Jan 03 2016

Kann ein Christ Marxist sein?

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Marx, Karl

Mein langer Abschied vom Marxismus

Im Wendejahr 1989 sprach der damalige Arbeits- und Sozialminister der christliberalen Regierungskoalition in Deutschland, Norbert Blüm, vor polnischen Werftarbeitern in Danzig. Dort hatte der sichtbare Zusammenbruch des Sowjetsystems Anfang der 1980er Jahre begonnen und inzwischen seinen Höhepunkt erreicht. Seiner Freude darüber gab der gläubige Katholik Blüm dabei mit markigen Worten Ausdruck: “Marx ist tot, Jesus lebt”, verkündete er den jubelnden Arbeitern. Mir persönlich war seinerzeit ganz und gar nicht zum Jubeln zumute. Im Gegenteil: Ich habe mich damals über Blüms Spruch geärgert. Denn ich verstand mich als Marxist. Und auch wenn ich mit den östlichen Staatssozialismen haderte und längst keiner Organisation mehr angehörte, so galten sie mir doch immer noch als erhaltenswerte Versuche, eine sozial gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Den Untergang des Staatssozialismus empfand ich daher fast wie eine persönliche Niederlage
Als vor etwa 15 Jahren Christus an meine Tür klopfte, hätte ich meinen Marxismus gern gerettet. Ich wollte am liebsten beides sein, Christ und Marxist – und fand mich bestätigt durch lateinamerikanische Befreiungstheologen wie den ehemaligen nicaraguanischen Kulturminister Ernesto Cardenal. Das Evangelium sei die gute Nachricht von der Befreiung der Armen, sagt Cardenal – ähnlich übrigens, wie der derzeitige Papst. Weil auch Marx auf eine gerechte, ja perfekte, Gesellschaft ziele, deshalb könne er, Cardenal, sich als Christ und Marxist zugleich verstehen.

Transzendenz und Kommunismus. Nicht vereinbar?

So wie bei Cardenal und anderen Befreiungstheologen hatte es schon Jahrzehnte zuvor Versuche gegeben, den Marxismus – beziehungsweise seit Anbruch des 20. Jahrhunderts den Marxismus-Leninismus – mit dem Glauben an einen Gott zu versöhnen. Ein solches Bespiel finden wir etwa bei dem russischen Schriftsteller Maxim Gorki, der ein glühender Anhänger Lenis und der Bolschewiken war. Von marxistischer und kommunistischer Seite hat man solche Arrangements zeitweilig aus taktischen Gründen toleriert. Die Einheit des revolutionären Kampfes sei wichtiger als die Einheit der Meinung der Proletarier, beschied etwa Lenin seinen Genossen und Bündnispartnern (Küng 2004. s. 275). Letztendlich jedoch haben Marxisten solche Avancen weltanschaulich immer energisch zurückgewiesen. Ihre materialistischen Überzeugungen hielten sie mit der Annahme einer transzendenten Wirklichkeit unter dem Strich als nicht vereinbar. Lenin etwa las seinem Verehrer Gorki kräftig die Leviten und etikettierte den “‘Volks’-begriff vom lieben Gott und vom Göttlichen” als puren Stumpfsinn. Wie er, Gorki, den Volksglauben an Gott als demokratisch bezeichnen könne, sei ihm absolut unverständlich, schrieb Lenin dem Schriftsteller ins Stammbuch.

“Eins auf die Pappn“

Die herablassende Geste der Linken gegenüber Christen hat sich bis heute gehalten. Die Ex-Sponti-Postille “Die Taz” hat für ihre gläubigen Fans in der Regel nur Hohn und Spott übrig. Alt-Katholiken und Protestanten unter den Tazlesern, die sich etwa über Leitartikel freuen, in denen süffisant die Abschaffung des Papstamtes gefordert wird, sollten sich darüber klar sein, dass ein Großteil der Taz-Schreiber am liebsten gleich die ganze Kirche (und nicht nur die römische) abgeschafft sähe und mit dieser Auffassung selten hinterm Berg hält.
Sich als links verstehende Christen mögen sich noch so viel Mühe geben und beteuern, sie ständen auf der Seite der Benachteiligten, an den Rand gedrängten und Ausgebeuteten, sie können noch so oft darauf hinweisen, dass es einen herrschaftskritischen und revolutionären Unterstrom in der Geschichte des Christentums gäbe, es nützt nichts: am Ende gibts die Watschen – beziehungsweise eins “auf die Pappn”. So hat Hermann Gremliza, Herausgeber von “konkret“, (trotz allem eines der wenigen einigermaßen klugen linken Blätter in dieser Republik), schon vor Jahren seine Perspektive – die gleichsam Mehrheitsmeinung unter Marxisten ist – klargestellt:

