Monatsarchiv für April 2013

Apr 30 2013

Verrückter Kapitalismus: Marktrisiken der ehrlichen Makler

Autor: . Abgelegt unter Arbeit, Soziales & Kapital

„Das eigentliche Unternehmereinkommen aber ist eine Prämie für unversicherbare Marktrisiken “, meint der Morgenländer, und: „Der Unternehmer ist kein privater Konsument, sondern ein Makler von Gütern und Dienstleistungen”.
Genau, daher sind die Vorstände der gegen die Wand gefahrenen Banken auch mit Boni im Millionenhöhe bestraft worden. Die einzigen, die hier etwas riskiert haben, waren die kleinen Sparer.
Unter den kleinen und mittleren Selbstständigen mag es ja noch etliche Leute mit Berufsethos geben, denen es darum geht, ihre Kunden mit guten Waren, leckeren Brötchen zum Beispiel, und Dienstleistungen zu versorgen. Den Managern der Großkonzerne indes ist es völlig schnuppe, ob sie mit Autos, Hamburgern oder Bauklötzen makeln. Ihr primäres Interesse ist es, Kapital zu vermehren, also Geld einem Wirtschaftkreislauf zuzuführen, um es durch Warenproduktion oder Finanzspekulation zu mehr Geld zu machen. In der Tat: So verrückt ist der Kapitalismus.

Allerdings muss ich hinzufügen, und hier werden Morgenländer und ich wohl wieder halbswegs zusammen kommen: Auch wenn ich mir eine Alternative zum Kapitalismus wünsche, so fällt mir doch keine ein. Eine halbwegs funktionierende soziale Markwirtschaft scheint mir wirklich heute die einizige Alternative zu sein. Dissens gibt es sicher hinsichtlich der Art und Weise. Ich bin für ein Einhegen dieser Wirtschaftordung, das heißt auch, für einen Primat der Politik.

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Apr 29 2013

Wie tickt die Marktwirtschaft?

