Lenis und der Bolschewiken war. Von marxistischer und kommunistischer Seite hat man solche Arrangements zeitweilig aus taktischen Gründen toleriert. Die Einheit des revolutionären Kampfes sei wichtiger als die Einheit der Meinung der Proletarier, beschied etwa Lenin seinen Genossen und Bündnispartnern (Küng 2004. s. 275). Letztendlich jedoch haben Marxisten solche Avancen weltanschaulich immer energisch zurückgewiesen. Ihre materialistischen Überzeugungen hielten sie mit der Annahme einer transzendenten Wirklichkeit unter dem Strich als nicht vereinbar. Lenin etwa las seinem Verehrer Gorki kräftig die Leviten und etikettierte den “‘Volks’-begriff vom lieben Gott und vom Göttlichen” als puren Stumpfsinn. Wie er, Gorki, den Volksglauben an Gott als demokratisch bezeichnen könne, sei ihm absolut unverständlich, schrieb Lenin dem Schriftsteller ins Stammbuch.

“Eins auf die Pappn“

Die herablassende Geste der Linken gegenüber Christen hat sich bis heute gehalten. Die Ex-Sponti-Postille “Die Taz” hat für ihre gläubigen Fans in der Regel nur Hohn und Spott übrig. Alt-Katholiken und Protestanten unter den Tazlesern, die sich etwa über Leitartikel freuen, in denen süffisant die Abschaffung des Papstamtes gefordert wird, sollten sich darüber klar sein, dass ein Großteil der Taz-Schreiber am liebsten gleich die ganze Kirche (und nicht nur die römische) abgeschafft sähe und mit dieser Auffassung selten hinterm Berg hält.
Sich als links verstehende Christen mögen sich noch so viel Mühe geben und beteuern, sie ständen auf der Seite der Benachteiligten, an den Rand gedrängten und Ausgebeuteten, sie können noch so oft darauf hinweisen, dass es einen herrschaftskritischen und revolutionären Unterstrom in der Geschichte des Christentums gäbe, es nützt nichts: am Ende gibts die Watschen – beziehungsweise eins “auf die Pappn”. So hat Hermann Gremliza, Herausgeber von “konkret“, (trotz allem eines der wenigen einigermaßen klugen linken Blätter in dieser Republik), schon vor Jahren seine Perspektive – die gleichsam Mehrheitsmeinung unter Marxisten ist – klargestellt:

“Jedes Stückchen Emanzipation der Menschheit, noch das bescheidenste, ist nicht mit, sondern gegen Religion und Kirche erkämpft worden. Und schlichtester Anstand müßte es verbieten, einer religiösen Organisation, deren Geschichte eine einzige breite Blutspur zeichnet, den Gebrauch des Wortes »Menschenrecht« anders zu quittieren als mit Hohnlachen oder einem Schlag auf die Pappn.”

Natürlich irrt Gremliza hier gewaltig: das Menschenrecht, auch wie Gremliza es versteht, ist ohne das Christentum gar nicht denkbar – aber das soll nicht Gegenstand der Erörterung sein.
Mich ob meines linken christlichen Gemüts haben solche Ausfälle lange bekümmert. Aber der Umstand, dass Marxisten und Kommunisten uns Christen im Grunde für bescheuert halten, muss ja noch nicht per se gegen die Vereinbarkeit von Marxismus und Gottglauben sprechen.

Risse im marxistischen Gebälk

Und doch bekam mein Marxismus mit der Zeit mehr und mehr Risse. Ich fragte mich, ob der marxistische Atheismus wirklich nur ein politisches Phänomen sei, geschuldet dem Umstand, dass Kirchenvertreter in Vergangenheit und Gegenwart oftmals eher den Mächtigen, Herrschern und Ausbeutern und nicht ihren Opfern nahe standen (und stehen). Oder ob dieser Atheismus nicht vielmehr doch konstitutiv für die marxistische Weltanschauung sei? Mehr und mehr gelangte ich zu der Auffassung: Wäre das der Fall, dann hätte es sich mit meinem Marxismus im Prinzip erledigt.
Kann also ein Christ Marxist sein? Der Theologie und Anhänger der bekennenden Kirche im Nationalsozialismus, Hellmut Gollwitzer, hatte sich die gleiche Frage bereits Anfang der 1950er Jahre gestellt, kurz nachdem er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. In seiner Schrift “Kann ein Christ Kommunist sein?”, gab er darauf eine eindeutige Antwort:
Nein.
Denn der Kommunismus sei nicht nur ein politisches Programm, schrieb Gollwitzer, vielmehr sei

“das Programm (…) eingeklammert von einer umfassenden Weltanschauung. Diese Weltanschauung macht Aussagen über das letzte Wesen der Welt, über das Wesen des Menschen, über den gesamten Gang der Geschichte und erhebt den Anspruch, dies alles – Welt, Menschenleben und Geschichte – ohne Gott erklären zu können. Sie ist also prinzipiell atheistisch und hält jede Religion, auch den christlichen Glauben, für eine Selbstbetäubung der Menschen (Opium für Volk, sagt Marx) und hinderlich für den Fortschritt.”

