Monatsarchiv für Juni 2013

Jun 09 2013

Der Heilige Ephräm. Ephräm der Syrer

Autor: . Abgelegt unter Heilige und Märtyrer

Ein Gottesgeschenk

Um eine Sprache zu lernen und sie flüssig sprechen zu können, bedarf es viel Fleiß und Ausdauer. Jene, denen das Sprachenlernen ohne große Mühe gelingt, sind reich beschenkt.
Der Heilige EphrämVom Heiligen Ephräm – auch Ephraem geschrieben – , geboren um das Jahr 306 in Nisibis (Nusaybin) in der heutigen Türkei, heißt es, er habe überhaupt nicht lernen müssen, um das Griechische zu beherrschen. Griechisch war lange Zeit Welt- und Bildungssprache Nummer eins, wurde als solche in den ersten Jahrhunderten nach Christus jedoch mehr und mehr vom Lateinischen verdrängt. Viele der christlichen Schriften lagen aber erst einmal in Griechisch vor. Kein Wunder also, dass ein bildungshungriger und frommer Mann wie Ephräm danach strebte, sich mit dem Griechischen vertraut zu machen. Der Heilige Ephräm entstammte einer christlichen Familie. Man sprach Syrisch, eine aramäische Sprache, in der sich noch heute viele der syrischen Christen verständigen. Der Legende nach soll er beim Heiligen Bischof Basilus dem Großen um Fürbitte nachgesucht haben: Bitte Gott darum, mir die Gabe zu schenken, Griechisch zu sprechen. „Basilius antwortete: ‚Du forderst nichts Leichtes’, bat aber in einem andächtigen Gebet Gott, den Wunsch des Ephräm zu erfüllen. Und ab sofort konnte Ephräm griechisch sprechen.“ (Die Heiligen, St. Benno)

Sankt Ephräm der Kirchenlehrer

Sankt Ephräm arbeitete als Lehrer an der Schule seiner Heimatstadt. Zusammen mit dem Bischof Jacob nahm er im Jahr 325 am Konzil von Nizäa teil. Als Nisibis im Jahr 363 von dem Perserkönig Schapur II erobert wurde, floh Sankt Ephräm nach Edessa in Mesopotamien. Dort lebte er fortan als Asket in einer Höhle, betätigte sich jedoch auch hier als Lehrer und Prediger. Er hat viele Texte verfasst, die Eingang in die syrische Liturgie fanden. In der Ostkirche zählt Sankt Ephräm seit langem zu den Kirchenlehrern und auch in der römisch-katholischen Kirche wurde ihm im Jahr 1920 dieser Titel verliehen. „Mit der Verleihung des Titels, der sich vom lateinischen doctor ecclesiae ableitet, erkennt die katholische Kirche den Beitrag einer Person zur Lehre und zum Verständnis des Glaubens an. Diese muss ein kanonisierter Heiliger oder eine Heilige sein und sich durch ihre Rechtgläubigkeit sowie durch ihre Gelehrsamkeit ausgezeichnet haben (Ökomenisches Heiligenlexikon).“

Die Christen in Syrien in Gefahr

Der heutige 09. Juni ist der Gedenktag des Heiligen Eprhäm. Wenn wir uns seiner erinnern, sollten wir auch an die heutigen aramäischen Christen in Syrien denken, die in einer äußerst bedrängten Lage sind. Wohl nicht zu unrecht fürchten sie, ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie die Christen im Irak, falls die Gegner der Assadregierung die Oberhand gewinnen und in Syrien ein islamistisch geprägtes Regime errichten.

Gebete für Syrien und die syrischen Christen

Die Organisation Open Doors, die sich für verfolgte Christen weltweit einsetzt, hat auf ihrer Website verschiedene Gebetsanliegen aufgezählt, die sie von den Kirchenleitungen unterschiedlicher christlicher Konfessionen in Syrien erhalten hat. Open Doors fordert uns auf: Beten Sie mit!
Gebetsanliegen für Syrien – hier weiterlesen!

