Mai 29 2014

Die Alt-Katholiken und der Papst

Autor: . Abgelegt unter Altkatholizismus

Papst Franziskus und Benedikt XVI umarmen sich

„Das hindert uns aber nicht, den historischen Primat anzuerkennen, wie denselben mehrere ökumenische Concilien und die Väter der alten Kirche dem Bischof von Rom als dem primus inter pares zugesprochen haben mit Zustimmung der ganzen Kirche des ersten Jahrtausends“
Aus der Utrechter Erklärung

Wer sich nach den Eigenheiten der alt-katholischen Kirche erkundigt, bekommt meist zu hören, dass die Alt-Katholiken gegen den Papst seien. So heißt es beispielsweise in einem Beitrag des Rundfunksenders SWR2 über „christliche Eremiten heute“, (auf den ich kürzlich in der Mediathek dieses Senders gestoßen bin): „Die meisten Alt-Katholiken lehnen den Papst ab und bezweifeln, dass ein Mensch in der Lage sein kann, unfehlbare Entscheidungen zu treffen. Für sie ist Jesus Christus das Oberhaupt aller Christen.“
Natürlich ist Jesus Christus das Oberhaupt aller Christen. Daran zweifeln auch die römisch-katholischen Christen keine Sekunde. Für sie ist der Papst indes das Oberhaupt der von Jesus Christus auf der Erde gestifteten Kirche, quasi als sein irdischer Sachwalter, so wie die anderen Bischöfe im apostolischen Amt auch, deren Ordinarius der Papst gleichsam ist.
Das gilt im Grunde genommen auch für uns Alt-Katholiken, obgleich wir über die Art und Weise, wie er dieses Leitungsamt ausführen sollte, eine andere Auffassung haben. Es kann ja sein, dass viele Alt-Katholiken „den Papst ablehnen“, aber altkatholisch im Sinne von altkirchlich ist das dann nicht mehr.

„Katholisch ist, was überall, immer und von allen geglaubt wurde“

Richtig ist, dass die alt-katholische Kirche ein anderes Verhältnis als die römisch-katholische zum Papst hat. In der Müncher Pfingsterklärung vom 26. Mai 1871, die im Wesentlichen von Josef Ignaz von Döllinger formuliert wurde, hieß es: Wir verwerfen die vatikanischen Dekrete, bleiben aber Katholiken nach dem Grundsatz, daß nur das katholisch ist, was überall, immer und von allen geglaubt worden ist (Vinzenz von Lerin).“
Mit den „vatikanischen Dekreten“ waren die Ergebnisse des Ersten Vatikanischen Konzils im Jahre 1870 gemeint: Dort wurde beschlossen, dass der Papst in Fragen des Glaubens und der Sittenlehre aus sich selbst heraus unfehlbar für die Gesamtkirche spreche und das allgemeine Jurisdiktionsprimat, also die höchste kirchliche Lehrgewalt, inne habe. Obwohl auf dem Konzil etliche Bischöfe gegen diese Erklärung Partei ergriffen, stimmten am Ende fast alle dafür. 88 von ihnen waren zuvor abgereist, um gar nicht erst an der Abstimmung teilnehmen zu müssen. „In dem Augenblick der definitiven Abstimmung erhob sich ein Sturm. Eineinhalb Stunden lang wüteten Blitz und Donner. Eine Lampe musste zum päpstlichen Thron gebracht werden, damit Papst Pius IX. die Ergebnisse der Abstimmung und den Text des Dekrets vorlesen konnte (Quelle: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Erstes_Vatikanisches_Konzil).“
Wer nicht an Zufälle glaubt, mag sich seinen eigenen Reim auf diesen Sturm als Begleiterscheinung bei der Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas machen.

Die alt-katholische Kirche – eine Notkirche

Nachdem die verbliebenen Gegner der Konzilsbeschlüsse sich exkommuniziert sahen, gingen sie in einigen Ländern zur Gründung von katholischen „Notkirchen“, den alt- beziehungsweise christkatholischen Kirchen (in der Schweiz) über. Im Jahr 1889 vereinigten sie sich mit der römisch-katholischen Kirche von Utrecht, die schon länger mit dem Vatikan im Clinch lag, zur Utrechter Union der Altkatholischen Kirchen. Hier erhielten die Altkatholiken ihre apostolischen Weihen, die von der römisch-katholischen Kirche bis heute zwar als unrechtmäßig aber dennoch gültig anerkannt werden. In der gemeinsamen Utrechter Erklärung wurde hinsichtlich des Papstamtes formuliert: „Als mit dem Glauben der alten Kirche in Widerspruch stehend und die altkirchliche Verfassung zerstörend verwerfen wir die vatikanischen Dekrete vom 18. Juli 1870 über die Unfehlbarkeit und den Universal-Episkopat oder die kirchliche Allgewalt des römischen Papstes. Das hindert uns aber nicht, den historischen Primat anzuerkennen, wie denselben mehrere ökumenische Concilien und die Väter der alten Kirche dem Bischof von Rom als dem primus inter pares zugesprochen haben mit Zustimmung der ganzen Kirche des ersten Jahrtausends.“

