Monatsarchiv für Juni 2016

Jun 06 2016

Skizze zur Rekonstruktion der Aufklärung

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Politik und Alltag

Aufklärung
Ganz hoch im Kurs linker Legendenbildungen steht die sogenannte Aufklärung. Sie ist – auch als Reaktion auf antimodernistische Phänomene in der Einwanderungsgesellschaft – vom liberalen Mainstream bis zur Linken zu einem der beliebtesten Narrative unserer Zeit geworden. Aufklärung ist gleichzeitig ein narratives Gegenmodell – in erster Linie – zum Christentum. Seine eigentliche ideologische Dynamik bezieht der Aufklärungsdiskurs aus der Negation des Christentum.
Der (post)moderne Aufklärungsglaube
Gereon Wolters von der Universität Konstanz bringt diesen (post)modernen Aufklärungsglauben auf den Punkt”
“Religiöse Inhalte verlangen den Modus des Glaubens, aufklärerische den des argumentgestützten Wissens und der Wissenschaft.

  • Die mentale Disposition des Glaubenden ist Gehorsam gegenüber der Offenbarung und/oder ihrer Verkündigung, während Aufklärung sich als Vollzug menschlicher Autonomie und Freiheit versteht.
  • Religion stellt sich in Offenbarung, Predigt und nicht reproduzierbarer, privater religiöser Erfahrung dar; Aufklärung baut auf universalisierbare Argumente und reproduzierbare Erfahrung.
  • Die Verbesserung der Welt wird in der Religion durch Gebet und göttliche Gnade erreicht, während die Aufklärung mit ihrem Schibboleth „Fortschritt“ der wissenschaftsgestützten menschlichen Tat vertraut.
  • In den Kirchen wies das Paulinische (vgl. 1. Kor. 14, 34) “Mulier taceat in ecclesia!” den Frauen eine untergeordnete Rolle zu. Aufklärer betonen (wenn auch weitgehend nur theoretisch) die Gleichheit der Menschen, die Frauen eingeschlossen. Condorcet gilt sogar als eine wichtige Figur in der Geschichte des Feminismus, und selbst der knorrige Kant macht sich für die Aufklärung auch und insbesondere der Frauen stark.
  • Generell beansprucht Religion, im Besitz absoluter Wahrheiten zu sein, während ein Grundzug der Aufklärung gerade in deren skeptischer Depotenzierung besteht.”

Gereon Wolters vertritt implizit die verbreitete Ausfassung, erst die Aufklärung habe Rationalität, Forschergeist und Naturerkenntnis in den Naturwissenschaften – quasi in Abgrenzung zur Religion, beziehungsweise zum Christentum – ermöglicht: ja geradezu gegen das Christentum erkämpft.
Die Henne Fortschritt und das Ei der Aufklärung
Als realhistorisches Phänomen ist Aufklärung jedoch gleichsam selbst eine Reaktion auf den Fortschritt, den die europäische Welt durch den Aufstieg der Naturwissenschaften erfahren hat.
Wären die enormen Fortschritte der Naturwissenschaft von der Aufklärung abhängig gewesen, hätte es sie nie gegeben. Die Aufklärung, wie sie von Kant begründet worden ist, war im Kern eher wissenschaftsfeindlich und hat, ganz im Gegensatz zur christlichen Philosophie, die Möglichkeit einer “objektiven” Welterkenntnis tendenziell verneint. Das bedeutet: Der Aufstieg und die enormen Fortschritte der Naturwissenschaften sind kein Ergebnis der Aufklärung. Im Gegenteil: Der Aufklärungsglaube resultierte seinerseits aus den Fortschritten der Naturwissenschaften, die im wesentlichen ein Ergebnis der antiken Philosophie und ihrer christlichen Rezeption sind. Warum das so ist, werden wir noch sehen!
