Archiv für die Kategorie 'Allgemein'

Apr 26 2013

Emir Kusturica. Der Jugoslawe

Emir Nemanja Kusturica, Filmregisseur und Musiker, ist ein Jugoslawe. Durch und durch. Und in allen seiner Filmen hat er dem Land Jugoslawien, diesem Kultur-Amalgan aus serbisch-orthodoxen, katholischen, muslimischen und ziganistischen Einflüssen (nicht zu vergessen die Einflüsse des sephardischen Judentums und des Staatssozialismus titoistischer Prägung), ein meisterhaftes filmisches Denkmal gesetzt. Kusturizas Jugoslawien war ein Land voll strotzender Lebensfreude und abgrundtiefer Melancholie, bevölkert von Menschen, die zu heftigem Jähzorn und kaum zu zügelnder Wut ebenso fähig waren wie zu großer Solidarität, Großmut, tiefer Freundschaft und Liebe. Jugoslawien war das Land, in dem sich Orient und Okzident mit all ihren kulturellen Eigenheiten und Mentalitäten, Gutem wie Schlechtem, auf eine ganz eigene Art und Weise vermischten und etwas Hybrides ausbildeten, das sowohl verschmelzen und gleichzeitig doch auch wieder auseinanderfallen konnte, und dessen Menschen vielleicht schon immer etwas mehr zu emotionalen Ausbrüchen neigten, als die Menschen anderswo.

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Dieses Land gibt es nicht mehr, nur in Kusturicas Filmen, seiner Musik und in anderen kulturellen Zeugnissen lebt es weiter. Es wird wahrscheinlich von weitaus mehreren seiner ehemaligen Bewohner, die sich jetzt Kroaten, Mazedonier, Serben oder sonst wie nennen, betrauert, als man sich hierzulande vorstellen kann. Kusturizas Filme jedenfalls sind zugleich auch immer ein Ausdruck dieser Trauer und der Versuch, sie irgendwie zu bewältigen. Hier, im westlichen Teil Europas und insbesondere in Deutschland, wo insbesondere seit Anfang der 1990er-Jahren viel von multiethnischem Zusammenleben, Toleranz und den Rechten von Minderheiten schwadroniert und der moralische Finger hochgereckt wird, kann man sich von diesem verloren gegangenen kulturellen Amalgam Jugoslawien keinen Begriff machen. Wahrscheinlich konnte man das hierzulande nie.
Emir Kusturica

Das Jugoslawien von einst kann in diesem, aus einner kulturnationalistischen Idee geborenen und wiedervereinigten Deutschland, wohl schon im Denken gar nicht vorkommen, und so darf es auch keine Jugoslawen geben. Um sich in die Lage zu versetzen, Kusturica begrifflich irgendwie zu erfassen, muss man aus ihm einen „serbischen Nationalisten“ machen.
Kusturica baut sich sein Jugoslawien inzwischen wieder auf: im serbischen Bezirk Mokra Gora ist in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden der Museumsort „Küstendorf“ entstanden, der auch als Kulisse für Kusturicas Film „Das Leben ist ein Wunder“ diente. Dort lebt er jetzt zeitweise. Und in der Nähe von Višegrad, der Stadt an der Drina, die insbesondere durch den Roman „Die Brücke über die Drina“ des jugoslawischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Ivo Andrić bekannt geworden ist, entsteht unter Kusturicas Regie die Kunststadt Andrićgrad. Namensgeber ist natürlich der jugoslawische Schriftsteller Andrić, die Stadt soll zukünftig wieder als Kulisse für einen neuen Film dienen.
Im Jahr 2005 wurde Emir Kusturica in der orthodoxen Kirche Serbiens getauft.