Autor: . Abgelegt unter Arbeit, Soziales & Kapital

Arbeitslosigkeit ist systemimmanent und die Unternehmen haben ein Interesse daran, dass möglichst immer ein gewisser Sockel an Unterbeschäftigung vorhanden ist, habe ich behauptet. Da taucht die berechtigte Frage auf: „Wie stellt man dieses gewisse Maß an Unterbeschäftigung sicher, als interessierter Unternehmer?“ Zunächst: Dieses Interesse ist auch auf Unternehmerseite oftmals widersprüchlich. Als Mensch kann sich der Wirtschaftsvertreter, ob Topmanager oder Firmenbesitzer, durchaus wünschen, das jeder arbeitsfähige Mensch auch eine auskömmliche Arbeit hat. Als Firmen- oder Konzernsleiter muss er jedoch dafür sorgen, das sein Unternehmen möglichst billig produziert und im Bedarfsfall ein Pool an möglichst billigen und verfügbaren Arbeitskräften vorhanden ist. Es geht hier also nicht um eine moralische Frage, nach dem Motto, böser Unternehmer hier, ausgebeuteter Lohnempfänger da. Wirtschaftliches Handeln ist größtenteils in der Wirtschaftstruktur selbst angelegt, die den Teilnehmern des Wirtschaftprozesses quasi automatisch bestimmte Rollen zuweist, man kann auch sagen, ihnen ihre innere Logik aufzwingt.
Jenseits dieses ökonomischen Automatismus nehmen die Unternehmerverbände mit ihren Wirtschaftinstituten und ihrer Lobbyarbeit natürlich auch zielgerichtet Einfluss auf die Politik. Aber es gibt immer auch Interessengruppen und Interessenverbände, die dagegen steuern. Die Gewerkschaften zum Beispiel, und natürlich teilweise auch die öffentliche Hand, der daran gelegen ist, die Sozialeinkommen, also auch die Ausgaben für Erwerbslose, möglichst gering halten. Allerdings ist der Wirtschaft mit der Agenda 2010 ein wirklich großer Coup gelungen, um die Kosten für den Faktor Arbeit erheblich zu reduzieren und gleichzeitig eine Manövriermasse billiger Arbeitskräfte zu schaffen. Zu Einsparungen von Staatsausgaben hat das übrigens kaum geführt, diese werden jetzt nur etwas anders verteilt.
Wie auch immer: Solange ein Wirtschaftszweig nicht völlig monopolisiert ist, haben die Unternehmen auch gegensätzliche Interessen: insbesondere hat das Einzelunternehmen ein Interesse daran, sich gegenüber dem Konkurrenten auf dem Markt zu behaupten. Die Übernahmeschlachten unter den Großunternehmen sprechen Bände. Vieles geschieht auch hier nicht geplant, sondern weil die Logik des Wirtschaftsystem es so erfordert. So ist es auch mit der Unterbeschäftigung. Um sich auf dem Markt behaupten zu können, muss der Unternehmer möglichst billig produzieren. An Technologie kann er, will er wettbewerbsfähig bleiben, kaum sparen. Also spart er an Arbeitskräften, insbesondere durch die Steigerung der Produktivität. Daraus resultiert die Freisetzung von menschlicher Arbeit und so wird in der Regel immer ein Sockel an Unterbeschäftigung vorhanden sein. Die so genannte „industrielle Reservearmee“ – um diesen etwas ideologisch aufgeladenen Begriff zu gebrauchen – wird heute gebildet aus Zeitarbeitern, Billiglöhnern, Menschen in den Bildungsmaßnahmen der Arbeitsagenturen und eben aus den Arbeitslosen. Da kommen auch derzeit noch gut fünf Millionen Menschen zusammen, die mehr oder weniger am Rand der Gesellschaft leben und quasi eine wirtschaftliche Manövriermasse bilden.
Nun noch einmal zu Morgenländers Replik auf meine Replik. Teilweise gebe ich Morgerländer recht: diese Zusammenbruchsprognosen, wie sie Marx teilweise praktizierte, haben zu nichts geführt und führen auch heute zu nichts. Marx hatte beispielsweise nicht mit der Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus und nicht mit Henry Ford gerechnet. Nach etlichen Krisen der Markwirtschaft und zum Teil auch krisenbedingten Kriegen hat der Unternehmer Henry Ford Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt, dass der Arbeiter nicht nur Arbeiter, sondern auch Konsument ist, und man ihn ergo mit der nötigen Kaufkraft ausstatten muss, um die eigenen Produkte an den Mann beziehungsweise die Frau bringen zu können. Um so den Wirtschaftkreislauf mit dem nötigen Treibstoff zu befeuern, der ihn am Zirkulieren hält. Das verstand sich bisher nämlich keinesfalls von selbst, wie Morgenläner in seinem Beitrag impliziert. Fords Innovation war ein revolutionärer