Aufschub, Wachsamkeit und Vollendung

Betender Mönch

Lukas 12 35 – 40: Eure HĂĽften sollen gegĂĽrtet sein und eure Lampen brennen! 36 Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurĂĽckkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft! 37 Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gĂĽrten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. 38 Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie. 39 Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wĂĽsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so wĂĽrde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. 40 Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.


„Morgen, morgen nur nicht heute, sagen alle faulen Leute“ pflegte meine Mutter, Gott habe sie selig, mir als Kind entgegenzuhalten, wenn ich mal wieder eine zu erledigende Schularbeit oder kleine häusliche Verpflichtungen auf den nächsten Tag verschieben wollte. Heute gehören solche Weisheiten sicher nicht mehr zu den pädagogischen Stilmitteln der Wahl, aber sie haben doch unsere kleinen (oder großen) Schwächen gezielt ins Visier genommen und sie nachhaltig desavouiert. Wenn wir heute die Gelegenheit haben, etwas zu erledigen, dann sollten wir es auch tun, denn wer weiß, ob wir später noch die Gelegenheit dazu bekommen werden. Dies ist indes ein Grundsatz, dem ich nicht immer vollständig gerecht werde.
Sehr eindringlich ist mir diese Problematik bewusst geworden, als ich heute vom Einkaufen kam und mit dem Auto eine Kreuzung überquerte. Mir fuhr ein 10 bis zwölfjähriger Junge mit dem Fahrrade voraus und in diesem Moment hatte ich das Bild eines vor vielen Jahren etwa gleichaltrigen Freundes vor mir, den ich genau an dieser Stelle vor langer Zeit das letzte Mal sah. Es war ein warmer Sommertag damals, wir verließen am frühen Nachmittag die Schule und während ich den Heimweg mit dem Schulbus antrat, legte mein Freund die zehn Kilometer mit Fahrrad zurück. Später wollten wir uns treffen, um zusammen schwimmen zu gehen. Am späteren Nachmittag erfuhr ich von einem Nachbarn, dass er bei einem Verkehrsunfall ganz in der Nähe seiner Wohnung zu Tode gekommen war, als er seinen Hund daran hindern wollte, auf die vielbefahrene Landstraße zu laufen. Für mich brach damals erstmal eine Welt zusammen. Seither weiß ich, dass schon ein kurzer Moment, eine Krankheit, ein Unfall oder auch eine Gewalttat, alles beenden kann, was wir uns heute noch vornehmen. Dieses Geschehnis aus meiner Kindheit, beziehungsweise frühen Jugend, kommt mir immer wieder in Erinnerung, wenn ich die Christusworte aus dem Lukasevangelium höre: „Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“
Die Bibelverse vom Kommen des Menschensohns sind teilweise auf die Wiederkunft Christi in der Endzeit hingedeutet worden. Insbesondere evangelikale Christen wollen Anzeichen erkannt haben, dass diese Wiederkunft nicht mehr fern ist. Wer weiß? Für jeden Menschen wird das Kommen des Menschensohns indes zu einer unmittelbaren Realität, wenn der Lebensweg hier auf der Erde für ihn endet. Dann werden wir Christus gegenüber stehen und dann kommt es darauf an, wie und in welcher geistlichen Verfassung er uns vorfindet.
Insofern sind die Worte Jesu in Lukas 12, 35–40 kein freundliches Angebot für ein bisschen mehr Achtsamkeit im Alltag. Sie sind ein Weckruf, ein Einschnitt nicht zuletzt auch in die Bequemlichkeit unserer religiösen Routine. „Eure Lenden sollen umgürtet sein und eure Lampen brennen“ – das ist das Bild einer radikalen Einsatzbereitschaft. Es geht um den Weg der Heiligung und um eine Wachsamkeit, die sich nicht von den vordergründigen Sorgen dieser Welt betäuben lassen sollte. Insofern ist auch die Fastenzeit eine Form des Weckrufes, unsere Bemühungen um Heiligung nicht auf morgen und übermorgen zu verschieben, sondern sie wieder neu in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen. Denn wir leben in einer Situation des Nichtwissens: Wann wird der Herr kommen?
Dieser Umstand gerät uns oftmals aus dem Blick. So steht die Gegenwart Gottes in ständiger Spannung zu unseren menschlichen Schwächen. Zu oft tun wir (tue ich) unsere Sünden als Bagatelle ab und verstellen uns dadurch selbst den Blick auf SEINE Gegenwart, flüchten in Zerstreuungen oder in die Vereinnahmung durch die Arbeit, Karriere und Statussymbole. Wir üben uns im Aufschieben: „Heute ist die Welt zu laut und bunt, beten werde ich morgen.“ Dieses Morgen kann eine gefährliche Illusion sein. Und aus diesem Grund sollte die Fastenzeit nicht als eine Zeit der Entbehrung verstanden werden, sondern als Aufforderung zur Neuausrichtung und als eine brennende Lampe in der Nacht, die jederzeit durch das Licht der Ewigkeit überstrahlt werden kann. Diese Haltung sollten wir möglichst mitnehmen in die Osterzeit und die Zeit danach, in unser Leben. Denn es geht, nicht nur in der Fastenzeit, darum, Sünde bewusst zu vermeiden und die Selbstreflexion nicht als psychologische Spielerei, sondern als geistliche Inventur zu begreifen. Vergebung zu schenken als Frucht der Umkehr und mit anderen zu teilen. Die Konfrontation mit der eigenen Sündhaftigkeit zu suchen, um bereit zu sein, wenn der Menschensohn anklopft.
Machen wir uns gleichzeitig bewusst, dass das Reich Gottes keine ferne Utopie, sondern bereits nah ist und wir uns suchend darum bemühen müssen, es in der Stille und im Gebet aufzuspüren. In der Vätertheologie der Ostkirche bedeuten die Christusworte des Lukasevangeliums, die von der „Gürtung der Lenden“ sprechen, mehr als Wachsamkeit und äußere Disziplin. Vielmehr weist es darauf hin, das Herz gegen ablenkende Gedanken zu bewahren und das Gebet in der Stille zu suchen. Die Nacht, von der Jesus spricht, wird auch als geistige Umnachtung durch Begierden und die Verstrickung in die materielle Welt verstanden. Die Väter warnen: Wer das Gebet auf „morgen“ verschiebt, dessen Herz verhärtet sich schon heute.
Ein zentraler Aspekt der Vätertheologie ist das Gedenken an den Tod. Dies ist keine morbide Fixierung, sondern ein lebensbejahender Realismus. Denn „wer seinen Tod täglich vor Augen hat, wird die Sünde überwinden“, lehren die Väter. Und so sollen wir das Fasten gewissermaßen als das „Frühjahr der Seele“ begreifen. Es dient dazu, alles Überflüssige – ob Hobbies, unnötige Sorgen oder den Stolz – abzustreifen, um nackt und bereit vor dem Bräutigam zu stehen, der in der Mitte der Nacht kommt. Wer heute nicht wacht, wird die Stunde seiner Wiederkunft als Gericht erleben; wer aber im Gebet verharrt, für den kann seine Rückkehr zu der lang ersehnten Vollendung der Liebe werden. Wer hat die Einsicht in diese Wahrheit wahrhaftig nötiger als ich selbst?!

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