Befreiung und Opfer

Ikone von der Heilung des Aussärtigen

Bei meinen Ausflügen durch die Bibel landete ich am vergangenen Freitag bei Markus 1, 40–45, der Heilung des Aussätzigen. Zufall oder Fügung (?): Als ich einen Tag später, am darauffolgenden Samstag, die orthodoxe Göttliche Liturgie besuchte, stellte ich fest, dass dies nach der orthodoxen Leseordnung der für diesen Tag vorgesehene Text ist. In der dichten und berührenden Passage, in der Jesus grundlegende soziale und religiöse Tabus bricht, geht es um die Heilung des Aussätzigen und damit um die Interaktion zwischen dem „Göttlichen Arzt“ Jesus Christus und einem Menschen, der vom sozialen und gewissermaßen „lebendigen Tod“ gezeichnet ist.
Die Begegnung beginnt mit einer Geste der Demut: Der Aussätzige fällt vor Jesus auf die Knie und spricht: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ Hier zeigt sich die starke Kraft des Glaubens, durch die der Kranke gleichzeitig den Willen Jesu mobilisiert, heilsam zu sein. Wie auch in anderen Bibelstellen, an denen Jesus als Heiler auftritt, ist das Heilungsgeschehen aufgehoben in einer Interaktion zwischen Jesus und dem Leidenden. Es ist auch hier der sich im Beziehungsgeschehen zwischen Jesus und seinem jeweiligen Gegenüber manifestierende Glaube, der die Heilung ermöglicht. Jesu habe „Mitleid mit dem Kranken“ gehabt, heißt es dazu in der Einheitsübersetzung. Der byzantinische Text verwendet die Formulierung, Jesus sei „gerührt von Barmherzigkeit“. Dabei ist bedeutsam, dass Aussatz zur Zeit Jesu ein soziales Todesurteil war. Nach dem Gesetz des Mose (Levitikus 13) galten Betroffene als unrein und mussten in strikter Isolation leben; jede Berührung war absolut ausgeschlossen. Doch Jesus durchbricht diese Regel. Während die Berührung in der Geschichte von der blutflüssigen Frau zunächst von der Frau ausgeht, ist es hier Jesus, der die Hand nach dem aussätzigen und heilungssuchenden Menschen ausstreckt und damit das soziale Tabu aufhebt. Die Begebenheit beschreibt gleichsam einen sozialen, aber auch geistlichen Wendepunkt: Denn normalerweise geht die Unreinheit des Aussätzigen auf den Gesunden über. Doch bei Jesus kehrt sich die Dynamik um. Seine Heiligkeit ist strahlend, sie „verbrennt“ das Verderben im Fleisch des Mannes buchstäblich auf einer physischen und geistlichen Ebene. Jesu Heil wird auf den Mann übertragen, ohne dass Jesus selbst im rituellen Sinne unrein wird – vielmehr triumphiert seine Barmherzigkeit über die strikten sozialen Regeln.
Nach der Heilung schickt Jesus den Mann mit einem strengen Schweigegebot weg und weist ihn an, dass gesetzlich vorgeschriebene Heilungsopfer beim Priester zu bringen. Doch die überwältigende Freude des Geheilten ist stärker; er verbreitet die Nachricht überall. Dies führt zu einer temporären Rollenumkehr: Der ehemals Ausgestoßene ist nun frei und kann sich wieder unter den Menschen bewegen, er gewinnt seine soziale Existenz zurück. Jesus hingegen zieht sich in einsame Gegenden zurück, da der Ansturm der Menschen ein öffentliches Wirken in den Städten zunächst unmöglich macht. Jesus opfert seine Freiheit für die physische und soziale Heilung des Aussätzigen.
In der ostkirchlichen Tradition wird dieses Ereignis als kosmisches Heilungsereignis gedeutet. Der Aussatz dient hier als Ikone der Sünde, die das „Ebenbild Gottes“ im Menschen entstellt hat. Die Heilung ist somit eine Wiederherstellung der ursprünglichen Schönheit (Philokalia). In der Selbstentäußerung tauscht Jesus den Platz mit dem Kranken: Er nimmt die Isolation auf sich, damit der Mensch in die Gemeinschaft – auch die eucharistische Gemeinschaft der Kirche – heimkehren kann. So verweist der „einsame Ort“, an den Jesus sich zurückzieht, bereits prophetisch auf sein stellvertretendes Leiden jenseits der Mauern Jerusalems.

Visited 1 times, 1 visit(s) today

Keine Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Fastentexte 26

In der Fastenzeit 2026 möchte von Zeit zu Zeit das Neue Testament der Bibel an einer zufällig gewählten Stelle aufschlagen und ein wenig über den gefundenen Text reflektieren. Falls mir zwischendurch ein anderes spezielles Thema unter den Nägeln brennt, soll auch das an dieser Stelle Platz finden!

Hier gehts zu den Texten: FASTENTEXTE 26

“Die katholische Kirche ist erst dann wirklich komplett am Ende, wenn sie sich vollständig protestantisiert hat.”

Horst G. Herrmann

Katholiken fĂĽr Israel
Katholisch und orthodox, das bedeutet:
Vinzenz_von_Lerins Kopie
"In eben jener katholischen Kirche selbst ist mit größter Sorgfalt dafür zu sorgen, dass wir halten, was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde. Denn das ist wirklich und wahrhaft katholisch, was, wie der Name und Grund der Sache erklären, alle insgesamt umfasst."
Vinzenz von Lérins
Orthodoxer Westritus – Heilige Messe (Göttliche Liturgie)
BLOGS & WEB

Weihrauch