Schritt, der letztlich auch zur Steigerung des allgemeinen Wohlstands beigetragen und der freien Markwirtschaft ein langfristiges Überleben gesichert hat. Die Steigerung der Produktivität und die Herstellung von Kaufkraft bedingen sich seither in einem gewissen Maße, da hat Morgenländer recht. Aber eben nur in einem gewissen Maße: „Unternehmen steigern ihre Produktivität“, sagt Morgenländer, „um Marktvorteile zu erlangen. Das können sie aber nur, wenn sie ihre niedrigeren Kosten an die Kunden weitergeben, also ihre Verkaufspreise senken. Sinken aber die Preise, steigt die Nachfrage. Güter, die zuvor nur für wenige erschwinglich waren, werden nun zur Massenware“. Das funktioniert allerdings nicht so reibungslos, wie es im volkswirtschaftlichen Modell zu sein scheint. Denn einerseits möchte der Unternehmer seine Waren verkaufen, andererseits aber eben auch möglichst billig produzieren, also den Preis für die Arbeitkraft senken. Hier beißt sich aber die Katze in den Schwanz: denn wenn der Unternehmer den Preis für die Arbeitskraft senkt, reduziert er gleichzeitig die Kaufkraft und wird seine Waren nicht mehr los. Das ist einer der Gründe, warum die Markwirtschaft immer wieder in die Krise gerät. Gäbe es keine Gegenkräfte und regulierenden Eingriffe außerhalb des freien Marktes, so hätte sich die Markwirtschaft schnell selbst in Grund und Boden ruiniert. Das übersehen die Vertreter des Wirtschaftsliberalismus leider sehr gern. Solange es was zu verdienen gibt, soll der Markt bitteschön ohne Staatsinterventionismus sich selbst überlassen bleiben. Hat sich der freie Markt dann einmal wieder in die Krise manövriert, muss es Vater Staat mit Subventionen, Steuerbefreiung; Gesetzen zur Verbilligung der Arbeitskraft – Hartz IV lässt grüßen – und anderen Maßnahmen richten.
Das Problem der wirtschaftsliberalen Volkswirtschaftlehre ist es, dass sie nur in Modellen zu denken vermag und die Parameter, die nicht in diese Modelle passen, einfach ausblendet. Alle derzeitigen Krisenphänomene, von den immer wiederkehrenden Absatzkrisen bis hin zur Krise des Geldes und der Staatsfinanzierung, geben der kritischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaft, die sich teilweise auch auf die politische Ökonomie von Marx’ bezieht, recht. In den Modellen des Marktliberalismus läuft allerdings immer alles wie geschmiert. Nur die Realität will sich dem leider nicht fügen. Also nehmen wir sie lieber nicht zur Kenntnis.
Der durch die Produktivitätssteigerung hergestellte Profit bedarf der Massenkaufkraft, um sich quasi wieder realisieren, also für die Güterproduktion, und damit zur Schaffung weiterer Werte, verwendet werden zu können. Das allerdings ist dem Einzelunternehmer nicht immer so klar, wie es im Modell erscheint. Und das Modell funktioniert schon deshalb nicht mehr, weil sich durch den Grad der Produktivität gar nicht mehr genügend Kaufkraft realisieren lässt, damit sich das vorhandene Kapital durch die Produktion von Massenwaren immer wieder die notwendige Frischzellenkur verpassen kann, die es zur Expansion braucht. Anders gesagt: Es kann weit mehr produziert als abgesetzt werden. Und indem die Reallöhne gesenkt und die Arbeitskraft immer stärker prekarisiert wird, verschärft sich dieses Problem nur. Das Interesse des Unternehmens ist es eben nicht, Massenkaufkraft herzustellen, sondern billig zu produzieren und teuer zu verkaufen. Das wiederspricht nicht der Tatsache, das Waren auch verbilligt werden, um neue Märkte zu erschließen oder alte nicht zu verlieren. Die Verteuerung lässt sich auch anders machen. Zum Beispiel, in dem man den schnelleren Verschleiß quasi schon in das Produkt einbaut. Insgesamt kommt das ganze Modell aber an seine Grenzen und sucht sich neue Wege. Diese finden sich etwa in den Kapitalmärkten. Die Marktwirtschaft ist an einen Punkt gelangt, wo sie im Prinzip absurd wird. Es zirkuliert mehr Kapital denn je um die Welt, und trotzdem steigt die Krisenanfälligkeit dieses Systems und die Menschen werden tendenziell und relativ zum gesellschaftlichen Gesamtvermögen immer ärmer. Es öffnet sich die Einkommensschere, heißt das offiziell. Das sind die Risiken und Nebenwirkungen eines Systems, das sich immer mehr selbst ad absurdum führt.