Der Aufklärungsmythos – bye bye Adorno
Aufklärung ist mithin weder eine Vorbedingung des Siegeszuges der Naturwissenschaften, noch ist sie als postmodernes Narrativ eine spezifisch realhistorische Epoche in der frühen Neuzeit Europas. Sie ist vielmehr ein ideologisches Gegenmodell zur Religion, insbesondere zum Christentum – und nimmt als solches eine spezifisch historische Perspektive gleichsam als Erzählung in sich auf. Diese Erzählung lautet kurzgefasst so: Über tausend Jahre herrschte finsteres Mittelalter in Europa, Barbarei, Dunkelheit, eine Allianz des Schreckens und der Rückständigkeit zwischen Feudaladel und Klerus. Dann, ganz plötzlich, brach die Aufklärung über die Menschheit herein, nachdem es vorher noch ein bisschen Reformation gegeben hatte.
Viele der Aufklärungsapologeten sind unter dem Einfluss des Marxismus politisch sozialisiert worden. Dass die Mär von einem derart voraussetzungslosen historischem Geschehen wie dem plötzlichen Hereinbrechen der Aufklärung in eine Epoche der Finsternis kaum mit dem marxistischen Diktum “Das Sein bestimmt das Bewußtsein” zu vereinbaren ist, scheint keinem aufzufallen. Es wirkt die Kraft des Mythos.
Und in der Tat: Die Geschichte von der Aufklärung ist ein Mythos. Aufklärung wird dabei zur Zauberformel einer selbstgenügsamen bürgerlichen Vernunft: vergessen, dass es einmal eine links-philosophische Aufklärungskritik gab, die insistierte, dass der Aufklärung selbst eine Dialektik innewohnt. Bye bye Adorno!
Was ist Aufklärung?
Was aber ist die Aufklärung jenseits ihrer postmodernen Verklärung. Gereon Wolters verortet sie im langen Jahrhundert, dem “Siècle des Lumières”, das mit der “Glorious Revolution” von 1689 in England beginnt und mit der “Grande Révolution” von 1789 endet, mit dem Beginn der französischen Revolution also, wodurch die Aufklärung erstmals tief in Blut gebadet wurde.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts formierte sich vor dem Hintergrund des enormen Fortschritts in den Wissenschaften einerseits – und der Erfahrung langer und grausamer (Religions-)Kriege andererseits, eine Philosophie , die das Postulat der “Vernunft” und einer darauf basierenden Moral in den Mittelpunkt ihres Diskurses stellte. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts hatte sich die Naturwissenschaft mehr und mehr als eine eigene geistige Kraft etabliert und dabei der Vorstellung von einer Welterkenntnis ohne Gott den Weg geebnet. In Konkurrenz zur Theologie geriet die Aufklärung durch eine Philosophie, die ihre Existenzberechtigung neben den Naturwissenschaften darin suchte, als normative Kraft die Vernunft gegen Religion in Stellung zu bringen. Die Vernunft und der Gebrauch des “eigenen Verstandes” erschien als ein Mittel, um die “wahren” Sachverhalte gegen die vermeintlich reale Unvernunft, gegen Schein und Verblendung zu verteidigen. Letzteres verorteten die Aufklärer insbesondere auf Seiten des Christentums katholischer Provinienz. “Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts war eine geistige und gesellschaftliche Reformbewegung, die sich von der Klarheit des Denkens nicht nur geistige Fortschritte, sondern auch eine Verbesserung aller Verhältnisse versprach”, schreibt der Philosophieprofessor Werner Scheiders.
Aufklärung und Absolutismus
Am stärksten ausgeprägt war der Vernunftglaube und die von der Vernunft erhoffte Weltverbesserung im Bürgertum und im sich national formierenden Adel. Die Aufklärung war mithin eine Bewegung, die im Absolutismus, also in einem Zeitalter, das von Karl Marx als die Epoche der ursprünglichen Akkumulation bezeichnet wurde, ihren politischen Ausdruck fand.