Der Christ hingegen glaubt das Gegenteil, schreibt Gollwitzer, und damit wäre die Frage (zunächst) beantwortet: “Ein Christ kann nicht Marxist sein, weil der Marxismus eine atheistische Weltanschauung ist.” (Helmut Gollwitzer: Kann ein Christ Kommunist sein? Verlag Kirche und Mann. Gütersloh. S. 2)
Später hat Gollwitzer diese Position teilweise revidiert. Ich denke jedoch, er hat in diesem Text ein wesentliches Phänomen benannt: nämlich den Absolutheitsanspruch des Marxismus. Der Marxismus ist schon bei Marx angelegt als umfassende und universelle Weltanschauung, die auf alle bedeutende Fragen der Menschheit ein Antwort geben könne: Und zwar

  • auf die Beziehung zwischen Ökonomie, Politik und Gesellschaft,
  • auf die geistesgeschichtliche Entwicklung der Menschheit
  • auf die Triebkräfte der geschichtlichen Entwicklung im Allgemeinen und Besondern,
  • auf die Beziehung zwischen stofflicher und geistiger Welt,
  • auf die Konstitutionsmerkmale und inneren Gesetze des Materiellen und Stofflichen,
  • auf die Entstehung von Ideologien, Weltanschauungen und Religionen
  • auf den Glauben an einen Gott und nicht zuletzt
  • auf das Wesen des Menschen.

Eine Theorie für alles, eine totale Theorie, gewissermaßen – und zwar ausgestattet mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und universeller Gültigkeit. Lenin schrieb: “Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung (…).”
Lenin hob die bolschewistische Partei aus der Taufe, die sich im Besitz dieser “allmächtigen Wahrheit” des Marxismus wähnte und als Avantgarde und Kaderpartei, ausgestattet mit exklusivem Wissen, die neue Gesellschaft schaffen wollte. Beseelt von der Überzeugung, im Besitz einer allmächtigen Wahrheit zu sein, konnte es keine Kompromisse, keine Diskussionen mehr geben. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als der Marxismus staatsförmig und zum Instrument einer Kaderpartei wurde, musste es mit demokratischer Kultur vorbei sein. Wir wissen, wohin das geführt hat.

Stalin, Mao und Pol Pot: Ausgeburten einer totalitären Ideologie

In der Geschichte der linken Bewegungen des 20. Jahrhunderts hat es viele Versuche gegeben, den Leninismus wieder vom Marxismus trennen und ihn so von der Verantwortung für die autoritären bis terroristischen Formen freizusprechen, die er unter Stalin, Mao, Pol Pot, Kim Ill Sung und anderen angenommen hat. Aber muss nicht eine Theorie, die einen Anspruch auf Totalität erhebt, zwangsläufig im Totalitarismus enden? Marx wollte gar keinen “Marxismus”, hieß es. Und doch hat er ihn durch seinen Universalismus, mit dem er meinte, alles erklären zu können und zu dem eben auch der Atheismus gehört, selbst begründet. Ich stimme deshalb Gollwitzers frühen Ergebnissen zu: ein Christ kann kein Marxist sein.

Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Und doch. Muss man mit dem Marxismus gleich den ganzen Marx über den Haufen werfen? Für mich gehört Karl Marx nach wie vor zu den genialsten Denkern der Neuzeit. Keiner hat die Strukturzusammenhänge von Ökonomie und Politik des Kapitalismus so präzise beschrieben wie er. Marx hat als erster die Bedeutung der materiellen Lebensbedingungen für die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft umrissen. Man muss Marx nicht mit dem Marxismus über den Haufen werfen, sondern kann seine Schriften als Steinbruch politisch-ökonomischer Erkenntnisse nutzen, wenn man gleichzeitig anerkennt, dass seine Analysen eine begrenzte Reichweite haben, die persönlich, historisch und philosophisch bedingt ist. Ich glaube, Marx hat uns noch etwas zu sagen – aber er kann uns nicht die ganze Welt und schon gar nicht Gott erklären. Der Marxismus als politische Ideologie ist ja ohnehin am Ende – und das ist auch gut so.

Für die soziale Utopie

Aber wir dürfen mit dem Marxismus natürlich nicht die soziale Utopie begraben. Wir brauchen den Entwurf von einer sozial gerechteren Welt, in der nicht ein Teil der Menschheit auf Kosten des anderen Teils lebt. Dass es noch Elend, Hunger und bittere Armut in dieser reichen Welt gibt, ist eine Katastrophe, mit der wir uns niemals abfinden dürfen. Wir brauchen eine Wirtschaftsordnung, die sich der gerechten Verteilung der Ressourcen und der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet weiß. Im Evangelium hat Christus sich den Erniedrigten und Ausgestoßenen zugewandt. Natürlich müssen sich Christen auf die Seite der Armen und Ausgebeuteten stellen. Wir brauchen die soziale Utopie von einer besseren Welt. Helmut Gollwitzer hat sein 1951 getroffenes Urteil, dass ein Christ kein Marxist sein kann, vor dem Hintergrund von Wettrüsten, vom Westen angefachter Bürgerkriege in der sogenannten dritten Welt, der Arroganz der Mächtigen und einer auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruhenden Wirtschaftsordnung später teilweise wieder revidiert. Darin folge ich ihm nicht.
Gollwitzer vertrat die Position: “Sozialisten können Christen, Christen müssen Sozialisten sein“. Ob der Sozialismus heute noch als Konzept für eine gerechtere Gesellschaft herhalten kann, weiß ich nicht. Wenn ich mir die heutigen Sozialisten so anschaue, beschleichen mich Zweifel. Aber dass wir uns als Christen auf die Seite die Armen stellen müssen und dass wir den Entwurf einer gerechteren Welt brauchen, darin gebe ich ihm uneingeschränkt recht. Denn das ist, wie ich meine, genuin christlich!

