Archiv für die Kategorie 'Wir Christen'

Jan 30 2016

Theologie ohne Glauben

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Wir Christen

Glasfassade einer Bank

Oder: wie die moderne Theologie den christlichen Glauben wegrationalisiert.

Vor zwei Jahren veröffentlichte das antiklerikale Kampfblatt “Die Tageszeitung” (Taz) anlässlich der Gründung einer alt-katholischen Gemeinde in Bremen einen recht wohlwollenden Artikel über die Alt-Katholiken. Soweit, so gut. Aber wenn die “Taz” anfängt, Katholiken gut zu finden, werde ich skeptisch.

Und das zu Recht. Irgendein norddeutscher Alt-Katholik muss dem Taz-Journalisten in die Feder diktiert haben, dass diese Kirche modern sei und man beispielsweise die Jungfrauengeburt nicht mehr biologisch verstehe. Modern? Das gefiel dem Reporter natürlich gut. Er schrieb:

“Sie (die Alt-katholiken) finden nicht, dass die Frau sich dem Manne unterzuordnen habe. Sie sind gegen die kultische Verehrung Mariens und sie verstehen die Sache mit der Jungfrauengeburt auch nicht als biologische Aussage. Sie erlauben ihren Geistlichen, PartnerInnen, Sex und Kinder zu haben und ihre Bischöfe werden nicht von Rom ernannt, sondern von der Gemeinde gewählt. Sie feiern Abendmahl zusammen mit Protestanten, sie trauen homosexuelle Paare und sie wählen bekennende Schwule zu Diakonen.“

Ich war irritiert. Und nicht nur darüber, dass bei den Alt-Katholiken angeblich homosexuelle Paare “getraut” werden. Die Jungfrauengeburt keine “biologische Aussage”. Das müsste dann ja heißen, die Jungfräulichkeit Mariens sei rein metaphorisch zu verstehen und Maria im “wirklichen Leben” eben doch eine ganz normale Frau?

Bloß keinen Ärger mit der Presse

Die Alt-Katholiken haben keinen aktuellen Katechismus. Daher ist es schwer, überhaupt irgendwelche verbindlichen Aussagen darüber zu finden, was geglaubt wird und was nicht. Aber immerhin gibt es die “Koinonia auf altkirchlicher Basis“: das ist ein Positionspapier, in dem die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen des orthodox-altkatholischen Dialoges aus den Jahren 1975 bis 1987 publiziert worden sind.
In Bezug auf die Gottesmutter heißt es dort:

„Da die Kirche Maria als Gottesmutter anerkennt, deren Niederkunft der heilige Ignatius von Antiochien ‚ein laut rufendes Geheimnis’ nennt rühmt sie auch die bleibende Jungfrauschaft. Die Gottesmutter ist immer Jungfrau, da sie unversehrt und auf unsagbare, nicht zu klärende Weise Christus geboren hat“.

Das passt doch auf keinen Fall zu dem, was der Taz-Reporter über den Glauben der Alt-Katholiken geschrieben hatte, dachte ich mir. Da musste doch eine Richtigstellung her. Ich schrieb das bischöfliche Ordinariat in Bonn an. Von dort bekam ich die Auskunft, dass in der Presse immer wieder Sachverhalte stark vereinfacht und auch falsch dargestellt würden. Es erfordere aber

“ein sehr genaues Nachdenken darüber ob eine Gegendarstellung im presserechtlichen Sinne angezeigt ist. Es könnte auch leicht der Eindruck entstehen, der Umgang mit der alt-katholischen Kirche ist schwierig. ‘Bei denen muss man ganz genau aufpassen, sonst gibt es schon wieder eine Gegendarstellung’, oder so ähnlich. Damit fördert man nicht die Motivation, über kirchliche Themen zu berichten.”

Ergo, lieber nehmen wir eine falsche Berichterstattung hin, als es uns mit der Presse zu verderben. Nun ja – ich gebe zu, es ist mühsam, ständig richtigzustellen, was die kirchenunkundige Presse so verzapft. Und dann lässt man es halt. Richtig ist das nicht, geht es, wie in diesem Fall, doch um die Essenz unserer Glaubensüberzeugungen. Oder glauben die alt-katholischen Theologen gar nicht mehr, was Jahrhunderte lang katholische Grundüberzeugung war?
In Sachen Jungfrauengeburt antwortete man mir seitens des bischöflichen Ordinariats:

“Das Wesen eines solchen Glaubens-Mysteriums wie der Reder (sic) von der ‘Jungfrauengeburt’ ist nicht seine rationale Unerklärbarkeit. Im Übrigen haben wir heute ein anderes Welt- und Wirklichkeitsverständnis sowie ein fortgeschrittenes Weltwissen, mit dem wir an solche Glaubensaussagen von Menschen vor vielen Jahrhunderten herangehen, die ihrerseits ein ganz anderes solches Welt- und Wirklichkeitsverständnis und Weltwissen hatten. Ich plädiere hier jedoch immer für gegenseitigen Respekt.”

Wie bitte? Das Wesen eines Glaubensmysteriums ist nicht mehr seine rationale Unerklärbarkeit? Was denn sonst? Wir haben ein “fortgeschrittenes Weltwissen” mit dem wir die rationale Unerklärbarkeit der Mysterien ad legen können? Es gibt nichts Unerklärbares mehr? So etwas erwartet man eigentlich eher von Atheisten wie Richard Dawkins oder Christopher Hitchens, nicht aber von einem Mitarbeiter des bischöflichen Ordinariats.

