Monatsarchiv für Januar 2013

Jan 15 2013

Der 15. Januar

Ich gerate mit den Texten für Zeitschrift A in Verzug. Überhaupt. Das scheint mir heute mal wieder so ein von vorn herein vermasselter Tag zu sein, Null-Bock-Stimmung quasi, etwas elaborierter ausgedrückt, starke Antriebschwäche. Das ist ein Gefühl von müden Gliedern und einem in den Schraubstock geklemmten Thorax. Dabei weiß ich nicht einmal, weshalb. Eigentlich müsste ich heute Abend in der CSB wegen einer geplanten Fortbildungsveranstaltung anfragen, doch das scheint mir schon wieder zuviel des Guten an Initiative abzuverlangen. Solche Dinge sind mir oft, zu oft, ein großes Angehen, für andere wohl eher eine Lappalie.

Liebknecht und Luxemburg

Und sonst so? Heute vor 94 Jahren wurden die Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Freikorps-Soldaten in Berlin ermordet.

„Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gehörten am 30. Dezember 1918 in Berlin zu den Gründern der Kommunistischen Partei. Liebknecht und Luxemburg Nur zwei Wochen später wurden die beiden von Freikorps-Soldaten festgenommen und ermordet.
Während Luxemburg nach einem Verhör im Hotel Eden erst bewusstlos geschlagen und dann mit einem aufgesetzten Schläfenschuss getötet wurde, erschossen die Soldaten Liebknecht am Ufer des Neuen Sees im Tiergarten aus nächster Nähe von hinten. Am Nordufer des Sees erinnert heute eine Stehle an ihn. An Rosa Luxemburg erinnert eine Fußgängerbrücke am Katharina-Heinroth-Ufer.“

Die bürgerliche Mitte und Rechte hat diesen gewaltsamen Tod zwar niemals frenetisch gefeiert, aber wohl doch immer als so etwas wie einen politischen Kollateralschaden im Zuge der Verhinderung eines kommunistischen Deutschlands verbucht. Der Autor der Weblogs Morgenländers Notizbuch kann deshalb diesen Doppelmord zwar nicht gutheißen, aber irgendwie zeigt er sich doch erleichtert, dass die politische Betätigung Liebknechts und Luxemburgs an jenem 15. Januar vor 94 Jahren ein so jähes Ende fand:

„Wäre der Spartakusaufstand im Winter 1918/19 nicht niedergeschlagen worden, wäre Deutschland den Weg des bolschewistischen Russlands gegangen – ein Weg, der Millionen Menschen das Leben gekostet hat.
Dies verhindern zu wollen, rechtfertigte gewiss keinen Mord, aber zu Heldenverehrung geben die Toten des 15. Januar 1919 auch keinen Anlass.“

Ich gehe jetzt einmal nicht weiter darauf ein. Nur soviel: Der Weg, den Deutschand nach dem Tod dieser beiden Kommunisten eingeschlagen hat, kostete rund 80 Millionen Menschen das Leben. Antikommunismus kann doch manchmal ziemlich faktenresistent sein.

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Jan 10 2013

Christian, dem Christian seine Ex, und ich

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Es war, wie es aussieht, eine kurze Hype. Jetzt, am Tag drei der Bekanntgabe ihrer Trennung, ist die Angelegenheit Christian und Bettina Wulff noch nicht einmal mehr den Lokalreportern der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung eine Zeile wert – und das ist vielleicht auch gut so. Nur die „Bunte“ und vielleicht einige andere Gazetten, die auf das Wühlen im Müll sogenannter Promis spezialisiert sind, bleiben am Ball und erteilen den Objekten ihrer Aufmerksamkeit ungebetene Stilberatung: Bettina Wulff solle jetzt Kleidung tragen, in der sie sich wohlfühle und die ihre Persönlichkeit unterstreiche.