Keine Kommentare

Dez 20 2015

Die Forderung zu Weihnachten: Bettler rein!

Gemälde - Roma Frau

Vor einigen Tagen war ich zum Weihnachtshopping in der Innenstadt unterwegs. Als ich so durch die City Mall schlenderte, kam mir eine junge Frau entgegen – dunkler Typ, schwarzes Haar, langer weiter Rock und abgewetzter Mantel. Eine Erscheinung, die wir zielsicher mit osteuropäischem Roma identifizieren.

Die Lady sah mich und stürzte sofort auf mich zu: „Bitte bitte helfen“, rief sie und reckte mir ihre gefalteten Hände entgegen. Solche theatralischen Demutsgesten gehen uns coolen Mitteleuropäern – so auch mir – ganz erheblich auf die Nerven. Um möglichst schnell aus dieser Situation herauszukommen, gab ich ihr flugs einen Euro und machte mich auf und davon.

Nachdem ich einige Sachen erledigt hatte, begab ich mich etwa eine Stunde später zurück auf den Weg zum Parkhaus. Da lief mir genau jene Lady ein zweites Mal über den Weg. Die Frau sah mich, grinste kurz, steuerte zielgenau in meine Richtung und hob wieder mit erbarmungswürdigem Wehklagen an: „Bitte helfen, zu viele Kinder, keine Mann, bitte!“ Ich kann Leute, die so offensichtlich arm sind, nicht einfach stehen lassen, auch wenn sie mir auf die Nerven gehen. Vielleicht sieht man mir das an. Und wenn schon.
Bei dieser „Wiederholungstäterin“ war ich zwar doppelt genervt, aber okay, sollte sie doch noch einen Euro haben – ich hatte gerade ein Vielfaches davon ausgegebven. Allerdings schien die Dame zu merken, dass sie mit mir einen guten Fang gemacht hatte. Bei einem Euro ließ sie es daher nicht bewenden sondern drang darauf, dass ich mit ihr zum nahegelegenen Discounter gehen solle, um ihr einen Einkauf zu bezahlen. Das fand ich jetzt doch echt – zu viel des Guten. Bettler sollen gefälligst mit dem zufrieden sein, was man ihnen zusteckt. Unterwürfig war die Dame nicht, dafür um so theatralischer. Ich sann auf eine Fluchtmöglichkeit, steckte ihr dann schnell 10 Euro zu, drehte mich auf dem Absatz um und eilte davon. Nach einigen Metern blickte ich noch einmal zurück. Würde sie mir folgen? Die Frau sah mir aber nur mit ernstem, irgendwie überraschten Gesicht nach und rief mir dann noch „danke“ hinterher.
Schorsi spinnt – das war der spontane Impuls eines Bekannten, dem ich davon erzählte. Zu weich für diese Welt. Vielleicht hat er auch insgeheim gedacht: zu blöd – lässt sich sofort um den Finger wickeln. Lässt sich von so einer „Zigeunerbraut“ um zehn Euro erleichtern. Die muss ihre Kohle doch sowieso bei irgendeinem stinkreichen Mafiosiboss abliefern.
Nun ja, vielleicht.
Bildzeitung: Hier bringt die Bettel-Mafia IHR Geld zur Bank
Ich glaube aber, unsere Welt krankt nicht an zuviel Barmherzigkeit – sondern an zu wenig. Und lieber lasse ich mich von einer Roma-Lady beim (Weihnachts-)Einkauf bescheißen, als mich gegenüber Not zu verhärten. Und was heißt schon bescheißen: falls sie für einen rumänischen Mafiosi arbeitet, muss sie das auch nur tun, um selbst über die Runden zu kommen. Was wissen wir schon über die Abhängigkeitsverhältnisse in diesen Zusammenhängen?
Ich selbst bin dabei aber gar nicht so uneigennützig und edel, wie ich vielleicht zunächst den Anschein erwecke(n) will. Denn mit dem Geben und dem Erzählen dieser Geschichte erhebe ich mich natürlich auch moralisch. Ich schlüpfe, wie der ehemalige katholische Blogger Johannes Martin Grannenfeld (dessen Blog inzwischen leider geschlossen ist) in einem seiner klugen Artikel haarscharf feststellte, in die Rolle des Überlegenen (und Guten), der sich in der Peinlichkeit des gnädigen Hinabbeugens zu dem Bettler gleichsam selbst erhöht:

Grannenfeld:

Die Peinlichkeit des Almosengebens besteht darin, dass ich einem Menschen gegenüberstehe, den ich zu achten und zu lieben bereit bin wie jeden anderen auch – und dass mir das aufgrund der Situation verwehrt bleibt. Ich erlebe mich beim Almosengeben zwangsläufig als hochmütig, da ich die Rolle des Überlegenen einnehme, selbst wenn ich das nicht will.