Wer eine solche Theologie hat, braucht keine Atheisten mehr

Womit wir beim Kern des Problems angekommen wären: Für die moderne Theologie insbesondere protestantischer Prägung (wovon der Alt-Katholizismus scheinbar immer mehr zu einer bloßen Spielart wird) gibt es keine Mysterien mehr. Transzendenz wird ersetzt durch einen ethischen Imperativ; was einmal als Glaubensüberzeugung die Lebenswelt der Menschen durchdrang, wird heruntergebrochen auf reine Metaphorik. Die kritische Exegese in der Theologie hat den Glauben wegkritisiert. Warum also sollten die Leute noch in Kirche kommen, wenn sie da ohnehin nichts weiter zu erwarten haben als ein paar sinnige Sprüche zum Herzerwärmen. Da kann man doch besser gleich zum Yoga gehen.
Für die sogenannten kritisch-historischen Theologen wie Rudolf Bultmann sind die Evangelien geschichtsförmige Einkleidungen frühchristlicher Glaubensideen. Sagen und Mythen statt Mysterien. Das ist übrigens etwas anderes als geistliche Bilder, die in ihrer Symbolik immer noch eine metaphysische Wahrheit repräsentieren. Einen Wahrheitsgehalt indes spricht die sogenannte kritische Theologie den Evangelien direkt oder indirekt rundum ab. Wer eine solche Theologie hat, braucht eigentlich keine Atheisten mehr.
In der katholischen Theologie – und mithin auch in der orthodoxen – ist dagegen etwa die Jungfrauengeburt nicht erst seit den neuen Mariendogmen im 19. Jahrhundert als umfassend wahr begriffen worden. Und das heißt nicht nur als metaphorisch sondern auch als symbolisch und geschichtlich wahr. Papst Benedikt XVI übrigens hat das in seinem Christusbuch noch einmal ausdrücklich unterstrichen.

Transzendierende Wirklichkleit

Wenn wir die Mysterien als symbolisch wahr bezeichnen, dann erübrigt sich im Grunde die Frage, ob das in einem biologischen oder nur metaphorischen Sinn gemeint ist. Denn es geht um eine Wahrheit, die das materielle und also auch biologische Geschehen transzendiert, das heißt, darüber hinaus weist und es gleichzeitig in sich aufhebt. In dieser transzendierten Wirklichkeit gibt es überhaupt kein entweder oder mehr. Wer den christlichen Glauben erfassen will, ja, wer glauben will, muss in der Lage sein, Paradoxien auszuhalten. Insofern könnte man auf die Frage, ob die Jungfrauengeburt auch biologisch zu verstehen sei, antworten: du kannst sie so verstehen – aber im Grunde interessiert mich diese Frage gar nicht. Denn: die christlichen Mysterien sind in einem höheren Sinn wahr und auf der materialistischen und sogenannten rationalen Ebene unbegreiflich.
Gerade aber damit kommt der hausbackene – sogenannte rationale – Verstand nicht klar. Genauso wenig wie er die Quanten- und – oder Chaostheorie begreift, so wenig begreift er beispielsweise, dass etwas Höheres sowohl drei als auch eins – dreieinig – sein kann. Er begreift nicht, dass es Dinge gibt, die sich der Messbarkeit und Rationalisierbarkeit entziehen. Weil sie sich der Rationalisierung entziehen, können sie nicht wahr sein.

Theologische Begleitmusik der Moderne

Horkheimer und Adorno schreiben in ihrer “Dialektik der Ausklärung”:

“Das mythische Grauen der Aufklärung gilt dem Mythos. Sie gewahrt ihn nicht bloß in unaufgehellten Begriffen und Worten, wie die semantische Sprachkritik wähnt, sondern in jeglicher menschlichen Äußerung, wofern sie keine Stelle im Zweckzusammenhang jener Selbsterhaltung hat. Der Satz des Spinoza ‘Conatus sese conservandi primum et unicum virtutis est fundamentum’ (Der Versuch des Sich-Selbst -Erhaltens ist die erst und einzige Grundlage der Tugend) enthält die wahre Maxime aller westlichen Zivilisation, in der die religiösen und philosophischen Differenzen des Bürgertums zur Ruhe kommen.”

Für Horkheimer und Adorno ist die Zurichtung aufs Rationale eine Selbstentäußerung der Individuen, “die sich an Leib und Seele nach der technischen Apparatur zu formen haben”. Die beiden Philosophen haben ihren Angriff auf die Rationalisierung aller Lebensäußerungen zugegebenermaßen nicht als Verteidigung der christlichen Mysterien sondern als Kapitalismuskritik angelegt. Aber sie haben gezeigt, wie die Moderne die Sinneshaltung der Menschen sukzessive auf ein Quantifizierbares eingeengt hat und Metaphysik in diesem Zusammenhang als Bedrohung bekämpfen muss. Alles, was nicht rationalisierbar ist, ängstigt den Menschen der Moderne – und daher muss er es von sich abspalten. Als letztes Höheres gilt dem modernen Subjekt die reine Selbsterhaltung. Die kritisch-historische Theologie ist mit ihrer Entzauberung des Metaphysischen gewissermaßen die theologische Begleitmusik von Moderne und Postmoderne, die im Übrigen mit dem Neoliberalismus derzeit scheinbar immer mehr an ihre eigenen rationalen Grenzen gerät. Im postmodernen Neoliberalismus wird der Rationalismus langsam an sich selbst irre.
Die moderne Theologie – oder besser die Theologie der Moderne – versucht dabei in ihrem diskursiven Niemandsland der ihr zugewiesenen Funktion gemäß noch irgendwie Sinn zu generieren, wo sie selbst schon lange keinen Sinn mehr sieht.