In dieser historischen Epoche formierte sich der Staat zum Nationalstaat, als dessen Geburtshelfer sich die Rationalität der Aufklärung erwies. In ihr fand die rationale Berechnung und Verwaltung, die Quantifizierbarkeit der Handelsbilanzen, die Garantie des Privateigentums und die Vertragsfreiheit der bürgerlichen Subjekte sowie eine Vereinheitlichung der Rechtsnormen ihren Niederschlag.
Indem die Aufklärung an der Herstellung dieser Bedingungen auf einer ideologischen Ebene beteiligt war, verwandelte sie sich dem modernen Staat immer mehr an. Friedrich Hegel sah im preußischen Staat seinen durch die Geschichte waltend-wabernden Weltgeist zu sich selbst kommen, Voltaire war Höfling des Preußenkönigs Friedrich II.
Die Aufklärung wurde zur Ersatzreligion des aufstrebenden Kapitalismus und seiner Anomien. Karl Marx etwa formuliert in seinem Hauptwerk, Das Kapital: um dieselbe Zeit „(…) wo man in England aufhörte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen“.
Die missratenen Kinder der Aufklärung
So nahm mithin im Zeitalter der Aufklärung der “‘Fortschritt der wissenschaftsgestützten menschlichen Tat'” Anlauf auf die Guillotinen der französischen Revolution, die Gulags des Stalinismus, die Vernichtungslager von Auschwitz und Treblinka, die maoistische Kulturrevolution mit ihren Millionen Toten und deren Nachahmer des Pol Pot-Regimes in Kambodscha. Nicht, dass die Philosophie der Aufklärung selbst diese Greueltaten gefordert oder gutgeheißen hätte. Aber indem sie die “Rationalität” zum Leitprinzip menschlicher Tugend erklärte, trieb sie die Menschen immer stärker in eine Richtung, in der letztlich jene zu Opfern werden konnten, die der allgemeinen Entfaltung eines je spezifischen Konzepts dieser Rationalität im Wege standen: höfischer Feudaladel, Juden, Klassenfeinde, Intellektuelle. Die Monster der Moderne sind die missratenen Kinder der Aufklärung. Hat sich die Aufklärung also gegen ihre eigenen Ursprünge verselbstständigt?

Der Kopernikus der Philosophie
Die berühmteste Antwort auf die Frage, was denn Aufklärung sei, hat zweifellos Emmanuel Kant (2. 4 1724 – 12. 2. 1804) gegeben: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”
Wer könnte sich dieser Aufforderung heutzutage nicht anschließen. (Und im Prinzip sollte sich diese Definition so mancher heutige Aufklärungsapologet einmal gehörig hinter die Ohren schreiben.) Aber mit diesem Diktum sind wir mit Kant und der Aufklärung noch nicht durch. Denn mit dem Verstand hatte es bei dem alten Kant so seine Bewandtnis. Kant, so schreibt Dietrich Schwanitz in seinem Bildungswälzer, sei nämlich der Kopernikus der Philosophie: „Er drehte die Blickrichtung um, und siehe da, der Verstand hörte auf, sich um die Realität zu drehen, und die Erde der Erfahrungswelt drehte sich um die Sonne des Verstandes (430).”
Die Sonne des Verstandes! Kant verleiht dem menschlichen Verstand die Fähigkeit, sich die Dinge der Welt und ihre Eigenschaften überhaupt erst selbst zu erschaffen. Der Mensch, so Kants Auffassung, könne über die Dinge an sich überhaupt nichts sagen. Er könne lediglich die Bedingungen und Voraussetzungen der eigenen Perspektive einer tendenziell erkennenden Betrachtung unterziehen. Damit brach Kant in der Tat radikal mit den Voraussetzungen der Naturwissenschaften, die dem menschlichen Verstand schon seit der Scholastik die vernunftgestützte Fähigkeit zur Welt-(und Gottes-)erkenntnis attestierte. Die Naturwissenschaften hatten sich bereits zu Kants Zeiten gegenüber der Philosophie verselbstständigt. Wäre dem nicht so gewesen, so würden die Wissenschaftler vielleicht heute immer noch in den “Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis (Schwanitz) ” herumstochern. Kant können wir mit Fug und Recht als Vater der postmodernen konstruktivistischen Philosophie bezeichnen, die bis heute um sich selbst rotiert.