Das ist ein Dilemma, das Grannenfeld mit christlicher Dialektik auflöst.

„Christus spricht selbst: ‚Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan’ (Mt 25, 40). „Im Bettler erblicken wir Christus, (…) Der Bettler, der nichts hat, und Christus, der alles hat, entsprechen einander, weil Christus die Fülle dahingegeben hat und der Bettler die Fülle gewinnen wird. Wir aber, wir ‚normalen’ Menschen, stehen dazwischen. Wir werden nie mit dem Bettler und nie mit Christus auf Augenhöhe stehen.“

Wir kommen aus dem Dilemma nur durch den Glauben an Christus raus, sagt Grannenfeld. Christus reißt die, die an ihn glauben, mit sich „ins Paradies“. Er beugt sich zu uns herab wie zu Bettlern. Und im Bettler begegnet er uns gleichsam selbst.

Diese Geschichte von der Roma-Bettlerin und Grannenfelds Blogbeitrag fielen mir heute wieder ein, als ich i meinem noch nicht entsorgten Altpapier einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung fand (HAZ) in dem darüber berichtet wurde, dass in Norwegen ein Verbot für Bettler geplant sei. In Norwegens Hauptstadt Oslo bestand schon seit einem Jahr ein Bettelverbot, jetzt sollte es auf das ganze Land ausgedehnt werden.

„Sogar das Geben von Almosen an Bettler will die Regierung künftig unter Strafe stellen. Wer Bettlern hilft, soll mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden. Strafbar ist laut dem Regierungsentwurf jede Art von Gabe, die Bettelei erleichtert, ob es sich nun um Geld oder eine Herberge handelt (HAZ vom 08.02.2015).“

Gemälde Bettelnde Frauen Bettelverbot

Norwegen macht dem restlichen Europa vor, wie mit dem unschönen Nebeneffekt der europäischen Einigung umzugehen ist. Natürlich gehe es in erster Linie darum, die organisierte Bettelei zu bekämpfen, beteuerte man im norwegischen Justizministerium.
Handel und Wandel, gern. „Qualifizierte Fachkräfte“, herein damit. Aber dass es in diesem Europa auch schreiendes Elend und Slums gibt, das muss man sich nicht auch noch zumuten. Erstens haben wir jetzt schließlich “richtigen” Flüchtlinge hier – die aus Syrien – und außerdem macht es uns schon genug Scherereien, das eigene Lumpenproletariat aus den Shoppingmeilen unserer Innenstädte zu vertreiben.
Die bettelnden Zigeuner mit ihrem wahlweise unterwürfigen oder theatralischem Gehabe nerven. Sie verderben uns die gute Laune. „So einem Penner gebe ich ja schon mal einen Euro, das ist okay, aber die mit ihrem unterwürfigem Gehabe, das geht gar nicht“, habe ich schon oft in meinem Bekanntenkreis gehört. Da stimme ich ganz spontan sogar erst einmal zu.
Kriminelle Banden? Vielleicht. Wo Not ist, entsteht Kriminalität. Die Not führt uns die eigene Saturiertheit vor Augen. Wir wollen doch kein schlechtes Gewissen kriegen, beim Einkaufen. Das bringt den Spießer auf die Palme und weckt den kleinen Spießer in uns selbst.
Roma-Slum in Osteuropa
Die Roma sind die Parias Europas, das europäische Lumpenproletariat. Selbst unter den Flüchtlingen stehen sie auf der Mitleidsskala ganz unten. Erst vor kurzem hat man Hunderte von ihnen in den Kosovo abgeschoben, ohne dass es jemanden der vielen Flüchtlingsfreunde groß interessiert hätte (den Flüchtlingsrat Niedersachsen mal ausgenommen).
In ihren Herkunftsländern sind die Roma abgeschoben in Slums, an den Rand von Müllkippen. Sie zeigen uns, dass es in diesem Europa ein Elend gibt, das wir doch eigentlich in die sogenannte Dritte Weltverdrängt sahen. Das hat doch nichts mit uns zu tun. Doch genau dieses Elend kommt uns immer näher. Dass die Elenden in unsere Städte kommen, um etwas besser zu leben als in den Slums ihrer Heimatländer, das passt uns nicht. Wir wollen es nicht sehen, denn wenn wir es wirklich sehen würden, müssten wir uns wohlmöglich irgendwie verantwortlich fühlen.
Und genau deshalb müssen die Elenden auch in unserer schönen metropolitanen Glitzerwelt bleiben. Um uns zu zwingen hinzuschauen – nicht nur zu Weihnachen!
Die Bettler aus unseren Städten, aus unserem Leben zu vertreiben, das heißt (nicht nur) aus der Perspektive von Grannenfelds christlicher Dialektik auch, Christus selbst aus unserem Leben zu vertreiben. In diesem Sinne kann ich ganz weihnachtlich nur sagen: Bettler rein!

Keine Kommentare

Aug 10 2014

Was sollen wir tun?

