Archiv für die Kategorie 'Politik und Alltag'

Jun 06 2016

Skizze zur Rekonstruktion der Aufklärung

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Politik und Alltag

Aufklärung
Ganz hoch im Kurs linker Legendenbildungen steht die sogenannte Aufklärung. Sie ist – auch als Reaktion auf antimodernistische Phänomene in der Einwanderungsgesellschaft – vom liberalen Mainstream bis zur Linken zu einem der beliebtesten Narrative unserer Zeit geworden. Aufklärung ist gleichzeitig ein narratives Gegenmodell – in erster Linie – zum Christentum. Seine eigentliche ideologische Dynamik bezieht der Aufklärungsdiskurs aus der Negation des Christentum.
Der (post)moderne Aufklärungsglaube
Gereon Wolters von der Universität Konstanz bringt diesen (post)modernen Aufklärungsglauben auf den Punkt”
“Religiöse Inhalte verlangen den Modus des Glaubens, aufklärerische den des argumentgestützten Wissens und der Wissenschaft.

  • Die mentale Disposition des Glaubenden ist Gehorsam gegenüber der Offenbarung und/oder ihrer Verkündigung, während Aufklärung sich als Vollzug menschlicher Autonomie und Freiheit versteht.
  • Religion stellt sich in Offenbarung, Predigt und nicht reproduzierbarer, privater religiöser Erfahrung dar; Aufklärung baut auf universalisierbare Argumente und reproduzierbare Erfahrung.
  • Die Verbesserung der Welt wird in der Religion durch Gebet und göttliche Gnade erreicht, während die Aufklärung mit ihrem Schibboleth „Fortschritt“ der wissenschaftsgestützten menschlichen Tat vertraut.
  • In den Kirchen wies das Paulinische (vgl. 1. Kor. 14, 34) “Mulier taceat in ecclesia!” den Frauen eine untergeordnete Rolle zu. Aufklärer betonen (wenn auch weitgehend nur theoretisch) die Gleichheit der Menschen, die Frauen eingeschlossen. Condorcet gilt sogar als eine wichtige Figur in der Geschichte des Feminismus, und selbst der knorrige Kant macht sich für die Aufklärung auch und insbesondere der Frauen stark.
  • Generell beansprucht Religion, im Besitz absoluter Wahrheiten zu sein, während ein Grundzug der Aufklärung gerade in deren skeptischer Depotenzierung besteht.”