Everything goes

Vorgemacht hat das jüngst wieder der “Spiegel”. Unter dem Titel “Vom Himmel hoch”, fragte das Nachrichtenmagazin einmal genauer nach: “Ist Gott nur ein Irrtum! Und der Mensch nur Zufall?” Um Antworten wurden der britische Astrophysiker Ben Moore und der evangelische Pastor Johann Hinrich Clausen aus Hamburg gegeben. Moore übernahm den atheistischen Part, der Pastor sollte Gott und das Christentum verteidigen. Die Eingangsfrage an beide Gesprächsteilnehmer lautete: Was sehen Sie, wenn Sie nachts in den Himmel blicken. Der Astrophysiker sah die Zukunft, er sah die Menschheit zu den Sternen reisen um zu erkunden, was dort existiert, ob es dort wohlmöglich Leben gibt. Eine kühne und gleichzeitig optimistische Vision, den immerhin glaubt er an eine große Zukunft der Menschheit. Der Pastor sah nur Sterne. Deshalb stellte er sich seine Frage lieber gleich selbst: nämlich, was er dabei fühle. Er fühle Ehrfurcht, so die Antwort.
Immerhin. Ehrfurcht. Nicht schlecht. Ehrfurcht vor Gottes grandioser Schöpfung, dem Universum, sicherlich. Aber so wollte es Pastor Claussen nicht verstanden wissen. Vielmehr ging es ihm um die Frage nach dem Unendlichen. Auch nicht schlecht! Wenn Menschen daran denken, so der Kirchenmann, dann würden sie an ihr eigenes Lebensende denken und fragen, ob es auch in ihnen etwas Unendliches gebe. Jedoch: eine Antwort hatte er leider nicht. Und auch auf die Frage des Spiegels, ob er an einen kosmischen Designer – sprich Schöpfer – glaube, “der das alles geschaffen haben soll? (…)” musste Pastor Claussen passen: “Ich weiß es nicht”. Was Wunder, dass der atheistische Astrophysiker schließlich insistierte, welche Aufgabe Gott dann nach Meinung von Pastor Claussen in der Welt habe, wenn er weder den Menschen schuf noch das Universum. “Welche Rolle hat er dann noch”, bohrte Ben Moore weiter. Pastor Johann Hinrich Claussen blieb in philosophisch Allgemeinem verfangen und wusste zur Verteidigung der Religion substanziell eigentlich nicht viel mehr vorzubringen, als dass sie etwas Wahres, gutes und Wunderschönes in ihm anstoße und seit Kant eigentlich jeder individuell bestimmen könne, was er damit und mit der Religion meine. Everything goes.
Ich glaube, dieses “everything goes” wirft uns auf uns selbst zurück, auf Spinoza und sein Paradigma von der reinen Selbsterhaltung, geschmückt mit etwas philosophisch-religiösem Zierat von den evangelischen Kanzeln, das aber von den eignen Apologeten nicht mehr so ganz ernst genommen wird. Wie aber sollen es dann die Menschen ernst nehmen.

Sich dem Zeitgeist entgegen stemmen

Diese Art von Theologie schafft sich selbst ab. Sie affirmiert das Weltbild der Moderne, in dem Quantifizierbarkeit und Messbarkeit zur letzten Wahrheit gerinnt. Sie sieht ihre Aufgabe scheinbar nur noch darin, das ärmliche Los der Menschen als Subjekte einer Tugend des reinen sich Selbst-Erhaltens mit ein paar frommen Sprüchen erträglicher zu machen.
So eine Theologie brauchen wir nicht. Vielmehr brauchen wir eine Theologie und eine Kirche, die sich diesem fatalistischen Zeitgeist entgegen stemmt.

Keine Kommentare

Aug 30 2015

Rückkehr(zur)-Ökumene: Gedanken zum Todestag von Frère Roger

Autor: . Abgelegt unter Katholisches,Wir Christen

Frere Roger

Heute vor 10 Jahren und 14 Tagen wurde der Gründer und Prior der Gemeinschaft von Taizé ermordet, Frère Roger. Die Nachrufe sind geschrieben und an vorderster Stelle wurde dabei der herausragenden Bedeutung Frère Rogers für die Ökumene gedacht. Denn wenn Taizé für etwas steht, dann ist es der Gedanke einer Versöhnung der in Konfessionen gespaltenen Christenheit durch den Geist der Gemeinschaft.

Die postmoderene Ökumene
Ökumene ist insbesondere unter sich als weltoffen und fortschrittlich verstehenden Christenmenschen quer durch alle Konfessionen hip. Sie wird dabei quasi als natürlicher Gegensatz zu einem traditionalistischen Verständnis von Christentum gesehen und oft gegen traditionelle römisch-katholische Glaubensüberzeugungen in Stellung gebracht. Ökumene und traditionsorientierter Katholizismus, dass scheint sich prinzipiell auszuschließen. Diese Auffassung ist sowohl unter Traditionalisten als auch unter “Modernisten” verbreitet. Die einen bekommen deshalb häufig schon beim Wort Ökumene Kopfschmerzen, den anderen kann es gar nicht ökumenisch genug zugehen.
Der liberale Protestantismus hat das Modell der sogenannten “versöhnten Verschiedenheit” hervorgebracht. Darunter wird landläufig verstanden, dass die Konfessionen ihre Unterschiedlichkeit als gegenseitige Bereicherung anerkennen sollen und quasi jede Glaubensauslegung ihre gleichwertige Berechtigung habe. Dieses Verständnis von Ökumene ist von postmodernem Zuschnitt:
Die Verteidigung einer Überzeugung, die Suche nach einem Sinn hinter den Erscheinungen, die Suche nach einer Wahrheit, das alles gilt den Protagonisten der Postmoderne wie Jean-Francois Lyotard oder Jacques Derrida als tendenziell totalitär. Der Suche nach Wahrheit wird eine Vielfalt nebeneinander stehender Systeme und Sichtweisen gegenüber gestellt.
Der liberale Protestantismus aber auch einige liberale Strömungen im Katholizismus haben die postmoderne Weltsicht stillschweigend adaptiert. Für die eigenen Glaubensüberzeugungen einzutreten oder gar die Überzeugungen anderer zu kritisieren, gilt als unfein und als “dogmatisch”, intolerant. Intolerant zu sein ist einer der schwersten Vorwürfe, der einen heutzutage treffen kann. Wer in den Ruf kommt, intolerant zu sein, ist gebrandmarkt. Alles geht, bis auf eine traditionell orientierte katholische oder auch protestantische Überzeugung. Als ein evangelischer Pastor aus Bremen in seiner Kirche einen konservativ orientierten Protestantismus verteidigte, wurde er in den Medien als “Hassprediger” beschimpft.

Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners
In der Praxis läuft dieses postmoderne ökumenische Modell auf eine Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners und auf ein unverbindliches Nebeneinander der verschiedenen Konfessionen hinaus. Solcherart ökumenische Veranstaltungen pflege ich so gut es geht zu meiden. Warum? In der Regel lassen sie jede liturgische Form, jede spirituelle Tiefe und jegliche intellektuelle Originalität vermissen und dienen meistens nur dazu, sich gegenseitig der ökumenischen Correctness zu versichern. Total langweilig!

Sehnsuchtsort Taizé
Nun wird jeder Taizébesucher und jede Taizébesucherin wissen, dass es dort hoch liturgisch zugeht und es sich um einen Ort von einer ganz besonderen spirituellen Tiefe handelt. Taizé ist ein Sehnsuchtsort, fast alle kommen tief berührt von dort zurück. Ich vermute: Es muss sich in Taizé um eine andere als die postmoderne Form der Ökumene handeln.

Spaltung der Christenheit – Versündigung am Leib Christi
Der Gründer der Gemeinschaft von Taizé, Frère Roger, stammt aus einer protestantischen Familie. Seine Eltern und Großeltern waren evangelisch-reformierte Christen, die sich indes durch einen Hang zur katholischen Spiritualität auszeichneten. Das hat ihn tief geprägt, wie er selbst bekannte: “Das Lebenszeugnis meiner Großmutter hat mich so geprägt, dass ich schon in jungen Jahren meine Identität als Christ darin gefunden habe, in mir den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem die Gemeinschaft zu brechen”. Für Frère Roger bedeutete Ökumene daher immer auch eine Wiederherstellung einer Gemeinschaft mit der apostolischen katholischen Kirche der westlichen Hemisphäre, eine Wiederherstellung der Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche. Frère Roger war sich bewusst, dass die eine von Christus gestiftete Kirche trotz aller Unzulänglichkeiten ganz wesentlich in der katholischen Kirche aufgehoben ist, dass eine Einheit der Christenheit nur mit der katholischen Kirche verwirklicht werden kann und nicht neben ihr, dass die Spaltung der Christenheit in konkurrierende Gruppen und Gemeinschaften eine Versündigung am Leib Christi ist.

Versöhnte Gemeinschaft
Frère Roger war sich außerdem bewusst, das die entscheidende spirituelle Kraft in der westlichen Hemisphäre von der römischen-katholischen Kirche ausgeht. Er konnte überhaupt nur zu einem Ordensgründer werden, weil er sich mir der katholischen Spiritualität versöhnt sah. Gleichwohl war es ihm immer wichtig, seine Brüder und Schwestern in den protestantischen Konfessionen auf diesem Weg mitzunehmen. Deswegen sah er eine individuelle Konversion für sich nicht als eine Lösung an: Gerüchte, wonach er in die römisch-katholische Kirche konvertiert sei, wurden nach seinem Tod von der Gemeinschaft von Taizé entschieden dementiert: “Frère Roger habe einen einzigartigen Weg gehabt, stellt die Gemeinschaft von Taizé fest. Als Protestant sei er ‘nach und nach in die volle Gemeinschaft mit dem Glauben der katholischen Kirche getreten, ohne eine “Konversion”, die einen Bruch mit seinen Wurzeln bedeutet hätte’.”

“Versäumen wir diesen uns geschenkten Moment nicht!”
Wer also heute einem letztlich unverbindlichen Nebeneinander der Konfessionen der Wort redet, kann sich dabei jedenfalls auf Frère Roger nicht berufen. Im Gegenteil, wer dem Vorbild von Frère Roger folgen will, muss alles unterlassen, was den Riss zwischen den Konfessionen und die Trennung von der römischen Kirche vertieft und alles tun, um so schnell wie möglich wieder in eine Gemeinschaft mit ihr zu gelangen. Der Nachfolger von Frère Roger und jetzige Prior der Gemeinschaft von Taizé, Frère Alois, hat dazu einen Vorschlag gemacht: “Könnten nicht alle Christen die Berufung des Bischofs von Rom anerkennen, Verantwortung für die Gemeinschaft unter allen zu tragen, einer Gemeinschaft in Christus, in der auf manchen Gebieten Unterschiede im theologischen Ausdruck weiterbestehen können? Gibt Papst Franziskus nicht uns allen dadurch die Richtung vor, dass er der Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes die höchste Priorität einräumt? Versäumen wir diesen uns geschenkten Moment nicht! Ich bin mir dessen bewusst, dass ich damit ein heißes Eisen anfasse und mich vielleicht auch unbeholfen ausdrücke. Dennoch sehe ich keinen anderen Weg, um in Richtung einer versöhnten Verschiedenheit weiterzugehen”.

Ja zur Rückkehr-Ökumene
Die Ökumene, die Frère Roger uns näherbringen wollte, war die versöhnte Verschiedenheit als versöhnte Einheit mit der (römisch-)katholischen und natürlich auch den orthodoxen Kirchen. Eine solche Ökumene kann nicht anders, sie muss immer auch ganz wesentliche eine Ökumene der Rückkehr zur Einheit mit der großen katholischen Kirche sein, auch wenn der Begriff “Rückkehr-Ökumene” immer wieder auf heftige Abwehr trifft.
Die Brüder der Taizé-Gemeinschaft stellen klar: „Jene, die um jeden Preis wollen, dass die christlichen Konfessionen ihre jeweilige Identität darin finden, dass sie sich in Opposition zum anderen begeben, können sicherlich nicht den Weg von Frère Roger erfassen. Er war ein Mann der Gemeinschaft, und vielleicht ist es das, was manche nur schwer verstehen können.“
Das sei auch so manchem Alt-Katholiken ins Stammbuch geschrieben.

