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Die Benedikt-Option gegen eine Entchristlichung des Abendlandes

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Die Luft wird dünner für Christen. Erzbischof Georg Gänswein spricht im Vorwort von Rod Drehers  2019 erschienenem Buch „Die Benedikt-Option“ von einer großen Flut, die auf das Christentum des Abendlandes zurolle und das Christentum hinweg zu schwemmen drohe. Eine Flut, die kein Staudamm aufhalten könne. Es bedürfe des Baus einer Arche. Rod Dreher ist US-Amerikaner und zur Orthodoxie konvertierter Christ. Sein im Jahr 2019 auf Deutsch erschienenes Buch will so etwas wie eine Anleitung für den Bau einer spirituellen Arche in der christenfeindlichen Flut der Moderne sein. 

LBTQ-Lobby übernimmt die Regie

Nun ja, eine Flut, die das abendländische Christentum hinweg schwemmt? Das scheint doch ein wenig übertrieben zu sein, dachte ich, als ich das Buch zum ersten Mal zur Hand nahm und Gänsweins Vorwort las. 

Doch da könnte ich mich geirrt haben. Ich bin für eine kommunale Behörde im Bereich der Migrationsberatung tätig. Kurz nachdem ich Drehers „Benedikt-Option“ erworben hatte, stand eines Tages ein Mann aus Eritrea vor mir. Wir führten das übliche Beratungsgespräch und ich wies ihm einen Deutsch-Integrationskurs zu. Mit Blick auf meine Christusikone, die ich auf dem Schreibtisch stehen hatte, erklärte der Mann zum Abschied, dass er Diakon in der eritreisch-orthodoxen Gemeinde hier am Ort sei. Ich äußerte meine Wohlwollen darüber, dass er ein geistliches Amt in der Kirche ausübe und wir sprachen noch kurz über das Gemeindeleben. Dann ging er. 


Einige Tage später kam ein Kollege zu mir. Er hatte das Gespräch vom Nebenzimmer aus mitgehört. Es sei nicht korrekt, dass ich mich in dieser Form über Religion äußere, meinte er. Das sei nicht neutral. Auch dass ich mit anderen Kollegen über Religion spreche und dabei Partei für das Christentum ergreife, sei nicht akzeptabel. Und auch meine Ikone auf dem Schreibtisch und ein kleines orthodoxes Kreuz an der Pinnwand fand er nicht okay. Er hatte darüber bereits mit unserer Vorgesetzten gesprochen. Ich signalisierte dem Kollegen, dass ich das zur Kenntnis nehme und mich damit auseinandersetzen werde. Ich habe dann die Ikone gegen eine kleinere, unauffälligere ausgetauscht. 

Der betreffende Kollege ist Aktivist der sogenannten Queer-Bewegung. Ungefragt hat er die Wände auf den Fluren in unserer Dienststelle mit Plakaten tapeziert, auf denen für einen LBTQ-Treffpunkt geworben wird. LBTQ steht im Szene-Jargon für Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. Der LBTQ-Aktionismus findet auch von vorgesetzter Seite Zustimmung. Die Stadtverwaltung hat sich schließlich der „sexuellen Gleichstellung“ verschrieben. 

Eine kleine unbedeutende Episode!? Vielleicht!? Aber doch auch exemplarisch?! Die Gender-Mainstreaming- und LBTQ-Lobby übernimmt die Regie. In Behörden und Kommunen werden die Mitarbeiter auf die LBTQ- und Gender-Ideologie eingeschworen. Dazu gehört unter anderem die Zwangsverpflichtung zur Teilnahme an Fortbildungen zu den Themen „Sexuelle Gleichstellung“ und Geschlechtliche Diversität“. Es ist de facto nicht mehr möglich, die Überzeugung zu vertreten, dass das Zusammenleben von Mann und Frau in der Familie die normale und auch anzustrebende Form zwischengeschlechtlicher Beziehungen ist, ohne dadurch berufliche Nachteile und persönliche Konsequenzen befürchten zu müssen.  