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Jun 08 2013

Gebet für Israel: Es schreit das Blut an unsren Händen

Es schreit, es schreit ohn Enden das Blut an unsren Händen, die große Schuld an Israel. Sie ist nicht abgetragen, kein Mensch kann je aussagen, wie bergeshoch ist diese Last.
Jetzt lasset uns tief büßen, uns legen zu den Füßen derer, die wir zu Tod gequält. O daß wir gut nun machten, was Böses wir vollbrachten, und Liebes tun dem Volk des Herrn!
Jesus, das Lamm voll Wunden, blutend, daß wir gesunden, steh allezeit vor unsrer Seel. Ihn haben wir geschlagen. O höret Ihn doch klagen: Mich schluget ihr in Meinem Volk!

Aus dem Israelgebet der Evangelischen Marienschwesternschaft e.V.

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Jun 07 2013

Zur Vesper

Herrscher des Alls, menschenliebender König,
Abend und Morgen,
Tag und Nacht besingen wir dich,
loben wir dich, segnen dich und sagen dir Dank
um deiner großen Herrlichkeit willen.
Du bist unsere Hoffnung und zu dir
erheben wir unsere Augen.
Lass uns nicht zu Schanden werden,
sondern nimm unser Gebet
wie edlen Weihrauch an vor deinem Angesicht.
Neige unser Herz nicht
trügerischen Vorstellungen oder Gedanken zu.
Bewahre uns vor allen, die uns hetzen, drücken
verwirren und verfolgen.
Reiße vielmehr unsere Seelen
in dein göttliches Begehren,
auf dass wir samt deinen überkörperlichen Engeln
und all deinen Heiligen dir das ewige Lob darbringen.
Denn dir gebührt Anbetung, Ehre, Lob und Gesang,
dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste
wie im Anfang so auch jetzt und alle Zeit
und in Ewigkeit. Amen.
Aus der byzantinischen Vesper

Abendstimmung

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Jun 06 2013

In einer dunklen Nacht (En una noche oscura)

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=_0PjZ2zxRUI&w=420&h=315]

Alle Liebe geht aus von Gott und führt zu Gott hin. In der Liebeslyrik des Johannes vom Kreuz sucht die unsterblich verliebte Braut ihren Geliebten. Sie verzehrt sich in Sehnsucht, macht sich auf, um ihn zu finden, geht Wege, Umwege, Irrwege, um sich schließlich glücklich mit ihm zu vereinen. Für Johannes vom Kreuz sind dies auch die Wege, die der Gottsuchende gehen muss, um ganz zu Gott zu gelangen.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=L7cYbJkAkKM&w=560&h=315]

In einer dunklen Nacht,
entflammt von Liebessehnen
o seliges Geschick!
entfloh ich unbemerkt,
da nun mein Haus in Ruhe lag.

In Dunkelheit und ungefährdet,
auf geheimer Leiter, vermummt,
o seliges Geschick!
in Dunkelheit und im verborgnen,
da nun mein Haus in Ruhe lag.

In der seligen Nacht,
insgeheim, so daß mich keiner sah,
und ich selber nichts gewahrte,
ohne anderes Licht und Geleit
außer dem, das in meinem Herzen brannte.

Dieses führte mich
sicherer als das Mittagslicht
dorthin, wo meiner harrte ‘
der mir wohl Vertraute,
an den Ort, wo niemand sonst sich zeigte.

O Nacht, die mich lenkte!
Nacht, holder als das Frührot
O Nacht, die den Geliebten
mit der Geliebten vereinte,
die Geliebte in den Geliebten verwandelte.

An meiner blühenden Brust,
die für ihn sich ganz bewahrte,
dort schlief er ein,
und war zärtlich zu ihm, _
und die Zedern fächelten im Wind.

Der Windhauch von der Zinne
– als er nun sein Haar ausbreitete –
mit seiner leichten Hand
berührte er meinen Halls _
und machte alle meine Sinne schwinden.