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Christus am Kreuz

Der Geistbraus-Blogger findet die richtigen Worte, wo es uns allen angesichts dieses Wahnsinns im Irak und anderswo doch die Sprache verschlägt.
Was sollen wir tun,

angesichts dieser unendlichen Woge von Hass und Grausamkeit?? Was könnten wir dem unaussprechlichen Leid entgegensetzen, das in diesen Tagen tausenden, zehntausenden, ja hunderttausenden Menschen aus den ältesten Christengemeinden der Welt angetan wird? Es mutet so schal, so vollkommen banal und sinnlos an, hier im Berliner Sommer zu sitzen, während anderswo Menschenleben, Gemeinden und Kulturen von diesen Schlächtern, die ihren Lohn bereits gehabt haben, kaputtgehauen werden. Wir können beten, wir können bloggen, wir können unsere Avatare gegen Nuns vertauschen, wir können Geld spenden (hier gibt Andreas dankenswerterweise Hinweise dazu). Und doch bleibt das alles dem Elend so ganz und gar inkommensurabel. Mehr lässt sich nicht sagen. Mehr lässt sich nicht sagen

Müssen jetzt die Kurden gestärkt werden?, Ja, vielleicht auch mit Waffen? Weil sie scheinbar die einzigen sind, die sich diesen Schlächtern noch in den Weg stellen können?

Keine Kommentare

Apr 21 2014

Das private Bekenntnis ist politisch

Afrikanische Maske
„Das Private ist politisch“ hieß es früher in der Spontiszene, an deren Rändern auch ich mich vor Jahren herumtrieb, zum Glück nie so exzessiv, wie unser frührer Verteidigungsminister Fischer, wie ich zu meiner Verteidigung sagen muss. Wie auch immer: Damit war gemeint, dass natürlich auch die privat genannten Lebensbereiche immer schon Teile eines politisch, sozial und kulturell vorgeprägten Milieus sind und waren. Geprägt durch gesellschaftliche Werte und Normen, durch gesellschaftliche Machtverhältnisse und durch die sozialökonomischen Bedingungen, in denen sie sich jeweils reproduzieren.

Und da ist ja in der Tat auch was dran: Die Organisation der Lebensverhältnisse im Privaten wird durch die gesellschaftlich und sozialkulturellen Sitten und Normen geprägt, so wie diese auch umgekehrt den real existierenden Normen und Werten in einer Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken. Wer etwa würde behaupten, dass beispielsweise das neuerliche Recht homosexueller Paare auf Eheschließung beziehungsweise amtlich sanktionierter Partnerschaft nicht ein auch politisch hochbrisantes Thema ist. Soviel zur Vorrede.

Heutzutage erlebe ich es immer wieder, dass die einstigen Apologeten des politisch Privaten beim Thema Religion kurz und bündig behaupten, dass sei nun etwas rein Privates und könne daher auch nicht Gegenstand einer Auseinandersetzung sein. Da heißt es dann in einem etwas mitleidsvollen Ton: „Wenns denn das Herz wärmt, glaub was du willst.“ Gottsuche und Gottesglaube wird ruckzuck privatisiert.
Nun will ich daran zumindest soviel gelten lassen, als dass jeder selbst bestimmen muss und auch bestimmen dürfen soll, für welches persönliche Bekenntnis er sich entscheidet. Aber schon das ist politisch. Die Gewissensfreiheit des Einzelnen ist keineswegs etwas Selbstverständliches, sondern eine Errungenschaft in christlich geprägten und demokratisch verfassten Gesellschaften. In vielen islamischen Ländern beispielsweise gibt es diese Gewissensfreiheit nicht. Nach dem islamischen Rechtssystem, der Scharia, ist etwa der Abfall vom Islam, die Apostasie, ein Verbrechen, dass in manchen Ländern sogar mit dem Tod bestraft wird. Insofern also die Religion ein ganz bedeutender sozialkultureller Faktor ist, der die jeweiligen gesellschaftlichen und sozialen Lebensverhältnisse wesentlich prägt, ist sie natürlich nie und nimmer Privatsache. So hat das Christentum einen ganz entscheidenden Einfluss auf die westlich-demokratischen Gesellschaften genommen: Menschenrechte und Grundrechte, die persönlichen Freiheiten des Einzelnen einschließlich der Gewissensfreiheit beruhen auf christlichen Werten. Das Christentum hat trotz allem Machtgebaren feudaler Würdenträger frührer Zeiten, auch in der Kirche, die von ihm dominierten Gesellschaften in einem widersprüchlichen Prozess letztendlich deutlich zivilisiert. Das gilt auch und trotz des zerstörerischen Potenzials und der Hervorbringung globaler ökonomischer Ungleichheiten, die immer noch fortbestehen. Das wir Gleichheit aber überhaupt als einen Wert an sich betrachten können, für den es sich einzusetzen und zu streiten lohnt, ist Ausdruck unseres christlichen Erbes. Deswegen lasse ich mich inzwischen auch gern als christlicher Eurozentrist titulieren.
Die Religion ist also keineswegs etwas Privates. Und auch mein persönliches Bekenntnis ist letztlich nicht nur privat. Es ist Ausdruck meiner persönlichen Wahrheitssuche, und Wahrheit ist letztlich nie etwas Privates sondern universell! Mein Bekenntnis – oder sagen wir besser, meine Form der Gott- und Wahrheitssuche, lässt sich auch nicht von anderen Facetten meiner Persönlichkeit trennen, sonern prägt mein Denken und Handeln in meinem sozialkulturellen Umfeld auf Mikroebene, aber auch mein politisches und soziales Denken und Handeln. Es gilt daher: Das private religiöse Bekenntnis ist politisch!