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Apr 03 2013

Individualität und die Sehnsucht nach dem ganz Anderen

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Transzendenz und Alltag

Baum
Am Rand des Weges neigt sich eine krumm gewachsene Kiefer windschief über ein frühjahrgrünes Kornfeld. Es sieht aus, als strecke sie ihre Baumkrone dem Wald jenseits des Feldes entgegen, als wolle sie zu ihm hinüber wachsen, sich mit ihm vereinen.
Mich erinnert das Bild an das Dilemma unserer Individualität, unserer Persönlichkeit, die nur um den Preis des Getrenntseins zu haben ist? Einerseits wollen wir unsere individuelle Autonomie bewahren und akzentuieren. Wir konstruieren uns einen sozialen Kosmos, in dem wir im Mittelpunkt stehen. Wir streben nach sozialer Anerkennung, nach Einfluss, manchmal nach Macht. Dabei geht es insbesondere um die Verfügungsgewalt über materielle, soziale und emotionale Ressourcen, um Geld, das heißt um dinglichen Reichtum, um Anerkennung, aber auch um Liebe. Andererseits aber streben wir immanent einer Auflösung dessen zu, was uns von dem und den Anderen trennt: von unseren Mitmenschen, von der Natur, von dem großen Ganzen an sich.
Unser Leben resultiert nicht zuletzt aus der Dynamik, die sich in der Bewegung zwischen diesen beiden Polen entfaltet. Wenn es uns nicht gelingt, hier eine Balance zu finden, kann schnell ein Leiden an uns selbst entstehen. Dies ist wohl der Hintergrund vielfältigster psychischer Probleme, als da sind: Sucht, das sich selbst fremd werden, auch als Depersonalisierung bezeichnet, aber auch Kriminalität, der Verlust eines ethischen Wertesystems und andere Störungen der Persönlichkeit. Die Sehnsucht nach dem Einswerden mit dem Ganzen, mit dem ganz Anderen, ist letztlich immer die Sehnsucht nach Gott. In einer verdinglichten Welt aber ist diese Sehnsucht immer schwerer erkennbar und vielen fällt es schwer, sie überhaupt für sich zuzulassen. Denn das bedeutet loszulassen, wo wir doch alltäglich dazu aufgefordert werden, festzuhalten: Dinge, Einfluss, Deutungssysteme. Da, wo suggeriert wird, alles sei quantifizierbar, beherrsch- und erklärbar, da ist die Verdinglichung zum beherrschenden Lebensprinzip geworden. Demgegenüber müssen wir der Sehnsucht nach dem ganz Anderen, der Sehnsucht nach Gott, Raum geben. So wir diese Räume einfordern, für andere und für uns selbst, so wenden wir uns auch gegen die Verdinglichung. Vielleicht kann Kapitalismuskritik und Gottsuche auf diese Weise (wieder) zusammen kommen.

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Jan 08 2013

Katholiken für Israel

Autor: . Abgelegt unter Allgemein

Um einen Katholiken, der sich ausdrücklich zur Solidarität mit Israel bekennt und außerdem der Auffassung ist, dass viele deutsche Christen sich quasi doppelt schuldig gemacht haben gegenüber jüdischen Menschen, nämlich einmal als Deutsche während des Nationalsozialismus, und darüber hinaus auch als Christen durch den christlichen Antijudaismus, der lange Zeit den Diskurs beherrschte und teilweise unter der Oberfläche immer noch weiterschwelt, kann es in dieser Angelegenheit schon sehr einsam werden. Um so mehr habe ich mich gefreut, jene Website zu entdecken:

Weblink: Katholiken für Israel. Klick hier!

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Jan 05 2013

Hallo 2013: Prekäres, Defizitäres & Elitäres!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Prekariat und Alltag

Hallo 2013. Ich versuche mich also an einem Blog. Schorsi von Beck: Notizblättchen. Ehrlich gesagt ist das Ganze zunächst einmal das Resultat eines Ablenkungsmanövers. Ich lenke mich nämlich selbst von der Arbeit ab. Eigentlich müsste ich Zeitschriftenartikel redigieren. Statt dessen daddele ich an dieser Website herum. So profan kann das Leben sein.

Apropos: So wie in meinem digitalen Leben, so mäandere ich irgendwie auch durchs richtige. Hier ein Projekt angefangen, dort ein anderes. Schließlich fällt mir wieder etwas Neues ein, Angefangenes bleibt auf der Strecke.

