Jun 04 2013

Unter Deutschen

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

“So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden.
[…]
Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin, waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag’ es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich erstiken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur seyn, mit Ernst, mit Liebe muß er das seyn, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Thun, und ist er in ein Fach gedrükt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Nothwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viel Stümperarbeit und so wenig Freies, Ächterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos seyn für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –
Die Tugenden der Alten sei’n nur glänzende Fehler, sagt’ einmal, ich weiß nicht mehr, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt’ ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie thaten, nichts gethan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Nothwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sclavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mislaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der todten Ordnung dieser Menschen.
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechneden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zwek, da sucht es seinen Nuzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesezt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strale berauscht, der Sclave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach’ und kümmert sich nicht viel ums Wetter!
Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Geseze sich nicht machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt?
[…]
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hauße, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlergestalt an seiner Thüre saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht?
Voll Lieb’ und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk’ heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu thun hat.
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schaal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Thun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb’ und Brüderschaft den Städten und den Häußern bringt.
Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt.
O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie die Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimath aller Menschen ist bei solchem Volk’ und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so belaidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Muth, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Seegen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.
Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! –
Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Nahmen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.
Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Belaidigungen, wollte nicht, daß meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute.
Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war die einzige Freude, die mir übrig war, er war ja meine lezte Liebe, wie konnt’ ich noch an andre Dinge denken und das Land verlassen, wo auch er war?”
Friedrich Hölderlin

Deutschland ist und war ein Land, in dem selbst die Dichter “ihr eigenes Volk” verspotten. Und es gibt wohl kein Land, in dem die eigenen Dichter und Intelektuellen derart verachtet werden wie in Deutschland. Um auf etwas Nationalidentitäres stolz sein zu können, muss der Deutsche sich erhöhen und andere herabsetzen. Um so zu tun, als könne er sich als Deutscher gut fühlen, muss er die Last der sechs Millionen Ermordeten vedrängen oder bagatellisieren: “Aber die Amerikaner haben doch auch ihre Indianer umgebracht”. Dabei muss er davon absehen, dass auch diese “Amerikaner” in nicht geringer Zahl sebst Deutsche waren.
Um eine positive Identität entwickeln zu können, muss der Deutsche durch Selbstzweifel gehen und Demut lernen. Erst dann werden sich gegebenenfalls Anknüpfungspunkte für positive Identitäten finden lassen. Und ihren Ausgangspunkt müssen sie vielleicht gerade in dieser Demut nehmen.

4 Kommentare

4 Kommentare zu “Unter Deutschen”

  1. Morgenländeram 5. Juni 2013 um 18:17 1

    Lieber Schorsi von Beck,

    ein schönes Hölderlin-Wort, das Sie da zitieren; Ihren Schlussfolgerungen kann ich akllerdings nicht immer folgen.

    Als Hölderlin schrieb, gab es zwar ein deutsches Volk, aber keine handlungsfähige deutsche Nation; und gerade darin sahen die großen deutschen Schriftsteller des 18. und 19.Jahrhunderts das deutsche Verhängnis.

    Deutschland war seit dem verheerenden 30jährigen Krieg der Speilball fremder Interessen; den – gewiss verhängnisvollen – Nationalismus des 19.Jahrhunderts versteht man nur aus dieser Erfahrungen.

    Und als die Deutschen dann spät doch noch zu einer Nation wurden, waren es andere europäische Mächte, denen dies ganz und gar nicht gefiel, und die die deutsche Niederlage im 1. Weltkrieg dazu nutzen wollten, den unbequemen Konkurrenten dauerhaft niederzuhalten.

    Das ist nicht gelungen und hatte fatale Folgen: das Aufkommen einer Bewegung, die Recht und Gesetz mit Füßen trat und in Europa beispiellose Staatsverbrechen beging, geht auch auf Konto der unklugen Staatsmänner, die den Versailler Vertrag zu verantworten haben.

    Nun sagen Sie: nach den beispielllosen Verbrechen des 20. Jahrhunderts stehe uns Deutschen Demut gut zu Gesicht; Selbstzweifel seien heilsam. Nun, Demut und die Fähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen, sind gewiss niemals falsch. Den Deutschen dieser Tage aber mangelnde Demut und mangelnden Selbstzweifel vorzuhalten, scheint mir aber ungerecht und irreführend.

    Man wehrt sich – wie ich meine: zu Recht – gegen Kollektivschuldzuschreibungen und gegen die immer neue Inszenierung geschichtlicher Schuld. Wer das Aufkommen eines neuen Rechtspopulismus fürchtet, sollte dieses berechtigte Anliegen anerkennen.

    Viele Grüße
    Morgenländer

  2. Schorsi von Beckam 5. Juni 2013 um 22:42 2

    Lieber Morgenländer,
    vielen Dank für den Kommentar. Ich frage mich, ob Kollektivschuldzuschreibungen und immer neue Inszenierungen geschichtlicher Schuld überhaupt stattfinden. Das wäre konkret zu überprüfen, meine ich. Haben Sie Beispiele?
    Viele Grüße von Schorsi von Beck

  3. Morgenländeram 9. Juni 2013 um 9:03 3

    Lieber Schorsi von Beck,

    nun, es gibt eine Tendenz, die deutsche Geschichte rückblickens als Unheilsgeschichte zu leen (“Von Luther bis Hitler”), sozusagen als einen Strom, der prädeterminiert war, in die Katastrophe zu münden. Das ist nicht nur ungeschichtlich, sondern letztlich eine Geschichtsmthologie, die den maßlosen Anspruch des Nationalsozialismus letztlich ins Negative gewendet perpetuiert.

    Aber das auszuführen, würde den Rahmen eines Kommentars wohl sprengen; vielleicht schreibe ich bei Gelegenheit mehr dazu.

    Herzliche Grüße und Dank für viele anregende Beiträge
    Morgenländer

  4. Morgenländeram 9. Juni 2013 um 9:05 4

    Lieber Schorsi von Beck,

    nun, es gibt eine Tendenz, die deutsche Geschichte rückblickend als Unheilsgeschichte zu lesen (“Von Luther bis Hitler”), sozusagen als einen Strom, der prädeterminiert war, in die Katastrophe zu münden. Das ist nicht nur ungeschichtlich, sondern letztlich eine Geschichtsmythologie, die den maßlosen Anspruch des Nationalsozialismus ins Negative gewendet perpetuiert.

    Aber das auszuführen, würde den Rahmen eines Kommentars wohl sprengen; vielleicht schreibe ich bei Gelegenheit mehr dazu.

    Herzliche Grüße und Dank für viele anregende Beiträge
    Morgenländer

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