Keine Kommentare

Jun 01 2013

Christentum und Emanzipation

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Säkularisierung – geschichtliche Entwicklung – Bürgertum

In der Bibelpassage Matthäus 22, Vers 15-22 des Neuen Testaments spricht Jesus Christus über das Verhältnis von weltlicher und transzendenter Herrschaft:

„15 Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in seinen Worten fangen könnten; 16 und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes. Die sprachen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. 17 Darum sage uns, was meinst du: Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt, oder nicht? 18 Als nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? 19 Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. 20 Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? 21 Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! 22 Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.“

Jesus verweist Göttliches und weltliche Regentschaft auf zwei verschiedene Ebenen, er unterscheidet weltliche und göttliche Ansprüche. Damit entwickelt er eine der wesentlichen christlich-diskursiven Grundlagen für die Nicht-Identität von Religion und Macht und damit letztendlich für die Säkularisierung weltlicher Machtausübung.
Ernst Bloch hat in seiner Schrift „Atheismus im Christentum“ unter anderem diesen Aspekt aufgegriffen und dargelegt, dass das Christentum zahlreiche gegen Herrschaft und Ausbeutung gerichtete plebiszitäre Botschaften enthält, die auch für eine an Befreiung im Hier und Jetzt interessierte Linke bedeutsam sind. Bloch hat recht: Die christliche Offenbarung ist voll von Antagonismen zwischen oben und unten, arm und reich, dem Reich Gottes und weltlicher Machtfülle. Obgleich die Geschichte des Christentums auch eine über tausendjährige Geschichte der Machtkirche und der Kirchenmacht ist, kamen Herrschaft und Verkündigung nie vollends zusammen, ging das eine nie ganz in dem anderen auf, ist die Geschichte des Christentums auch eine Geschichte der Nichtidentität zwischen Herrschaft und Religiosität. Durch die Geschichte des Christentums insgesamt zieht sich nicht erst seit der Reformation der Unterstrom eines revolutionären, herrschaftskritischen Diskurses, der wesentlich zur Dynamik der Entwicklung christlicher Gesellschaften beigetragen hat und so etwas wie – sagen wir – eine ideelle Produktivkraft des Fortschritts darstellt. In dieser Nichtidentität sind einige entscheidende Ursachen für die Entkoppelung von Religion und Machapparat enthalten, die sich einerseits in der Entfernung des Religiösen vom Weltlichen und andererseits in der religiös motivierten Herrschaftskritik ausdrücken. In den meisten anderen Religionen hat es so etwas nicht gegeben.
Insofern ist das Bürgertum und seine kapitalistische Gesellschaft das Ergebnis eines Säkularisierungsprozesses, der den christlichen Gesellschaften von Anbeginn eingeschrieben war und in Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkräfte schließlich in die Aufklärung und die bürgerliche Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen und Verwerfungen mündete.
Die Säkularisierung war jenes Phänomen, welches Produktivkraftentwicklung und protestantische Ethik zum amalgamieren brachte. Nicht der Zufluss von Ressourcen bedingte die Säkularisierung, vielmehr bedingte die Säkularisierung die produktive Verwertung der Ressourcen. Denn nur im Kontext des Prozesses der Säkularisierung, der Infragestellung der religiös legitimierten Macht und des religiösen und politischen Herrschaftsanspruchs der Machtkirche, (der Konstruktion eines vor Gott und in der Welt autonomen Individuums) mithin durch die Entstehung des bürgerlichen Subjekts und des Bürgertums als Schicht beziehungsweise Klasse, konnten die wissenschaftlich-technischen Entwicklungen und der Zufluss von Ressourcen zu jener wirtschaftlichen Kraft werden, die Kapital – also Wert in Geldform zwecks Neuschaffung von Wert in Geldform in immer größeren Mengen – produzierte und schließlich den Kapitalismus schuf. Als die Spanier begannen, das Gold der Inkas auszuplündern, war ein weit entwickeltes Bürgertum geschäftiger Kaufleute in den Städten der Hanse und insbesondere in den noch spanischen aber bereits protestantischen Niederlanden längst vorhanden, das diesen Zufluss an Warenäquivalenten begierig aufsog und in seinen Manufakturen zu jenem ursprünglichen Kapital akkumulierte, welches schließlich die Grundlage für die Entstehung und Ausbreitung des markwirtschaftlichen Kapitalismus bilden sollte. Die Säkularisierung war der christlichen Gesellschaft dabei bereits eingeschrieben, als jene Kräfte, die sie hervorgebracht hatte, daran gingen, die Zünfte zu zerstören, die Allmende als gemeinschaftliches Eigentum zu zerschlagen und das autonome bürgerliche Individuen zu formen.