“Jedes Stückchen Emanzipation der Menschheit, noch das bescheidenste, ist nicht mit, sondern gegen Religion und Kirche erkämpft worden. Und schlichtester Anstand müßte es verbieten, einer religiösen Organisation, deren Geschichte eine einzige breite Blutspur zeichnet, den Gebrauch des Wortes »Menschenrecht« anders zu quittieren als mit Hohnlachen oder einem Schlag auf die Pappn.”

Natürlich irrt Gremliza hier gewaltig: das Menschenrecht, auch wie Gremliza es versteht, ist ohne das Christentum gar nicht denkbar – aber das soll nicht Gegenstand der Erörterung sein.
Mich ob meines linken christlichen Gemüts haben solche Ausfälle lange bekümmert. Aber der Umstand, dass Marxisten und Kommunisten uns Christen im Grunde für bescheuert halten, muss ja noch nicht per se gegen die Vereinbarkeit von Marxismus und Gottglauben sprechen.

Risse im marxistischen Gebälk

Und doch bekam mein Marxismus mit der Zeit mehr und mehr Risse. Ich fragte mich, ob der marxistische Atheismus wirklich nur ein politisches Phänomen sei, geschuldet dem Umstand, dass Kirchenvertreter in Vergangenheit und Gegenwart oftmals eher den Mächtigen, Herrschern und Ausbeutern und nicht ihren Opfern nahe standen (und stehen). Oder ob dieser Atheismus nicht vielmehr doch konstitutiv für die marxistische Weltanschauung sei? Mehr und mehr gelangte ich zu der Auffassung: Wäre das der Fall, dann hätte es sich mit meinem Marxismus im Prinzip erledigt.
Kann also ein Christ Marxist sein? Der Theologie und Anhänger der bekennenden Kirche im Nationalsozialismus, Hellmut Gollwitzer, hatte sich die gleiche Frage bereits Anfang der 1950er Jahre gestellt, kurz nachdem er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. In seiner Schrift “Kann ein Christ Kommunist sein?”, gab er darauf eine eindeutige Antwort:
Nein.
Denn der Kommunismus sei nicht nur ein politisches Programm, schrieb Gollwitzer, vielmehr sei

“das Programm (…) eingeklammert von einer umfassenden Weltanschauung. Diese Weltanschauung macht Aussagen über das letzte Wesen der Welt, über das Wesen des Menschen, über den gesamten Gang der Geschichte und erhebt den Anspruch, dies alles – Welt, Menschenleben und Geschichte – ohne Gott erklären zu können. Sie ist also prinzipiell atheistisch und hält jede Religion, auch den christlichen Glauben, für eine Selbstbetäubung der Menschen (Opium für Volk, sagt Marx) und hinderlich für den Fortschritt.”

Der Christ hingegen glaubt das Gegenteil, schreibt Gollwitzer, und damit wäre die Frage (zunächst) beantwortet: “Ein Christ kann nicht Marxist sein, weil der Marxismus eine atheistische Weltanschauung ist.” (Helmut Gollwitzer: Kann ein Christ Kommunist sein? Verlag Kirche und Mann. Gütersloh. S. 2)
Später hat Gollwitzer diese Position teilweise revidiert. Ich denke jedoch, er hat in diesem Text ein wesentliches Phänomen benannt: nämlich den Absolutheitsanspruch des Marxismus. Der Marxismus ist schon bei Marx angelegt als umfassende und universelle Weltanschauung, die auf alle bedeutende Fragen der Menschheit ein Antwort geben könne: Und zwar

  • auf die Beziehung zwischen Ökonomie, Politik und Gesellschaft,
  • auf die geistesgeschichtliche Entwicklung der Menschheit
  • auf die Triebkräfte der geschichtlichen Entwicklung im Allgemeinen und Besondern,
  • auf die Beziehung zwischen stofflicher und geistiger Welt,
  • auf die Konstitutionsmerkmale und inneren Gesetze des Materiellen und Stofflichen,
  • auf die Entstehung von Ideologien, Weltanschauungen und Religionen
  • auf den Glauben an einen Gott und nicht zuletzt
  • auf das Wesen des Menschen.

