Im Lukasevangelium (Lk 8, 40-56) findet sich die Erzählung über Jaïrus, einen Synagogenvorsteher, dessen zwölfjährige Tochter von Jesus ins Leben zurückgerufen wird. Angesichts der klagenden Menge im Haus des Mannes stellt Jesus fest: „Sie ist nicht tot, sondern sie schläft.“ Die Trauernden reagieren darauf mit Hohn; sie verlachen ihn, da der Tod des Mädchens für sie eine unumstößliche Tatsache darstellt. Spott werden wahrscheinlich viele Christen auch heute noch kennen, wenn sie überlieferte Geschehnisse für wahr halten, die doch nach menschlichem Maß unglaublich sind.
Jesus, so wird weiter erzählt, fasste das Mädchen an der Hand und rief, sie solle aufstehen: „Da kehrte ihr Lebensatem zurück und sie stand sofort auf.“ Ihre Eltern seien fassungslos gewesen, berichtet das Evangelium (von der Reaktion der Spötter wird nichts weiter erzählt). Im Kontext der neutestamentlichen Überlieferungen ist dies eine der Szenen, die bereits indirekt auf das freiwillige Kreuzesopfer und die Auferstehung Jesu hindeuten, denn sie soll wohl nicht zuletzt zeigen, dass der Sohn Gottes Macht über Leben und Tod hat.
In dieser Geschichte von der Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers steckt indes noch ein weiteres Ereignis, das gleichermaßen Aufmerksamkeit verdient und von den Exegeten auch erfahren hat (Lk 8, 43 – 48). Bevor Jesus der Bitte des verzweifelten Jaïrus folgen kann, gibt es eine andere Begegnung. Eine kranke, wie es heißt, seit zwölf Jahren an Blutfluss leidende Frau, die ihren gesamten Lebensunterhalt vergebens für Ärzte aufgewendet habe, „trat von hinten heran und berührte den Saum seines (Jesus) Gewandes. Im gleichen Augenblick kam der Blutfluss zum Stillstand“. Jesus, so wird berichetet, hatte die Berührung bemerkt und fragte die Umstehenden, von wem sie ausgegangen sei. In den Auslegungen und Predigten zu dieser Bibelstelle wird häufig betont, dass der körperliche Kontakt mit einer Frau, die unter Blutungen leidet oder sich im Zustand der Regelblutung befindet, nach jüdischer Tradition den Berührten als „unrein“ gelten lässt. Die Betreffende kam also, wie das Evangelium vermerkt, „zitternd herbei, fiel vor ihm nieder und erzählte dem ganzen Volk, warum sie ihn berührt hatte und wie sie sofort geheilt worden war.“ Doch statt des erwarteten „Donnerwetters“ sprach Jesus zu ihr: „Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.“
Die Anrede als Tochter stellt spontan eine Vertrauen stiftende Beziehung her. Jesus heilt nicht nur den Körper, sondern setzt sie als „Tochter“ in ihre soziale und familiäre Stellung zurück und spricht ihr den „Frieden” (Schalom) zu.
Von herausragender Bedeutung ist aus meiner Perspektive die verändernde und heilende Kraft der Berührung. In den Evangelien heilt Jesus Menschen oft durch direkte körperliche Berührungen, was als Zeichen der Zuwendung und Barmherzigkeit gedeutet wird. Hier allerdings geht die Berührung nicht von Jesus, sondern von der Heilung suchenden Frau aus. Die Frau sucht aktiv den Kontakt, weil sie an die verändernde und heilende Kraft des Christus glaubt.
Als ich selbst mich vor rund zwanzig Jahren wieder Christus zuwandte, hatte ich noch nicht solch starke Glaubensgewissheit. Es war zunächst eher ein Suchen. Und anfangs meinte ich, der Christusglaube könne gewissermaßen eine Zutat zum Leben sein, dass aber ansonsten so bleibe solle, wie es ist. Letztendlich hat der Glaube allerdings vieles von Grund auf geändert, Überzeugungen, Gewohnheiten, Werthaltungen und Verhaltensweisen. Glaube kann mithin nicht nur ein intellektuelles Fürwahrhalten sein, sondern muss zu einer tiefen inneren Berührung werden. So verweist auch die Geschichte im Lukasevangelium auf ein Beziehungsgeschehen zwischen Christus, Gott, und den Menschen. Die Essenz: Wenn die Berührung von der tiefen inneren Suche nach Gott getragen ist, kann sie zu einer wirklichen Erfahrung von Gottes Gegenwart werden und damit auch heilsam sein.
In der überlieferten Geschichte durchbricht die Frau ihre Angst vor der Übertretung ritueller Gesetze, weil ihr Glaube und ihre Hoffnung größer sind. Neben dem Aspekt von der verändernden Kraft der Berührung steht die rettende und heilende Bedeutung des Glaubens. Dabei ist es nicht der Glaube allein, der hier den Ausschlag gibt. Er setzt vielmehr das Potenzial für ein Handeln frei, das am Ende zur Heilung führt. Wir müssen etwas tun, müssen die Berührung mit Christus suchen. Das kann auf vielfältige Weise geschehen, die Schrift gibt etliche Beispiele dafür. Entscheidend ist der Schritt in die heilende Nähe Gottes. In dieser rettenden Berührung begegnen sich unsere menschliche Sehnsucht und Christi verwandelnde und liebende Kraft, die uns im tieferen Sinne heil werden lässt.
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