2 Kommentare

Jun 07 2015

Winnetou ist ein Christ

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Wir Christen

Chsr-lih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Leb wohl!

Keine Kommentare

Jul 19 2014

Falsche Lehren – Geistbraus erinnert an die Barmer Erklärung

Autor: . Abgelegt unter Wir Christen

Dunkle Wolken
Der Geistbraus-Blogger, Martin Johannes Grannenfeld, hat in seinem letzten Beitrag dankenswerter Weise der Barmer Erklärung der Evangelischen Kirche aus dem Jahr 1934 gedacht, die heute vor 80 Jahren unterzeichnet wurde. Damit leisteten evangelische Christen seinerzeit Widerstand gehen den Zeitgeist, damals also gegen ihre Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten.
In der Erklärung hieß es unter anderem:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.

Für diese Überzeugung ist Dietrich Bonhoeffer in den Tod, sind Martin Niemöller und viele andere ins KZ gegangen.
Martin Johannes Grannenfeld spricht mir aus dem Herzen (zumindest, wenn wir einmal den Abschnitt über die Demokratie beiseite lassen) wenn er schreibt:

Die Zeiten ändern sich, die Versuchungen bleiben dieselben. Opportunisten gibt es gestern wie heute. Es gibt keine KZs mehr, und niemand wird in Deutschland für seinen Glauben hingerichtet. Das ist schön – doch es sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Repression subtiler geworden ist. Vor achtzig Jahren trat der Teufel laut und polternd auf. Die “Deutschen Gottesworte” eines Ludwig Müller waren in ihrer zeitgeistigen Häresie so offensichtlich, dass es den Verteidigern des Glaubens nicht schwerfiel, sie zu entlarven. Die “Wir haben ein weites Herz”-Rhetorik von heute ist subtiler. Der Teufel ist ein netter Kerl geworden. Doch er bleibt der Teufel – gestern, heute und allezeit. Folgen wir ihm nicht – nicht ein Stückchen!

Leider will in der alt-katholischen Kirche davon keiner mehr etwas wissen. Hier will man lieber modern sein. Alt-Katholiken, die vergleichbare Positionen vertreten, werden zunehmend isoliert, wenn sie denn nicht schon völlig isoliert sind.
Dabei gäbe es doch Grund genug, angesicht der unrühmlichen Vergangenheit der alt-katholischen Kirche während des Nationalsozialismus, dem Zeitgeist etwas kritischer zu begegnen.

Keine Kommentare

Jul 09 2014

Was ist altkatholisch (Teil 2): Die alte Kirche und der Zeitgeist

Kirche mit Türmen und Giebeln
Die alte Kirche hat sich in einer Umgebung behaupten müssen, die geprägt war von Hedonismus, Promiskuität jeglicher Form, Sklaverei, Missbrauch, Selbstbezogenheit und Egoismus, heidnischen Götterkulten und Prostitution. Sie hat zu all dem nein gesagt, sie hat nein gesagt zu dem herrschenden Zeitgeist. Sie hat die Menschen aufgefordert umzukehren und sich dem einen, einzigen und dreifaltigen Gott zuzuwenden, der selbst Mensch geworden ist in Jesus Christus. Dadurch konnte sie neue Orientierung und Hoffnung geben. Und so ist sie zur einflussreichsten Kraft in weiten Teilen der Welt geworden.
Jetzt scheinen all die Dinge sie wieder einzuholen, gegen die sie einmal aufgestanden ist. Wenn sich die Kirche den Verwerfungen der Postmoderne und des Zeitgeistes anpasst, kann sie nur verlieren. Gewinnen kann sie, wenn sie diesen Verwerfungen widersteht und zur Hoffnungsträgerin eines neuen auf Gott hin ausgerichteten Lebens und einer besseren und gerechteren Welt wird.
Wir Christen dürfen uns Schrift und Tradition nicht so zurechtinterpretieren wie es und passt. Wir dürfen uns nicht einfach über alles hinwegsetzen, was uns schwierig erscheint, stört oder nicht mehr modern ist. Wenn wir uns dem Zeitgeist mit seinen Verwerfungen andienen, werden wir verlieren. Gewinnen können wir nur, wenn wir das verteidigen, was immer, überall und von allen geglaubt worden ist. Gewinnen können wir nur, wenn wir uns ähnlich widerständig erweisen wie die Alte Kirche. Das eigentlich ist Altkatholizismus!

Keine Kommentare

Jun 29 2014

Königstum und Gottesherrschaft

Autor: . Abgelegt unter Wir Christen

König der ganzen Erde ist Gott. Jauchzt ihm zu mit lautem Jubel!

Gottesherrschaft und Königtum ist insbesondere im Alten Testament und in den Psalmen ein immer wiederkehrendes Thema. „Der Gedanke der Gottesherrschaft scheint in der Regel in Analogie zu menschlichen Herrschaftsformen“ – und hier eben in erster Linie zum Königtum – gebildet zu sein (Müller 2004, 1) Hieraus wird von einigen konservativen Katholiken der Schluss gezogen, dass die Monarchie gewissermaßen die natürliche Regierungsform christlicher Gesellschaften – und der Monarch quasi das diesseitige Symbol Gottes sei.
Die Abschaffung der Monarchie komme daher der Abkehr von Gott und der natürlichen göttlichen Ordnung gleich.
Einer der beharrlichsten Vertreter dieser Position ist der mit spitzer Feder bewehrte und vielleicht populärste Blogger der katholischen Blogoezese, der Geistbraus-Blogger Martin Johannes Grannenfeld. (Doch so sehr ich seinen Stil und seine Texte schätze, hier kann ich ihm als „linkskatholischer Traditionalist“ auf keinen Fall zustimmen.)

