Archiv für die Kategorie 'Kultur und Alltag'

Mai 25 2013

“Albert, isses schon richtig?”

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

Irgendwo in einem kleinen Jazzclub in Deutschland. Albert Mangelsdorff kommt auf die Bühne und beginnt mit einem Solostück. Dabei verfällt er sofort in seine berühmte mehrstimmige Spieltechnik, mit der er so etwas wie multiphonetische Obertöne erzeugen kann. Hinter der Bühne befindet sich das Tonstudio, in dem jedes Konzert in diesem Club mitgeschnitten wird. „Albert, übste noch, oder isses schon richtig“, ertönt eine Stimme aus dem Studio. Allgemeine Belustigung. Albert Mangelsdorff findet das erst einmal gar nicht lustig. Aber dann siegt der Humor. Es wird ein wunderbares Konzert.
Vor kurzem habe ich in einem Plattenladen eine alte Vinyl-Scheibe aufgetrieben, auf der Mangelsdorff zusammen mit Musikern der Klaus Lage Band zu hören ist. Popsongs, Stücke von Jimmy Hendrix, den Beatles, Stones, aber auch Eigenkompositionen von Albert Mangelsdorff finden sich auf diesem Album. Der Sound ist größtenteils ziemlich smoothy, entspannter Mainstreamjazz eben, einige Stücke kommen eher rockig daher. Und Mangelsdorff wäre nicht Mangelsdorff, wenn er nicht auch hier zwischendurch immer mal wieder seine typischen mehrstimmigen Soundakzente setzten würde.
Erinnern wir uns an diesen großartigen Jazzmusiker, der am 25.Juli 2005 gestorben ist!

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Mai 22 2013

Die Postachtundsechziger und ihre Pädophilen

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

Daniel Cohn-Bendit, grüner Europaabgeordneter und früherer Kampfgefährte Joschka Fischers aus Frankfurter Zeiten, ist wegen des Pädophilievorwurfs in die Schusslinie der medialen Öffentlichkeit geraten. In einem Buch aus dem Jahr 1975 hatte Cohn-Bendit sexuelle Handlungen mit Kindern in einem Kinderladen geschildert, in dem er einige Zeit zuvor als Kinderbetreuer arbeitete. Das, womit der „rote Dany“ sich seinerzeit vor fast 40 Jahren brüstete, ist ihm heute unsäglich peinlich, wie er gestand. Der Zeitgeist unterliegt halt wechselnden Diskursen und was im Denken und Handeln heute potenziell als asozial und kriminell gilt, war vor etwa 40 Jahren noch linksalternativer Mainstream. Sex mit Kindern, das firmierte damals unter dem Etikett des kindlichen Rechts auf Sexualität, jedenfalls, solange es nicht gar zu offensichtlich als Zwangs- beziehungsweise Gewaltakt erkenntlich war.
Die vermeintliche sexuelle Zwangsmoral galt seinerzeit in bestimmten Kreisen als eine der Hauptursachen für die Ausbreitung des Faschismus. Hier bezog man sich hauptsächlich auf Schriften des Freud-Schülers, Psychoanalytikers und Kommunisten Wilhelm Reich. Teilweise spielten auch die Antisemitismus-Studien, die von Angehörigen der Frankfurter Schule während der Zeit des deutschen Nationalsozialismus im US-amerikanischen Exil durchgeführt worden waren, eine Rolle. Von der sexuellen Zwangsmoral müsse man sich mithin befreien, dies war ein wesentlicher Aspekt im Diskurs der linksalternativen Postachtundsechziger. Und unter Freiheit verstand man nicht zuletzt die individuelle Freiheit zur Realisierung der eigenen Ansprüche, Wünsche und Bedürfnisse. „Wir wollen alles, und zwar sofort“, hieß dementsprechend eine der Spontiparolen in der Szene um den späteren Bundesaußenminister Joschka Fischer, schon damals übrigens ein Spezi von Daniel Cohn-Bendit. Soziale Normen wurden in erster Linie als moralische Restriktionen begriffen, die der abgelehnten bürgerlichen Ordnung entstammten. Wo der individualistische und nihilistische Freiheitsanspruch des postachtundsechziger Spontis mit der Freiheit des anderen Individuums kollidierte, konnte die Verantwortung für die psychische und körperliche Unversehrheit des Gegenübers leicht mit dem Verweis auf die bürgerliche Konvention vom Tisch gewischt werden. Denn die bürgerliche Konvention war es ja aus dieser Perspektive, die den Menschen einengte und ihm einen autoritären Zwangscharakter aufprägte. Alles, was das Ausleben der sexuellen Bedürfnisse behinderte, galt zeitweise eher als spießig und reaktionär. Wer sich durch die sexuelle Freizügigkeit, wie etwa den häufigen Wechsel des Sexualpartners oder den bindungslosen Sex, verletzt fühlte, hatte sich eben noch nicht von den bürgerlichen und patriarchalen Zwängen befreit und war daher selber schuld.
Also war alles gut, was diese bürgerliche Konvention sprengte. Alles, was den persönlichen Anspruch auf Freiheit und „Selbstverwirklichung“ einschränkte, erschien als reaktionär. Die von der bürgerlichen Rechtsordnung unter Strafe gestelte Pädophilie galt insofern im Großen und Ganzen als ethisch unproblematisch. Handelte es sich hier doch um ein weiteres Verbot, so dachte man, dass der autoritären und restriktiven bürgerlichen Zwangsmoral entspränge. Der Sex mit Kindern konnte also geradezu als Widerstandsakt, antiautoritäre Praxis und letztlich sogar als emanzipatorisch angesehen werden. So tickte in den 1970er und 1980er-Jahren ein großer Teil der Links- und Grünalternativen. Kein Wunder also, dass sich in ihren Reihen etliche Pädophile tummelten.