Okay, jetzt lösche ich erst einmal einige Altlasten im Web. Lohnt es sich, etwas aufzuheben? Vielleicht meine Klage über das prekäre Dasein als selbstständiger Journalist und Redakteur:

Als prekär arbeitender Mensch hast du oft keine Wahl: du musst dich mit den Arbeitsbedingungen, Zumutungen und Erniedrigungen arrangieren. Klar, du kannst Tätigkeiten ablehnen, aber wer weiß, wann dir der nächste Job angeboten wird. Das Risiko trägst du immer selbst. Du kannst nicht zu einem Betriebsrat gehen und dich beschweren, wenn dir etwas gar nicht passt oder etwas wirklich schräg läuft. Du kannst nicht zum Arzt gehen und dich mal eine Woche krank schreiben lassen, wenn es gar nicht mehr geht. Ja, du darfst nicht einmal wirklich krank sein, weil dir dann das Einkommen wegbricht.

Weblink: Von der Boheme zur Unterschicht

Oder meinen Ärger über unsere geistigen Eliten:

Blasiert: Das waren noch Zeiten, als den Universitätsprofessoren nebst Gefolgschaft die Verunsicherung der akademischen Amtswürde ins Gesicht geschrieben stand. „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ rief ihnen das rebellische Stundentenvolk achtundsechzig hinterher; einige aus der respektlosen Truppe von damals befinden sich als Universitätsprofessoren heute selbst kurz vor der Pensionierung. Als diese das Ross bestiegen, vom dem ihre Lehrer kurz zuvor noch zu stürzen schienen, waren sie voll der libertären und egalitären Gesinnung. Insbesondere an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten galt das Du zwischen Studis und Profs bis weit in die achtziger Jahre hinein als Usus, wer es anders hielt, war als Spießer verschrien. Seither hat sich einiges verändert. Die Position der habilitierten Hochschullehrer und ihre Autorität ist unangetastet. Und wer das Hauen und Stechen um Assistentenstellen, Promotions- sowie Habilitationsmöglichkeiten und schließlich um die Lehrstühle an den Universitäten kennt, der weiß: hier kommen nur wenige durch, und um das zu schaffen braucht man oft viel Ellenbogen und wenig Rücksichtnahme. Dementsprechend angenehm ist bisweilen der Umgang mit ihnen.
Wer es innerhalb der universitären Wissenschaftler-Zunft zu Ansehen bringen will, muss mit reichlich akademischem Imponiergehabe ausgestattet sein. Und dazu gehört nicht zuletzt die Fähigkeit, Texte in einem für Außenstehende möglichst unverständlichen Fach-Code zu verfassen. Wird das einmal richtig beherrscht, ist es kaum wieder loszuwerden, das ist dann chronisch wie die unleserliche Unterschrift von Hausärzten. Würden die Betreffenden dies als Mangel erkennen, so wäre ihnen zu helfen. Aber Lehrstuhlinhaber und das Eingeständnis von Defiziten, das schließt sich in der Mehrzahl der Fälle aus. Die Leute sind unbelehrbar, und wer sie nicht versteht, gehört aus ihrer Perspektive ohnehin einer anderen Sphäre an. Und mit der möchte man möglichst nicht in Berührung kommen. Fast scheint es so, als ängstigten sich die Betreffenden davor, mit Banalem beschutzt zu werden.
Man hat sich in der universitären Hierarchie nach oben gekämpft, und die Hierarchien sind eindeutig: Leute, die von den Lehrstuhlinhabern abhängig sind, weil sie promovieren wollen beziehungsweise ihrerseits eine Universitätskarriere anstreben, haben zu dienen. Von bösen Zungen auch als Kofferträger bezeichnet, sind die Angehörigen des akademischen Nachwuchses trotz ihrer Dienstfertigkeit vielen Professoren irgendwie lästig. Halten sie den Meister doch davon ab, ungestört die wirklich wichtigen Dinge zu tun. Und dazu gehört vor allem die eigene Profilpflege.