Martin Johannes Grannenfeld schreibt: „Und die ewige Wahrheit lautet nunmal: ‚MIR ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden’. ’MIR’ – dem Einen und Einzigen. Nicht dem Volk. Basta“.
Das lässt sich allerdings auch anders interpretieren: Ihm also ist alle Macht gegeben, Ihm, dem EINEN und EINZIGEN GOTT. Nicht den Fürsten, Kaisern und Königen.
Deutet irgend etwas darauf hin, dass es der Wille des Einen und Einzigen Gottes ist, dass ein Monarch – oder reden wir besser von den Monarchen – dass also die Monarchen hier auf der Erde, Seine, Gottes, Gewalt wahren, ausüben und repräsentieren?
Wäre Christus dann nicht als ein weltlicher Herrscher auf der Erde erschienen, anstatt als armer Wanderprediger, der den Kontakt zu den Armen, Ausgestoßenen und Sündern sucht – und eben nicht zu den Königen, Kaisern und Fürsten? Christus hat nicht mit dem Kaiser um die Herrschaft auf der Erde gestritten, sondern all denen, die ihm folgen und nach seinen Weisungen handeln, dass himmlische Königreich versprochen. Er hat die Sphäre weltlicher Herrschaft von der Sphäre des Göttlichen geschieden: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“
Christus hat eine äußerst herrschaftskritische Position gegenüber den Königen, Fürsten und Kaisern seiner Zeit eingenommen, die ihm nicht zuletzt deshalb von Anfang an nach dem Leben trachteten. Und letztlich hat er aus ihrem scheinbaren Sieg, durch seinen Tod, die endgültige Niederlage der Fürsten der Welt besiegelt und den Menschen die Türen zu seinem Himmelreich aufgestoßen.
Er hat die Mächtigen vom Thron gestoßen und die Niedrigen erhöht. Er hat die Hungrigen mit seinen Gaben beschenkt und die Reichen leer ausgehen lassen. Das ist gleichsam die Fülle, mit der Gott die Menschen beschenkt. Die Menschheit als Ganzes ist dazu aufgerufen, sich die Erde untertan zu machen und allein dem einen Gott zu dienen.
Und wenn es denn schon einen geben sollte, der die Gottesherrschaft auf der Erde symbolisiert und dazu berufen ist, das jenseitige Reich Gottes in der diesseitigen Welt zu repräsentieren, dann ist es der von Christus berufene Erste unter den Aposteln, Petrus und seine Nachfolger, beziehungsweise, aus altkirchlicher Perspektive, die in seiner Nachfolge stehenden fünf Patriarchate: 1. das Patriarchat Jerusalem, 2. das Patriarchat Antiochia 3. das Patriarchat Alexandria, 4. das Patriarchat Konstantinopel und 5. das Patriarchat Rom.
Für die westliche Kirche symbolisiert daher kein weltlicher König das Königreich Gottes, sondern allein der Bischof von Rom, also der Papst.
Und das sage ich besten Gewissens als traditionsorientierter Altkatholik.

(Lit. Reinhard Müller: Königtum und Gottesherrschaft. Tübingen 2004)

2 Kommentare

Jun 09 2014

Pfingsten (2)

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=9ZcIWk7Y5z8&w=460&h=315]

Keine Kommentare

Jun 08 2014

Pfingsten

Darstellung der Ausgießung des heiligen Geistes im Rabbula-Evangeliar (586)
Darstellung der Ausgießung des Heiligen Geistes im Rabbula-Evangeliar (586)

Keine Kommentare

Mrz 01 2014

Liturgie, Ritus und die altkatholische Kirchlichkeit

Autor: . Abgelegt unter Wir Christen

Priester und Diakone am Altar

Liturgie verstehen

Seit dem Zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt wird in der Römischen Kirche das Latein als liturgische Sprache verwendet. Davor feierte man die Gottesdienste auf Griechisch, doch das beherrschten im Rom der Spätantike nur noch wenige. Die Verwendung des Lateinischen folgte zunächst rein pragmatischen Gründen, die Leute sollten verstehen, was gesungen und gebetet wurde.
Der Grundsatz, dass die Heilige Liturgie verständlich sein soll, gilt in den Ostkirchen seit jeher als Selbstverständlichkeit. Deshalb verwenden die orthodoxen Kirchen in Deutschland neben den Sprachen ihrer einstigen Herkunftsländer, Griechisch, Serbisch, Bulgarisch und so weiter, zunehmend auch Deutsch in den Gebeten und Gesängen der Heiligen Liturgie. Im Deutschen Orthodoxen Dreifaltigkeitskloster in Buchenhagen werden die liturgischen Texte des griechisch-byzantinischen Ritus systematisch in Deutsche übersetzt. Zu einer deutschen Orthodoxie gehört im Verständnis der Mönche ganz selbstverständlich auch die deutsche Sprache als Sprache der Liturgie. Alle Christen sollen am Gottesdienst und am Heiligen teilhaben können, und dazu müssen sie die Gesänge und Gebete verstehen.

Heilige Sprache?

