Als ich vor kurzem wieder einmal die Heilige Schrift aufschlug, um mich mit einer zufällig gefundenen Passage näher zu beschäftigen und darüber einen kleinen Bericht für das notizblaettchen zu schreiben, hätte ich am liebsten gleich weiter geblättert. Ich war im Markus-Evangelium gelandet, Kapitel 11, 12 – 25. Jesus sucht an einem blattgrünen Feigenbaum nach Früchten, findet jedoch keine, „denn es war nicht die Zeit der Feigen“, wie es im Evangelium heißt. Daraufhin spricht er zum Feigenbaum: „Nimmermehr esse jemand Frucht von dir auf ewig“. Später, auf dem Rückweg, finden Jesus und seine zwölf Jünger den verfluchten Feigenbaum verdorrt vor. Diese Bibelpassage (Perikope) umrahmt gleichzeitig die Begebenheit von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel in Jerusalem. Sie gehört nicht gerade zu jenen, mit denen sich Exegeten besonders gern beschäftigen, so mein Eindruck nach einer kleinen Internetrecherche. Und ich selbst stellte mir plötzlich vor, ich säße in so einer Bibelteilen-Gruppe, die es in unserer Gemeinde eine Zeitlang gab, und müsste mich jetzt dazu äußern, was mir zu diesem Text so einfiele und wie es mir gerade damit ginge. Keine schöne Vorstellung, denn ich hätte erst einmal wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berge vor diesem Text gestanden. Und mein erster Impuls hätte auch kaum einer spiritual correctness genügt. Ist das nicht ungerecht? Was kann der Baum dafür, wenn es noch nicht die Reifezeit für Feigen ist?
In verschiedenen Auslegungen wird die Passage als Verurteilung des schönen Scheins verstanden. Jesus prangert an, dass der Schein trügt, sagt etwa der methodistische Pastor Thomas Brinkmann. „Eine Pflanze gibt vor, seiner Bestimmung nachzukommen, also Früchte zu liefern, aber es gibt sie nicht. Darüber ist Jesus enttäuscht und prophezeit, dass von nun an niemals mehr Früchte an diesem Feigenbaum zu finden sein werden, er also verdorrt.“
Aus dieser Perspektive dient das „zerstörerische“ Wunder Jesu als drastische Lektion. Ein Feigenbaum mit Blättern signalisiert in der Regel, dass er auch Früchte trägt, meint Pastor Brinkmann. Jesus nutzt den Baum als Bild für Israel und für heutige Christen und prangert damit gleichsam Heuchelei an. Es geht um den „schönen Schein“ – wenn man nach außen hin religiös wirkt (Blätter), aber keine echten Taten oder geistliche Reife (Früchte) zeigt. „Auch als Christ bin ich angesprochen“ sagt Pastor Brinkmann: „Jesus reicht es nicht, dass es schön aussieht, was ich tu oder nicht tu. Jesus sehnt sich danach, dass ich für die Menschen um uns herum „wohlschmeckend“ bin, um es mit dem Bild der Frucht auszudrücken.“ Diese Interpretation hat etwas für sich und wäre sicherlich auch ein geistreicher Beitrag in der Bibelteilen-Gruppe gewesen. Jesus sehnt sich nach „wohlschmeckenden“ Früchten im Leben der Menschen, nicht nach Fassaden. Seine harten Reaktionen waren ein Weckruf gegen die Scheinheiligkeit. Eine verbreitete Interpretation lautet daher: Der Feigenbaum steht für Israel oder dessen religiöse Institutionen. Und so wie der Baum Blätter, aber keine Frucht zeigt, so prachtvoll erscheint auch der Tempelkult, ohne jedoch die von Gott geforderte geistliche Frucht hervorzubringen. Während einige Interpreten darin ein unwiderrufliches Gericht über das „geistig tote“ Israel sehen, wird an anderer Stelle vor den antijüdischen Tendenzen einer solchen Auslegung gewarnt. Denn die Szene ereignet sich kurz vor dem Vorgehen von Jesus gegen die Händler im Tempel und kann als Strafe für die Folgen von geistlicher Fruchtlosigkeit gesehen werden. So wird das Geschehen in vielen Deutungen als Zeichen und Strafe für das Verdorren Israels aufgrund seines Unglaubens verstanden.