Gereon Wolters vertritt implizit die verbreitete Ausfassung, erst die Aufklärung habe Rationalität, Forschergeist und Naturerkenntnis in den Naturwissenschaften – quasi in Abgrenzung zur Religion, beziehungsweise zum Christentum – ermöglicht: ja geradezu gegen das Christentum erkämpft.
Die Henne Fortschritt und das Ei der Aufklärung
Als realhistorisches Phänomen ist Aufklärung jedoch gleichsam selbst eine Reaktion auf den Fortschritt, den die europäische Welt durch den Aufstieg der Naturwissenschaften erfahren hat.
Wären die enormen Fortschritte der Naturwissenschaft von der Aufklärung abhängig gewesen, hätte es sie nie gegeben. Die Aufklärung, wie sie von Kant begründet worden ist, war im Kern eher wissenschaftsfeindlich und hat, ganz im Gegensatz zur christlichen Philosophie, die Möglichkeit einer “objektiven” Welterkenntnis tendenziell verneint. Das bedeutet: Der Aufstieg und die enormen Fortschritte der Naturwissenschaften sind kein Ergebnis der Aufklärung. Im Gegenteil: Der Aufklärungsglaube resultierte seinerseits aus den Fortschritten der Naturwissenschaften, die im wesentlichen ein Ergebnis der antiken Philosophie und ihrer christlichen Rezeption sind. Warum das so ist, werden wir noch sehen!
Der Aufklärungsmythos – bye bye Adorno
Aufklärung ist mithin weder eine Vorbedingung des Siegeszuges der Naturwissenschaften, noch ist sie als postmodernes Narrativ eine spezifisch realhistorische Epoche in der frühen Neuzeit Europas. Sie ist vielmehr ein ideologisches Gegenmodell zur Religion, insbesondere zum Christentum – und nimmt als solches eine spezifisch historische Perspektive gleichsam als Erzählung in sich auf. Diese Erzählung lautet kurzgefasst so: Über tausend Jahre herrschte finsteres Mittelalter in Europa, Barbarei, Dunkelheit, eine Allianz des Schreckens und der Rückständigkeit zwischen Feudaladel und Klerus. Dann, ganz plötzlich, brach die Aufklärung über die Menschheit herein, nachdem es vorher noch ein bisschen Reformation gegeben hatte.
Viele der Aufklärungsapologeten sind unter dem Einfluss des Marxismus politisch sozialisiert worden. Dass die Mär von einem derart voraussetzungslosen historischem Geschehen wie dem plötzlichen Hereinbrechen der Aufklärung in eine Epoche der Finsternis kaum mit dem marxistischen Diktum “Das Sein bestimmt das Bewußtsein” zu vereinbaren ist, scheint keinem aufzufallen. Es wirkt die Kraft des Mythos.
Und in der Tat: Die Geschichte von der Aufklärung ist ein Mythos. Aufklärung wird dabei zur Zauberformel einer selbstgenügsamen bürgerlichen Vernunft: vergessen, dass es einmal eine links-philosophische Aufklärungskritik gab, die insistierte, dass der Aufklärung selbst eine Dialektik innewohnt. Bye bye Adorno!
Was ist Aufklärung?
Was aber ist die Aufklärung jenseits ihrer postmodernen Verklärung. Gereon Wolters verortet sie im langen Jahrhundert, dem “Siècle des Lumières”, das mit der “Glorious Revolution” von 1689 in England beginnt und mit der “Grande Révolution” von 1789 endet, mit dem Beginn der französischen Revolution also, wodurch die Aufklärung erstmals tief in Blut gebadet wurde.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts formierte sich vor dem Hintergrund des enormen Fortschritts in den Wissenschaften einerseits – und der Erfahrung langer und grausamer (Religions-)Kriege andererseits, eine Philosophie , die das Postulat der “Vernunft” und einer darauf basierenden Moral in den Mittelpunkt ihres Diskurses stellte. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts hatte sich die Naturwissenschaft mehr und mehr als eine eigene geistige Kraft etabliert und dabei der Vorstellung von einer Welterkenntnis ohne Gott den Weg geebnet. In Konkurrenz zur Theologie geriet die Aufklärung durch eine Philosophie, die ihre Existenzberechtigung neben den Naturwissenschaften darin suchte, als normative Kraft die Vernunft gegen Religion in Stellung zu bringen. Die Vernunft und der Gebrauch des “eigenen Verstandes” erschien als ein Mittel, um die “wahren” Sachverhalte gegen die vermeintlich reale Unvernunft, gegen Schein und Verblendung zu verteidigen. Letzteres verorteten die Aufklärer insbesondere auf Seiten des Christentums katholischer Provinienz. “Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts war eine geistige und gesellschaftliche Reformbewegung, die sich von der Klarheit des Denkens nicht nur geistige Fortschritte, sondern auch eine Verbesserung aller Verhältnisse versprach”, schreibt der Philosophieprofessor Werner Scheiders.
Aufklärung und Absolutismus
Am stärksten ausgeprägt war der Vernunftglaube und die von der Vernunft erhoffte Weltverbesserung im Bürgertum und im sich national formierenden Adel. Die Aufklärung war mithin eine Bewegung, die im Absolutismus, also in einem Zeitalter, das von Karl Marx als die Epoche der ursprünglichen Akkumulation bezeichnet wurde, ihren politischen Ausdruck fand.
In dieser historischen Epoche formierte sich der Staat zum Nationalstaat, als dessen Geburtshelfer sich die Rationalität der Aufklärung erwies. In ihr fand die rationale Berechnung und Verwaltung, die Quantifizierbarkeit der Handelsbilanzen, die Garantie des Privateigentums und die Vertragsfreiheit der bürgerlichen Subjekte sowie eine Vereinheitlichung der Rechtsnormen ihren Niederschlag.
Indem die Aufklärung an der Herstellung dieser Bedingungen auf einer ideologischen Ebene beteiligt war, verwandelte sie sich dem modernen Staat immer mehr an. Friedrich Hegel sah im preußischen Staat seinen durch die Geschichte waltend-wabernden Weltgeist zu sich selbst kommen, Voltaire war Höfling des Preußenkönigs Friedrich II.
Die Aufklärung wurde zur Ersatzreligion des aufstrebenden Kapitalismus und seiner Anomien. Karl Marx etwa formuliert in seinem Hauptwerk, Das Kapital: um dieselbe Zeit „(…) wo man in England aufhörte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen“.
Die missratenen Kinder der Aufklärung
So nahm mithin im Zeitalter der Aufklärung der “‘Fortschritt der wissenschaftsgestützten menschlichen Tat'” Anlauf auf die Guillotinen der französischen Revolution, die Gulags des Stalinismus, die Vernichtungslager von Auschwitz und Treblinka, die maoistische Kulturrevolution mit ihren Millionen Toten und deren Nachahmer des Pol Pot-Regimes in Kambodscha. Nicht, dass die Philosophie der Aufklärung selbst diese Greueltaten gefordert oder gutgeheißen hätte. Aber indem sie die “Rationalität” zum Leitprinzip menschlicher Tugend erklärte, trieb sie die Menschen immer stärker in eine Richtung, in der letztlich jene zu Opfern werden konnten, die der allgemeinen Entfaltung eines je spezifischen Konzepts dieser Rationalität im Wege standen: höfischer Feudaladel, Juden, Klassenfeinde, Intellektuelle. Die Monster der Moderne sind die missratenen Kinder der Aufklärung. Hat sich die Aufklärung also gegen ihre eigenen Ursprünge verselbstständigt?