Sieg des Säkularismus

Diese Situation ist eine der Themen in Rod Drehers „Benedikt-Option“. Im Jahr 2015 hat der oberste Gerichtshof der USA die gleichgeschlechtliche Ehe zu einem verfassungsmäßigen Recht erklärt. In Deutschland beschloß der Bundestag im Oktober 2017 die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Dreher scheint nicht falsch zu liegen, wenn er den Kampf gegen die christenfeindlichen Einflüsse der Moderne in den westlichen Gesellschaften als verloren ansieht. Er ist US-Amerikaner und sein Buch nimmt in erster Linie Bezug auf die Verhältnisse in den USA. Doch Dreher lässt keinen Zweifel daran, dass sein Diktum für die ganze westliche Welt gilt. Er stellt fest, dass ein feindlicher Nihilismus die Oberhand gewonnen und die gesamte Kultur sich entschieden gegen traditionsorientierte Christen gewandt habe. Die Einflüsse dieser Entwicklungen reichen Drehers Beobachtung nach bis weit in die Kirchen und in die Glaubenswelt  der Christen hinein. Denn auch die Kirche forme heute nicht mehr Seelen, sondern verpflege Egos. 

Er beobachtet, das viele Christen inzwischen einer schwammigen Pseudoreligion anhängen, die er unter Bezugnahme auf eine US-amerikanische Studie unter Jugendlichen als „Moralisch Therapeutischen Deismus“, kurz MTD, bezeichnet. Dessen Paradigmen lauten: „Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es Bibel und die meisten Weltreligionen lehren. / Das wesentliche Ziel des Lebens sei es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein. / Es ist nicht nötig Gott einen bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen. / Gute Menschen kommen in den Himmel wenn sie sterben.“ (40)

In dieser Art von Christentum geht es, wie Dreher formuliert, in erster Linie um eine Steigerung des eigenen Selbstwert- und Glücksgefühls und hat nur noch wenig mit dem Christentum in Schrift und Tradition zu tun. Nun ist ja gegen das Glücks- und Selbstwertgefühl per se erst einmal nicht unbedingt etwas zu sagen. Aber der kulturelle Mainstream, dessen „christlicher“ Ausdruck dieses Wellness-Christentum ist, das Dreher als MTD bezeichnet, bringt Persönlichkeiten hervor, die wesentlich nur noch um das eigene Ego und seine Bedürfnisse kreisen. Geld, Einfluß, emotionale Kicks und Sex sind die Prämissen, nach denen beurteilt wird, ob ein Leben „gelungen“ und glücklich ist – oder nicht. Sich diesem Kreisen ums eigne Ego und seiner Befriedigung auszuliefern kann zerstörerisch sein – und in der Tat ist die Zerstörung sozialer Beziehungen und Bindungen ein verbreitetes Phänomen.  Dreher verweist auf den Philosophen Alasdair MacIntyre, der die Entstehung einer „nachtugendhaften Gesellschaft“ konstatiert, die zu einer „Ansammlung von Individuen geworden ist, in der jeder unter „minimalen Einschränkungen den eigenen Interessen“ nachjage (50).  In dieser nachtugendhaften Gesellschaft gilt die Befreiung des individuellen Willens als das höchste Gut. Objektive moralische Standards sind weitestgehend aufgegeben worden und religiöse Narrative und Traditionen haben ihre Bedeutung für das Zusammenleben verloren (49)

Das Licht des Christentums, so Dreher, sei überall am verlöschen und die heute lebenden Menschen werden vielleicht „noch zu ihrer Lebzeit Zeugen des effektiven Todes des Christentums in unserer Generation werden“. (36)  Die Lösung: Christliche Selbstorganisation und die Bildung kleiner bekennender christlicher Gemeinschaften, die, so wie dereinst die kleine monastische Gemeinschaft um den Heiligen Benedikt von Nursia, zur neuen Keimzelle eines traditionsorientierten Christentums in der westlichen Welt werden könnten. Das ist Drehers Konstruktionsanleitung für eine Arche, um durch die Flut des Hedonismus und der Gottferne zu steuern.

