Monatsarchiv für März 2014

Mrz 17 2014

Wohin jetzt mit dem Lutherkeks?

Autor: . Abgelegt unter Kirche und Alltag

lutherkeks
Etliche Alt-Katholiken haben es aufgrund der alt-katholischen Diaspora-Situation bekanntlich ziemlich weit zu ihrer Kirche. Ich selbst kann von Glück sagen, dass meine nur am anderen Ende der Stadt – und nicht wie bei vielen anderen gleich am anderen Ende des Bundeslandes liegt. Wenn mir aber manchmal selbst das zu weit ist, beispielsweise weil ich gerade wenig Zeit habe aber trotzdem einen Sonntagsgottesdienst besuchen möchte, dann gehe ich auch schon mal in die evangelische Kirche hier gleich bei uns um die Ecke.
So geschah es auch an jenem Herbstsonntag im Oktober 2013. Als ich die Kirche betrat, merkte ich indes gleich, das irgend etwas anders war als sonst. Vor dem Regal mit den Gesangbüchern war beispielsweise ein Tisch aufgebaut, der den Griff zu den Büchern per se verhinderte. Stattdessen bekam ich von einer freundlich lächelnden Gemeindehelfern hinter dem Tisch ein kleines Heftchen in die Hand gedrückt. Außerdem bat man mich, doch in den ersten Bankreihen Platz zu nehmen, damit alle näher zusammen seien. Ich tat wie mir geheißen und schaute auf das Heftchen: „Jugendgottesdienst“ stand da in fetten Lettern. Au weia. Mir schwante Schlimmes. Aber um unauffällig das Weite zu suchen, war es jetzt schon zu spät. Da musste ich also durch.
Pünktlich um zehn stand eine der nicht mehr ganz so jugendlichen Kirchenbesucherinnen auf und eilte zur Kanzel. „Hallo“, begrüßte sie die Anwesenden: „meine Name ist Soundso und ich heiße Sie im Namen des Kirchenvorstandes herzlich willkommen. Echt toll, dass Sie so zahlreich zu unserem Jugendgottesdienst erschienen sind. Ich will auch gleich an unsere Jugendlichen weitergeben, die diesen Gottesdienst heute vorbereitet haben.“ Von nun an steuerten also vier smarte Teennager das Geschehen.
Als Einstand gab es statt Kyrie und Gloria erst einmal zwei mit der Gitarre begleitete Songs der Marke 80er-Jahre Kirchenpop. Bei dieser Musikgattung würde ich zuhause konsequent das Radio abdrehen. Aber eine solche Option schied hier ja aus.
Die Lesung der Epistel wurde durch einen von den Jugendlichen vorbereiteten und mit Powerpoint animierten Lichtbildervortrag ersetzt. Und da sich dieser Sonntag in zeitlicher Nähe zum Reformationstag befand, handelte der Vortrag natürlich vom großen Kirchenreformator Martin Luther. Luther, so erfuhr man, habe zum Glück den ganzen katholischen Ballast über den Haufen geworfen und das Christentum wieder auf seine Wurzeln zurück geführt. Was sonst noch so darin vorkam, weiß ich nicht mehr. Vielleicht, weil ich mich zu sehr über diese meiner Meinung nach arg verkürzte Sichtweise ärgerte. Ich gebe zu, ich musste mich an dieser Stelle innerlich schon stark zu der gebotenen ökumenischen Toleranz zwingen. Eine meiner schlechten Eigenschaften ist es, mich schnell aufzuregen.
Für das Evangelium und die Predigt hatten sich die Jugendlichen etwas richtig Schönes zum Mitmachen ausgedacht. „Wir lesen das jetzt abschnittsweise vor, und dann wollen wir mal hören, was euch dabei so einfällt“, lautete die Ansage. Gesagt, getan. Es ging an jenem Tag um die Heilung des Aussätzigen durch Jesus Christus, ich glaube nach Lukas 5: „Und es begab sich, als er in einer Stadt war, siehe, da war ein Mann voller Aussatz.“ Hier unterbrach der junge Mann seinen Vortrag zum ersten Mal und schaute erwartungsvoll in die Reihen der Kirchenbesucher. „Was meint ihr denn, wie sich der Aussätzige da so gefühlt hat“, fragte er nach. Schweigen.
Hier in unserem Stadtteil gibt es eine kleine Wohneinrichtung für geistig behinderte Menschen, und einige von ihnen besuchen regelmäßig den evangelischen Sonntagsgottesdienst in dieser Kirche. Ihre einfache und unmittelbare Frömmigkeit finde ich immer wieder recht erfrischend. Nachdem auf die Frage des Jugendlichen hin einige Minuten Schweigen geherrscht hatte, rief eine der Behinderten fröhlich aus: „Guut!“. „Gut? Hmm.“ Das war wohl irgendwie die falsche Antwort, die Jugendlichen machten einen pikierten Eindruck und setzten ihren Vortrag in diesem Stil – also immer wieder mit Rückfragen garniert – fort.
Das Ganze zog sich quälend und zäh in die Länge. Die Behinderten wagten nichts mehr zu sagen. Indes kam langsam Unruhe in ihren Reihen auf. „Du bleibst jetzt hier“, herrschte einer seine Begleiterin an. „Lass mich in Ruhe“, schimpfte die zurück und machte Anstalten, sich Richtung Ausgang zu bewegen. Ein scharfes Gezischel von den Anwesenden um sie herum hielt sie jedoch davon ab. Die Jugendlichen machten einen noch pikierteren Eindruck.
