Archiv für die Kategorie 'Kultur und Alltag'

Mai 25 2014

Nachtrag zum 1. Mai

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

Armbinde. Aufschrift: Ordner. Daneben rote Plastiknelke.

Der erste Mai – der ist doch schon lange vorbei!

Ich bin spät dran. Der erste Mai ist seit 24 Tagen vorbei! Aber neben meinem Schreibtisch liegt noch ein ganzer Stapel an Zettelchen, Broschüren und Zeitungen, die mir bei der hannoverschen DGB Kundgebung in die Hand gedrückt wurden. Selbige fand in diesem Jahr übrigens das erste Mal auf dem Trammplatz vor dem neuen Rathaus und nicht wie die Jahrzehnte zuvor auf dem Klagesmarkt statt.
Das ganze Konvolut kommt jetzt jedenfalls ins Altpapier. Zuvor soll aber noch festgehalten werden, was für Sprüche und Parolen zum ersten Mai 2014 in Hannover die Runde machten:

  • „Mindestlohn: Falscher Schritt in die richtige Richtung“ titelt die DKP in ihrem Hannoverschen Volksblatt. Oder vielleicht doch: Richtiger Schritt in die falsche Richtung? Schon klar: Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.
  • „Klartext: Die MLPD* nimmt Stellung: Kampf der Ausbeutung von Mensch und Natur – echter Sozialismus!“ Leute, geht in Deckung. “Echten Sozialismus” gab es für die von 1918 bis 1952 in Russland beziehungsweise der Sowjetunion. (*Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands)
  • Ein Jugendbündnis ruft auf: „Internationale Solidarität statt Festung Europa“. Solidarität ist ja nicht schlecht. Fragt sich jetzt, welche Internationale?
  • „Grenzenlos Solidarisch – Für eine Demokratie von unten!“ Fordert das Bündnis Blockupy. Ich weiß ja nicht: Eine „Demokratie“ von ganz unten ging hierzulande schon mal ganz nach hinten los.
  • Hier und in Europa. Die Verhältnisse ändern (…)“ fordert Die Linke. Soweit d’accord . Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
  • „Marx is muss 2014“ meint ein Bündnis, unterstützt von Taz, Junge Welt und Neues Deutschland. Marx? Opium für Atheisten!
  • „Rebellion gegen die EU ist Gerechtigkeit.“ Oh weia, schon wieder die MLPD. Gerechtigkeit? Tod oder Sibirien!
  • Die MLPD lässt nicht locker: „Gegen das Europa der Banken und Konzerne“. Für das Europa der Zentralkomitees und Politbüros? Och nee!
  • Und noch mal die MLPD: „Wie ‚humanitär’ ist die Flüchtlingspolitik wirklich? Lager machen krank“. Stimmt. Hinzuzufügen bleibt: Auch der Archipel Gulag war alles andere als gesundheitsfördernd.
  • Last not least: „Säkular? Na klar“ meint der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten. Na, die werden dereinst Augen machen.

Keine Kommentare

Mai 01 2014

Jesus rettet (1)

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

GOTT WILL, DASS ALLE MENSCHEN GERETTET WERDEN
UND ZUR ERKENNTNIS DER WAHRHEIT GELANGEN.
– Timotheus 1:2,3&4

Plakat 1. Mai Tag der Solidarität. Davor Schild: Jesus rettet.

2 Kommentare

Apr 21 2014

Das private Bekenntnis ist politisch

Afrikanische Maske
„Das Private ist politisch“ hieß es früher in der Spontiszene, an deren Rändern auch ich mich vor Jahren herumtrieb, zum Glück nie so exzessiv, wie unser frührer Verteidigungsminister Fischer, wie ich zu meiner Verteidigung sagen muss. Wie auch immer: Damit war gemeint, dass natürlich auch die privat genannten Lebensbereiche immer schon Teile eines politisch, sozial und kulturell vorgeprägten Milieus sind und waren. Geprägt durch gesellschaftliche Werte und Normen, durch gesellschaftliche Machtverhältnisse und durch die sozialökonomischen Bedingungen, in denen sie sich jeweils reproduzieren.

Und da ist ja in der Tat auch was dran: Die Organisation der Lebensverhältnisse im Privaten wird durch die gesellschaftlich und sozialkulturellen Sitten und Normen geprägt, so wie diese auch umgekehrt den real existierenden Normen und Werten in einer Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken. Wer etwa würde behaupten, dass beispielsweise das neuerliche Recht homosexueller Paare auf Eheschließung beziehungsweise amtlich sanktionierter Partnerschaft nicht ein auch politisch hochbrisantes Thema ist. Soviel zur Vorrede.