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Mai 08 2013

Händler und Räuber oder: der Kampf gegen den inneren Rassismus

Der Morgenländer: „Sozialdemokraten und Grüne, die mit derlei Forderungen (hohe progressive Einkommensteuern und Vermögensabgaben) in den Wahlkampf gehen, täten gut daran, einmal über die innere Verwandtschaft ihrer Parolen mit dem ‘deutschen Sozialismus’ unseligen Angedenkens nachzudenken.
Der ‘Kampf gegen rechts’ würde dann vielleicht zum Kampf gegen die eigenen Neidgefühle.“

Rechts- und Neoliberale täten gut daran, einmal darüber nachzudenken, welche Rolle die Banken und das Großkapital bei der Machtübernahme Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten in Deutschland gespielt, und wie viel etliche Konzerne an den Mordprogrammen der Nazis verdient haben. Der Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit würde dann vielleicht zum Kampf wider den eigenen sozialen rassistischen Impulsen gegenüber der Unterschicht und den Verlieren der kapitalistischen Gesellschaftordung!

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Apr 26 2013

Emir Kusturica. Der Jugoslawe

Emir Nemanja Kusturica, Filmregisseur und Musiker, ist ein Jugoslawe. Durch und durch. Und in allen seiner Filmen hat er dem Land Jugoslawien, diesem Kultur-Amalgan aus serbisch-orthodoxen, katholischen, muslimischen und ziganistischen Einflüssen (nicht zu vergessen die Einflüsse des sephardischen Judentums und des Staatssozialismus titoistischer Prägung), ein meisterhaftes filmisches Denkmal gesetzt. Kusturizas Jugoslawien war ein Land voll strotzender Lebensfreude und abgrundtiefer Melancholie, bevölkert von Menschen, die zu heftigem Jähzorn und kaum zu zügelnder Wut ebenso fähig waren wie zu großer Solidarität, Großmut, tiefer Freundschaft und Liebe. Jugoslawien war das Land, in dem sich Orient und Okzident mit all ihren kulturellen Eigenheiten und Mentalitäten, Gutem wie Schlechtem, auf eine ganz eigene Art und Weise vermischten und etwas Hybrides ausbildeten, das sowohl verschmelzen und gleichzeitig doch auch wieder auseinanderfallen konnte, und dessen Menschen vielleicht schon immer etwas mehr zu emotionalen Ausbrüchen neigten, als die Menschen anderswo.

