Jan 16 2013

Luxemburg: Replik der Replik

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

In einer Nachbemerkung hat der Morgenländer noch einmal Stellung zu meiner gestrigen Replik auf seinen Luxemburg/Liebknecht Beitrag genommen. Sein Fazit:

„Und kann man im Ernst meinen, eine spartakistische Diktatur, die sich nur im Bündnis mit der Sowjetunion hätte behaupten können – ein Bündnis, das der Lenin-Vertraute Karl Radek bereits angekündigt hatte -, wäre für Deutschland segensreicher gewesen als das parlamentarische System, das sich eben nur durch Unterdrückung der Extremisten von links und rechts mühsam behaupten konnte?
“Was wäre gewesen, wenn?” ist natürlich eine unbeantwortbare Frage. Aber an eines möchte ich doch erinnern:

Die sowjetische Diktatur hat in Friedenszeiten weit mehr Menschen das Leben gekostet als der Nationalsozialismus. Und am verheerenden Zweiten Weltkrieg trug die Sowjetunion kaum weniger Verantwortung als das Deutsche Reich (Stichwort: Hitler-Stalin-Pakt).“

Auch ich bin mittlerweile weit von jenem linken Revolutionsromantizismus entfernt, demzufolge schon alles irgendwie gut geworden wäre, hätte es in Deutschland nach dem I. Weltkrieg nur einen wie auch immer gearteten Sozialismus gegeben. Und in der Tat: „Was wäre wenn gewesen, ist natürlich eine unbeantwortbare Frage.“

Eher schon lässt sich rekonstruieren, was gewesen ist. Und dabei kann man zur Kenntnis nehmen, das im Wesentlichen vier Entwicklungslinien in die Katastrophe des deutschen Nationalsozialismus und schließlich in den nächsten Weltkrieg mit seinen Zig-Millionen Toten geführt haben:

  • Das war zum einen die weitere Herausbildung von eng mit dem Staat verflochtenen Wirtschaftsmächten auf nationaler Ebene und auf der Basis der privater Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Aufgrund der schlechten Erfahrungen mit diesen nationalstaatlich orientierten Wirtschaftsmächten und der daraus resultierenden Konkurrenzverhältnisse zwischen den Nationalstaaten hat man im Übrigen nach dem Krieg die Montanunion gegründet.
  • Das war zum Zweiten ein, infolge der Kriegsniederlage im ersten Weltkrieg und der dann in den 20er Jahren im Zuge der einsetzenden Wirtschaftkrise, schwer traumatisiertes und ohnehin nach rechts tendierendes Kleinbürgertum. Autoritätshörigkeit, Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Kaiserzeit und antisemitische Ressentiments waren hier weit verbreitet und ließen sich  in der Krise leicht mobilisieren.
  • Und das war ein durch die Wirtschaftkrise immer weiter verarmendes Proletariat, das zunächst wohl eher nach links, Morgenländer würde wohl sagen, zum Links-Totalitarismus, tendierte, sich mehr und mehr jedoch auch von den Nationalsozialisten angesprochen fühlte. Natürlich führte auch diese Neigung zur extremen Rchten und Linken zur Destabilisierung der parlamentarischen Demokratie.
  • Hinzu kamen verschiedene gesellschaftliche Diskurse, wie etwa der Antisemitismus und die Neigung zur Obrikeitshörigkeit, die Erbschaft des preußischen Militarismus und darüberhinaus von rassistischen Denkmustern teiweise tief infiltrierte staatliche Systeme, so beispielsweise das Gesundheitssystem und die Sozialfürsorge. All das konnte leicht in die nationalsozialistische Ideologie integriert werden und den Nazis auf vielen Ebenen Zustimmung einbringen.

Das war,  grob gesagt, die Melange, aus der in Deutschland der Nationalsozialismus hervorging, der sich ab 1939 im Bunde mit den wirtschaftlich Mächtigen daran machte, die Welt zugunsten der deutschen Machtansprüche neu zu ordnen und gleichzeitig einen verheerenden und auf der Welt bisher einmaligen Vernichtungsfeldzug rassistischer Provenienz vom Zaun brach. Dabei war es nicht zuletzt auch der Einfluss der ultranationalistischen Ideologie der einstigen Freikorps-Akteure und ihrer nicht geringen Anhängerschaft, die Hitler im entscheidenden Moment den Rücken stärkten.

Bei unvoreingenommen Hinsehen lässt sich mithin durchaus ein Zusammenhang zwischen dem Mord an Liebknecht und Luxemburg, der nationalsozialistischen Machtergreifung und dem II. Weltkrieg feststellen. Auf jeden Fall ist es ziemlich abenteuerlich, der Sowjetunion quasi eine vergleichbare Mitschuld am II. Weltkrieg zu attestieren.