Heutzutage erlebe ich es immer wieder, dass die einstigen Apologeten des politisch Privaten beim Thema Religion kurz und bündig behaupten, dass sei nun etwas rein Privates und könne daher auch nicht Gegenstand einer Auseinandersetzung sein. Da heißt es dann in einem etwas mitleidsvollen Ton: „Wenns denn das Herz wärmt, glaub was du willst.“ Gottsuche und Gottesglaube wird ruckzuck privatisiert.
Nun will ich daran zumindest soviel gelten lassen, als dass jeder selbst bestimmen muss und auch bestimmen dürfen soll, für welches persönliche Bekenntnis er sich entscheidet. Aber schon das ist politisch. Die Gewissensfreiheit des Einzelnen ist keineswegs etwas Selbstverständliches, sondern eine Errungenschaft in christlich geprägten und demokratisch verfassten Gesellschaften. In vielen islamischen Ländern beispielsweise gibt es diese Gewissensfreiheit nicht. Nach dem islamischen Rechtssystem, der Scharia, ist etwa der Abfall vom Islam, die Apostasie, ein Verbrechen, dass in manchen Ländern sogar mit dem Tod bestraft wird. Insofern also die Religion ein ganz bedeutender sozialkultureller Faktor ist, der die jeweiligen gesellschaftlichen und sozialen Lebensverhältnisse wesentlich prägt, ist sie natürlich nie und nimmer Privatsache. So hat das Christentum einen ganz entscheidenden Einfluss auf die westlich-demokratischen Gesellschaften genommen: Menschenrechte und Grundrechte, die persönlichen Freiheiten des Einzelnen einschließlich der Gewissensfreiheit beruhen auf christlichen Werten. Das Christentum hat trotz allem Machtgebaren feudaler Würdenträger frührer Zeiten, auch in der Kirche, die von ihm dominierten Gesellschaften in einem widersprüchlichen Prozess letztendlich deutlich zivilisiert. Das gilt auch und trotz des zerstörerischen Potenzials und der Hervorbringung globaler ökonomischer Ungleichheiten, die immer noch fortbestehen. Das wir Gleichheit aber überhaupt als einen Wert an sich betrachten können, für den es sich einzusetzen und zu streiten lohnt, ist Ausdruck unseres christlichen Erbes. Deswegen lasse ich mich inzwischen auch gern als christlicher Eurozentrist titulieren.
Die Religion ist also keineswegs etwas Privates. Und auch mein persönliches Bekenntnis ist letztlich nicht nur privat. Es ist Ausdruck meiner persönlichen Wahrheitssuche, und Wahrheit ist letztlich nie etwas Privates sondern universell! Mein Bekenntnis – oder sagen wir besser, meine Form der Gott- und Wahrheitssuche, lässt sich auch nicht von anderen Facetten meiner Persönlichkeit trennen, sonern prägt mein Denken und Handeln in meinem sozialkulturellen Umfeld auf Mikroebene, aber auch mein politisches und soziales Denken und Handeln. Es gilt daher: Das private religiöse Bekenntnis ist politisch!

Keine Kommentare

Apr 12 2014

Hochzeit, katholisch

Autor: . Abgelegt unter Katholisches,Kultur und Alltag

Original Big surprise for Bride and Groom…Chris and Leah Wedding 5 April 2014

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=XYKwqj5QViQ&w=560&h=315]

Keine Kommentare

Feb 27 2014

Der Machbarkeitswahn der instrumentellen Vernunft

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

Graffiti: Affe sitzt in Ritterburg

Alles, ja wirklich alles, sei abhängig vom Willen und der Gedankenkraft der Menschen selbst: Solche Lehren werden in einigen derzeit angesagten Psychokulten vertreten, die auf den zweiten Blick manchmal kaum weniger gefährlich zu sein scheinen, wie die Scientology-Sekte. Dazu gehört beispielsweise das sogenannte „Geheimnis“, verbreitet unter dem angelsächsischen Originaltitel „The Secret“. Jeder Wunsch, den der Mensch an das Universum richte, werde auch erfüllt: Reichtum, Erfolg, Gesundheit, ja möglicherweise sogar die Unsterblichkeit des irdischen Menschenlebens, alles sei erreichbar, sofern man nur wirklich und aufrichtig daran glaube. „Das Geheimnis kann Ihnen geben, was immer Sie wollen“, sagt die Australierin Rhonda Byrne, die das Geheimnis entdeckt haben will. Andererseits zögen aber auch negative Gedanken und Ängste das Schlechte geradezu magisch an. Ergo: An den eigenen Schicksalsschlägen sei der Mensch immer selbst schuld, er habe sich eben zu sehr dem Negativen hingegeben.
In einem anderen Verfahren, das als „The Work of Byron Katie“ bezeichnet wird, geht es im Prinzip darum, sich von der eigenen Kritikfähigkeit zu verabschieden und einen vollkommen bejahenden Bezug zur gegebenen Realität herzustellen. So soll sich die Person mit den Gegebenheiten versöhnen und eine akzeptierende Haltung zur eigenen Lebensrealität finden. Negatives sei nur bedingt durch negative Geschichten, die wir ständig selbst imaginär erzeugen und reproduzieren würden, so die These. Die eigenen Glaubenssätze sollen auf ihren Realitätsgehalt hin überprüft und verändert werden. Letztlich habe der Mensch seine Probleme durch eine negative Haltung immer selbst erzeugt. Alles werde gut, wenn man nur die negative Haltung aufgebe. Selbst an einem sexuellen Missbrauch seien die Betroffene letztlich selber schuld. Wahr sei immer das Gegenteil dessen, was man ursprünglich als wahr empfunden habe, sagt die US-Amerikanerin Byron Kathleen Reid, genannt Byron Katie, die dieses Verfahren kreiert hat. Wer ihre Methode befolge, lebe zukünftig glücklich und gesund, behaupten sie und ihre Anhänger.