Der Kopernikus der Philosophie
Die berühmteste Antwort auf die Frage, was denn Aufklärung sei, hat zweifellos Emmanuel Kant (2. 4 1724 – 12. 2. 1804) gegeben: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”
Wer könnte sich dieser Aufforderung heutzutage nicht anschließen. (Und im Prinzip sollte sich diese Definition so mancher heutige Aufklärungsapologet einmal gehörig hinter die Ohren schreiben.) Aber mit diesem Diktum sind wir mit Kant und der Aufklärung noch nicht durch. Denn mit dem Verstand hatte es bei dem alten Kant so seine Bewandtnis. Kant, so schreibt Dietrich Schwanitz in seinem Bildungswälzer, sei nämlich der Kopernikus der Philosophie: „Er drehte die Blickrichtung um, und siehe da, der Verstand hörte auf, sich um die Realität zu drehen, und die Erde der Erfahrungswelt drehte sich um die Sonne des Verstandes (430).”
Die Sonne des Verstandes! Kant verleiht dem menschlichen Verstand die Fähigkeit, sich die Dinge der Welt und ihre Eigenschaften überhaupt erst selbst zu erschaffen. Der Mensch, so Kants Auffassung, könne über die Dinge an sich überhaupt nichts sagen. Er könne lediglich die Bedingungen und Voraussetzungen der eigenen Perspektive einer tendenziell erkennenden Betrachtung unterziehen. Damit brach Kant in der Tat radikal mit den Voraussetzungen der Naturwissenschaften, die dem menschlichen Verstand schon seit der Scholastik die vernunftgestützte Fähigkeit zur Welt-(und Gottes-)erkenntnis attestierte. Die Naturwissenschaften hatten sich bereits zu Kants Zeiten gegenüber der Philosophie verselbstständigt. Wäre dem nicht so gewesen, so würden die Wissenschaftler vielleicht heute immer noch in den “Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis (Schwanitz) ” herumstochern. Kant können wir mit Fug und Recht als Vater der postmodernen konstruktivistischen Philosophie bezeichnen, die bis heute um sich selbst rotiert.
Die Naturwissenschaften – wie auch die scholastische Philosophie – haben hingegen immer dazu tendiert, sich dem Erkenntnisobjekt soweit wie möglich verstehend anzunähern.
Die Grundlagen der modernen Wissenschaften
Die Grundlagen der modernen Wissenschaften finden wir mithin weniger in der Aufklärung denn im Christentum begründet. Zu diesen Grundlagen gehört die Vorstellung von einem Gott, dessen Schöpfung rational nachvollziehbaren Gesetzen folgt. “Das empirisch experimentelle Arbeiten als Grundlage der modernen Wissenschaften entsteht zunächst in den Klöstern” (Ballestrem 99).
Die Wissenschaften entstiegen den Klöstern wie das Küken dem Ei. Der Vernunftdiskurs des Christentums zielte auf die Fähigkeit, sowohl die Welt in ihren Naturzusammenhängen als auch Gott als Schöpfer und Geist hinter und in all dem erkennen zu können. Naturerkenntnis und Gottesverständnis im Christentum schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich geradezu. Eine Sichtweise, die insbesondere in der modernen Physik heute mehr und mehr an Kontur gewinnt.
Aufklärung und Religionskritik
Es ist daher eine weit verbreitete und nichtsdestotrotz falsche Aufklärungsmär, dass der Fortschritt in Gesellschaft und Wissenschaft quasi erst durch die Aufklärung gegen das Christentum erkämpft werden musste. Dieser Mythos wird auch dadurch nicht richtiger, dass er ständig wiederholt wird.
Die Aufklärung als Bewegung und zeitgeschichtliches Phänomen hat sich schon früh in Abgrenzung zum Christentum definiert. Ihre Apologeten beklagen sich darüber, dass die Kirche sie nicht in ihr Herz geschlossen hat, sondern den Fehdehandschuh aufnahm und die Schriften der Aufklärer auf den Index setzte
Als Essenz der Aufklärung gilt heutzutage die Religionskritik. Auch vom Standpunkt der christlichen negativen Theologie aus betrachtet, ist gegen Religionskritik per se zunächst einmal gar nichts einzuwenden. Feuerbach, Kant oder auch Marx haben die Bilder dekonstruiert, die sich Menschen von Gott gemacht haben. Auch die negative Theologie konzidiert, dass menschliche Begriffe und Erklärungen über Gott notwendigerweise defizitär sein müssen, da jene transzendente Wirklichkeit, die wir Gott nennen, mit unseren Begriffen gar nicht zu erfassen ist. Wo die Wirklichkeit Gottes beginnt, hört menschliches Sprechen über Gott im Prinzip auf. Das betonen insbesondere jene immer wieder, die Gott vielleicht am nächsten kommen: die Mystiker .
Die Religionskritik der Aufklärung indes schafft mit der Dekonstruktion des Gottesbegriffs eine Leerstelle, die sie mit “Vernunft ” und “Rationalität” füllt. Sie spricht dort, wo das Sprechen aufhört. An den Rationalitätsbegriff der Aufklärung konnte deshalb der dialektische Materialismus als rationales Erklärungsmodell des Weltgeschehens ebenso anknüpfen wie der biologistisch begründete Rassismus und Antisemitismus der Nationalsozialisten, die sozialdarwinistische Wirtschaftstheorie des Thomas Robert Malthus oder der Ordoliberalismus eines Friedrich August von Hayek. Von Hayek, Marx, Lenin, Malthus oder Hitler, sie alle sind Kinder der Aufklärung.
Paul Thiry D’Holbach, einer Aufklärer des 18. Jahrhunderts, sah die “Summe der Leiden des Menschengeschlechts” durch die Religion nicht geringer werden, sondern durch alle Institutionen der Religion stets anwachsen. Der Irrtum der Religion sei die wahre Quelle des Leidens der Menschheit: “nicht die Natur machte sie unglücklich; nicht eine Erbsünde hat die Menschen schlecht und unglücklich gemacht: allein dem Irrtum verdanken wir die bedauerlichen Wirkungen (…)“.
Nun müssen wir diesem Aufklärer zugute halten, dass er die “Quellen des Leidens”, die uns die Aufklärung beschert hat, noch nichts wusste. D’Holbach starb im Jahr 1789, in jenem Jahr also, als die „Flamme der Vernunft” auf unter den Guillotinen der französischen Revolution erstmals so richtig zu lodern begann: Auschwitz, Gulag, Maos Kulturrevolution, Kambodscha, all diese Kapitel der Aufklärung waren zu seinen Lebzeiten noch nicht geschrieben.
Aufklärung – Götterdämmerung von Humanismus und Zivilisation?
Heute kennen wir sie. Und doch ist der Ruf der Aufklärung als „Götterdämmerung” von Humanismus und Zivilisation ungebrochen.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass die allgemein verbreitete Geschichte der Aufklärung im Wesentlichen der Blick der selbsternannten Aufklärer auf sich selbst ist. Die Protagonisten der Aufklärung sind in die bequeme Position geraten, sich die Geschichte ihrer eigenen Bewegung gleich selbst schreiben zu können. Ja, die Aufklärung selbst ist zu großen Teilen nichts anderes, als die Arbeit an diesem Aufklärungsmythos.
Den eigenen Blick auf sich selbst als allgemeines Geschichtsbild zu etablieren, dass haben alle Despoten immer wieder vergeblich versucht. Geschafft haben es nur die „Aufklärer”. Das ist vielleicht eine ihrer größten Leistungen.
Wurzel des Fortschritts – das Christentum
Der Fortschritt der Natur- und Geisteswissenschaften verdankte sich der scholastischen Philosophie und dem Forschergeist, der in den Klöstern seinen Ausgangspunkt nahm und einen ersten Höhepunkt zum Ausgang des Mittelalters in der Renaissance fand. Das war eine Zeit, in der sich auch die (römische) Kirche – mithin, in der Diktion der Aufklärung, das finstere Mittelalter – auf dem Höhepunkt ihrer Macht befand. Hochmut kommt vor dem Fall, könnte man sagen: was dann folgte, war die Reformation. Aber das ist eine andere Geschichte.
Mit Kirche und Christentum bekämpften die Aufklärer mithin die Bedingungen ihrer eigenen Existenz.
Das ist im Prinzip bis heute so geblieben. Was an der linken Aufklärungsapologetik ihrer heutigen Protagonisten manchmal befremdet, ist die Euphemismus, mit der antihumanistische Phänomen des Islamismus und Islams bagatellisiert werden, während man gleichzeitig an den eigenen zivilisatorischen Grundlagen, dem Christentum, kein gutes Haar lässt. Bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass auch dies keineswegs neu ist. Die heute so häufig zu hörende These vom toleranten Islam, der durch die christlichen Raubzüge christlicher Kreuzfahrerheere erst den “muselmännischen Fanatismus” heraufbeschworen habe, stammt von keinem geringeren als dem Spätaufklärer und Sozialisten August Bebel. Es ist ein Argumentationsmotiv, dass heute in kaum einer Islamdiskussion fehlen darf.
Die postmoderne Aufklärungsapologetik wird damit vollends zur Projektion einer Denkweise, die sich im Netz des Selbsthasses auf die eigene zivilisatorische Grundlagen verfangen hat.
Doch gerade jene Errungenschaften, die das postmoderne Subjekt vermeidlich affirmiert, wie Menschlichkeit, Demokratie, Selbstbestimmung, Religionsfreiheit und allgemeine Menschenwürde, werden untergehen, wenn es nicht gelingt, die intellektuellen Eliten der Gesellschaft mit ihren eigenen zivilisatorischen und sozialhistorischen Wurzeln auszusöhnen. Und diese Wurzeln liegen im Christentum.
Gelingen kann das nur mit einer gründlichen Dekonstruktion des Aufklärungsmythos.