Alles in allem hätten wir hier wohl Material genug für eine kapitale Neuauflage des Historikerstreits.  Wie auch immer, wie alles hätte kommen können wenn, weiß ich nicht. Und auf jeden Fall möchte ich auch nicht den Eindruck erwecken, ich würde hier einem gescheitertem Sowjetsystem das Wort reden, das in der Tat seinerseits viel Leid in die Welt gebracht hat.  Schließlich denke ich, dass wir zu kurz greifen, wenn wir versuchen, die Welt immer noch nach dem Links-Rechts-Schema zu erklären. Beschneiden wir uns da nicht selbst in unseren Erkentnismöglichkeiten?

2 Kommentare

2 Kommentare zu “Luxemburg: Replik der Replik”

  1. Morgenländeram 18. Januar 2013 um 10:46 1

    Guten Tag,

    Ihre Replik der Replik wirft viele Fragen auf, die zu beantworten wohl einen weiteren Blogpsot erfordern würde. Da ich ohnehin beabsichtige, anlässlich des 80. jahrestags der Machtübernahme Hitlers etwas zum Aufstieg des Nationalsozialismus zu schreiben, heute nur dies:

    Mitr fällt zunächst auf, dass Sie den Friedensvertrag von Versailles nicht erwähnen, dessen harsche Bedingungen und sachlich falsche Kriegsschuldthese die Weimarer Republik mit einer schweren Hypothek belasteten.

    Dann: War die Kaiserzeit wirklich nur eine ‘vermeintlich gute’ Zeit? Deutschland erlebte damals einen fast beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung, die Wissenschaften und die Künste erlebten eine Blütezeit, und um seine rechtsstaatlichen Verhältnisse wurde das Deutsche Reich weltweit beneidet. Dies sollte man nicht vergessen, wenn man von den unbestreitbaren negativen Zügen des Kaiserreichs spricht.

    Oft heißt es, es sei ein schwerer Fehler der Weimarer Demokratie gewesen, die alten Eliten in ihren Machtpositionen in Wirtschaft, Verwaltung und Armee zu dulden. Ich denke im Gegenteil, dass die Weimarer Republik ohne diese Kontinuität sehr schnell kollabiert wäre.

    Worüber Sie gar nicht sprechen, ist die verhängnisvolle Rolle sozialistischer Ideen. Der Nationalsozialismus war, auch wenn das nicht gern gehört wird, eine sozialistische Ideologie. Nationalsozialisten und Kommunisten waren feindliche Brüder, die sich zwischen 1923 und 1933 immer wieder verbündeten, um die Republik zu schwächen.

    Soviel zunächst für heute.

    Viele Grüße
    Morgenländer

  2. Schorsiam 18. Januar 2013 um 11:39 2

    Vielen Dank für den Kommentar!
    Ich stimme in einem Punkt uneingeschränkt zu: Man kann die Entwicklungen in der Weimarer Zeit letztlich nicht völlig nachvollziehen, wenn nicht auch die Folgen des Versailler Vertrags mit bedacht werden.
    In der Kaiserzeit schloss Deutschland politisch, ökonomisch und sozialökonomisch zu den anderen westlichen Industrienationen auf. In der Tat: Mit Blick auf die Entwicklung hin zu einer bürgerlichen Gesellschaft ist das positiv zu bewerten. Nicht vergessen werden darf natürlich der repressive Aspekt etwa der bismarckschen Politik, die Situation der Arbeiter, der sich nun gesamtdeutsch etablierende Militarismus, der wachsende Nationalismus, der nicht zuletzt von einer zunehmenden ökonomischen Konkurrenz zu den anderen europäischen Mächten induziert war, und die sich darum rankenden Diskurse autoritärer beziehungsweise obrigkeitsstaatlicher sowie antisemitischer Couleur. Heinrich Mann hat das ja in seinem Roman „Der Untertan“ sehr schön nachgezeichnet. Hinsichtlich des Nationalsozialismus als „sozialistischer Ideologie“ bin ich anderer Auffassung. Hierzu bedürfte es aber einer etwas umfangreicheren Ausführung. Die Entstehung des Faschismus aus sozialistischen Bewegungen trifft auf Italien, Frankreich, teilweise meines Wissen nach auch auf Spanien zu. Der deutsche Nationalsozialismus hatte indes andere Wurzeln, obwohl es, das muss ich eingestehen, hier ideologische Schnittmengen gab.
    Viele Grüße von Schorsi von Beck

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