So blieb ich und vergaß mich selbst,
neigte das Antlitz über den Geliebten.
Alles erlosch, ich gab mich auf,
Iieß meine Sorge fahren,
vergessen unter Lilien.

Juan de la Cruz

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Jun 05 2013

Wolfsrudel und Neoliberalismus

(Adam) Smith wäre es aber nie eingefallen, dem blinden Egoismus das Wort zu reden. Soll der Mensch auch kein Haustier sein, plädiert er doch nicht für die Gesellschaft als Wolfsrudel (…),

schreibt Morgenländer. Na ja!? Spätestens seit den Chicago Boys wissen wir, dass es in so manchem Wolfsrudel sozialer zugeht als in neoliberal orientierten Gesellschaften.

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Jun 05 2013

Ein schöner Satz

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

Geistesblitz im Geistbraus Blog:

Denn dieses Nicht-Stehenlassen der Wirklichkeit, ihre Reduktion auf bloße Muster, die einem bestimmten Zweck dienen, ist zentrales Kennzeichen totalitärer Ideologien.

Ein schöner Satz!

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Jun 04 2013

Unter Deutschen

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

“So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden.
[…]
Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin, waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag’ es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich erstiken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur seyn, mit Ernst, mit Liebe muß er das seyn, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Thun, und ist er in ein Fach gedrükt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Nothwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viel Stümperarbeit und so wenig Freies, Ächterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos seyn für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –
Die Tugenden der Alten sei’n nur glänzende Fehler, sagt’ einmal, ich weiß nicht mehr, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt’ ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie thaten, nichts gethan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Nothwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sclavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mislaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der todten Ordnung dieser Menschen.
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechneden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zwek, da sucht es seinen Nuzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesezt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strale berauscht, der Sclave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach’ und kümmert sich nicht viel ums Wetter!
Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Geseze sich nicht machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt?
[…]
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hauße, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlergestalt an seiner Thüre saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht?
Voll Lieb’ und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk’ heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu thun hat.
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schaal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Thun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb’ und Brüderschaft den Städten und den Häußern bringt.
Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt.
O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie die Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimath aller Menschen ist bei solchem Volk’ und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so belaidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Muth, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Seegen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.
Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! –
Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Nahmen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.
Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Belaidigungen, wollte nicht, daß meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute.
Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war die einzige Freude, die mir übrig war, er war ja meine lezte Liebe, wie konnt’ ich noch an andre Dinge denken und das Land verlassen, wo auch er war?”
Friedrich Hölderlin

Deutschland ist und war ein Land, in dem selbst die Dichter “ihr eigenes Volk” verspotten. Und es gibt wohl kein Land, in dem die eigenen Dichter und Intelektuellen derart verachtet werden wie in Deutschland. Um auf etwas Nationalidentitäres stolz sein zu können, muss der Deutsche sich erhöhen und andere herabsetzen. Um so zu tun, als könne er sich als Deutscher gut fühlen, muss er die Last der sechs Millionen Ermordeten vedrängen oder bagatellisieren: “Aber die Amerikaner haben doch auch ihre Indianer umgebracht”. Dabei muss er davon absehen, dass auch diese “Amerikaner” in nicht geringer Zahl sebst Deutsche waren.
Um eine positive Identität entwickeln zu können, muss der Deutsche durch Selbstzweifel gehen und Demut lernen. Erst dann werden sich gegebenenfalls Anknüpfungspunkte für positive Identitäten finden lassen. Und ihren Ausgangspunkt müssen sie vielleicht gerade in dieser Demut nehmen.

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Jun 03 2013

Über den Tellerrand

Das schätze ich, trotz aller teils fast unüberbrückbarer Meinungsverschiedenenheiten, an Konservativen wie dem “Morgenländer”: Das sie, anders als ein Großteil der Linken, dazu bereit sind, auch einmal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen.
Der Morgenländer über Netty Radvány alias Anna Seghers: Hier nachlesen.