Christentum und Emanzipation

Emanzipation ist christlich! Der gekreuzigten Christus hat sich durch seinen Tod und durch sein Sterben am Kreuz tiefer zu den Erniedrigten, Geknechteten, Verlassenen und Verachteten hinabgebeugt, als je ein Mensch sich vor einem anderen verbeugen kann. Das Kreuzesopfer Christi ist daher auch die größtmögliche solidarische Geste gegenüber den Opfern von Macht und Gewalt. Gerade deshalb wird in diesem Motiv auch nicht nur Opfer als solches verherrlicht. Durch die Hinwendung an die Opfer wird vielmehr auch die Macht und Gewalt denunziert, der diese Opfer immer wieder unterliegen, damit durch das eine Opfer Christi alle weiteren Opfer ein für allemal überflüssig werden, ein Prozess, der nur durch eine macht- und gewaltfreie Konstitution des menschlichen Zusammenlebens gelingen und vollendet werden kann. Das Bild des gekreuzigten Christus ist mithin auch radikalste Gewaltkritik! Das christliche Ostern repräsentiert daher auch die Einleitung eines Prozesses der radikalen Kritik, dessen Ziel und Fluchtpunkt es eben ist , “alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx). Genau aus diesem Grund ist dem Christentum ein antiideologisches Moment und der Machtkirche quasi ihr eigener Antagonismus von Anfang an eingeschrieben. Dieser Umstand hat seit 2000 Jahren für reichlich soziale Bewegung gesorgt! Machtkritik und Emanzipation haben grundsätzlich jüdisch-christliche Wurzeln. Das Christentum hat der jüdischen Ethik einen universellen Impetus gegeben und mit dem Gekreuzigten der eschatologischen Tendenz des Jüdischen eine konkrete und reale Utopie verliehen, eine Realutopie sagte man früher innerhalb der Linken. In der Adventszeit, der Zeit, in der die Ankunft von Christus erwartet wird, wird daran erinnert, was im Lukasevangelium, in den Magnificat genannten Versen, über das Erscheinen Christi gesagt wird: „Denn Großes hat an mir getan der Mächtige, / heilig ist Sein Name. / Und Sein Erbarmen waltet von Geschlecht zu Geschlecht / über allen, die ihn fürchten. / Er übt Macht mit Seinem Arm, / zerstreut, die stolzen Sinnes sind. / Mächtige stürzt er vom Thron, / und Niedrige erhöht Er. / Hungrige erfüllt er mit Gütern, / und Reiche läßt Er leer ausgehen.“ Macht- und Herrschaftskritik haben seither immer wieder an den Grundfesten von Klassengesellschaften gerüttelt.“ Das Magnificat ist gleichsam die Grundlegung von Emanzipation und Aufklärung!
Machtkritik und Emanzipation speisen sich heute nur noch mittelbar aus diesen Quellen und haben sich im Prozess der Aufklärung bekanntermaßen ihrerseits säkularisiert. Insofern sind Judentum und Christentum die einzigen Religionen, die durch die ihnen innewohnenden Säkularisierungstendenzen quasi ihre eigene Antithese hervorgebracht haben: die Religionskritik. Sie ist Fleisch vom Fleisch des Judentums und des Christentums und wird, wenn sie ihren pubertären Atheismus überwunden hat, konzedieren müssen, das Ideologiekritik an einer ins Machtverhältnis gewendeten Religion etwas ganz anderes ist als die Auseinandersetzung und Erfahrungssuche in Richtung auf jene universelle Intelligenz, die wir Gott nennen.

Keine Kommentare

Mrz 12 2013

Freiheit

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Freiheit ist vom Kerngedanken her immer schon etwas Göttliches.

Ein Benediktinerpater

Keine Kommentare

Feb 24 2013

Mostrich und Maastrich

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Macht Mostrich aus Maastrich, so lautete Ende der 1980-Jahre ein Slogan aus den Reihen der linken EU-Gegner. Sie wandten sich damals aus verschiedenen Gründen gegen den sogenannten Vertrag von Maastrich, durch den im Jahr 1992 in eben jener niederländischen Stadt die Europäische Union (EU) aus der Taufe gehoben wurde. Wie viel Mostrich in Maastrich noch produziert werden würde, das konnte damals wohl noch keiner ahnen. Oder doch. Jüngst hat jedenfalls unser Bundespräsident Joachim Gauck, der evangelische Pastor aus der untergegangen DDR, seinen ganz eigenen Senf dazugegeben:

“Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.”

Nein? War es nicht vielleicht der „Kommunismus“? Das ihm der, der seinen ganz persönlichen Mythos nicht zuletzt dem Kampf dagegen zu verdanken hat, nicht eingefallen ist, dürfte ihm der eine oder andere vielleicht dann doch verübeln. Auf alles andere hat Martin Johannes Grannenfeld hingewiesen:

„Nein, freilich, Entscheidungsschlachten gegen äußere Feinde hat Europa nie geschlagen, 732, 1571 und 1683 sind als besonders friedliche Jahre des interkulturellen Austauschs in die Geschichte eingegangen“.

Und mehr als dort gesagt wird, gibt es dazu eigentlich auch nicht zu sagen.
Hier weiterlesen.