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Dez 20 2015

Die Forderung zu Weihnachten: Bettler rein!

Gemälde - Roma Frau

Vor einigen Tagen war ich zum Weihnachtshopping in der Innenstadt unterwegs. Als ich so durch die City Mall schlenderte, kam mir eine junge Frau entgegen – dunkler Typ, schwarzes Haar, langer weiter Rock und abgewetzter Mantel. Eine Erscheinung, die wir zielsicher mit osteuropäischem Roma identifizieren.

Die Lady sah mich und stürzte sofort auf mich zu: „Bitte bitte helfen“, rief sie und reckte mir ihre gefalteten Hände entgegen. Solche theatralischen Demutsgesten gehen uns coolen Mitteleuropäern – so auch mir – ganz erheblich auf die Nerven. Um möglichst schnell aus dieser Situation herauszukommen, gab ich ihr flugs einen Euro und machte mich auf und davon.

Nachdem ich einige Sachen erledigt hatte, begab ich mich etwa eine Stunde später zurück auf den Weg zum Parkhaus. Da lief mir genau jene Lady ein zweites Mal über den Weg. Die Frau sah mich, grinste kurz, steuerte zielgenau in meine Richtung und hob wieder mit erbarmungswürdigem Wehklagen an: „Bitte helfen, zu viele Kinder, keine Mann, bitte!“ Ich kann Leute, die so offensichtlich arm sind, nicht einfach stehen lassen, auch wenn sie mir auf die Nerven gehen. Vielleicht sieht man mir das an. Und wenn schon.
Bei dieser „Wiederholungstäterin“ war ich zwar doppelt genervt, aber okay, sollte sie doch noch einen Euro haben – ich hatte gerade ein Vielfaches davon ausgegebven. Allerdings schien die Dame zu merken, dass sie mit mir einen guten Fang gemacht hatte. Bei einem Euro ließ sie es daher nicht bewenden sondern drang darauf, dass ich mit ihr zum nahegelegenen Discounter gehen solle, um ihr einen Einkauf zu bezahlen. Das fand ich jetzt doch echt – zu viel des Guten. Bettler sollen gefälligst mit dem zufrieden sein, was man ihnen zusteckt. Unterwürfig war die Dame nicht, dafür um so theatralischer. Ich sann auf eine Fluchtmöglichkeit, steckte ihr dann schnell 10 Euro zu, drehte mich auf dem Absatz um und eilte davon. Nach einigen Metern blickte ich noch einmal zurück. Würde sie mir folgen? Die Frau sah mir aber nur mit ernstem, irgendwie überraschten Gesicht nach und rief mir dann noch „danke“ hinterher.
Schorsi spinnt – das war der spontane Impuls eines Bekannten, dem ich davon erzählte. Zu weich für diese Welt. Vielleicht hat er auch insgeheim gedacht: zu blöd – lässt sich sofort um den Finger wickeln. Lässt sich von so einer „Zigeunerbraut“ um zehn Euro erleichtern. Die muss ihre Kohle doch sowieso bei irgendeinem stinkreichen Mafiosiboss abliefern.
Nun ja, vielleicht.
Bildzeitung: Hier bringt die Bettel-Mafia IHR Geld zur Bank
Ich glaube aber, unsere Welt krankt nicht an zuviel Barmherzigkeit – sondern an zu wenig. Und lieber lasse ich mich von einer Roma-Lady beim (Weihnachts-)Einkauf bescheißen, als mich gegenüber Not zu verhärten. Und was heißt schon bescheißen: falls sie für einen rumänischen Mafiosi arbeitet, muss sie das auch nur tun, um selbst über die Runden zu kommen. Was wissen wir schon über die Abhängigkeitsverhältnisse in diesen Zusammenhängen?
Ich selbst bin dabei aber gar nicht so uneigennützig und edel, wie ich vielleicht zunächst den Anschein erwecke(n) will. Denn mit dem Geben und dem Erzählen dieser Geschichte erhebe ich mich natürlich auch moralisch. Ich schlüpfe, wie der ehemalige katholische Blogger Johannes Martin Grannenfeld (dessen Blog inzwischen leider geschlossen ist) in einem seiner klugen Artikel haarscharf feststellte, in die Rolle des Überlegenen (und Guten), der sich in der Peinlichkeit des gnädigen Hinabbeugens zu dem Bettler gleichsam selbst erhöht:

Grannenfeld:

Die Peinlichkeit des Almosengebens besteht darin, dass ich einem Menschen gegenüberstehe, den ich zu achten und zu lieben bereit bin wie jeden anderen auch – und dass mir das aufgrund der Situation verwehrt bleibt. Ich erlebe mich beim Almosengeben zwangsläufig als hochmütig, da ich die Rolle des Überlegenen einnehme, selbst wenn ich das nicht will.

Das ist ein Dilemma, das Grannenfeld mit christlicher Dialektik auflöst.

„Christus spricht selbst: ‚Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan’ (Mt 25, 40). „Im Bettler erblicken wir Christus, (…) Der Bettler, der nichts hat, und Christus, der alles hat, entsprechen einander, weil Christus die Fülle dahingegeben hat und der Bettler die Fülle gewinnen wird. Wir aber, wir ‚normalen’ Menschen, stehen dazwischen. Wir werden nie mit dem Bettler und nie mit Christus auf Augenhöhe stehen.“

Wir kommen aus dem Dilemma nur durch den Glauben an Christus raus, sagt Grannenfeld. Christus reißt die, die an ihn glauben, mit sich „ins Paradies“. Er beugt sich zu uns herab wie zu Bettlern. Und im Bettler begegnet er uns gleichsam selbst.

Diese Geschichte von der Roma-Bettlerin und Grannenfelds Blogbeitrag fielen mir heute wieder ein, als ich i meinem noch nicht entsorgten Altpapier einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung fand (HAZ) in dem darüber berichtet wurde, dass in Norwegen ein Verbot für Bettler geplant sei. In Norwegens Hauptstadt Oslo bestand schon seit einem Jahr ein Bettelverbot, jetzt sollte es auf das ganze Land ausgedehnt werden.

„Sogar das Geben von Almosen an Bettler will die Regierung künftig unter Strafe stellen. Wer Bettlern hilft, soll mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden. Strafbar ist laut dem Regierungsentwurf jede Art von Gabe, die Bettelei erleichtert, ob es sich nun um Geld oder eine Herberge handelt (HAZ vom 08.02.2015).“

Gemälde Bettelnde Frauen Bettelverbot

Norwegen macht dem restlichen Europa vor, wie mit dem unschönen Nebeneffekt der europäischen Einigung umzugehen ist. Natürlich gehe es in erster Linie darum, die organisierte Bettelei zu bekämpfen, beteuerte man im norwegischen Justizministerium.
Handel und Wandel, gern. „Qualifizierte Fachkräfte“, herein damit. Aber dass es in diesem Europa auch schreiendes Elend und Slums gibt, das muss man sich nicht auch noch zumuten. Erstens haben wir jetzt schließlich “richtigen” Flüchtlinge hier – die aus Syrien – und außerdem macht es uns schon genug Scherereien, das eigene Lumpenproletariat aus den Shoppingmeilen unserer Innenstädte zu vertreiben.
Die bettelnden Zigeuner mit ihrem wahlweise unterwürfigen oder theatralischem Gehabe nerven. Sie verderben uns die gute Laune. „So einem Penner gebe ich ja schon mal einen Euro, das ist okay, aber die mit ihrem unterwürfigem Gehabe, das geht gar nicht“, habe ich schon oft in meinem Bekanntenkreis gehört. Da stimme ich ganz spontan sogar erst einmal zu.
Kriminelle Banden? Vielleicht. Wo Not ist, entsteht Kriminalität. Die Not führt uns die eigene Saturiertheit vor Augen. Wir wollen doch kein schlechtes Gewissen kriegen, beim Einkaufen. Das bringt den Spießer auf die Palme und weckt den kleinen Spießer in uns selbst.
Roma-Slum in Osteuropa
Die Roma sind die Parias Europas, das europäische Lumpenproletariat. Selbst unter den Flüchtlingen stehen sie auf der Mitleidsskala ganz unten. Erst vor kurzem hat man Hunderte von ihnen in den Kosovo abgeschoben, ohne dass es jemanden der vielen Flüchtlingsfreunde groß interessiert hätte (den Flüchtlingsrat Niedersachsen mal ausgenommen).
In ihren Herkunftsländern sind die Roma abgeschoben in Slums, an den Rand von Müllkippen. Sie zeigen uns, dass es in diesem Europa ein Elend gibt, das wir doch eigentlich in die sogenannte Dritte Weltverdrängt sahen. Das hat doch nichts mit uns zu tun. Doch genau dieses Elend kommt uns immer näher. Dass die Elenden in unsere Städte kommen, um etwas besser zu leben als in den Slums ihrer Heimatländer, das passt uns nicht. Wir wollen es nicht sehen, denn wenn wir es wirklich sehen würden, müssten wir uns wohlmöglich irgendwie verantwortlich fühlen.
Und genau deshalb müssen die Elenden auch in unserer schönen metropolitanen Glitzerwelt bleiben. Um uns zu zwingen hinzuschauen – nicht nur zu Weihnachen!
Die Bettler aus unseren Städten, aus unserem Leben zu vertreiben, das heißt (nicht nur) aus der Perspektive von Grannenfelds christlicher Dialektik auch, Christus selbst aus unserem Leben zu vertreiben. In diesem Sinne kann ich ganz weihnachtlich nur sagen: Bettler rein!