Anerkennung des historischen Primats des Papstes

Das also ist nach wie vor die offizielle altkatholische Haltung gegenüber dem Papst: Er ist der „Erste unter Gleichen“, wie er es von jeher in der einen Heiligen Apostolischen und Katholischen Kirche gewesen ist. Nichts mit: „Altkatholiken lehnen den Papst ab!“
Dennoch, viele Alt-Katholiken wollen heute scheinbar nichts mehr von diesen ursprünglichen und noch immer gültigen altkatholischen Positionen wissen und definieren sich gern in Abgrenzung zum Bischof von Rom und seinem päpstlichen Amt.

Kirche und Kirchen-Gemeinschaft – die Dialogkommission

Große Mühe haben sich indes die Mitglieder der Internationalen römisch-katholischen und altkatholischen Dialogkommission gegeben, um endlich eine Annäherung zwischen der römisch-katholischen und der alt-katholischen Kirche auf den Weg zu bringen: In einem im Jahr 2009 fertig gestellten Text haben sie Vorschläge für eine Kirchengemeinschaft zwischen Altkatholiken und römischen Katholiken unterbreitet. Im Ergebnis heißt es da: Die Altkatholiken können den Papst durchaus als ersten „der Patriarchen“ anerkennen, der in der Kirche „einen universalen Primat ausübt“ (Kirche und Kirchengemeinschaft: Bericht der Internationalen Römisch-Katholischen – Altkatholischen Dialogkommission. Paderborn/Frankfurt am Main 2009. S. 25). Und die römisch-katholische Seite anerkennt „im heutigen ökumenischen Gespräch (…) die Berechtigung mancher Bedenken gegen diese Lehre (der Unfehlbarkeit und des Jurisdiktionsprimats) und macht geltend, dass der Jurisdiktionsprimat seinen Ort immer nur innerhalb der Communio-Struktur der Kirche haben darf” (S.26). Zu deutsch: Die Altkatholiken erkennen an, dass der Bischof von Rom eine herausragende Position innerhalb der Christenheit einnimmt, die ihn auch zu einer besonderen Leitungs- und Vermittlungsfunktion innerhalb der Versammlung der Bischöfe befähigt. Und die Rom-Katholiken akzeptieren die Bedenken anderer Glieder der einen katholischen Kirche gegen den Jurisdiktionsprimat und die Unfehlbarkeit. Eine Einigung auf kleinstem gemeinsamen Nenner, aber ein gangbarer Weg. Wäre es nicht fantastisch, wenn alle Katholiken in Zukunft wieder gemeinsam die Eucharistie feiern könnten.

Der Papst muss entscheiden – aber synodal!

Matthias Ring, derzeitiger Bischof des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland, hebt indes hervor, das mit der Annerkennung des päpstlichen Primats „keine päpstliche Jurisdiktion über eine Ortskirche (..) und kein Letztentscheidungsrecht des Papstes“ verbunden sein könne: „Vielleicht könnte man diese Funktion des Papstes also mit dem modernen Begriff ‚Moderator’ umschreiben.“ Aber es gäbe Altkatholiken, denen schon das zuviel Papst sei. „Denn sie werden fragen, ob nicht am Ende einer entscheiden muss, damit die Einheit gewahrt bleibt.“
Ja, das ist wohl so, dass am Ende einer entscheiden muss, und ich weiß auch nicht, was dagegen spräche, wenn der Entscheidungsträger sich vorher der Meinung der Mehrheit der Bischöfe versichert hätte. Das wäre dann quasi eine päpstlich-synodale Entscheidung. Was könnten wir Altkatholiken, die wir uns doch immer soviel auf unsere Synodalität einbilden, denn dagegen haben?

Ein Vorschlag aus Taizé!