Behinderte haben ein gutes Gespür für seltsame Situationen. Wie gern hätte auch ich sang und klanglos diesen Ort verlassen. Aber das war leider nicht möglich ohne Aufsehen zu erregen. Irgendwann war das Frage-Antwort-Spiel ja auch vorbei. Alle atmeten merklich auf.
Jetzt meldete sich zum ersten Mal die in der ersten Reihe sitzende Pastorin in ihrem schwarzen Talar zu Wort: „So, und nun wollen wir alle mal nach vorn kommen und einen Kreis um den Altar bilden“, gab sie bekannt. Ich wollte zwar eigentlich nicht, aber andererseits eben auch kein Aufsehen erregen. Also ging ich mit. Als sich alle versammelt hatten, gab die Pastorin den Zweck des Arrangements bekannt: „Wir verteilen hier nun einen Lutherkeks, den wir nach dem Gebet zum Zeichen der Verbundenheit alle gemeinsam essen wollen. Aber bitte alle zusammen“, ermahnte sie noch einmal eindringlich.
Die Kekse – Butterkeks mit dem Lutherwappen drauf – wurde verteilt, auch ich nahm notgedrungen einen entgegen. Aber ich konnte jetzt doch unmöglich hier mit den Anwesenden einen Lutherkeks essen. Man mag mir diesen unökumenischen Impuls verzeihen, aber ich fühlte mich in dieser Situation alles andere als verbunden. Dem, was sich in mir angesichts dieser meinem Empfinden nach unmöglichen Inszenierung einer vorgetäuschten Eucharistie abspielte, wird man vielleicht noch am ehesten mit der Begriff „Fremdschämen“ gerecht. Und überhaupt, diese katholikenfeindlichen Ausführungen vorneweg: nein, hier irgendetwas zum Zeichen der Verbundenheit zu tun, das ging rein gar nicht. Da hätte ich am nächsten Tag nicht in den Spiegel gucken können.
Die Behinderten in unserem Kreis schienen sich da weit weniger Gedanken zu machen. Sie mümmelten trotz der Ermahnung des Pastorin fröhlich ihre Kekse, noch bevor jene das Startsignal zum gemeinschaftlichen Verzehr gegeben hatte. Und ernteten dafür wieder pickierte Blicke, diesmal nicht nur von den Jugendlichen, sondern auch von der Pastorin.
Die haben irgendwie ein intuitives Gefühl dafür, ob etwas wirklich heilig ist oder ob nur so getan wird, ging mir durch den Kopf. Ich fand jedenfalls, die Behinderten machten hier von allen Anwesenden noch die beste Figur.
Im Gegensatz zu mir, denn mir bereitete die Frage, was tun mit dem Keks, nun wirklich ernsthaftes Kopfzerbrechen. Ich hielt das lutherische Gebäck in der rechten Hand, die ich auf das Zeichen zum Keksessen hin ein wenig Richtung Kopf bewegte und dann wieder sinken ließ. Dabei hielt ich den Keks so mit der Handfläche bedeckt, dass meine Verzehrverweigerung nicht groß auffallen konnte.
Bis hierhin war die Angelegenheit also einigermaßen gut gegangen. Dann allerdings brachte mich die Pastorin jäh noch tiefer in die Bredouille: „Jetzt fassen wir uns alle bei den Händen und sprechen zusammen das Vaterunser“, lautete ihre neuerliche Regieanweisung. Oh nein, bei den Händen fassen, wohin jetzt bloß mit dem Keks. Fieberhaft sann ich über einen Ausweg aus dieser völlig verfahrenen Situation nach. Dabei viel mein Blick auf das Lesepult beziehungsweise den Ambo (ich weiß nicht genau, ob diese Bezeichnung in evangelischen Kirchen noch üblich ist?), der sich ein Stück weit rechts hinter mir befand. Ich schaffte es tatsächlich noch vor dem allgemeinen Händefassen, den Keks dort einigermaßen unauffällig auf einer Ablage zu platzieren.
Jetzt sann ich allerdings darüber nach, wie ich weiter mit dem Keks verfahren sollte. Einfach liegen lassen? Das fand ich nicht so gut. In die Tasche stecken und mit nach Hause nehmen? Irgendwie entsorgen?
Ich war mir schon darüber klar, dass es sich hier einfach nur um einen Keks und um keine konsekrierte Hostie handelte. Dass hier etwas stattgefunden hatte, was nie und nimmer eine Eucharistiefeier sondern lediglich das Nachspielen einer solchen war– ich es hier also letztlich mit etwas Profanem tun hatte. Und trotzdem: Mein Ehrfurcht vor der Eucharistie war und ist so groß, dass ich nicht willentlich respektlos mit etwas umgehen kann, was auch nur im Entferntesten daran erinnert.
Nachdem das Gebet beendet war, schnappte ich mir also unauffällig den Lutherkeks und kehrte an meinen Platz zurück. Auf den Gedanken, den Keks jetzt noch, also in einem eher unverfänglichen Kontext, zu verzehren, kam ich komischerweise gar nicht. Ich legte das Liedheftchen auf die Ablage vor meiner Bank und platzierte den Keks deutlich sichtbar auf dem Heftchen. Nach dem Schlusssegen verließ ich eilends die Kirche. Draußen angekommen, atmete ich auf. Das war geschafft. Die Verantwortung für das weitere Schicksal meines Lutherkekses hatte ich jetzt also an die Urheber dieses Events zurück gegeben. Damit konnte ich einigermaßen leben.
Allerdings: in dieser Kirche war ich bisher noch nicht wieder.

