Mai 31 2014

Gottsuche

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

SonnenaufgangWeder die Nichtexistenz noch die Existenz Gottes seien beweisbar, sagt der Theologe Hans Küng. (Existiert Gott? Küng 2004: 593.)
Gegenstand der Anschauung könne nur sein, meint Küng, was in der erfahrbaren Zeit und im erfahrbaren Raum ist. Wissenschaftliche Urteile seien auf Anschauung angewiesen, ein wissenschaftlicher Gottesbeweis daher nicht möglich. Küng begründet die Existenz Gottes mit dem ethischen Prinzip, auf dem unsere Werthaltungen beruhen und das sich, so Küng, aus dem Glauben an Gott speise. Das ethische Wertesystem sei gleichsam von einer göttlichen Wahrheit durchwirkt und könne ohne diese letztlich gar nicht sein. Über andere Möglichkeiten der Gotteserfahrung spricht Küng leider nicht.
Von einer materialistischen Position wird Küng wahrscheinlich entgegenhalten, dass die in unserem Kulturkreis wirksamen ethischen Systeme sich in einem Jahrtausende langen gesellschaftlichen Entwicklungsprozess heraus gebildet haben. Die zum Zusammenhalt der sozialen Gemeinschaft und zur Aufrechterhaltung einer überlebensnotwendigen Ordnung notwendigen Erfordernisse der Kooperation und Solidarität haben sich dabei in einem sozialen Normensystem verfestigt. Hinzu gekommen sind die von den Gesellschaftsmitgliedern verinnerlichten Normen hierarchischer Machtstrukturen. Das alles hat sich zu dem ethischen und moralischen System verbunden, wie wir es kennen.
Dies geht, so wird die klassisch materialistische Argumentation lauten, auch ohne Gott, in Form einer quasi gesellschaftlichen „Evolution“ der Ethik. Es setzt sich das durch, was den Zusammenhalt, das Überleben der Menschheit und die Aufrechterhaltung von Machthierarchien sichert. Selbst der kategorische Imperativ, Kants „gut sein an sich“, wäre letztlich nur ein hinzugefügtes Konstrukt, das der natürlichen Entwicklung der Dinge transzendente Weihen verleiht.
Kommt auch die Ethik also ganz ohne Gott aus. Selbst wenn das zuträfe, wäre damit ebenfalls nicht die Nichtexistenz Gottes bewiesen. Die Frage nach der Gotteserfahrung stellt sich dann jedoch wieder neu. Bleibt Gott also nur eine Möglichkeit unter anderen? Bleibt der Gläubige ausschließlich auf seinen Glauben selbst verwiesen? Bleibt Gott unerfahrbar? Die Schwierigkeit der Annäherung an Gott besteht darin, dass die gesamte Begründung der Wirklichkeit im Zeitalter der Rationalität vermeintlich ohne Gott, ohne Transzendenz auskommt. Selbst da, wo Wahrnehmungsebenen neben dieser Realität in uns angesprochen werden, seien wir selbst es, die diese in uns erzeugen, lautet das Erklärungsmantra rationaler Weltsicht. Und jene Bereiche der Wissenschaft, etwa in der theoretischen Physik, in denen Gott inzwischen wieder zu einer auch rational herleitbaren Hypothese wird, sind dem Laienverstand weitgehend verschlossen. Die Schwierigkeit der Annäherung an Gott besteht also zum einen darin, dass jede Erfahrung mit der Dimension Gott der Art und Weise der Erfahrungsbildung in einer von Rationalität und positivistischem Denken geprägten Welt zunächst konträr ist. Zum anderen hat sich das Gottesbild mit den Formen und Bedeutungen gesellschaftlicher Verhältnisse vollgesogen, dass diese quasi zu seinem Fixierbild geworden sind. Der Gottsuche und dem Gottglaube haftet daher die Affirmation von Herrschaftsverhältnissen an, so lautet zumindest der Vorwurf der Atheisten, Agnostiker, Materialisten. Beschränkt sich aber die Wirklichkeit auf das, was wir von ihr unmittelbar wahrnehmen können und was einige Tausend Jahre menschlicher Wissenschaft über sie an Erkenntnissen zutage gefördert hat? Ist die menschliche Intelligenz, Vernunft, Rationalität die Conditio sine qua non? Natürlich nicht! Die Transzendenz ist kein aus den menschlichen Verhältnissen selbst geschaffenes Bedeutungskonstrukt, sondern all das, was ober- und außerhalb der jeweiligen Erkenntnismöglichkeiten präexistent ist und gleichsam zum Bedingungsgefüge des Daseins gehört. Dies ist auch die Dimension Gottes, in der zugleich alles enthalten ist, des Daseins letzter Grund. Dafür gibt es kein Bild und kein Konstrukt mehr außer der Feststellung, dass Gott universeller oder metauniverseller Imperativ ist. Alles andere ist nur Annäherung, mehr oder weniger richtig, mehr oder weniger falsch. Dies erst ist der Ausgangspunkt der Suche nach Gott.

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