Frère Alois, Prior der Prior der ökumenischen Bruderschaft von Taizé und Nachfolger des Gründers Roger Schutz hat vor kurzem in einem Beitrag der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ von den Christen und Kirchen der Welt gefordert: „Tun wir von jetzt an mit den Christen der anderen Konfessionen alles gemeinsam, was gemeinsam getan werden kann, und unternehmen wir nichts mehr, ohne auf die anderen Rücksicht zu nehmen! (Diese forderung sollte uns nicht zuletzt im Hinblick auf die Weihe von Frauen zu Priesterinnen in der alt-katholischen Kirche zu denken geben.) Und zum Thema Papst regt Frère Alois an:

„Könnten nicht alle Christen die Berufung des Bischofs von Rom anerkennen, Verantwortung für die Gemeinschaft unter allen zu tragen, einer Gemeinschaft in Christus, in der auf manchen Gebieten Unterschiede im theologischen Ausdruck weiterbestehen können? Gibt Papst Franziskus nicht uns allen dadurch die Richtung vor, dass er der Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes die höchste Priorität einräumt? Versäumen wir diesen uns geschenkten Moment nicht! Ich bin mir dessen bewusst, dass ich damit ein heißes Eisen anfasse und mich vielleicht auch unbeholfen ausdrücke. Dennoch sehe ich keinen anderen Weg, um in Richtung einer versöhnten Verschiedenheit weiterzugehen.“

Wohlgemerkt: Die Berufung des Bischofs von Rom, „Verantwortung für die Gemeinschaft unter allen zu tragen“. Hier ist von Verantwortung, nicht von Leitung die Rede. Atmet dieser Vorschlag nicht geradezu altkatholischen Geist im besten Sinne. Müssten wir diese Anregung nicht, wenn uns wirklich an einer echten Ökumene gelegen ist, aufgreifen und alles dafür tun, ihn mit Leben zu füllen. Ja sind wir um der Einheit der Kirche (des Leibes Christi) Willen nicht geradezu verpflichtet, darauf zu reagieren? Wie könnte das aussehen? Wir könnten etwa den Papst mit in die Intercessiones des Hochgebetes aufnehmen, beispielsweise in der Form:

“Gedenke deiner Kirche auf der ganzen Erde und vollende dein Volk in der Liebe, vereint mit unserm Bischof N., dem Bischof vorn Rom, Papst N. und allen Männern und Frauen im priesterlichen und diakonalen Dienst“.

Ein solcher Schritt, ohne Vorbedingungen, wäre eine Geste, welche die Bezeichnung ökumenisch wirklich einmal verdient hätte! Aber leider gibt es auch hier schon wieder Gegenreaktionen, eine fast reflexartige Abgrenzung, wie so oft, wenn es um unser Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche und ihrer Ekklesiologie geht. Bleibt die Anregung von Frère Alois also nur ein schöner Traum?

War Petrus der erste Papst?

Der päpstliche Primat steht auch bei uns Alt-Katholiken zwar noch auf dem Papier, aber hier scheint eher das Prinzip zu gelten: Was scheren mich meine Erklärungen von gestern. Dies mag auch daran liegen, dass die Alt-Katholiken (wie auch die orthodoxen Kirchen) die römisch-katholische Herleitung des Petrusdienstes schon seit langem nicht mehr teilen. Matthias Ring schreibt: „Der Bischof von Rom hat für die alt-katholische Kirche eine Vorrangstellung in der Universalkirche, ohne dass sie die biblische Begründung übernimmt, wie sie in der römisch-katholischen Kirche üblich ist. Stattdessen betont die alt-katholische Kirche, dass diese Funktion dem Bischof von Rom zugesprochen wurde oder ihm im Laufe der Zeit zugewachsen ist. Pointiert bedeutet dies: Petrus war nicht der erste Papst.“
Alt-katholische Theologen widersprechen mithin der Auffassung, dass die Vorrangstellung, die Jesus Christus dem Apostel Petrus – dokumentiert an etlichen Stellen in der Heiligen Schrift – einräumt, zur Begründung des Petrusamtes des Bischofs von Rom herangezogen werden könne. Es konnte mir aber trotz häufigem Insistieren noch niemand erklären, wie diese Schriftpassagen denn sonst zu interpretieren seien, beispielsweise Mt 16,18-19: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. 19Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“
Wenn dem späteren Apostel Petrus von Christus eine besondere Leitungs- oder Vorbildfunktion innerhalb der Schar seiner Jünger eingeräumt wurde, und Petrus dann die Leitung der christlichen Gemeinden in Rom innehatte, so mag man ihn damals zwar noch nicht Papst genannt haben, aber nichtsdestoweniger hatte er ein besonderes Leitungsamt – eben das Petrusamt – inne, dessen Amtsinhaber als Petri Nachfolger, die Bischöfe von Rom, heute als Päpste bezeichnet werden.
Die letztlich entscheidende Frage ist also: Hat Petrus der ersten Christengemeinde in Rom vorgestanden oder nicht. Darüber streiten die Gelehrten bis heute. Dennoch: Der Primat des Bischofs von Rom und mit ihm der Vorstoß von Frère Alois steht auf der Tagesordnung!

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