Mit den Dienenden kommuniziert man also nur notgedrungen und auch nur in einer kürzelhaften, abgespeckten Form. E-Mails eignen sich besonders gut für jenen herablassenden und respektlosen Ton, womit den Adressaten gefahrlos verdeutlicht werden kann, welchen sozialen Rang sie einnehmen.
Abhängige außerhalb des Hochschulgefüges werden vergleichbar behandelt, vielleicht noch etwas abfälliger. Denn hier ist die Möglichkeit ohnehin so gut wie ausgeschlossen, dass sie einem irgendwann einmal auf gleicher Augenhöhe begegnen könnten.
Die Kommunikation mit Hochschullehrern kann somit für all jene, die nicht selbst Hochschullehrer sind oder mit einem anderen dicken Pfund zu wuchern haben, eine echte Herausforderung werden, die ein ziemlich dickes Fell erfordert.
Ausnahmen bestätigen die Regel!

Weblink: Wer ist hier der Prof?

Und was hat das jetzt alles mit mir zu tun? Nun, wahrscheinlich würde ich lieber zu den Letztgenannten als zu den Erstgenannten gehören. Aber es ist anders gekommen. Ob das auch gut so ist, weiß ich nicht. Immerhin, der aufmerksame Leser weiß jetzt: „Der Typ hadert mit seinem Lebenslauf.“ Na ja. Manchmal vielleicht. Ein bisschen.

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Aug 08 2007

Das wahre Selbst

Autor: . Abgelegt unter Allgemein

Kunstobjekt: monochrome Schale - roter Kern

Das wahre Selbst, der eigentliche Kern, der Nukleus des Ichs, Freuds Es und Über-Ich transzendierend, transzendierund auch Marx’ Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Bleibt bei aller Determiniertheit ein nicht in DNA, Sozialem und Gesellschaftlichem auflösbarer ontologischer Rest. Für den Sozialpsychologen C.R. Rogers besteht das Selbst aus Wahrnehmungen, also aus Abbildungen, Bildern des Wirklichen. Das Selbst konstituiert sich über die Sinne, es ist eine Widerspiegelung und bleibt etwas Schimärenhaftes, irgendwie Falsches. Ähnlich andere sozialpsychologische Theorien, etwa jene, die den Menschen in Rollen auflösen. Marxistisch orientierte Geisteswissenschaftler sehen im Selbst eine Wirkung der höheren Nerventätigkeit, eine sich sinnlich-kognitiv in der tätigen und schöpferischen Auseinandersetzungen mit der Welt herausformende psychische Entität. Immerhin ist dies keine Einbahnstraße, das Selbst ist determiniert und determinierend zugleich. Die Geschichte endigt nicht damit, heißt es bei Marx,

„sich ins “Selbstbewußtsein” als “Geist vom Geist” aufzulösen, sondern daß in ihr auf jeder Stufe ein materielles Resultat, eine Summe von Produktionskräften, ein historisch geschaffnes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander sich vorfindet, die jeder Generation von ihrer Vorgängerin überliefert wird, eine Masse von Produktivkräften, Kapitalien und Umständen, die zwar einerseits von der neuen Generation modifiziert wird, ihr aber auch andrerseits ihre eignen Lebensbedingungen vorschreibt und ihr eine bestimmte Entwicklung, einen speziellen Charakter gibt – daß also die Umstände ebensosehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen. Diese Summe von Produktionskräften, Kapitalien und sozialen Verkehrsformen, die jedes Individuum und jede Generation als etwas Gegebenes vorfindet, ist der reale Grund dessen, was sich die Philosophen als “Substanz” und “Wesen des Menschen” vorgestellt (haben).”

Das Innere ist das Äußere, und das Äußere kommt von Innen, ließe sich folgern, wobei die Hierarchie der Aussage von Bedeutung wäre. Vielen religiösen Auffassungen allerdings liefe dies zuwider, um das wahre Selbst, das Wesen zu finden, müssten ihnen zufolge die Schichten des Äußeren wohl erst entfernt werden wie die Schalen einer Zwiebel. Die Zwiebel indes hat keinen Kern. Wie auch immer, wird hier der unauflösbare Antagonismus zwischen Materialismus und Transzendenz offenbar?

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