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Dieses Land gibt es nicht mehr, nur in Kusturicas Filmen, seiner Musik und in anderen kulturellen Zeugnissen lebt es weiter. Es wird wahrscheinlich von weitaus mehreren seiner ehemaligen Bewohner, die sich jetzt Kroaten, Mazedonier, Serben oder sonst wie nennen, betrauert, als man sich hierzulande vorstellen kann. Kusturizas Filme jedenfalls sind zugleich auch immer ein Ausdruck dieser Trauer und der Versuch, sie irgendwie zu bewältigen. Hier, im westlichen Teil Europas und insbesondere in Deutschland, wo insbesondere seit Anfang der 1990er-Jahren viel von multiethnischem Zusammenleben, Toleranz und den Rechten von Minderheiten schwadroniert und der moralische Finger hochgereckt wird, kann man sich von diesem verloren gegangenen kulturellen Amalgam Jugoslawien keinen Begriff machen. Wahrscheinlich konnte man das hierzulande nie.
Emir Kusturica

Das Jugoslawien von einst kann in diesem, aus einner kulturnationalistischen Idee geborenen und wiedervereinigten Deutschland, wohl schon im Denken gar nicht vorkommen, und so darf es auch keine Jugoslawen geben. Um sich in die Lage zu versetzen, Kusturica begrifflich irgendwie zu erfassen, muss man aus ihm einen „serbischen Nationalisten“ machen.
Kusturica baut sich sein Jugoslawien inzwischen wieder auf: im serbischen Bezirk Mokra Gora ist in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden der Museumsort „Küstendorf“ entstanden, der auch als Kulisse für Kusturicas Film „Das Leben ist ein Wunder“ diente. Dort lebt er jetzt zeitweise. Und in der Nähe von Višegrad, der Stadt an der Drina, die insbesondere durch den Roman „Die Brücke über die Drina“ des jugoslawischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Ivo Andrić bekannt geworden ist, entsteht unter Kusturicas Regie die Kunststadt Andrićgrad. Namensgeber ist natürlich der jugoslawische Schriftsteller Andrić, die Stadt soll zukünftig wieder als Kulisse für einen neuen Film dienen.
Im Jahr 2005 wurde Emir Kusturica in der orthodoxen Kirche Serbiens getauft.


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Jan 25 2013

Die Ordnung des Diskurses

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

“Ich möchte nicht in jene gefährliche Ordnung des Diskurses eintreten müssen; ich möchte nichts zu tun haben mit dem, was es Einschneidendes und Entscheidendes in ihm gibt; ich möchte, daß er um mich herum eine ruhige, tiefe und unendlich offene Transparenz bilde, in der die anderen meinem Erwarten antworten und aus der die Wahrheiten eine nach der anderen hervorgehen (…).”

Michel Foucault

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Jan 20 2013

Nachtrag zum “Wolkenatlas” und anderes

Drei- oder vielmal nur erhaschte ich während meiner Jugend einen Blick auf die Inseln der Glückseligkeit, bevor sie in Nebeln, Depressionen, Kaltfronten, ungünstigen Winden und im widrigen Strom der Gezeiten untergingen … Ich verwechselte sie mit dem Erwachensein. Im Glauben, sie wären festgelegte Etappen auf meiner Lebensreise, versäumte ich, ihre geograpischen Koordinaten und die Anfahrtsroute zu verzeichnen. Verfluchter junger Dummkopf. Was gäbe ich heute dafür, eine festgeschriebene Karte des für immer Flüchtigen zu besitzen. Einen Altlas der Wolken, sozusagen
(David Mitchell: Der Wolkenatlas. Deutsch v. Volker Oldenburg. S.494.).