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Mrz 05 2014

Fasten

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

“Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
17 Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht,
18 damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.”

Matthäus 6,17-18

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Mrz 01 2014

Liturgie, Ritus und die altkatholische Kirchlichkeit

Autor: . Abgelegt unter Wir Christen

Priester und Diakone am Altar

Liturgie verstehen

Seit dem Zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt wird in der Römischen Kirche das Latein als liturgische Sprache verwendet. Davor feierte man die Gottesdienste auf Griechisch, doch das beherrschten im Rom der Spätantike nur noch wenige. Die Verwendung des Lateinischen folgte zunächst rein pragmatischen Gründen, die Leute sollten verstehen, was gesungen und gebetet wurde.
Der Grundsatz, dass die Heilige Liturgie verständlich sein soll, gilt in den Ostkirchen seit jeher als Selbstverständlichkeit. Deshalb verwenden die orthodoxen Kirchen in Deutschland neben den Sprachen ihrer einstigen Herkunftsländer, Griechisch, Serbisch, Bulgarisch und so weiter, zunehmend auch Deutsch in den Gebeten und Gesängen der Heiligen Liturgie. Im Deutschen Orthodoxen Dreifaltigkeitskloster in Buchenhagen werden die liturgischen Texte des griechisch-byzantinischen Ritus systematisch in Deutsche übersetzt. Zu einer deutschen Orthodoxie gehört im Verständnis der Mönche ganz selbstverständlich auch die deutsche Sprache als Sprache der Liturgie. Alle Christen sollen am Gottesdienst und am Heiligen teilhaben können, und dazu müssen sie die Gesänge und Gebete verstehen.

Heilige Sprache?