Das Individuum als Maß aller Dinge

Ausführlich beschäftigt sich Dreher im ersten Teil seines Buches mit den Ursachen für den Niedergang des Christentums in der westlichen Welt. Dreher nennt fünf historische Umwälzungen, die zum Verlust der christlichen Religion und der sozialen- und kulturellen Fragmentierung der westlichen Gesellschaften geführt haben: 

  • Den Verlust des Glaubens an den Zusammenhang zwischen materieller und transzendenter Realität im 14. Jahrhundert,
  • den Bruch von religiöser Einheit und Autorität in der Reformation,
  • die Ersetzung des christlichen Glaubens durch den Kult der Vernunft in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts,
  • die industrielle Revolution und der Aufstieg des Kapitalismus und
  • die sexuelle Revolution im 20. Jahrhundert.

Von der Renaissance bis zur Moderne zeichnet Dreher nach, wie der Mensch immer mehr zum Maß aller Dinge und schließlich das Individuum selbst als Gottheit inthronisiert wird.  Am Anfang des 20. Jahrhunderts feiert der Eros mit der Verbreitung der Thesen Sigmund Freunds seinen Triumph. Freud stilisiert das Ich zur Gottheit und verdrängt damit gleichsam das Christentum. Die neue Religion ist das Ich als solches. Sinn wird durch Selbsterfüllung ersetzt. Die Mehrheit der Menschen sucht nicht mehr die Einheit mit Gott, sondern die Befriedigung des Selbst. (88f). Das Begehren wird spiritualisiert und das Nachjagen der Erfüllung der eigenen Begierden zum kulturellen Leitmotiv. Das Individuum sieht in der fleischlichen Begierde den höchsten Ausdruck seiner Individualität. Mittlerweile gipfelt diese Entwicklung in der Transgender-Ideologie, in der dem natürlichen Geschlecht jede Bedeutung abgesprochen wird. Das Geschlecht wird zu einer rein sozialen und gesellschaftlichen Kategorie und Gender ist im jeweiligen Einzelfall immer das, was das Individuum sein will.  

Christliche Gegenkulktur

Einen Ausweg auf der politischen Ebene, etwa durch die Stärkung konservativer Parteien, sieht Dreher nicht. Vielmehr setzt er auf die Bildung kleiner christlicher Gemeinschaften, gewissermaßen als Keimzellen eines neuen Christentums. Fündig wird er zum Beispiel im Benediktinerkloster von Norcia in Italien, dort, wo um das Jahr 480 der Heilige Benedikt geboren wurde. Den Blick in die christliche Vergangenheit, den man dort erheischen könne, sagt Dreher, sei auch ein Blick in die christliche Zukunft! (98f) Denn ihre Aufgabe sähen die Mönche darin, an der Wiederherstellung der christlichen Kultur und des christlichen Glaubens zu arbeiten. (101) Die Mönche des Kloster leben nach der Regel des hl. Benedikts, der sogenannten Benediktsregel, die einen strukturierten Tagesablauf vorsieht, in dem sich Arbeit und gemeinsames Gebet fortwährend abwechseln. Ziel sei es nicht, die Welt zu retten, sagt Pater Cassian vom Benediktinerkonvent in Nurcia, „sondern eine christliche Lebensweise aufzubauen, die als Insel der Heiligkeit und Beständigkeit inmitten des Hochwassers der liquiden Moderne steht.“ (106). Die Mönche betonen, dass wahres Glück nicht in der egozentrischen Befriedigung der Begierden sondern nur darin gefunden werden kann, in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu leben. (121) 

Dreher widmet den Mönchen und Ihrem Glaubensleben ein ganzes Kapitel. Er sieht in ihnen ein zukunftsweisendes Modell christlicher Lebensgemeinschaften, ob im klösterlichen oder im weltlichen Umfeld. Der Niedergang der christlichen Kultur sei wohl nicht aufzuhalten, betont Dreher, er tritt daher für die Bildung christlicher Parallelstrukturen ein. Dabei macht er seinen Lesern klar, dass das nicht einfach werden und vielfach Anfeindungen und Benachteiligungen heraufbeschwören wird. 