Doch solche und ähnliche Psychopraktiken sind letztlich ein extremer und ins Esoterische gewendeter Ausdruck des Machbarkeitswahn, dem die postmoderne Gesellschaft verfallen ist. Man kann es vielleicht auch so sagen: der Glaube an die alles erklärbare und quantifizierbare Macht der Wissenschaften einerseits, und an die Kraft der eigenen Imaginationen andererseits, sind lediglich die zwei Kehrseiten der postmodernen Medaille.
Mit einem „Alles geht“ überhöht sich der Mensch im Endeffekt selbst und versucht damit eine Leerstelle zu füllen, die durch den sich verbreitenden Atheismus entstanden ist. Esoterik und Psychokulte sind daher unvereinbare Antagonismen unseres christlichen Glaubens.
Für uns Christen ist alles eingebunden in eine höhere Vernunft, nach deren Erkenntnis wir streben können und müssen, der wir jedoch durch unsere eigene Begrenztheit immer nur parziell teilhaftig werden. Wir haben daran Anteil, indem wir uns dem Wirken einer transzendenten Intelligenz und ihrer Ordnung anvertrauen. Das ist nichts Passives oder blind Vertrauendes. Wir versuchen, im Sinne des Willens Gottes zu handeln, soweit wir ihn begreifen und erkennen können. Insofern versuchen wir, durch unser aktives Tun an unserem eigenen Heil und am Heil der Welt mitzuwirken. So zumindest verstehe ich die katholische Haltung der Werkgerechtigkeit. Wer sich der Esoterik oder den esoterisch beeinflussten Psychokulten anvertraut, begibt sich in die Hände destruktiver Kräfte, die ihn schließlich immer weiter von der liebenden Kraft Gottes entfremden.

Keine Kommentare

Jun 06 2013

In einer dunklen Nacht (En una noche oscura)

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=_0PjZ2zxRUI&w=420&h=315]

Alle Liebe geht aus von Gott und führt zu Gott hin. In der Liebeslyrik des Johannes vom Kreuz sucht die unsterblich verliebte Braut ihren Geliebten. Sie verzehrt sich in Sehnsucht, macht sich auf, um ihn zu finden, geht Wege, Umwege, Irrwege, um sich schließlich glücklich mit ihm zu vereinen. Für Johannes vom Kreuz sind dies auch die Wege, die der Gottsuchende gehen muss, um ganz zu Gott zu gelangen.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=L7cYbJkAkKM&w=560&h=315]

In einer dunklen Nacht,
entflammt von Liebessehnen
o seliges Geschick!
entfloh ich unbemerkt,
da nun mein Haus in Ruhe lag.

In Dunkelheit und ungefährdet,
auf geheimer Leiter, vermummt,
o seliges Geschick!
in Dunkelheit und im verborgnen,
da nun mein Haus in Ruhe lag.

In der seligen Nacht,
insgeheim, so daß mich keiner sah,
und ich selber nichts gewahrte,
ohne anderes Licht und Geleit
außer dem, das in meinem Herzen brannte.

Dieses führte mich
sicherer als das Mittagslicht
dorthin, wo meiner harrte ‘
der mir wohl Vertraute,
an den Ort, wo niemand sonst sich zeigte.

O Nacht, die mich lenkte!
Nacht, holder als das Frührot
O Nacht, die den Geliebten
mit der Geliebten vereinte,
die Geliebte in den Geliebten verwandelte.

An meiner blühenden Brust,
die für ihn sich ganz bewahrte,
dort schlief er ein,
und war zärtlich zu ihm, _
und die Zedern fächelten im Wind.

Der Windhauch von der Zinne
– als er nun sein Haar ausbreitete –
mit seiner leichten Hand
berührte er meinen Halls _
und machte alle meine Sinne schwinden.