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Apr 26 2013

Haarige Thesen zu haarigen Fragen!

Mein Lieblingsrechtsliberaler unter den Bloggern, der Morgenländer, hat sich einmal wieder für die freie Markwirtschaft stark gemacht. Diesmal, um sie vor den Angriffen der Sozialisten aller Parteien und den von ihnen verfochtenen Mindestlöhnen in Schutz zu nehmen. Im Speziellen geht es um das Friseursgewerbe. Wenn jetzt ab August 2015 mindesten 8,50 Euro gezahlt werden, sieht Morgenländer zahlreiche Pleiten voraus, die Niedrigpreiskonkurrenz „werde dann ihre Dienstleistungen im unversteuerten Heimbetrieb – vulgo: Schwarzarbeit“, anbieten müssen. Und „Kunden, die die höheren Preise nicht zahlen können oder wollen, werden entweder darauf verzichten, diese Dienstleistung nachzufragen, oder sie werden die nette arbeitslose Friseurin aus der Nachbarschaft bemühen“.
Nun ja!? Man muss eigentlich nicht so viele Haare auf dem Kopf haben, um zu erkennen, dass von 3,14 Euro die Stunde – soviel wird zumindest im Osten im Friseursgewerbe als Einstiegslohn vielerorts gezahlt – kein auskömmlicher Lebensunterhalt zu bestreiten ist. So einen Job kann man sich nur leisten,

  • wenn man entweder einen Ehemann respektive eine Ehefrau hat, die einigermaßen gut verdient,
  • sein Gehalt zusätzlich mit Sozialleistungen aufstockt,
  • oder man sich eben noch etwas dazu verdient.

Die nette Friseurin aus der Nachbarschaft mit 3,14 Euro Stundenlohn wird also ohnehin schon aufstocken müssen, und das sehr wahrscheinlich mit ein paar Euro schwarz auf die Kralle. So funktioniert Marktwirtschaft.
Armut schafft Schwarzmärkte. Und, um bei der Ökonomie im Allgemeinen zu bleiben: „Ein Unternehmer wird die Löhne zahlen, die zu zahlen gerade noch profitabel ist.
Zahlt er weniger, muss er fürchten, dass seine Beschäftigten zu anderen Firmen abwandern; zahlt er mehr, muss er entweder seine Preise erhöhen – wenn er dies am Markt durchsetzen kann – oder mit Verlust arbeiten
“.
Da ist was Wahres dran. Voraussetzung ist natürlich, dass ein Mangel an Arbeitskräften besteht und der Beschäftigte überhaupt zu einem Konkurrenten abwandern kann. Das ist in der Regel aber nicht der Fall. Damit das so bleibt, haben Unternehmen ein Interesse daran, dass immer ein gewisses Maß an Unterbeschäftigung herrscht. Arbeitslosigkeit ist systemimmanent. Richtig, das haben wir doch immer schon gesagt. Marx bezeichnete die Gruppe der Arbeitslosen als „industrielle Reservearmee“. Eine Jongliermasse der Unternehmen, vulgo Kapitalisten, um die Gehälter möglichst gering zu halten und Produktionsschwankungen schnell und billig mit dienstbaren Lohnabhängigen auszugleichen. Um sich im Spiel der Kräfte mit hohen Profiten auf den Märkten halten und behaupten zu können. So funktioniert Kapitalismus. Lieber Morgenländer: Nicht immer nur Adam Smith und Johann Heinrich Thünen, sondern ruhig auch mal Karl Marx lesen.

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Apr 26 2013

Emir Kusturica. Der Jugoslawe

Emir Nemanja Kusturica, Filmregisseur und Musiker, ist ein Jugoslawe. Durch und durch. Und in allen seiner Filmen hat er dem Land Jugoslawien, diesem Kultur-Amalgan aus serbisch-orthodoxen, katholischen, muslimischen und ziganistischen Einflüssen (nicht zu vergessen die Einflüsse des sephardischen Judentums und des Staatssozialismus titoistischer Prägung), ein meisterhaftes filmisches Denkmal gesetzt. Kusturizas Jugoslawien war ein Land voll strotzender Lebensfreude und abgrundtiefer Melancholie, bevölkert von Menschen, die zu heftigem Jähzorn und kaum zu zügelnder Wut ebenso fähig waren wie zu großer Solidarität, Großmut, tiefer Freundschaft und Liebe. Jugoslawien war das Land, in dem sich Orient und Okzident mit all ihren kulturellen Eigenheiten und Mentalitäten, Gutem wie Schlechtem, auf eine ganz eigene Art und Weise vermischten und etwas Hybrides ausbildeten, das sowohl verschmelzen und gleichzeitig doch auch wieder auseinanderfallen konnte, und dessen Menschen vielleicht schon immer etwas mehr zu emotionalen Ausbrüchen neigten, als die Menschen anderswo.

