Feb 10 2013

Das Ich und das Eigentliche

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

Suchst du Gott, so suche vor allem in dir, sagt der Mystiker Angelus Silesius: „Halt an, wo läufst du hin? / Der Himmel ist in dir: / Suchst du Gott anderswo, / du fehlst ihn für und für“ (…). Du darfst zu Gott nicht schrein, / der Brunnquell ist in dir: / Stopfst du den Ausgang nicht, / er flösse für und für“. Das ist für den Normalmenschen, ja für den „Normalchristen, manchmal schwer zu verstehen, insbesondere, wenn wir Phasen der Krisen, der inneren Bedrängnis, des Zweifels und des Selbstzweifels erleben.
Bei Johannes heißt es: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ Lassen sich Erfahrungen des Mystikers Angelus Silesius und diese Verse des Evangelisten Johannes auf unserer/meiner eigenen Gottsuche irgendwie zusammenbringen
Als ein allen Dingen gemeinsames Prinzip allen Seins erkennbar sind Gesetzmäßigkeiten in der von Menschen beeinflussten und in der unbeeinflussten Natur, denen gleichsam auch der Mensch als Teil der Natur unterworfen ist. Sie erscheinen als physikalische, biologische und soziale Entwicklungsbedingungen, die der Regel von Ursache und Wirkung, wahrscheinlich auch der Dialektik von These und Antithese unterworfen sind. Es ist, soweit erkennbar, ein Strukturprinzip, dem eine bis an bestimmte Grenzen mathematisch ergründbare Logik innewohnt. Das Universum unterliegt – um hier Hegel zu bemühen – einem ordnendem Prinzip: es ist objektiv vernünftig. Das die Welt durchwaltende und ordnende Prinzip, wird in der klassischen griechischen Philosophie teilweise als Logos bezeichnet. Hegel nahm dies auf und sprach von dem Weltgeist, dem Ursprung einer geistigen Tätigkeit, das sich im und am Menschen im Verlauf der Geschichte selbst verwirklicht. Der Logos indes ist die sich in Sinn und Wort darstellende Artikulation der Vernunft. Dann also ist das Wort ein Kontinuum, das nicht zuletzt diese universelle Vernunft verkörpert. Vielleicht ist gerade sie wesentlicher Ausdruck der schöpferischen Kraft Gottes. In diesem Prinzip ist gleichzeitig etwas, das nach Verbesserung, nach Vervollkommnung, nach Erlösung strebt. Der christliche Erlösungsgedanke ist vernünftig, die Vernunft ist in dem Licht, das in der Finsternis leuchtet, aufgehoben. Lassen sich Materialismus und Spiritualität hierin versöhnen? Ist die Vernunftbegabung, die Fähigkeit, „Ich“ zu sagen, sich als Ego zu erkennen, sich zur eigenen Existenz und zu seiner sozialen Umwelt bewusst und reziprok zu verhalten, dann nicht gerade wesentliches Element der menschlichen Gottesebenbildlichkeit?

„Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag (Gen 1, 26-31)

Nach dem Buch Genesis hat Gott dem Menschen die Erde übergeben, damit er sie schöpferisch gestaltet, sie nach seinen Bedürfnissen formt, sie sich ihm anpasst. Das schöpferische Element, die Fähigkeit, sich selbst in den Produkten seiner Tätigkeit planerisch zu vergegenständlichen, ist dies das fundamentale Merkmal einer Gottesebenbildlichkeit? Ist das sogar der Kern der menschlichen Existenz als solcher. Lassen sich Materialismus und Spiritualität auch hierin versöhnen? Wonach aber suchen wir dann im Gebet, in der Meditation? Möglicherweise ist das, was den Menschen ausmacht, sein Ego, das biblische „Gift“ der Erkenntnis mithin, gerade das, worunter er leidet, weil es ihn vom universellen Ganzen trennt, ihn vereinzelt. Was wir suchen, wäre dann das wieder Heil-Werden im Ganzen. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat so etwas angedeutet, indem er die freudsche Libido, den Sexualtrieb, in einen alles beherrschenden Todestrieb uminterpretierte. Hat er möglicherweise hier etwas Richtiges wahrgenommen, jedoch falsch gedeutet. Denn als Christen suchen wir nicht den Tod sondern das Leben, ein Leben das wieder vereint und versöhnt ist mit allem, und aufgehoben in der Liebe Gottes.