Die Naturwissenschaften – wie auch die scholastische Philosophie – haben hingegen immer dazu tendiert, sich dem Erkenntnisobjekt soweit wie möglich verstehend anzunähern.
Die Grundlagen der modernen Wissenschaften
Die Grundlagen der modernen Wissenschaften finden wir mithin weniger in der Aufklärung denn im Christentum begründet. Zu diesen Grundlagen gehört die Vorstellung von einem Gott, dessen Schöpfung rational nachvollziehbaren Gesetzen folgt. “Das empirisch experimentelle Arbeiten als Grundlage der modernen Wissenschaften entsteht zunächst in den Klöstern” (Ballestrem 99).
Die Wissenschaften entstiegen den Klöstern wie das Küken dem Ei. Der Vernunftdiskurs des Christentums zielte auf die Fähigkeit, sowohl die Welt in ihren Naturzusammenhängen als auch Gott als Schöpfer und Geist hinter und in all dem erkennen zu können. Naturerkenntnis und Gottesverständnis im Christentum schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich geradezu. Eine Sichtweise, die insbesondere in der modernen Physik heute mehr und mehr an Kontur gewinnt.
Aufklärung und Religionskritik
Es ist daher eine weit verbreitete und nichtsdestotrotz falsche Aufklärungsmär, dass der Fortschritt in Gesellschaft und Wissenschaft quasi erst durch die Aufklärung gegen das Christentum erkämpft werden musste. Dieser Mythos wird auch dadurch nicht richtiger, dass er ständig wiederholt wird.
Die Aufklärung als Bewegung und zeitgeschichtliches Phänomen hat sich schon früh in Abgrenzung zum Christentum definiert. Ihre Apologeten beklagen sich darüber, dass die Kirche sie nicht in ihr Herz geschlossen hat, sondern den Fehdehandschuh aufnahm und die Schriften der Aufklärer auf den Index setzte
Als Essenz der Aufklärung gilt heutzutage die Religionskritik. Auch vom Standpunkt der christlichen negativen Theologie aus betrachtet, ist gegen Religionskritik per se zunächst einmal gar nichts einzuwenden. Feuerbach, Kant oder auch Marx haben die Bilder dekonstruiert, die sich Menschen von Gott gemacht haben. Auch die negative Theologie konzidiert, dass menschliche Begriffe und Erklärungen über Gott notwendigerweise defizitär sein müssen, da jene transzendente Wirklichkeit, die wir Gott nennen, mit unseren Begriffen gar nicht zu erfassen ist. Wo die Wirklichkeit Gottes beginnt, hört menschliches Sprechen über Gott im Prinzip auf. Das betonen insbesondere jene immer wieder, die Gott vielleicht am nächsten kommen: die Mystiker .
Die Religionskritik der Aufklärung indes schafft mit der Dekonstruktion des Gottesbegriffs eine Leerstelle, die sie mit “Vernunft ” und “Rationalität” füllt. Sie spricht dort, wo das Sprechen aufhört. An den Rationalitätsbegriff der Aufklärung konnte deshalb der dialektische Materialismus als rationales Erklärungsmodell des Weltgeschehens ebenso anknüpfen wie der biologistisch begründete Rassismus und Antisemitismus der Nationalsozialisten, die sozialdarwinistische Wirtschaftstheorie des Thomas Robert Malthus oder der Ordoliberalismus eines Friedrich August von Hayek. Von Hayek, Marx, Lenin, Malthus oder Hitler, sie alle sind Kinder der Aufklärung.
Paul Thiry D’Holbach, einer Aufklärer des 18. Jahrhunderts, sah die “Summe der Leiden des Menschengeschlechts” durch die Religion nicht geringer werden, sondern durch alle Institutionen der Religion stets anwachsen. Der Irrtum der Religion sei die wahre Quelle des Leidens der Menschheit: “nicht die Natur machte sie unglücklich; nicht eine Erbsünde hat die Menschen schlecht und unglücklich gemacht: allein dem Irrtum verdanken wir die bedauerlichen Wirkungen (…)“.