Keimzellen für ein erneuertes Christentum

Dreher wirbt nicht für abgeschottete christliche Ghettos. Die christlichen Gemeinschaften sieht er  als Keimzellen für eine Re-Christianisierung der westlichen Gesellschaften an, wann immer dies auch möglich sein wird: „Anders ausgedrückt, die christlichen Dissidenten der Gegenwart sollten ihre ‚Benedikt-Options‘-Projekte als darauf ausgerichtet betrachten, nicht für sie selbst eine bessere Zukunft zu erbauen, sondern auch für alle anderen um sie herum.“ (167) Dabei sei die benediktinische Spiritualität für die Schaffung einer christlichen Kultur hervorragend geeignet, denn in ihr drehe sich alles darum, eine christliche Form der Anbetung beziehungsweise Gottesverehrung zu entwickeln. Eine echte Erneuerung der christlichen Kultur muss das kirchliche Leben in den Mittelpunkt stellen, sagt Dreher. Daraus folge alles andere. (176)  Drehers Botschaft: Heutige Christen können eine neue christliche Kultur erschaffen, indem sie auf die alten Überlieferungen der heiligen Väter aufbauen. Der beste Weg hin zu einem erneuerten Christentum „… besteht darin, in die Worte und in die Welt dieser alten Heiligen einzutauchen“. 

Wir brauchen mithin keine moderne Eventkultur. Das Neue besteht in der Hinwendung zur Tradition! Ganz praktisch impliziert das zunächst ein Festhalten an den überlieferten Liturgien der Kirche, um sich selbst gewissermaßen das in liturgische Formen geronnene habituelle Gedächtnis der christlichen Kirche anzueignen. (189) 

Ausrichtung auf Christus

Dreher empfiehlt darüber hinaus das Festhalten an geistlichen Übungen und asketischen Praktiken wie dem Fasten, um sich von der Macht fleischlicher Begierden zu befreien und sich auf ein Leben auf Christus hin auszurichten. Er tritt ein für den Ausbau einer christlichen Gegenkultur. Um die Kinder christlicher Familien etwa vor der Gender-Ideologie und vor der Affirmation sexueller Freizügigkeit zu schützen, brauche es christliche Schulen. Da konservative Christen auch in der Arbeitswelt Nachteile bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes befürchten müssen, sofern sie sich offen als traditionsorientierte Christen zu erkennen gäben, erweise sich die Gründung christlicher Unternehmen als notwendig. Damit allein lebende Menschen sich vor einem übererotisierten Umfeld schützen können, empfiehlt er, gleichgeschlechtliche, gewissermaßen „laienklösterliche“ Wohngemeinschaften zu gründen, deren Bewohner ein vom Gebet geprägtes Gemeinschaftsleben praktizieren können. (349)

Wir leben in einer nachchristlichen Gesellschaft, so Drehers Befund. Wie in den Anfängen des Christentums müssen wir auch heute wieder in einer christenfeindlichen Gesellschaft bestehen. Die frühen Christen waren nicht deshalb erfolgreich, weil sie sich an das christenfeindliche Umfeld anpassten, sondern indem sie eine Alternative dazu praktisch vorlebten und das Evangelium verkündeten. 

Das Christentum in seinen Anfängen verbreitete sich nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe und durch die Entstehung einer christlichen Gegenkultur. Davon müssen wir lernen. Das Christentun wird nicht überleben, wenn wir versuchen, uns der Moderne anzupassen. Es wird überleben, wenn wir uns nicht anpassen sondern eine Alternative in Form einer auf Gott hin ausgerichteten Lebensweise verkörpern. 

Alles andere ist vergeblich!

Rod Dreher: Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft.fe-Medienverwaltung GmbH. Kißlegg 2019





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