In Westeuropa setzte sich das seit Beginn des Mittelalters vom gemeinen Volk kaum noch verständliche Latein als allgemeine Sakralsprache durch. Das Latein scheint als Kirchensprache lange Zeit als quasi heilige Sprache gegolten zu haben, und für manche ist das offensichtlich immer noch so. Dabei ist es doch das Heilige, das die Sprache heiligt, in der es verkündet und zelebriert wird – und nicht umgekehrt. Mancherorts wird das Latein meinem Eindruck nach überhöht, gerät das Verhältnis zwischen den Heiligen Mysterien und der Art und Weise ihrer Verehrung aus der Balance. Um nicht falsch verstanden zu werden: Jeder und jede, der oder die das Latein und den lateinischen Ritus liebt, soll ihn feiern dürfen. Aber es gibt – wie ich das derzeit sehe – überhaupt keinen Grund, etwa das Lateinische beispielsweise dem Deutschen in der Liturgie vorzuziehen.

Das Wie und Warum der Liturgie

Auf eine Nachfrage hin habe ich mir noch einmal Gedanken darüber gemacht, welche Bedeutung, welchen Sinn die Liturgie hat. Ich denke, zunächst geht in der Liturgie darum, Gott zu ehren.

  • Die Liturgie sollte dabei die in die Tradition der Kirche eingeflossene Erkenntnis und Erfahrung widerspiegeln,
  • das sich in den Mysterien ausdrückende Heilsgeschehen symbolhaft abbilden,
  • die wirkliche Einheit der Kirche und der Christen in und durch Jesus Christus immer wieder vergegenwärtigen und verwirklichen, insbesondere durch die Eucharistie,
  • der Gottsuche und Gottbegegnung eine sichere Form und einen meditativen Raum geben und
  • das Evangelium verkünden.

Was die Liturgie daher nicht sein kann, ist schnell gesagt: modern!

Liturgie auf Basis der Subjektivität?

Eine Liturgiereform, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil in Angriff nahm, war sicher notwendig und überfällig. Was dann bei dieser Reform heraus kam, ist wieder eine andere Sache. Meiner unbedeutenden Meinung nach hätte man dabei die Form des alten Ritus mit dem Canon Romanus im Zentrum wahren sollen. „Die liturgischen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils”, sagt Peter Gerloff, zum Katholizismus konvertierter ehemaliger evangelischer Pastor, „sind dem Bedürfnis nach ‚Erleben’ weit entgegen gekommen, und Zelebranten und Liturgiekreise bemühen sich mit unterschiedlichsten Mitteln um ‚eindrucksvolle Gottesdienste’.

Das ist unumgänglich. Aber es hat sich gezeigt, dass Liturgie auf der Basis der Subjektivität nicht funktionieren kann. Eine Weile macht sie (vielleicht) Eindruck und Spaß, danach nicht mehr.
Ist die Rückkehr zum vorkonziliaren Ritus ein Heilmittel? Auch sie kann im Horizont der heutigen Situation nur von subjektiver Erfahrung ausgehen und auf sie hinzielen: das Heilige, Objektive, dem Menschen Entzogene soll (wieder) erfahrbar werden. Aber indem auf Erfahrbarkeit reflektiert wird, ist der Blick gebrochen und zurückgelenkt auf das erlebende Ich.
Was war ‚früher’ anders? In den ersten Jahrhunderten lag die Wahrheitskraft des Christusglaubens in seiner unerhörten Neuheit, im Geist und Mut seiner Zeugen und in der konkreten Communio. Diese qualitative Differenz zu den überlebten Göttern gab der kirchlichen Liturgie ihre transzendente Dynamik. Vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der christliche Kultus Teil der scheinbar gottgegebenen Gesellschaftsordnung, die als objektiv und statisch wahrgenommen wurde. Aber seit der bürgerlichen Revolution und dem Durchbruch des Kapitalismus in allen Bereichen wird das Quantifizierbare – Geld und Lust – immer unverhüllter zum Maß und Motor aller Dinge.
Eine Rückkehr in die kirchliche Frühzeit oder zur europäischen Ständegesellschaft ist weder möglich noch wünschbar.“

Peter Gerloff – und das macht ihn mir allemal sympathisch, hat kein Patentrezept. Das nur auf sich selbst bezogene Ich ist letztlich eine Konsequenz des totalen Marktes, der die äußeren Lebensgrundlagen und den inneren Lebenswillen der Menschen zerstört, sagt er. „Vielleicht ist unsere Situation apokalyptisch. Dann wäre sie, offensichtlicher als früher, die Situation, in die die Liturgie der Kirche uns seit zwei Jahrtausenden stellt.“