So blieb ich und vergaß mich selbst,
neigte das Antlitz über den Geliebten.
Alles erlosch, ich gab mich auf,
Iieß meine Sorge fahren,
vergessen unter Lilien.

Juan de la Cruz

Keine Kommentare

Jun 05 2013

Ein schöner Satz

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

Geistesblitz im Geistbraus Blog:

Denn dieses Nicht-Stehenlassen der Wirklichkeit, ihre Reduktion auf bloße Muster, die einem bestimmten Zweck dienen, ist zentrales Kennzeichen totalitärer Ideologien.

Ein schöner Satz!

Keine Kommentare

Jun 04 2013

Unter Deutschen

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

“So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden.
[…]
Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin, waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag’ es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich erstiken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur seyn, mit Ernst, mit Liebe muß er das seyn, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Thun, und ist er in ein Fach gedrükt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Nothwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viel Stümperarbeit und so wenig Freies, Ächterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos seyn für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –
Die Tugenden der Alten sei’n nur glänzende Fehler, sagt’ einmal, ich weiß nicht mehr, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt’ ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie thaten, nichts gethan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Nothwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sclavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mislaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der todten Ordnung dieser Menschen.
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechneden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zwek, da sucht es seinen Nuzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesezt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strale berauscht, der Sclave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach’ und kümmert sich nicht viel ums Wetter!
Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Geseze sich nicht machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt?
[…]
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hauße, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlergestalt an seiner Thüre saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht?
Voll Lieb’ und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk’ heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu thun hat.
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schaal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Thun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb’ und Brüderschaft den Städten und den Häußern bringt.
Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt.
O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie die Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimath aller Menschen ist bei solchem Volk’ und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so belaidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Muth, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Seegen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.
Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! –
Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Nahmen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.
Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Belaidigungen, wollte nicht, daß meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute.
Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war die einzige Freude, die mir übrig war, er war ja meine lezte Liebe, wie konnt’ ich noch an andre Dinge denken und das Land verlassen, wo auch er war?”
Friedrich Hölderlin

Deutschland ist und war ein Land, in dem selbst die Dichter “ihr eigenes Volk” verspotten. Und es gibt wohl kein Land, in dem die eigenen Dichter und Intelektuellen derart verachtet werden wie in Deutschland. Um auf etwas Nationalidentitäres stolz sein zu können, muss der Deutsche sich erhöhen und andere herabsetzen. Um so zu tun, als könne er sich als Deutscher gut fühlen, muss er die Last der sechs Millionen Ermordeten vedrängen oder bagatellisieren: “Aber die Amerikaner haben doch auch ihre Indianer umgebracht”. Dabei muss er davon absehen, dass auch diese “Amerikaner” in nicht geringer Zahl sebst Deutsche waren.
Um eine positive Identität entwickeln zu können, muss der Deutsche durch Selbstzweifel gehen und Demut lernen. Erst dann werden sich gegebenenfalls Anknüpfungspunkte für positive Identitäten finden lassen. Und ihren Ausgangspunkt müssen sie vielleicht gerade in dieser Demut nehmen.

4 Kommentare

Jun 03 2013

Über den Tellerrand

Das schätze ich, trotz aller teils fast unüberbrückbarer Meinungsverschiedenenheiten, an Konservativen wie dem “Morgenländer”: Das sie, anders als ein Großteil der Linken, dazu bereit sind, auch einmal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen.
Der Morgenländer über Netty Radvány alias Anna Seghers: Hier nachlesen.

Keine Kommentare

Mai 29 2013

Der Missbrauch, die katholische Kirche und die Grünen

Wenn das Stichwort Missbrauch fällt, landet man heutzutage schnell beim Thema Katholische Kirche. Und umgekehrt, kommt man auf die Katholische Kirche zu sprechen, ist man flugs beim Problem des Missbrauchs. Dass diese Assoziationskette das Ergebnis einer antikatholischen Medienkampagne ist, werden etliche vermeintlich aufgeklärte Geister wohl schnell als Verschwörungstheorie vom Tisch wischen wollen. Josef Bordat zeigt hingegen in einem eindruckvollen Beitrag auf seinen Block Jobo72’s Weblog, wie, warum und mit welchen Mitteln diese Kampagne geführt worden ist. Und er thematisiert die Doppelmoral im Umgang mit dem Thema. So macht es eben einen Unterschied, ob der Täter ein katholischer Priester, oder ein so genannter Reformpädagoge aus dem Umfeld der Alt-Achtundsechziger war. Deutschland einig Vaterland. Im Kampf gegen die Katholische Kirche hat Deutschland sich so vereint gezeigt, wie seit der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006 nicht mehr.
Hier weiterlesen: Missbrauch. Teil 1 – Oder: So katholisch sind die Grünen.

Keine Kommentare

Ältere Einträge »