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Mrz 11 2015

Flashmob für jüdisches Leben

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Politik und Alltag

Mann mit Kippa und Israel-Fahne
Für ein buntes jüdisches Leben in Hannover haben gestern knapp 100 Teilnehmer eines Kippa-Flashmobs in der Hannoverschen Innenstadt demonstriert.

Mit der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung Kippa, Israel-Fahnen und jüdischer Musik demonstrierten sie für ein vielfältiges jüdisches Leben. Vor allem nach dem Gaza-Krieg im vergangenen Jahr habe es “wüste antisemitische Ausfälle” gegen Juden gegeben, sagte Initiator Monty-Maximilian Ott von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Hannover. An der Demonstration beteiligten sich auch Landtagsabgeordnete von SPD und FDP. Befürchtete Provokationen von Rechtsextremisten blieben aus. (NDR.de)

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass „vielfältiges jüdisches Leben“ in deutschen Städten wieder seinen festen Platz hat – zumal nach der jüdischen Immigration aus den GUS-Staaten in den 1990er-Jahren.
Aber weil dafür demonstriert werden muss, ist es leider nicht selbstverständlich. Und das ist ein Skandal, der als solcher scheinbar nur von einer Minderheit wahrgenommen wird. Oder wo sind die 1500 Kundgebungsteilnehmer, die Anfang des Jahres in Hannover gegen Pegida und Hagida auf die Straße gegangen sind? Warum fehlen sie bei einer Demonstration für jüdisches Leben in Hannover?

Nein, hinsichtlich des jüdischen Lebens hier und anderswo in Deutschland herrscht eben keine Normalität. Dass eine von der Polizei bewachte Demonstration von etwa 100 Kippa tragenden Menschen unbehelligt von antisemitischen Übergriffen durch die hannoversche Innenstadt ziehen kann, wird bereits als Erfolg verbucht. Das ist wahrhaftig kein Ruhmesblatt für die deutsche Gesellschaft, 70 Jahre nach dem deutschen Massenmord an den europäischen Juden.

Normalität gibt es erst dann, wenn ein oder zwei Kippaträger auch sicheren Fußes durch Hannovers Nordstadt oder den Sahlkamp spazieren können. Wer möchte es einmal ausprobieren?

Vielleicht sollte der nächste Kippa-Flashmob genau an jenen Orten stattfinden. Und dann hoffentlich nicht nur mit 100 – sondern mindestens mit 1000 Teilnehmern! Denn die werden wir dort brauchen, fürchte ich.

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Jan 27 2015

Afrikanische Einheit

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Armselige provisorische Hütten aus Müll. Flüchtlingscamp in der Wüste

Vorgestern Abend musste ich noch zu später Stunde arbeiten. Im Hintergrund lief Musik von Salif Keita. Keita ist ein Musiker aus Nigeria, der im Jahr 1949 in Mali mit dem sogenannten Albinismus, einer Pigmentstörung der Haut, zur Welt kam. Albinismus gilt in der Herkunftsgesellschaft Keitas als ein Unglückszeichen. Auch er selbst hatte unter diesem Aberglauben zu leiden. Dass er trotzdem den Aufstieg zu einem international anerkannten Künstler geschafft hat, grenzt ein Wunder.

Irgendwann fiel mir bei beim Hören seiner Musik eine Auseinandersetzung ein, die ich im Sommer 2010 mit meinem Bruder geführt habe. Es ging dabei um die Fußballweltmeisterschaft, die gerade in Südafrika stattfand – und in diesem Zusammenhang um die Zustände auf dem afrikanischen Kontinent so ganz allgemein. Mein Bruder war zu dieser Zeit in Südafrika vor Ort und probte mit einigen südafrikanischen Jugendlichen eine Theaterperformance, die teilweise auch vor den Fußballstadien aufgeführt wurde, in denen die Meisterschaftsspiele stattfanden.

Unter den Afrikanern herrschte eine ziemliche Euphorie, denn die eigene Mannschaft konnte sich eine ganze Weile tapfer gegen die Favoriten behaupten. Rund um die Fußballstadien entdeckten die Afrikaner plötzlich ihre Einheit wieder, die sie in ihre Bafana bafana („unsere Jungs“) genannten Kicker hineinprojizierten. Die also hatten auf dem grünen Rasen stellvertretend die Ehre Afrikas zu verteidigen, während sich die verfeindeten Clans und ethischen Gruppen in anderen afrikanischen Ländern weiter abschlachteten.
Mein Bruder ließ sich von diesem Gemeinsinn stiftenden medial inszenierten Großereignis tief beeindrucken und kam bei jeder E-Mail, die er uns in die Heimat schickte, mehr ins Schwärmen. Ich war relativ entsetzt von diesem (völlig unüblichen) plötzlichen Einbruch seiner Urteilsfähigkeit.