Eine Theorie für alles, eine totale Theorie, gewissermaßen – und zwar ausgestattet mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und universeller Gültigkeit. Lenin schrieb: “Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung (…).”
Lenin hob die bolschewistische Partei aus der Taufe, die sich im Besitz dieser “allmächtigen Wahrheit” des Marxismus wähnte und als Avantgarde und Kaderpartei, ausgestattet mit exklusivem Wissen, die neue Gesellschaft schaffen wollte. Beseelt von der Überzeugung, im Besitz einer allmächtigen Wahrheit zu sein, konnte es keine Kompromisse, keine Diskussionen mehr geben. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als der Marxismus staatsförmig und zum Instrument einer Kaderpartei wurde, musste es mit demokratischer Kultur vorbei sein. Wir wissen, wohin das geführt hat.

Stalin, Mao und Pol Pot: Ausgeburten einer totalitären Ideologie

In der Geschichte der linken Bewegungen des 20. Jahrhunderts hat es viele Versuche gegeben, den Leninismus wieder vom Marxismus trennen und ihn so von der Verantwortung für die autoritären bis terroristischen Formen freizusprechen, die er unter Stalin, Mao, Pol Pot, Kim Ill Sung und anderen angenommen hat. Aber muss nicht eine Theorie, die einen Anspruch auf Totalität erhebt, zwangsläufig im Totalitarismus enden? Marx wollte gar keinen “Marxismus”, hieß es. Und doch hat er ihn durch seinen Universalismus, mit dem er meinte, alles erklären zu können und zu dem eben auch der Atheismus gehört, selbst begründet. Ich stimme deshalb Gollwitzers frühen Ergebnissen zu: ein Christ kann kein Marxist sein.

Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Und doch. Muss man mit dem Marxismus gleich den ganzen Marx über den Haufen werfen? Für mich gehört Karl Marx nach wie vor zu den genialsten Denkern der Neuzeit. Keiner hat die Strukturzusammenhänge von Ökonomie und Politik des Kapitalismus so präzise beschrieben wie er. Marx hat als erster die Bedeutung der materiellen Lebensbedingungen für die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft umrissen. Man muss Marx nicht mit dem Marxismus über den Haufen werfen, sondern kann seine Schriften als Steinbruch politisch-ökonomischer Erkenntnisse nutzen, wenn man gleichzeitig anerkennt, dass seine Analysen eine begrenzte Reichweite haben, die persönlich, historisch und philosophisch bedingt ist. Ich glaube, Marx hat uns noch etwas zu sagen – aber er kann uns nicht die ganze Welt und schon gar nicht Gott erklären. Der Marxismus als politische Ideologie ist ja ohnehin am Ende – und das ist auch gut so.

Für die soziale Utopie

Aber wir dürfen mit dem Marxismus natürlich nicht die soziale Utopie begraben. Wir brauchen den Entwurf von einer sozial gerechteren Welt, in der nicht ein Teil der Menschheit auf Kosten des anderen Teils lebt. Dass es noch Elend, Hunger und bittere Armut in dieser reichen Welt gibt, ist eine Katastrophe, mit der wir uns niemals abfinden dürfen. Wir brauchen eine Wirtschaftsordnung, die sich der gerechten Verteilung der Ressourcen und der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet weiß. Im Evangelium hat Christus sich den Erniedrigten und Ausgestoßenen zugewandt. Natürlich müssen sich Christen auf die Seite der Armen und Ausgebeuteten stellen. Wir brauchen die soziale Utopie von einer besseren Welt. Helmut Gollwitzer hat sein 1951 getroffenes Urteil, dass ein Christ kein Marxist sein kann, vor dem Hintergrund von Wettrüsten, vom Westen angefachter Bürgerkriege in der sogenannten dritten Welt, der Arroganz der Mächtigen und einer auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruhenden Wirtschaftsordnung später teilweise wieder revidiert. Darin folge ich ihm nicht.
Gollwitzer vertrat die Position: “Sozialisten können Christen, Christen müssen Sozialisten sein“. Ob der Sozialismus heute noch als Konzept für eine gerechtere Gesellschaft herhalten kann, weiß ich nicht. Wenn ich mir die heutigen Sozialisten so anschaue, beschleichen mich Zweifel. Aber dass wir uns als Christen auf die Seite die Armen stellen müssen und dass wir den Entwurf einer gerechteren Welt brauchen, darin gebe ich ihm uneingeschränkt recht. Denn das ist, wie ich meine, genuin christlich!

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