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Jun 01 2013

Christentum und Emanzipation

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Säkularisierung – geschichtliche Entwicklung – Bürgertum

In der Bibelpassage Matthäus 22, Vers 15-22 des Neuen Testaments spricht Jesus Christus über das Verhältnis von weltlicher und transzendenter Herrschaft:

„15 Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in seinen Worten fangen könnten; 16 und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes. Die sprachen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. 17 Darum sage uns, was meinst du: Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt, oder nicht? 18 Als nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? 19 Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. 20 Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? 21 Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! 22 Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.“

Jesus verweist Göttliches und weltliche Regentschaft auf zwei verschiedene Ebenen, er unterscheidet weltliche und göttliche Ansprüche. Damit entwickelt er eine der wesentlichen christlich-diskursiven Grundlagen für die Nicht-Identität von Religion und Macht und damit letztendlich für die Säkularisierung weltlicher Machtausübung.
Ernst Bloch hat in seiner Schrift „Atheismus im Christentum“ unter anderem diesen Aspekt aufgegriffen und dargelegt, dass das Christentum zahlreiche gegen Herrschaft und Ausbeutung gerichtete plebiszitäre Botschaften enthält, die auch für eine an Befreiung im Hier und Jetzt interessierte Linke bedeutsam sind. Bloch hat recht: Die christliche Offenbarung ist voll von Antagonismen zwischen oben und unten, arm und reich, dem Reich Gottes und weltlicher Machtfülle. Obgleich die Geschichte des Christentums auch eine über tausendjährige Geschichte der Machtkirche und der Kirchenmacht ist, kamen Herrschaft und Verkündigung nie vollends zusammen, ging das eine nie ganz in dem anderen auf, ist die Geschichte des Christentums auch eine Geschichte der Nichtidentität zwischen Herrschaft und Religiosität. Durch die Geschichte des Christentums insgesamt zieht sich nicht erst seit der Reformation der Unterstrom eines revolutionären, herrschaftskritischen Diskurses, der wesentlich zur Dynamik der Entwicklung christlicher Gesellschaften beigetragen hat und so etwas wie – sagen wir – eine ideelle Produktivkraft des Fortschritts darstellt. In dieser Nichtidentität sind einige entscheidende Ursachen für die Entkoppelung von Religion und Machapparat enthalten, die sich einerseits in der Entfernung des Religiösen vom Weltlichen und andererseits in der religiös motivierten Herrschaftskritik ausdrücken. In den meisten anderen Religionen hat es so etwas nicht gegeben.
Insofern ist das Bürgertum und seine kapitalistische Gesellschaft das Ergebnis eines Säkularisierungsprozesses, der den christlichen Gesellschaften von Anbeginn eingeschrieben war und in Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkräfte schließlich in die Aufklärung und die bürgerliche Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen und Verwerfungen mündete.
Die Säkularisierung war jenes Phänomen, welches Produktivkraftentwicklung und protestantische Ethik zum amalgamieren brachte. Nicht der Zufluss von Ressourcen bedingte die Säkularisierung, vielmehr bedingte die Säkularisierung die produktive Verwertung der Ressourcen. Denn nur im Kontext des Prozesses der Säkularisierung, der Infragestellung der religiös legitimierten Macht und des religiösen und politischen Herrschaftsanspruchs der Machtkirche, (der Konstruktion eines vor Gott und in der Welt autonomen Individuums) mithin durch die Entstehung des bürgerlichen Subjekts und des Bürgertums als Schicht beziehungsweise Klasse, konnten die wissenschaftlich-technischen Entwicklungen und der Zufluss von Ressourcen zu jener wirtschaftlichen Kraft werden, die Kapital – also Wert in Geldform zwecks Neuschaffung von Wert in Geldform in immer größeren Mengen – produzierte und schließlich den Kapitalismus schuf. Als die Spanier begannen, das Gold der Inkas auszuplündern, war ein weit entwickeltes Bürgertum geschäftiger Kaufleute in den Städten der Hanse und insbesondere in den noch spanischen aber bereits protestantischen Niederlanden längst vorhanden, das diesen Zufluss an Warenäquivalenten begierig aufsog und in seinen Manufakturen zu jenem ursprünglichen Kapital akkumulierte, welches schließlich die Grundlage für die Entstehung und Ausbreitung des markwirtschaftlichen Kapitalismus bilden sollte. Die Säkularisierung war der christlichen Gesellschaft dabei bereits eingeschrieben, als jene Kräfte, die sie hervorgebracht hatte, daran gingen, die Zünfte zu zerstören, die Allmende als gemeinschaftliches Eigentum zu zerschlagen und das autonome bürgerliche Individuen zu formen.