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Dieses Land gibt es nicht mehr, nur in Kusturicas Filmen, seiner Musik und in anderen kulturellen Zeugnissen lebt es weiter. Es wird wahrscheinlich von weitaus mehreren seiner ehemaligen Bewohner, die sich jetzt Kroaten, Mazedonier, Serben oder sonst wie nennen, betrauert, als man sich hierzulande vorstellen kann. Kusturizas Filme jedenfalls sind zugleich auch immer ein Ausdruck dieser Trauer und der Versuch, sie irgendwie zu bewältigen. Hier, im westlichen Teil Europas und insbesondere in Deutschland, wo insbesondere seit Anfang der 1990er-Jahren viel von multiethnischem Zusammenleben, Toleranz und den Rechten von Minderheiten schwadroniert und der moralische Finger hochgereckt wird, kann man sich von diesem verloren gegangenen kulturellen Amalgam Jugoslawien keinen Begriff machen. Wahrscheinlich konnte man das hierzulande nie.
Emir Kusturica

Das Jugoslawien von einst kann in diesem, aus einner kulturnationalistischen Idee geborenen und wiedervereinigten Deutschland, wohl schon im Denken gar nicht vorkommen, und so darf es auch keine Jugoslawen geben. Um sich in die Lage zu versetzen, Kusturica begrifflich irgendwie zu erfassen, muss man aus ihm einen „serbischen Nationalisten“ machen.
Kusturica baut sich sein Jugoslawien inzwischen wieder auf: im serbischen Bezirk Mokra Gora ist in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden der Museumsort „Küstendorf“ entstanden, der auch als Kulisse für Kusturicas Film „Das Leben ist ein Wunder“ diente. Dort lebt er jetzt zeitweise. Und in der Nähe von Višegrad, der Stadt an der Drina, die insbesondere durch den Roman „Die Brücke über die Drina“ des jugoslawischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Ivo Andrić bekannt geworden ist, entsteht unter Kusturicas Regie die Kunststadt Andrićgrad. Namensgeber ist natürlich der jugoslawische Schriftsteller Andrić, die Stadt soll zukünftig wieder als Kulisse für einen neuen Film dienen.
Im Jahr 2005 wurde Emir Kusturica in der orthodoxen Kirche Serbiens getauft.