Keine Kommentare

Feb 16 2013

Rücktritt des Papstes – Fragen und Anworten

Im Zusammenhang mit dem Rücktritt Papst Benedikts XVI. von seinem Amt hat sich wohl nicht nur mir die Frage gestellt, inwieweit solch eine Position überhaupt einen Rücktritt zulässt. Oder anders formuliert: Natürlich vermag ein Papst zurückzutreten, aber bleibt er dadurch nicht trotzdem Papst. Auch Bischöfe – an deren Spitze der Papst in der (römisch-) katholischen Kirche als Pontifex Maximus, oberster Brückenbauer, steht – können zwar von der Amtsausübung zurücktreten, verlieren als geweihte Amtsträger in der Kirche aber doch nicht ihre Bischofswürde. Sie bleiben Bischöfe, die ihr Amt nicht mehr ausüben. Ebenso bleibt ein Papst doch wohl Papst, der sein Amt nicht mehr ausübt, ein emeritierter Bischof von Rom gleichsam. Bedeutet das, dass es mit der Neuwahl zwei Päpste gibt: einen, der das Amt aktiv innehat und einen anderen, der auf die dem Amt innewohnenden Rechte und Pflichten verzichtet, sie aber gleichwohl – rein theoretisch natürlich, jederzeit wieder aufnehmen könnte!? Und was könnten sich daraus, rein theoretisch, für kirchenpolitische Probleme ergeben. Ist dieser Gedanke zu abstrakt? Sehr wahrscheinlich, denn Papst Benedikt XVI. gilt als bedachter, gewissenhafter und auch analytisch denkender Mensch, der sich mit möglichen Komplikationen, die seine Entscheidung kirchenpolitisch auslösen könnte, sicher intensiv auseinandergesetzt hat.
Die Begründung dieses für ihn offenkundig notwendig gewordenen Schrittes hat der Papst am jenem Rosenmontag den 11. Januar 2013 in seiner Ansprache vor den Kardinälen erläutert, wiewohl Einiges den Nicht-Lateinern vielleicht hinter den lateinischen Sätzen verborgen geblieben ist, wie der Historiker Michael Stürmer auf welt.de erklärt.

Er hat einen sehr interessanten Satz hineingefügt, den man wohl im ursprünglichen Latein nur voll verstehen kann. Er hat gesagt, das die Welt von so viel widerstreitenden Kräften zerrissen wird, dass er nicht die Kraft hat, sie wieder zusammen zu setzen. Das ist natürlich eine Anspielung in der lateinischen und griechischen Kirchensprache auf den diabolus, den Teufel“, und Διάβολος heißt im Griechischen nichts anderes, als alles durcheinander werfen. Das heißt, hier ist die Welt des Teufels, und die Kräfte, seines, des Papstes Kräfte, reichen nicht aus, um die Welt vor den teuflischen Kräften zu bewahren.

Einige der Ultra-Aufklärer werden dabei wieder die Nase rümpfen und sich darin bestätigt sehen, dass die Kirche und ihre Würdenträger eben doch noch immer in mittelalterlichen Kategorien dächten. Aber nur ein kurzer Blick auf die derzeitige Weltsituation reicht aus, um die Sache etwas anders zu betrachten: Kriege auf allen Kontinenten, Wirtschafts- Währungs- und Kapitalkrisen im Westen, ethnische Spannungen allenthalben, ein zu äußerster Gewaltbereitschaft neigender Extremismus, Verlust ethischer Orientierungspunkte, Verunsicherung und auf der anderen Seite ein ungebremster Hedonismus der Besitzenden, Mächtigen und ihres Personals. Kein Zweifel, in dieser Welt wirken destruktive Kräfte. Sie ist verstärkt zentrifugalen Kräften ausgesetzt, zunehmende räumliche Verdichtung hier, wachsende soziale Spaltung und Verlust von Orientierungen da. Es gibt Grund genug, an der Welt zu verzweifeln. Papst Benedikt XVI. hat es wohl als Aufgabe der Kirche und mithin wesentlich auch als seine eigene angesehen, hier einen Ausgleich zu schaffen und er hat sich eingestehen müssen, dass seine Kräfte dazu nicht (mehr) ausreichen. So gesehen, war sein Rücktritt ein konsequenter Schritt.

Keine Kommentare

Jan 09 2013

Katholiken für Israel 2

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Auf der Website freysing.blogspot.de ist mir heute dieser Beitrag begegnet:

Der altgediente Großmeister des weltpolitischen Journalismus, Peter Scholl-Latour, vermerkte in seinem Frankreich-Buch einen Gedanken, der ihm im Gespräch mit französischen Adeligen und Résistance-Veteranen nach dem Ende des Weltkrieges kam, und der leider nach wie vor aktuell klingt. Der Haß auf das jüdische Volk speise sich, so Scholl-Latour, aus dem alten Haß auf das Volk, aus dem die Muttergottes hervorging und das uns den Erlöser schenkte. Die Kräfte des Antichristen müßten dieses Volk hassen und verfolgen, weil mit ihm die Kirche, das Christentum, die Erlösung in die Welt kam.

Ein gewissen Weitblick sollte man dem guten Peter Scholl-Latour nicht absprechen, trotz allem, was sich gegen ihn vielleicht sonst auch vorbringen ließe.

Weblink: http://freysing.blogspot.de/2010/06/katholiken-fur-israel.html

Keine Kommentare