Events für das selbstsüchtige Ich

Insofern wir mit allen möglichen Events versuchen, an das selbstbezügliche und -süchtige Ich der Menschen zu appellieren und sie damit zurück in die Kirchen zu bekommen, spiegeln wir nur die marktkapitalistische Deformation und machen uns zu einer ihrer Agenturen. Ginge es doch demgegenüber vielmehr darum, das Heilige durch sich selbst sprechen zu lassen, ja, im Ritus die Wahrheit atmen zu lassen um so ihrer teilhaftig werden zu können.

Reform um der Reform Willen?

In der alt-katholischen Kirche hatten wir schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen Ritus in deutscher Sprache, der sich auf die Traditionen der alten Kirche stützte und den Canon Romanus in seiner deutschen Fassung als eucharistisches Hochgebet verwendete. Eigentlich gab es für uns – wie ich meine – keinen wirklichen Grund, es sei denn den der Modernisierung um ihrer selbst willen, unseren Ritus dem reformierten Ritus der römisch-katholischen Kirche anzupassen. Hier hätten wir wirklich einmal etwas Alt-Katholisches bewahren können.
Heute wird die alte Liturgie in der alt-katholischen Kirche oft etwas abfällig als die Thürlings-Liturgie bezeichnet. In Urs Kürys Standardwerk über den Alt-Katholizismus heißt es dazu (Küry, Stuttgart 1978,74):

„1885 gab die Synode ihre Zustimmung zu einer deutschen Bearbeitung der Meßliturgie, die A. Thürlings, ein hervorragender Liturgiker und Hymnologe, in engem Anschluß an das Missale Romanum herausgab. Sein klassisch zu nennendes Werk, das sich an die besten liturgischen Traditionen der abendländischen Kirche hält und dem gregorianischen Gesang wieder den ihm gebührenden Platz einräumt, wurde später durch vereinfachendere Fassungen ersetzt.“

Vereinfachendere Fassungen! Mundgerechter. Konsumierbarer. Über Adolf Thürlings wird heute fast nur noch hinter vorgehaltener Hand geredet, dabei könnten die Altkatholiken stolz auf ihn sein. Ist er es doch, der mit zu den Ersten gehört, welche die traditionelle Liturgie in die deutsche Sprache übertragen haben. Ein Altkatholik im besten Sinne. Vielleicht begann ja wirklich im Jahr 1979 „der Niedergang alt-katholischer Kirchlichkeit“, wie die traditionsgebundenen Schweizer Altkatholiken auf ihrer Website schreiben, „als sich

„die Alt-Katholische Kirche in Deutschland für die Freiheit und gegen die Gebundenheit entschieden, indem sie den Kanon der Messe durch eine ‚Sammlung von Eucharistiegebeten’ ersetzte.
Dies war das Fanal zu einer umfassenden ‚Liturgiereform’, mit dem Ziel einer Angleichung an die neue Messordnung Papst Pauls VI., den dieser bereits zehn Jahre zuvor, am 1. Adventssonntag 1969, durch die Apostolische Konstitution „Missale Romanum“ in Kraft setzte.
Ohne die Marginalisierung des altehrwürdigen Canon Romanus wären die Neuerungen, die darauf folgten, nicht denkbar gewesen. Indem Hand angelegt wurde an den heiligsten Text der abendländischen Christenheit, sahen sich die gleichen Reformkreise ermächtigt, weitere tiefgreifende Eingriffe in das Wesen und die Verfassung der Kirche vorzunehmen mit der Folge, dass die Kirchlichkeit der Alt-Katholiken fraglich geworden ist.“

Ist die (katholische) Kirchlichkeit der Alt-Katholiken fraglich geworden? Ich hoffe nicht! Die Frage würde sich indes neu stellen, wenn irgendwann einmal eine Synode auf die Idee käme, dem Zeitgeist und den Modernitätsforderungen zu entsprechen und eine Bischöfin zu wählen. Für die größten und ältesten Kirchen in apostolischer Sukzession, die Ostkirchen und die römisch-katholische Kirche, hätten wir dann mit der Katholizität auch die Kirchlichkeit weitgehend eingebüßt.

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