Das Bild eines verärgerten Jesus, der einen Baum verflucht, weil dieser außerhalb der Saison keine Früchte trägt, scheint auf den ersten Blick das Bild des gütigen und weisen Christus in Frage zu stellen. Gegner des Christentums wie der britische Philosoph Bertrand Russell (verstorben am 2. Februar 1970) sahen darin gar einen Beleg für einen charakterliche Mangel. Zeigt sich hier der Mensch Jesus mitsamt menschlichen Schwächen? Nein, natürlich nicht, denn Christus ist auch in seiner menschlichen Natur frei davon. Hinter dieser vermeintlich impulsiven Handlung scheint sich bei näherer Betrachtung ein Geflecht aus historischem Kern, literarischer Erzählung und geistlicher Symbolik zu verbergen. Einige Exegeten indes, wie etwa der katholische Theologe Meinrad Limbeck, neigen dazu, die Erzählung in der Tat als Bericht eines historischen Ereignisses zu begreifen. Limbeck vermutet hinter der Szene ein echtes Hungergefühl Jesu, das durch die Anspannung vor der bevorstehenden Konfrontation in Jerusalem verstärkt wurde. Der prachtvoll belaubte Baum wecke Hoffnungen auf essbare Frühfeigen, die im März oder April durchaus an milden Standorten zu finden sein können. Das Nichtvorhandensein der Frucht habe dann als Symbol für den Zustand Israels gedient.
Der Religionspädagoge Thomas Breuer hält es für wahrscheinlich, dass ein reales Wort Jesu, möglicherweise ein „Wehe-Euch-Ruf“ gegen die Führer Jerusalems, den Kern der Geschichte bildet. Markus nutzte dieses Motiv und bettet es in seine typische „Sandwich-Technik“ ein: Er teilt die Feigenbaumgeschichte in zwei Hälften und platzierte dazwischen die Tempelreinigung. Daraus kann man gleichzeitig folgern, dass sich das Gericht nicht gegen das gesamte Volk Israel richtet. Vielmehr symbolisiert der verdorrte Baum das Schicksal der Hohenpriester und Schriftgelehrten, die Jesus ablehnten und damit ihre heilsgeschichtliche Fruchtbarkeit verloren haben. Der Verdacht, hier könne ein Antijudaismus befeuert werden, wäre damit vom Tisch. Und die Geschichte ist kein Zeugnis „göttlicher Willkür“, sondern eine dramatische Mahnung zur Wachsamkeit und zum rechten Glauben.
Wie man nun gleichzeitig feststellen kann, musste ich einige Recherchen betreiben, um mir diese Bibelpassage einigermaßen zu erschließen. Ich glaube, sie ist, wie die meisten Bibeltexte, überdeterminiert.
Sie hat mithin sowohl einen realgeschichtlichen Hintergrund als auch eine symbolische Bedeutung. Wir müssen nicht das eine gegen das andere abwägen. In der Ostkirche wird betont, dass Jesus in seiner Menschlichkeit zwar Hunger verspürte, aber in seiner göttlichen Seinsweise das Urteil gegen eine nur äußerliche Form der Frömmigkeit sprach, symbolisiert durch die grünen Blätter bei gleichzeitigem Fehlen der Frucht. Hier ist diese Geschichte besonders präsent in der Karwoche. Am „Großen und Heiligen Montag“ gedenkt die Ostkirche des Feigenbaums. In den Hymnen dieses Tages wird die Seele ermahnt: „Fürchte die Strafe des Feigenbaums, o meine Seele, wegen deiner Unfruchtbarkeit.“ Der Baum dient als Kontrast zum Baum des Lebens (dem Kreuz). Während der Feigenbaum wegen seiner Leere stirbt, schenkt das Kreuz durch das Opfer Christi Leben. Und mit dieser Interpretation und Erkenntnis wäre ich jetzt auch für die Bibelteilen-Gruppe gut gerüstet. Allerdings existiert sie inzwischen nicht mehr – und außerdem habe ich ohnehin sehr selten daran teilgenommen.
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