WIR SOLLEN SINGEN!

Singen verboten. Seit eineinhalb Jahren ist die Erlaubnis zum Singen in der Kirche abhĂ€ngig von der sogenannten Inzidenz, der Zahl der Corona-Neuinfektionen bezogen auf 100.000 Menschen innerhalb einer Gemeinde, eines Bundeslandes oder der ganzen Republik. Durch das Singen wĂŒrden sich sogenannte Atem-Aerosole besonders stark verbreiten, kleinste Speichelpartikel in der Luft, die Viren und eben auch das gefĂŒrchtete Sars Covid 2 Virus, Corona, enthalten und so zur Verbreitung dieses gefĂ€hrlichen Krankheitserregers beitragen könnten. So die offizielle BegrĂŒndung.
Die speziellen Regeln und Verordnungen haben sich seither immer mal wieder geÀndert. Derzeit darf in Niedersachsens Kirchen nicht gesungen werden, denn die Inzidenz steigt.

Bösartiger Angriff oder interessante Erfahrung?

Der Umgang und die Haltung gegenĂŒber diesen Restriktionen ist so verschieden wie die Menschen in den Kirchengemeinden selbst. FĂŒr den einen ist das Singverbot ein bösartiger Angriff des Antichristen auf Kirche und Christenheit, fĂŒr die andere eine interessante neue Erfahrung.
Fakt ist, das Singen im Gottesdienst war vor den staatlichen Corona-Restriktionen so selbstverstĂ€ndlich wie das Amen in der Kirche und wurde wahrscheinlich noch nie in einem derartigen Ausmaß in Frage gestellt wie jetzt.

Geistiges Ideal jenseits der physischen Welt

Beim Singen, so schreibt der Kirchenmusiker Gabriel Maria Steinschulte in einem Beitrag fĂŒr das Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus, “horchen wir nach einem geistigen Ideal jenseits unserer physischen Welt; und wenn wir meinen, es gefunden zu haben, ‘gehorchen’ wir ihm”. Singen hebt uns also heraus aus unserer diesseitigen Welt und kann uns den Weg in eine andere Dimension zeigen. Diese muss nicht immer göttlich sein, sie ist es aber im gesungenen Lobpreis Gottes mit großer Sicherheit, oder kann es doch zumindest werden, wenn wir bereit sind, unser Herz dafĂŒr zu öffnen.

Singen – zentrales Element des christlichen Gottesdienstes

Der klassische Gemeindegesang mit seinen dem Volkstum entlehnten Melodien, wie wir ihn heute kennen, ist eine relativ neue Form, entstanden in der frĂŒhen Neuzeit im Umfeld der Reformation, und in den ostkirchlichen Liturgien finden wir ihn so nicht: Aber das Singen durch Chor und Gemeinde ist und war schon immer einen zentrales Element des christlichen Gottesdienstes, unabhĂ€ngig von der Konfession. Im Singen kommt die Schönheit der Anbetung zum Ausdruck, es ist darin gleichsam ein Abglanz der Erhabenheit Gottes zu spĂŒren. Gerade wenn wir den Blick auf die Ostkirchen richten, sehen wir, das Gottesdienst eigentlich Gesang ist, denn hier werden alle Gebete und liturgischen Elemente in einer erhaben und melodischen Form zu Gott erhoben.

Gleichnis des Himmels

Musik, und so auch Gesang, sagt Steinschulte, vermag die Menschen “aus der sie umgebenden ‘Ă€ußeren Welt` zu entheben” und sie gleichzeitig zur Mitte ihres eigenen Daseins fĂŒhren”. Und was kann die Mitte des eigenen Dasein mehr sein, als das Herz, die Quelle der Gotteserfahrung und, im besten Fall, die ReprĂ€sentanz des Göttlichen in uns selbst. Deswegen befĂ€llt manchen eine eigentĂŒmliche, kaum zu beschreibende Trauer, wenn die liturgischen Gebete und Psalmen plötzlich nicht mehr gesungen sondern “nur” noch gesprochen werden. Es bleiben die gleichen an Gott gerichteten Worte, aber sie können in vielen FĂ€llen nicht mehr die TĂŒr zum Heiligen in derselben Weise öffnen, wie sie es als Gesang vermögen. Einige bleiben deshalb dem Gottesdienst fern.
Musik geht ĂŒber das Wort hinaus. Ihre KlĂ€nge stammen “nicht aus der Welt der Materie, die sie nur bedingt fĂŒr unsere Ohren als Lafette benutzt, sondern aus der geistigen Welt des Unsichtbaren mit ihren ‘himmlischen Höhen’ und ‘dĂ€monischen Tiefen’ (…)”. So kann sie ein Gleichnis fĂŒr den Himmel werden, “durch eine letzte Feinheit, Innigkeit, Hauchhaftigkeit des Daseins (…)”. Johann Hinrich Claussen, Pastor an der St. Nikolai Kirche in Hamburg, betont in seinem Werk ĂŒber die Geschichte der Kirchenmusik, dass dieser ein eigenes Wahrheitsmoment inne wohnt. Sie kann dem Erleben Evidenz schenken und die Gotteserkenntnis sinnliche Wahrheit werden lassen.

Der Lobpreis sprengt Ketten

In der Apostelgeschichte erfahren wir von Paulus und Silas, die im makedonischen Phillipi hart misshandelt und dann in den Kerker geworfen wurden. Als sie um Mitternacht beteten und Gott lobpriesen, ereignete sich ein Erdbeben und alle GefĂ€ngnistĂŒren öffneten sich und ihre Fesseln fielen von ihnen ob. Wir dĂŒrfen annehmen, dass der Apostel und sein Begleiter den Lobpreis nicht leise gesprochen, sondern singend hinausgerufen haben. Der gesungene Lobpreis Gottes kann Ketten sprengen, und wenn es auch nicht die eisernen GefĂ€ngnisketten sind, dann doch manchmal die inneren Ketten, die den Menschen von Gott trennen. Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meinem Vater zu bestimmten AnlĂ€ssen in der Kirche war. Mein Vater hat sicher irgendwie an Gott geglaubt, aber besonders fromm war er nicht und unter normalen Bedingungen neigte er auch nicht zu besonderen GefĂŒhlsausbrĂŒchen. Aber wenn die Kirchenlieder gesungen wurden, standen ihm oft die TrĂ€nen in den Augen. Und auch mich selbst hat, als ich wieder zur Kirche zurĂŒck fand, in besonderer Weise die Musik und der Gesang berĂŒhrt und mir das Herz fĂŒr Christus aufgeschlossen.

Singen sollen wir!

Und so ist es eben nicht egal, ob gesungen werden kann oder nicht. Wer den Christen den Gesang nimmt, nimmt ihnen eine wichtige Dimension der Gotteserfahrung. Und so neige ich dazu, denen recht zu geben, die das Singverbot als einen Angriff auf den Glauben und die Kirche betrachten. “Singt dem Herrn ein neues Lied/Singt dem Herrn alle Welt/Singt dem Herrn und preist seinen Namen/Singt dem Herrn ein neues Lied/Singt dem Herrn alle Welt/Singt dem Herrn und preist seinen Namen” heißt es in Psalm 96 (97). Das heißt: Singen sollen wir! Singen!
MĂ€dchen und Frauenchor

Gabriel Maria Steinschulte: Musik. In: Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus. August/September 2021
Johann Hinrich Clausen: GottesklĂ€nge. C.H. Beck. MĂŒnchen 205

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