Nur weil anlässlich eines medial inszenierten Großereignisses ein gewisses Solidaritätsgefühl zwischen Menschen schwarzer Hautfarbe verschiedener Nationen Afrikas entsteht, gibt es in der sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit dort noch lange keine afrikanische Einheit, schrieb ich zurück: Was für ein Afrika soll denn da überhaupt gemeint sein. Schließt es den Norden ein, dessen muslimische Bevölkerung seit Jahrhunderten die Menschen im Inneren des Kontinents als Sklaven ausbeutet? Wo, wie in Darfur, hellhäutige Muslime dunkelhäutige Muslime anderer ethischer Gruppenzugehörigkeit abschlachten. Oder wo hellhäutige Muslime im nördlichen Teil sich auf die dunkelhäutigen Christen im Süden stürzen? (Inzwischen, nachdem sie ihre „nationale Unabhängigkeit errungen haben, schlachten sich die sogenannten Christen im Süden des Sudans auch untereinander ab.) Oder Somalia, wo sich die Angehörigen Hunderter verschiedener Clans gegenseitig massakrieren? Ruanda etwa oder Burundi, wo vor noch nicht allzu langer Zeit ein Völkermord monströsen Ausmaßes stattgefunden hat und sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen weiterhin feindselig und ängstlich belauern? Kongo, wo die verschieden ethnischen Gruppen – aufgehetzt von blutrünstigen Warlords –, sich gegenseitig massakrieren, um Zugang zu den Rohstoffvorkommen des Landes zu erhalten. Nigeria, oder jetzt auch die Zentralafrikanische Republik, wo Moslems und vermeintliche Christen mordend und brandschatzend durch die Wohnviertel der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe ziehen? Und das sind nur die populärsten Beispiele.
Es wird so gut wie kein einziges Land geben, im dem auch nur im Inneren so etwas wie eine Einheit besteht. Afrikanische Einheit? Nicht mal ein Mythos. Ein Witz. Afrika – um es mal etwas drastisch auszudrücken – ist am (…), oder sagen wir es vornehmer, ist eine einzige Katastrophe! Gestern und heute ausgeplündert von Kolonialisten verschiedener Couleur. Gegeneinander aufgehetzt von deren antikommunistischen und staatssozialistischen Erben, die erfolgreich auch noch jede emanzipatorische Regung im Keim erstickt haben. Die letzten Flämmchen einer gerechteren sozialen Entwicklung ausgepustet vom IWF und dessen neoliberaler Politik unter seinem Präsidenten Köhler und Kameraden. Wirtschaftlich abgewürgt durch Importbeschränkungen, Terms of Trade und Handelsbörsen.

Aber auch ausgeplündert von den heimischen Stammesfürsten und ethnischen Eliten, die sich ans Kapital verkauft und um ihres persönlichen Reichtum willens ihre angeblichen Landsleute auf das brutalste ausgepresst, gefoltert und gemordet haben und das immer noch tun. Zerrissen auch von den eigenen tief verwurzelten Feindseligkeiten zwischen den Ethnien, zerfressen von Aberglauben, mörderischen Kulten und Kannibalismus.

Afrikanische Einheit? Ein Scherz, über den man nicht lachen kann. Gegen das, was auch nur ein paar hundert Kilometer weiter nördlich passiert, ist Südafrika mit seinen rauchenden Slums, ärmlichen Hütten und der immer brutaler werdenden Massenkriminalität noch die Insel der Glücklichen.

Die katastrophalen Zustände, die in den meisten Teilen Afrikas herrschen, mittelalterlich zu nennen, täte dem europäischen Mittelalter Unrecht. Afrika ist eine groteske Karikatur der Moderne, die diesem Kontinent übergestülpt wurde, ohne das er auch nur im mindesten sozial und kulturell darauf vorbereitet gewesen wäre. Man hat versucht, aus den von Stammesdünkel zerfressenen und bis ins Mark verfeindeten Gemeinschaften Nationen zu konstruieren. Das ging nur solange gut, wie die westlichen Mächte mit dem Finger am Abzug darüber wachten, dass die Stammeskrieger nicht über einander herfielen. In Feindschaft gegen ihre Kolonialherren mag hier und da vielleicht wirklich so etwas wie eine Einheit zwischen den Stämmen entstanden sein, die aber sofort wieder zerfiel, als die Kolonialisten abzogen. Seit dieser Zeit bekämpfen sich die künstlich zu Nationen zusammen geschusterten tribalistischen Gemeinschaften unter dem Vorzeichen von nationalem Befreiungskampf, Sozialismus hier, parlamentarische Demokratie da, bis aufs Messer. Seit die ideologischen Systeme ihre Strahlkraft verloren haben wird deutlich, dass es im Grunde immer nur um die Usurpation von Ressourcen für die eigenen Stammesgenossen und zur Aufrechterhaltung zutiefst korrupter und nepotistischer Strukturen ging und geht. Afrika hat sich an der Moderne verschluckt und hört nicht auf, daran zu würgen. Bis dieser verlorene Kontinent vielleicht einen Ausweg aus dem Elend findet, werden wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte vergehen. Und bis dahin wird jeder Afrikaner (oder doch sehr sehr viele), der dazu in der Lage ist und die Möglichkeit hat, versuchen, aus dieser riesigen Afrika genannten No-Go-Area herauszukommen, dorthin, wo es sich besser und einfacher (über)leben lässt. Nach Europa zum Beispiel. Wir würden es genauso machen.

Allein das mag irgendwann die europäischen Mächte dazu veranlassen, etwas zu unternehmen. Fragt sich nur: was?