Nun müssen wir diesem Aufklärer zugute halten, dass er die “Quellen des Leidens”, die uns die Aufklärung beschert hat, noch nichts wusste. D’Holbach starb im Jahr 1789, in jenem Jahr also, als die „Flamme der Vernunft” auf unter den Guillotinen der französischen Revolution erstmals so richtig zu lodern begann: Auschwitz, Gulag, Maos Kulturrevolution, Kambodscha, all diese Kapitel der Aufklärung waren zu seinen Lebzeiten noch nicht geschrieben.
Aufklärung – Götterdämmerung von Humanismus und Zivilisation?
Heute kennen wir sie. Und doch ist der Ruf der Aufklärung als „Götterdämmerung” von Humanismus und Zivilisation ungebrochen.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass die allgemein verbreitete Geschichte der Aufklärung im Wesentlichen der Blick der selbsternannten Aufklärer auf sich selbst ist. Die Protagonisten der Aufklärung sind in die bequeme Position geraten, sich die Geschichte ihrer eigenen Bewegung gleich selbst schreiben zu können. Ja, die Aufklärung selbst ist zu großen Teilen nichts anderes, als die Arbeit an diesem Aufklärungsmythos.
Den eigenen Blick auf sich selbst als allgemeines Geschichtsbild zu etablieren, dass haben alle Despoten immer wieder vergeblich versucht. Geschafft haben es nur die „Aufklärer”. Das ist vielleicht eine ihrer größten Leistungen.
Wurzel des Fortschritts – das Christentum
Der Fortschritt der Natur- und Geisteswissenschaften verdankte sich der scholastischen Philosophie und dem Forschergeist, der in den Klöstern seinen Ausgangspunkt nahm und einen ersten Höhepunkt zum Ausgang des Mittelalters in der Renaissance fand. Das war eine Zeit, in der sich auch die (römische) Kirche – mithin, in der Diktion der Aufklärung, das finstere Mittelalter – auf dem Höhepunkt ihrer Macht befand. Hochmut kommt vor dem Fall, könnte man sagen: was dann folgte, war die Reformation. Aber das ist eine andere Geschichte.
Mit Kirche und Christentum bekämpften die Aufklärer mithin die Bedingungen ihrer eigenen Existenz.
Das ist im Prinzip bis heute so geblieben. Was an der linken Aufklärungsapologetik ihrer heutigen Protagonisten manchmal befremdet, ist die Euphemismus, mit der antihumanistische Phänomen des Islamismus und Islams bagatellisiert werden, während man gleichzeitig an den eigenen zivilisatorischen Grundlagen, dem Christentum, kein gutes Haar lässt. Bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass auch dies keineswegs neu ist. Die heute so häufig zu hörende These vom toleranten Islam, der durch die christlichen Raubzüge christlicher Kreuzfahrerheere erst den “muselmännischen Fanatismus” heraufbeschworen habe, stammt von keinem geringeren als dem Spätaufklärer und Sozialisten August Bebel. Es ist ein Argumentationsmotiv, dass heute in kaum einer Islamdiskussion fehlen darf.
Die postmoderne Aufklärungsapologetik wird damit vollends zur Projektion einer Denkweise, die sich im Netz des Selbsthasses auf die eigene zivilisatorische Grundlagen verfangen hat.
Doch gerade jene Errungenschaften, die das postmoderne Subjekt vermeidlich affirmiert, wie Menschlichkeit, Demokratie, Selbstbestimmung, Religionsfreiheit und allgemeine Menschenwürde, werden untergehen, wenn es nicht gelingt, die intellektuellen Eliten der Gesellschaft mit ihren eigenen zivilisatorischen und sozialhistorischen Wurzeln auszusöhnen. Und diese Wurzeln liegen im Christentum.
Gelingen kann das nur mit einer gründlichen Dekonstruktion des Aufklärungsmythos.

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