Soweit die Passge aus dem Wolkenatlas, die wohl für den Titel jenes Werkes Pate stand. Den folgende Satz, der meinem Empfinden nach einen notwendigen Kontrast, und gleichsam die einzig mögliche Replik dazu bilden kann, weil in ihm das Ende jener vermeintlich immerwährenden Flucht aufscheint, habe ich auf Jobo72’s Weblog gefunden:

Wir sind für Gott geschaffen, und nichts weniger kann uns letztlich zufrieden machen.
(Brennan Manning)

Noch etwas? Der Morgenländer hat uns heute an Simone Weil erinnert, die im spanischen Bürgerkrieg als Anarchistin in der Brigade Buenaventura Durruti kämpfte und sich später der Mystik zuwandte. Danke für den Hinweis auf diese außerordentliche Persönlichkeit.

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Jan 18 2013

SciFi meets Wolkenatlas

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

Das innere Inferno

Das Literatur- und Filmgenre des Sience Fiction ist den Mief des Trivialen zurecht nie richtig losgeworden. Man muss sich nur einmal in die Scifi und Fantasyabteilung seiner Buchhandlung begeben, um zu sehen, wie viel schwer Verdauliches da so im Angebot ist. SciFi nebst Fantasy, das ist quasi der Burger King unter den Literaturgattungen. Immerhin erzählen diese Produkte etwas über die Ängste des postmodernen Subjekts. SciFi und Fantasy sind die menschlichen Projektionen der Furcht vor Dissoziation, Bedrohung, Vernichtung, Untergang und Verlassensein. Es sind oft nicht zuletzt imaginierte Höllenbilder, die der Filmindustrie und dem Buchhandel respektable Umsätze einfahren. So wie sich die menschlichen Ängste und Obsessionen früher in Märchen und Mythen verdichteten, so heute in SciFi und Fantasy. Das Bild, das da von der Psyche des (post)modernen Menschen durchscheint, mag im Übrigen manchmal wenig Anlass zur Hoffnung geben.
Interessant ist, dass Science Fiktion Autoren aus den osteuropäischen Ländern, wie Stanislav Lem oder die Strugatzki-Brüder, viel mehr über das Wechselverhältnis von Individuum, Psyche, Ort, Zeit und sozialem Raum modelliert haben, anstatt lediglich das – innere – Inferno heraufzubeschwören.

Der Wolkenatlas

Neben all dem speist sich zumindest die Sience Fiktion aus der Neugier nach dem Zukünftigen. Was wird sein, wie wird es einmal werden, wie geht es mit uns weiter, oder, wenn es ein gegenwartsbezogenes Werk ist, der Spur des Optionalen folgend, was hätte sein können, wenn(?). In diesem Umfeld ist der Roman der „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell zu verorten, der vor kurzem in der Verfilmung von Lana und Andy Wachowski sowie Tom Tykwer in den Kinos lief. David Mitchell ist kein Science Fiction Autor, und er wollte vermutlich auch keinen Sience Fiktion Roman schreiben. Da der Roman – wie die Verfilmung – jedoch teilweise auch in der Zukunft handelt, ist es Mitchells Werk nicht erspart geblieben, dem genannten Genre zugeschlagen zu werden. Mitchell hat sechs Geschichten über unterschiedliche Orte und Zeiten erzählt und dabei zu zeigen versucht, wie sich diese individuelle Geschichten und Ereignisse über einen Zweitraum von fast 1000 Jahren hinweg miteinander verbinden und so die Zukunft schaffen. Gegenwart und Zukunft speisen sich aus den Koordinaten vieler einzelner ineinander verwobener Menschengeschichten, so darf man Mitchell wohl lesen. Sie speisen sich aus Schicksalhaftem und aus bewussten Entscheidungen. Was wir tun oder unterlassen bewegt die Welt. Auch hier gibt es viel Apokalyptisches, das im Film indes schnell in den Mittelpunkt gerät. Leider bleibt dabei, wie so oft, der Plot irgendwie auf der Strecke, wirkt streckenweise konstruiert und, anders als im Buch, erschließen sich die Zusammenhänge zwischen den Geschichten nur schwer. Gegenüber anderen Machwerken des Genres ist der Film immer noch einigermaßen sehenswert, gegenüber der einfallsreich erdachten und spannend erzählten Romanvorlage fällt er stark ab.
Fazit:
Buch: Prädikat lesenswert
Film: Für Freunde des Genres sehenswert

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