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Jun 24 2014

Geschützt: Der Islam im Westen

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

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Jun 05 2013

Wolfsrudel und Neoliberalismus

(Adam) Smith wäre es aber nie eingefallen, dem blinden Egoismus das Wort zu reden. Soll der Mensch auch kein Haustier sein, plädiert er doch nicht für die Gesellschaft als Wolfsrudel (…),

schreibt Morgenländer. Na ja!? Spätestens seit den Chicago Boys wissen wir, dass es in so manchem Wolfsrudel sozialer zugeht als in neoliberal orientierten Gesellschaften.

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Jun 03 2013

Über den Tellerrand

Das schätze ich, trotz aller teils fast unüberbrückbarer Meinungsverschiedenenheiten, an Konservativen wie dem “Morgenländer”: Das sie, anders als ein Großteil der Linken, dazu bereit sind, auch einmal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen.
Der Morgenländer über Netty Radvány alias Anna Seghers: Hier nachlesen.

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Mai 23 2013

Lasst nur das Kapital walten und alles wird gut!

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Unsere Regierenden werden die Nation voranbringen, indem sie sich strikt auf ihre rechtmäßigen Pflichten beschränken, indem sie es dem Kapital überlassen, die lukrativsten Anlagemöglichkeiten zu finden und Waren ihren fairen Preis; Mühe und Intelligenz sollen ihren natürlichen Lohn, Trägheit und Dummheit ihre natürliche Strafe finden; dem Staat obliegt es, den Frieden zu wahren, das Eigentum zu verteidigen, die Kosten des Rechts zu senken und überall strikte Sparsamkeit walten zu lassen.
Thomas Babington Macaulay, zitiert nach Morgenländers Notizbuch

Lässt man allerdings dem Kapital zu viel Freiheit, muss dann doch wieder der Staat ran, wie sich erst jüngst erneut erwiesen hat. Ein gewisser Marx hat das schon im 19. Jahrhundert recht treffend formuliert:

“Kapital flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren. Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.”
Karl Marx, Das Kapital, Band 1, Kapitel 24

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Mai 18 2013

Die Agenda Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel, seines Zeichens SPD-Parteivorsitzender, fordert eine neue Agenda für Deutschland. Weil die letzte so schön war. Auf die Agenda 2010, so bekundet der SPD-Vorsitzende, sei er nach wie vor stolz. Lediglich die Einrichtung eines Billiglohnsektors findet Sigmar Gabriel im Nachhinein nicht mehr ganz richtig. Vier Dinge müssten bei der neuen Agenda im Vordergrund stehen, sagt er: „Bildung, damit wir genug Fachkräfte haben. Faire Löhne, damit sich Anstrengung und Leistung lohnen. Die Bändigung der Finanzmärkte, damit das marktwirtschaftliche Prinzip wieder gilt, nach dem Haftung und Risiko in einer Hand liegen. Und ein funktionsfähiges Energiesystem, weil es das Herz-Kreislauf-System der deutschen Volkswirtschaft ist”.
Köstlich, der Sigmar Gabriel, immer für einen kleinen Scherz zu haben: War es doch Sigmar Gabriels sozialdemokratische Partei, die den Finanzmärkten in Deutschland den letzten Schliff für ungestörten und vor dem Fiskus geschützten Kapitalhandel gegeben hat.
Sigmar Gabriel möchte die Folgen der letzten Agenda, auf die er stolz ist, nun mit einer neuen aus der Welt schaffen. Denn die Schaffung eines Niedriglohnsektors stand ja von Anfang an im Mittelpunkt der Agenda 2010 und dieser Niedriglohnsektor ist überdies das einzige, was nachhaltig von der Reform übrig geblieben ist. Erinnert sich überhaupt noch jemand daran, was die Agenda 2010 so alles im Gepäck hatte: Ich-AG, Personal-Service-Agenturen zur besseren Integration von Langzeitarbeitslosen, JobFloater und, und, und.
Alles Schall und Rauch. Lediglich die Deregulierung des Zeitarbeitsektors, die Schaffung von Arbeitslosengeld 2 mit deiner deutlichen Absenkung der Sozialleistungen und weitere Maßnahmen zur Deregulierung des Arbeitsmarktes sind übrig geblieben. Das hat in vielen Fällen zur größerer Armut, insbesondere aber zu Armut trotz Arbeit geführt.
Sigmar Gabriels Agenda-Kapriolen sind also wirklich ganz amüsant. Ob das aber noch lustig ist, wenn eine möglicherweise wieder gewählte SPD erneut mit einer wirtschaftlichen Agenda aufwartet, darf zu bezweileln sein.

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Mai 08 2013

Händler und Räuber oder: der Kampf gegen den inneren Rassismus

Der Morgenländer: „Sozialdemokraten und Grüne, die mit derlei Forderungen (hohe progressive Einkommensteuern und Vermögensabgaben) in den Wahlkampf gehen, täten gut daran, einmal über die innere Verwandtschaft ihrer Parolen mit dem ‘deutschen Sozialismus’ unseligen Angedenkens nachzudenken.
Der ‘Kampf gegen rechts’ würde dann vielleicht zum Kampf gegen die eigenen Neidgefühle.“

Rechts- und Neoliberale täten gut daran, einmal darüber nachzudenken, welche Rolle die Banken und das Großkapital bei der Machtübernahme Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten in Deutschland gespielt, und wie viel etliche Konzerne an den Mordprogrammen der Nazis verdient haben. Der Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit würde dann vielleicht zum Kampf wider den eigenen sozialen rassistischen Impulsen gegenüber der Unterschicht und den Verlieren der kapitalistischen Gesellschaftordung!

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