In Westeuropa setzte sich das seit Beginn des Mittelalters vom gemeinen Volk kaum noch verständliche Latein als allgemeine Sakralsprache durch. Das Latein scheint als Kirchensprache lange Zeit als quasi heilige Sprache gegolten zu haben, und für manche ist das offensichtlich immer noch so. Dabei ist es doch das Heilige, das die Sprache heiligt, in der es verkündet und zelebriert wird – und nicht umgekehrt. Mancherorts wird das Latein meinem Eindruck nach überhöht, gerät das Verhältnis zwischen den Heiligen Mysterien und der Art und Weise ihrer Verehrung aus der Balance. Um nicht falsch verstanden zu werden: Jeder und jede, der oder die das Latein und den lateinischen Ritus liebt, soll ihn feiern dürfen. Aber es gibt – wie ich das derzeit sehe – überhaupt keinen Grund, etwa das Lateinische beispielsweise dem Deutschen in der Liturgie vorzuziehen.

Das Wie und Warum der Liturgie

Auf eine Nachfrage hin habe ich mir noch einmal Gedanken darüber gemacht, welche Bedeutung, welchen Sinn die Liturgie hat. Ich denke, zunächst geht in der Liturgie darum, Gott zu ehren.

  • Die Liturgie sollte dabei die in die Tradition der Kirche eingeflossene Erkenntnis und Erfahrung widerspiegeln,
  • das sich in den Mysterien ausdrückende Heilsgeschehen symbolhaft abbilden,
  • die wirkliche Einheit der Kirche und der Christen in und durch Jesus Christus immer wieder vergegenwärtigen und verwirklichen, insbesondere durch die Eucharistie,
  • der Gottsuche und Gottbegegnung eine sichere Form und einen meditativen Raum geben und
  • das Evangelium verkünden.

Was die Liturgie daher nicht sein kann, ist schnell gesagt: modern!

Liturgie auf Basis der Subjektivität?

Eine Liturgiereform, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil in Angriff nahm, war sicher notwendig und überfällig. Was dann bei dieser Reform heraus kam, ist wieder eine andere Sache. Meiner unbedeutenden Meinung nach hätte man dabei die Form des alten Ritus mit dem Canon Romanus im Zentrum wahren sollen. „Die liturgischen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils”, sagt Peter Gerloff, zum Katholizismus konvertierter ehemaliger evangelischer Pastor, „sind dem Bedürfnis nach ‚Erleben’ weit entgegen gekommen, und Zelebranten und Liturgiekreise bemühen sich mit unterschiedlichsten Mitteln um ‚eindrucksvolle Gottesdienste’.

Das ist unumgänglich. Aber es hat sich gezeigt, dass Liturgie auf der Basis der Subjektivität nicht funktionieren kann. Eine Weile macht sie (vielleicht) Eindruck und Spaß, danach nicht mehr.
Ist die Rückkehr zum vorkonziliaren Ritus ein Heilmittel? Auch sie kann im Horizont der heutigen Situation nur von subjektiver Erfahrung ausgehen und auf sie hinzielen: das Heilige, Objektive, dem Menschen Entzogene soll (wieder) erfahrbar werden. Aber indem auf Erfahrbarkeit reflektiert wird, ist der Blick gebrochen und zurückgelenkt auf das erlebende Ich.
Was war ‚früher’ anders? In den ersten Jahrhunderten lag die Wahrheitskraft des Christusglaubens in seiner unerhörten Neuheit, im Geist und Mut seiner Zeugen und in der konkreten Communio. Diese qualitative Differenz zu den überlebten Göttern gab der kirchlichen Liturgie ihre transzendente Dynamik. Vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der christliche Kultus Teil der scheinbar gottgegebenen Gesellschaftsordnung, die als objektiv und statisch wahrgenommen wurde. Aber seit der bürgerlichen Revolution und dem Durchbruch des Kapitalismus in allen Bereichen wird das Quantifizierbare – Geld und Lust – immer unverhüllter zum Maß und Motor aller Dinge.
Eine Rückkehr in die kirchliche Frühzeit oder zur europäischen Ständegesellschaft ist weder möglich noch wünschbar.“

Peter Gerloff – und das macht ihn mir allemal sympathisch, hat kein Patentrezept. Das nur auf sich selbst bezogene Ich ist letztlich eine Konsequenz des totalen Marktes, der die äußeren Lebensgrundlagen und den inneren Lebenswillen der Menschen zerstört, sagt er. „Vielleicht ist unsere Situation apokalyptisch. Dann wäre sie, offensichtlicher als früher, die Situation, in die die Liturgie der Kirche uns seit zwei Jahrtausenden stellt.“

Events für das selbstsüchtige Ich

Insofern wir mit allen möglichen Events versuchen, an das selbstbezügliche und -süchtige Ich der Menschen zu appellieren und sie damit zurück in die Kirchen zu bekommen, spiegeln wir nur die marktkapitalistische Deformation und machen uns zu einer ihrer Agenturen. Ginge es doch demgegenüber vielmehr darum, das Heilige durch sich selbst sprechen zu lassen, ja, im Ritus die Wahrheit atmen zu lassen um so ihrer teilhaftig werden zu können.

Reform um der Reform Willen?

In der alt-katholischen Kirche hatten wir schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen Ritus in deutscher Sprache, der sich auf die Traditionen der alten Kirche stützte und den Canon Romanus in seiner deutschen Fassung als eucharistisches Hochgebet verwendete. Eigentlich gab es für uns – wie ich meine – keinen wirklichen Grund, es sei denn den der Modernisierung um ihrer selbst willen, unseren Ritus dem reformierten Ritus der römisch-katholischen Kirche anzupassen. Hier hätten wir wirklich einmal etwas Alt-Katholisches bewahren können.
Heute wird die alte Liturgie in der alt-katholischen Kirche oft etwas abfällig als die Thürlings-Liturgie bezeichnet. In Urs Kürys Standardwerk über den Alt-Katholizismus heißt es dazu (Küry, Stuttgart 1978,74):

„1885 gab die Synode ihre Zustimmung zu einer deutschen Bearbeitung der Meßliturgie, die A. Thürlings, ein hervorragender Liturgiker und Hymnologe, in engem Anschluß an das Missale Romanum herausgab. Sein klassisch zu nennendes Werk, das sich an die besten liturgischen Traditionen der abendländischen Kirche hält und dem gregorianischen Gesang wieder den ihm gebührenden Platz einräumt, wurde später durch vereinfachendere Fassungen ersetzt.“