Die menschliche Vernunft, die Fähigkeit, sich reziprok und bewusst zu sich selbst zu verhalten, universelle Zusammenhänge zu erkennen, sich als geschichtliches Wesen mit eigener Geschichte und darin wurzelnden biographischen Besonderheiten und Bedingungen zu begreifen, durch die wir das geworden sind, was wir sind, sich schöpferisch in den Produkten einer Tätigkeit zu vergegenwärtigen, nach dem Lebenssinn und nach Gott zu fragen und in ethischen Kategorien zu denken und zu handeln, das Ego also, seien mutmaßlich Elemente der im alten Testament postulierten Gottesebenbildlichkeit des Menschen, wurde oben angedeutet. Andererseits sei das von der Vernunft hervorgebrachte Bewusstsein seiner selbst, das Selbstbewusst respektive Ego, gerade ein Phänomen, dass den Menschen tendenziell vereinzele, weil es ihn aus der Natur und dem universellen Ganzen heraushebe. Der Mensch ist fähig, sich als ein von seiner belebten und unbelebten Umwelt getrenntes Individuum begreifen. Leidet der Mensch also unter seiner Gottesebenbildlichkeit? Dies scheint in der Tat ein Widerspruch zu sein. Trennt sein Wesen den Menschen von Gott, oder muss der Mensch unter Überwindung seines Egos erst zu Gott finden, um ganz Mensch sein und sein eigentliches Wesen entfalten zu können? Vielleicht stimmt in dialektischem Sinn beides. Vernunft und Antizipationsfähigkeit sind die wichtigsten menschlichen Eigenschaften. Dies ist die Grundlage, auf der der Mensch sich als in einem ganz bestimmten sozialen und gesellschaftlichen Kontext als zu einer Person mit einer einzigartigen Geschichte und einzigartigen Eigenschaften entwickelt. Es ist nicht zu vermuten, dass dies nur eine Erscheinungsform des Menschen ist, hinter der sich quasi sein wirklicher Kern verbirgt. Was den Menschen ausmacht, schneidet ihn jedoch auch bis zu einem gewissen Grad ab von der göttlichen Dimension des Ganzen, des Universellen. Das ist vielleicht das der menschlichen Existenz inhärente Leid und damit ein Aspekt, der die Dynamik seiner Suche nach Wahrheit ausmacht. Darin steckt nicht zuletzt immer auch eine Sehnsucht nach dem wieder Ganz-Werden. Gebet und Kontemplation sind vielleicht Möglichkeiten, diese Dimension des Göttlich-Universellen zu spüren. Durch die Vernunft, durch die durch die Fähigkeit, sich bewusst zu sich selbst zu verhalten, sind wir fähig, und um die tendenzielle Überwindung unseres Egos zu bemühen, uns zu Gott hin zu öffnen. Wahrscheinlich ist es diese Erfahrung, von der uns die Mystiker berichten. Und dann ist es auch nur folgerichtig, dass dazu etwas vom Ego aufgegeben werden muss, wie es etwa in anderen Worten Meister Eckhardt formuliert:

Wenn ein Meister ein Bild macht aus Holz oder Stein, so trägt er das Bild nicht in das Holz hinein, sondern er schnitzt die Späne ab, die das Bild verborgen und verdeckt hatten; er gibt dem Holze nichts, sondern er benimmt und gräbt ihm die Decke ab und nimmt den Rost weg, und dann erglänzt, was darunter verborgen lag. Dies ist der Schatz, der verborgen lag im Acker, wie der Herr im Evangelium spricht.

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