Der Kontrast ist groß: Eben noch erleben Petrus, Johannes und Jakobus auf dem Berg Tabor die göttlicher Verklärung Jesu. Kaum steigen sie hinab, schlägt ihnen die Not der Welt entgegen. Ein Vater tritt aus der Menge: Sein einziger Sohn wird von einem Geist gequält – ein Bild des Leidens und der Zerstörung. Die Jünger, die Jesus eigentlich repräsentieren sollten, sind an der Austreibung des unreinen Geists gescheitert. Trotz ihrer Zeit mit dem Meister sind sie machtlos geblieben.
Jesus reagiert schroff und enttäuscht: „O du ungläubige und verkehrte Generation!“ Das Wort „verkehrt“ ist hier auch als „verdreht“ oder „verbogen“ zu verstehen Aber damit ist nicht nur die Welt gemeint, sondern auch seine Schüler, die Jünger. Sie haben scheinbar den Fokus verloren. Vollmacht existiert nur in der direkten, betenden Anbindung an Jesus. Bei Jesus reicht ein Wort. Er „bedroht“ den unreinen Geist mit der schlichten Autorität des Schöpfers, der dem Chaos Einhalt gebietet. Ohne Lärm zeigt er: Er ist der Herr über die Mächte der Finsternis.
Das Wunder ist vollbracht und die Menge staunt über seine göttliche Macht. An dieser Macht möchten die Jünger gern teilhaben. Doch Jesus setzt den Dämpfer: „Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert werden.“ Hier wird die Kluft zwischen Jesu Auftrag und der Erwartung der Jünger deutlich. Die Jünger träumen von politischer Macht, von einem triumphalen Messias-König, an dessen Seite sie glänzen könnten. Jesus spricht vom Leiden, vom Dienen und vom Tod. Lukas notiert nüchtern, dass sie ihn nicht begreifen. Es ist kein Mangel an Intelligenz, sondern eine kognitive Voreingenommenheit. Ein leidender Gott passt nicht in ihr Konzept des Erfolges. Sie fragen nicht nach, weil sie die Antwort fürchteten – eine Abwehrreaktion, um das eigene Bild vom „starken Christus“ nicht zu gefährden. Dass sie kurz darauf darüber streiten, wer von ihnen der Größte sei, unterstreicht diese tragische Fixierung auf weltliche Hierarchien.
Wie oft gleichen wir diesen Jüngern? Auch wir messen unseren Wert häufig an Äußerlichkeiten: Erfolg, Ansehen, kluge Worte. Wir flüchten uns in den Konsum von Medien, vermeiden die stille Suche nach Gott zu vermeiden. Wir schauen auf andere herab, statt ihnen zu Seite zu stehen. In der Fastenzeit haben einmal mehr die Möglichkeit, geistliche Schieflagen zu erkennen und möglichst gegenzusteuern, weniger Ablenkung zu betreiben und mehr auf der Vertiefung der geistlichen Beziehung zum Göttlichen, zu Christus, zu schauen: Stärker nach dem göttlichen Licht streben, weniger durch den „Schlamm“ der Welt waten.
Für die Ostkirche ist in der Bibelpassage bei Lukas der Abstieg vom Berg Tabor, dem Ort der Verklärung, entscheidend. Jesus verlässt das göttliche Licht, um in das Leiden der Welt hinabzusteigen. Das ist beabsichtigt: Gott macht sich leer und klein, um das am tiefsten gesunkene Geschöpf zu erreichen. Das Elend des Knaben ist für die Ostkirche ein Bild für die gesamte Menschheit, die ohne Gott von „fremden Mächten“ hin- und hergeworfen wird. In der orthodoxen Väterliteratur wird die Besessenheit oft als Bild für den Zustand der menschlichen Seele nach dem Sündenfall gedeutet. Der Knabe, der „schäumt“ und „hin und her gezerrt“ wird, symbolisiert den Menschen, dessen Gedanken und Seele (Nous) nicht mehr auf Gott fixiert sind, sondern von Leidenschaften und äußeren Reizen zerrissen werden. Das Scheitern der Jünger wird oft damit begründet, dass sie noch nicht durch das Gebet und Fasten, (wie es im Parallelbericht bei Matthäus/Markus steht, gereinigt waren. Ohne innere Stille (Hesychia) fehlt die geistliche Kraft, um das Dunkle zu bannen. In der orthodoxen Liturgie wird Jesus als Arzt für die Seele angerufen. Die Heilung ist hier kein juristischer Akt der Sündenvergebung, sondern eine Wiederherstellung der ursprünglichen Schönheit des gottesebenbildlichen Menschen, alle Anbetung, alles geistiges Streben zielt auf diese „Vergöttlichung“ des Menschen. Dass Jesus dem Geist „droht“, wird als Befreiung des Gefangenen verstanden. Er kämpft gegen den dämonischen Besatzer, um sein menschliches Ebenbild, den Jungen, zu retten. Nutzen also auch wir die Fastenzeit, um uns immer mehr um die eigene Verwirklichung unserer Gottesebenbildlichkeit zu bemühen.
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