Vereinfachendere Fassungen! Mundgerechter. Konsumierbarer. Über Adolf Thürlings wird heute fast nur noch hinter vorgehaltener Hand geredet, dabei könnten die Altkatholiken stolz auf ihn sein. Ist er es doch, der mit zu den Ersten gehört, welche die traditionelle Liturgie in die deutsche Sprache übertragen haben. Ein Altkatholik im besten Sinne. Vielleicht begann ja wirklich im Jahr 1979 „der Niedergang alt-katholischer Kirchlichkeit“, wie die traditionsgebundenen Schweizer Altkatholiken auf ihrer Website schreiben, „als sich

„die Alt-Katholische Kirche in Deutschland für die Freiheit und gegen die Gebundenheit entschieden, indem sie den Kanon der Messe durch eine ‚Sammlung von Eucharistiegebeten’ ersetzte.
Dies war das Fanal zu einer umfassenden ‚Liturgiereform’, mit dem Ziel einer Angleichung an die neue Messordnung Papst Pauls VI., den dieser bereits zehn Jahre zuvor, am 1. Adventssonntag 1969, durch die Apostolische Konstitution „Missale Romanum“ in Kraft setzte.
Ohne die Marginalisierung des altehrwürdigen Canon Romanus wären die Neuerungen, die darauf folgten, nicht denkbar gewesen. Indem Hand angelegt wurde an den heiligsten Text der abendländischen Christenheit, sahen sich die gleichen Reformkreise ermächtigt, weitere tiefgreifende Eingriffe in das Wesen und die Verfassung der Kirche vorzunehmen mit der Folge, dass die Kirchlichkeit der Alt-Katholiken fraglich geworden ist.“

Ist die (katholische) Kirchlichkeit der Alt-Katholiken fraglich geworden? Ich hoffe nicht! Die Frage würde sich indes neu stellen, wenn irgendwann einmal eine Synode auf die Idee käme, dem Zeitgeist und den Modernitätsforderungen zu entsprechen und eine Bischöfin zu wählen. Für die größten und ältesten Kirchen in apostolischer Sukzession, die Ostkirchen und die römisch-katholische Kirche, hätten wir dann mit der Katholizität auch die Kirchlichkeit weitgehend eingebüßt.

Keine Kommentare

Mrz 15 2013

Papst Franziskus: “Nahezu bis ans Ende der Welt”

Autor: . Abgelegt unter Wir Christen

„Brüder und Schwestern, guten Abend. Wie ihr wisst, war es die Pflicht des Konklaves, Rom einen Bischof zu geben. Wie es scheint, sind meine Kardinalsbrüder nahezu bis ans Ende der Welt gegangen, um ihn zu bekommen.” So unprätentiös lauteten die ersten Sätze, mit denen sich vorgestern der frisch gewählte Papst Franziskus – mit bürgerlichem Namen Jorge Mario Bergoglio – den Menschen auf dem Petersplatz und allen übrigen, die das Geschehen vor den TV-Bildschirmen verfolgt haben, vorstellte. Die Medien und Kommentatoren haben damit vorläufig wieder ein neues Thema: Was sagt dieser insgesamt bescheidene und demutsvolle erste Auftritt des neuen Oberhaupts der Katholiken über seine Eigenschaften und über mögliche Schwerpunkte seines zukünftigen Pontifikats aus? In der kurzen Phase der Sedisvakanz nach dem Rücktritt Papst Benedikts XVI. wurden dem Vatikan bekanntlich etliche Wunschzettel für den Neuen an die Tür geheftet: Frauenordination, Abschaffung des Pflichtzölibats, Akzeptanz von Ehen gleichgeschlechtlicher Paare und dergleichen Anliegen mehr sind via Internet, Funk, Fernsehen und Presse bereits überreichlich an der neuen Pontifex herangetragen worden. Die Papstwahl indes ist kein Jahrmarkt individueller Bedürfnisse und Befindlichkeiten und aus diesem Grund auch habe ich mich an dieser Stelle mit solcherart Äußerungen zurückgehalten. Aber natürlich habe auch ich meine Vorstellungen, was für ein Papst denn in Zukunft die Geschicke der Weltkirche lenken solle. Ich wünschte – und wünsche – mir jemanden, der an die Bemühungen Benedikts XVI. anknüpft, den Akzent in der katholische Kirche insbesondere auf das Element der Gottsuche zu setzen und die Bedeutung der Kirche als einen mystisch sakramentalen Raum zu betonen, in dem der Mensch seine Beziehung zu Gott gestaltet, die Kirche also, wie Papst Benedikt es formuliert hat, zu entweltlichen. Gleichzeitig hoffe ich, dass der neue Papst seine Finger auf die Wunden einer Weltordnung legen wird, die strukturelle Ungleichheit und Zerstörung produziert: eine ungerechte Verteilung von Reichtum, die Verarmung vieler Menschen, Kriege und Umweltkatastrophen, die Verdinglichung von Ressourcen, die Verdinglichung der sozialen Beziehungen, der Produkte menschlicher Arbeit und der ganzen Schöpfung. Um eben so die Solidarität mit den Opfern dieser Weltordnung zu intensivieren und ihnen in ihren Anliegen den Rücken zu stärken. Leicht gesagt, jedoch sehr viel verlangt. Vielleicht aber ist es gerade ein Papst aus Lateinamerika, dessen Wirken zumindest tendenziell in diese Richtung zielen könnte. Seine Namenswahl und sein erster Auftritt am Abend nach der Enklave jedenfalls stimmen mich hoffungsvoll.

Keine Kommentare

Ältere Einträge »