Christentum und Emanzipation

Emanzipation ist christlich! Der gekreuzigten Christus hat sich durch seinen Tod und durch sein Sterben am Kreuz tiefer zu den Erniedrigten, Geknechteten, Verlassenen und Verachteten hinabgebeugt, als je ein Mensch sich vor einem anderen verbeugen kann. Das Kreuzesopfer Christi ist daher auch die größtmögliche solidarische Geste gegenüber den Opfern von Macht und Gewalt. Gerade deshalb wird in diesem Motiv auch nicht nur Opfer als solches verherrlicht. Durch die Hinwendung an die Opfer wird vielmehr auch die Macht und Gewalt denunziert, der diese Opfer immer wieder unterliegen, damit durch das eine Opfer Christi alle weiteren Opfer ein für allemal überflüssig werden, ein Prozess, der nur durch eine macht- und gewaltfreie Konstitution des menschlichen Zusammenlebens gelingen und vollendet werden kann. Das Bild des gekreuzigten Christus ist mithin auch radikalste Gewaltkritik! Das christliche Ostern repräsentiert daher auch die Einleitung eines Prozesses der radikalen Kritik, dessen Ziel und Fluchtpunkt es eben ist , “alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx). Genau aus diesem Grund ist dem Christentum ein antiideologisches Moment und der Machtkirche quasi ihr eigener Antagonismus von Anfang an eingeschrieben. Dieser Umstand hat seit 2000 Jahren für reichlich soziale Bewegung gesorgt! Machtkritik und Emanzipation haben grundsätzlich jüdisch-christliche Wurzeln. Das Christentum hat der jüdischen Ethik einen universellen Impetus gegeben und mit dem Gekreuzigten der eschatologischen Tendenz des Jüdischen eine konkrete und reale Utopie verliehen, eine Realutopie sagte man früher innerhalb der Linken. In der Adventszeit, der Zeit, in der die Ankunft von Christus erwartet wird, wird daran erinnert, was im Lukasevangelium, in den Magnificat genannten Versen, über das Erscheinen Christi gesagt wird: „Denn Großes hat an mir getan der Mächtige, / heilig ist Sein Name. / Und Sein Erbarmen waltet von Geschlecht zu Geschlecht / über allen, die ihn fürchten. / Er übt Macht mit Seinem Arm, / zerstreut, die stolzen Sinnes sind. / Mächtige stürzt er vom Thron, / und Niedrige erhöht Er. / Hungrige erfüllt er mit Gütern, / und Reiche läßt Er leer ausgehen.“ Macht- und Herrschaftskritik haben seither immer wieder an den Grundfesten von Klassengesellschaften gerüttelt.“ Das Magnificat ist gleichsam die Grundlegung von Emanzipation und Aufklärung!
Machtkritik und Emanzipation speisen sich heute nur noch mittelbar aus diesen Quellen und haben sich im Prozess der Aufklärung bekanntermaßen ihrerseits säkularisiert. Insofern sind Judentum und Christentum die einzigen Religionen, die durch die ihnen innewohnenden Säkularisierungstendenzen quasi ihre eigene Antithese hervorgebracht haben: die Religionskritik. Sie ist Fleisch vom Fleisch des Judentums und des Christentums und wird, wenn sie ihren pubertären Atheismus überwunden hat, konzedieren müssen, das Ideologiekritik an einer ins Machtverhältnis gewendeten Religion etwas ganz anderes ist als die Auseinandersetzung und Erfahrungssuche in Richtung auf jene universelle Intelligenz, die wir Gott nennen.

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