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Apr 25 2013

Emir Kusturica & The No Smoking Orchestra Live In Buenos Aires 2005

Autor: . Abgelegt unter Klang und Alltag

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Apr 23 2013

Der Milchbubi und die Pseudo-Religion

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

„Der tut nichts, der will nur spielen.“ Das in etwa ist derzeit sinngemäß der allgemeine mediale Tenor, wenn es um die Kriegsdrohungen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un geht. Spielen bedeutet: die Verhandlungsposition für zukünftige Gespräche über das Atomprogramm zu verbessern, als Verhandlungspartner von den USA auf Augenhöhe ernst genommen zu werden und die Erfolgsaussichten für die eigenen politischen Forderungen zu erhöhen. Diese Ziele jedenfalls sind nach unseren Maßstäben logisch und politisch sinnvoll, und vergleichbare Motive beeinflussen gemeinhin das politische Taktieren und Handeln in der Diplomatie. Schließlich habe Nordkorea die internationale Staatengemeinschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit Drohungen und kriegerischem Verhalten dazu gebracht, das Land mit Hilfen in Milliardenhöhe zu unterstützen, schreibt beispielsweise der Nachrichtensender N24 in seiner Online-Ausgabe.
Also alles nur Säbelrasseln? Kann sein. Kann aber auch nicht sein. Dieser Kim Jong-un hat die pseudokommunistische Ideologie Nordkoreas quasi mit der Muttermilch eingetrichtert bekommen. Und als Spross der Kim-un’s und Nordkoreas Kronprinz hat er von Kindesbeinen an eine privilegierte Rolle in diesem seltsamen System eingenommen. Das wird ihn mit einem soliden Überlegenheitsgefühl ausgestattet haben, Omnipotenzphantasien inklusive.
Überhaupt sehen wir in Nordkorea bis zur Kenntlichkeit entstellt, was so gut wie allen der sogenannten realen Sozialismen anhaftete: eine säkularisierte Religion, in der sich die dominante Kaste quasi selbst zu einem höchsten Wesen stilisiert, die politischen Führer sich in den Rang anbetungswürdiger Götzen erheben und die Partei zu einem pseudoreligiös-transzendenten System mit eigenem Ritus und eigenen Ritualen wird. Man will dem Volk die Religion austreiben, indem man selbst die entstehend Leerstelle füllt. Funktioniert hat das nirgendwo, sondern in der Regel nur den Erosionsprozess solcherart Regimes beschleunigt. Denkmal, Führerkult, Nordkorea
Wahrscheinlich sind das nicht nur kleine Schönheitsfehler eines seiner Ursprungsidee entfremdeten Sozialismus, sondern diesem quasi von Anfang an zu eigen, jedenfalls, insofern er angetreten ist, die Religion überflüssig zu machen.
Es war immer schon ein Trugschluss zu glauben, Religion ließe sich abschaffen, wenn die Gesellschaft nur erst einmal gewisse soziale Standards erreicht habe. Die Frage nach den letzten Dingen, nach dem Sinn, nach dem Universellen, nach dem Leben und dem Tod, nach Gott, wird die Menschen immer umtreiben. Sie lässt sich nicht aus der Welt schaffen, sondern höchstens eine Weile mit Ideologie substituieren. Bisher sind noch alle Systeme, die behaupteten, irgendwann bedürfe es der Religion nicht mehr, gewissermaßen selbst überflüssig geworden. Allerdings: Die Frage nach einer besseren Form des Zusammenlebens, nach mehr Verteilungsgerechtigkeit, nach der Befreiung von sozialem Elend und Repression, war und ist keineswegs überflüssig. Die Fragen und Themen, die von den Sozialisten aufgeworfen wurden, sind brandaktuell. Versagt haben die Antworten.
Ach ja, wie kam ich jetzt darauf? Nordkorea. Als Milchbubi hat neulich jemand den neuen Machthaber bezeichnet. Das hat was. Aber mit dem Feuer spielende Milchbubis können ganz schön gefährlich werden.

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Apr 09 2013

Politik des Postfordismus

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Zurückdrängung des Einflusses der Gewerkschaften, Flexibilisierung der Produktion. Senkung der Reallöhne der abhängig Beschäftigten. Ab- beziehungsweise Rückbau der sozialen Sicherungssysteme. Zunahme der Einkommensspreizung, Privatisierung von Staatsunternehmen und Einrichtungen der gesellschaftlichen Infrastruktur wie Post, Bahn, Telekommunikation und Energieversorgung. Deregulierung des Finanzsektors und Öffnung des Marktes für Kapitalgeschäfte und Finanztransaktionen. Verarmung des unteren Drittels der Bevölkerung, zunächst insbesondere in Großbritannien, aber auch in anderen Ländern Westeuropas, Flexibilisierung der Arbeitswelt. Zunahme ungesicherter Arbeitsverhältnisse gegenüber den tariflich abgesicherten sogenannten Normalarbeitsverhältnissen, Zeitarbeit, prekäre freiberufliche Tätigkeiten. Vor diesem Hintergrund eine zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft. Verdichtung der Arbeitsprozesse, Erhöhung der Leistungsanforderungen an die Beschäftigten hier, Zunahme der offenen oder verdeckten Arbeitslosigkeit dort. Zunahme von psychischen Erkrankungen, Stress- und Burnout-Syndrom, Depressionen. Ökonomisierung des Gesundheitswesens, Verschlechterung der Gesundheitsversorgung für die Normalbevölkerung. Und so weiter!
Alles in allem: Ein superber Job. Das sollte man allerdings nicht einer Person anlasten. Es ist vielmehr Teil einer Struktur, deren Logik sich immer größere Teile der Gesellschaft, der Staaten, des Weltsystems unterwirft, vielleicht unterwerfen muss, um überhaupt weiter funktionieren zu können. Es ist eine fatale Logik und sie beinhaltet: Umwandlung von Ressourcen, stofflichem natürlichen Reichtum, menschlicher Kreativität und menschlicher Arbeit in ein Abstraktum, in Geld, und Umwandlung von Geld in Kapital, also in den sich selbst verwertenden abstrakten Wert. Daran geht so pö a pö die Welt kaputt. Wir allerdings vertrauen darauf, dass sich etwas verändern wird.

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Apr 03 2013

Individualität und die Sehnsucht nach dem ganz Anderen

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Transzendenz und Alltag

Baum
Am Rand des Weges neigt sich eine krumm gewachsene Kiefer windschief über ein frühjahrgrünes Kornfeld. Es sieht aus, als strecke sie ihre Baumkrone dem Wald jenseits des Feldes entgegen, als wolle sie zu ihm hinüber wachsen, sich mit ihm vereinen.
Mich erinnert das Bild an das Dilemma unserer Individualität, unserer Persönlichkeit, die nur um den Preis des Getrenntseins zu haben ist? Einerseits wollen wir unsere individuelle Autonomie bewahren und akzentuieren. Wir konstruieren uns einen sozialen Kosmos, in dem wir im Mittelpunkt stehen. Wir streben nach sozialer Anerkennung, nach Einfluss, manchmal nach Macht. Dabei geht es insbesondere um die Verfügungsgewalt über materielle, soziale und emotionale Ressourcen, um Geld, das heißt um dinglichen Reichtum, um Anerkennung, aber auch um Liebe. Andererseits aber streben wir immanent einer Auflösung dessen zu, was uns von dem und den Anderen trennt: von unseren Mitmenschen, von der Natur, von dem großen Ganzen an sich.
Unser Leben resultiert nicht zuletzt aus der Dynamik, die sich in der Bewegung zwischen diesen beiden Polen entfaltet. Wenn es uns nicht gelingt, hier eine Balance zu finden, kann schnell ein Leiden an uns selbst entstehen. Dies ist wohl der Hintergrund vielfältigster psychischer Probleme, als da sind: Sucht, das sich selbst fremd werden, auch als Depersonalisierung bezeichnet, aber auch Kriminalität, der Verlust eines ethischen Wertesystems und andere Störungen der Persönlichkeit. Die Sehnsucht nach dem Einswerden mit dem Ganzen, mit dem ganz Anderen, ist letztlich immer die Sehnsucht nach Gott. In einer verdinglichten Welt aber ist diese Sehnsucht immer schwerer erkennbar und vielen fällt es schwer, sie überhaupt für sich zuzulassen. Denn das bedeutet loszulassen, wo wir doch alltäglich dazu aufgefordert werden, festzuhalten: Dinge, Einfluss, Deutungssysteme. Da, wo suggeriert wird, alles sei quantifizierbar, beherrsch- und erklärbar, da ist die Verdinglichung zum beherrschenden Lebensprinzip geworden. Demgegenüber müssen wir der Sehnsucht nach dem ganz Anderen, der Sehnsucht nach Gott, Raum geben. So wir diese Räume einfordern, für andere und für uns selbst, so wenden wir uns auch gegen die Verdinglichung. Vielleicht kann Kapitalismuskritik und Gottsuche auf diese Weise (wieder) zusammen kommen.

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