Ah ja: Das hatte sie ja schon in ihrem sich inzwischen als Ladenhüter erweisenden Buch eingefordert: mehr von Was-auch-immer für sich zu haben und mehr auf sich achten zu wollen, und das müsse auch der Christian jetzt endlich lernen. Ich erlaube mir jetzt mal folgende persönliche Einschätzung: Derartiges werden all jene Männer aus den Post-68-Generationen kennen, die schon einmal mit einer Frau zusammengelebt haben, die ihren Abschied aus der Partnerschaft respektive Ehe plante. „Du nimmst keine Rücksicht auf meine Gefühle, du bist nur mit dir selbst beschäftigt“, und so weiter und so fort. Hatte sich die Bettina nicht gerade einen ausgesucht, von dem sie von vorn herein wusste, dass er im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, einen zeitaufwendigen Job macht und eher wenig Kapazitäten für die regelmäßige Selbst- und Beziehungsinspektion hat. Na klar, deswegen wollte sie ihn vermutlich ja, einen wichtigen und – mehr oder weniger – mächtigen Mann, dessen mediale Bedeutung auf stark narzisstisch geprägte Persönlichkeiten eine unwiderstehliche Anziehungskraft hat. Wahrscheinlich ist der Christian schon in jenem Moment, in dem er scheiterte, und in dem es wirklich einmal um Gefühle ging, für sie uninteressant geworden. Spekulation, Machogelaber, Unterstellungen? Dabei sind doch jene Wahrheiten, die Bettina Wulff literarisch „jenseits des Protokolls“ zum besten gab, derart profan, dass sie jedem schlechtem Studenten-WG-Geklöne der letzten zwei bis drei Jahrzehnte entnommen sein könnten. Allein, Profanes profan zu nennen und schlichte aber nicht ganz abwägige Zusammenhänge auszusprechen, kann schnell in den Ruch des Frauenfeindlichen und politisch Inkorrekten geraten. Das durfte etwa der  FDP-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Otto erfahren. Nicht so ganz gelungen gab er vor einigenv Tagen auf Twitter zum Besten: „Die Vorgänge, die Christian Wulff sein Amt gekostet haben, hat er nur getan, um Bettina zu imponieren. So sind (manche) Frauen.“ (…) „Zweifeln Sie ernsthaft daran? ALLE Vorwürfe stammen aus der Zeit mit Bettina, kein einziger aus der Zeit mit Christiane.“ Dafür erhielt Otto aber von dem oder der nicht namentlich genannten Berichterstatterin der Internet-Ausgabe des The European eine ganz gehörige Watschen: „Mit diesem Frauenbild-Eintopf ist der Weg nicht mehr weit bis nach Indien.“

Autsch! Nicht, dass ich jetzt hier für die FDP Partei ergreifen will. Aber so ein bisschen tendiert diese Reaktion schon in Richtung jenes Feminismus, der in jedem Manne mit vermeintlich „falschem Frauenbild” ohnehin schnell, allzu schnell, einen Vergewaltiger wittert.  By the way: Was haben doch die 1970er und 1980er Jahre für schöne Stereotypen hervorgebracht. Einen normierten Diskurs, in dem alles, nach der kurzen Erosion in den 1960ern, wieder seinen Platz hat und in der neben dem alten autoritätshörigen Spießer nun der neue Spießertyp des linksalternativen Kleinbürgers entstanden ist, der mit seinen psyeudolinken Allerweltswahrheiten jedes selbstständige Denken genauso hasst wie früher der preußische Untertan.

Interessant wird dieses, nennen wir es einmal, Ende einer Affäre,  deshalb, weil es  Identifizierungen zu allen Seiten hin möglich macht. Es kann sich mit all dem aufladen, was die Menschen so zum Thema Partnerschaft, Ehe und Beziehungen auf der Seele haben. Es verdichten sich darain quasi die gesellschaftlichen Diskurse über das Private. Mir beispielsweise tut ja eher der Christian leid, vielleicht, weil dieses Verlassenwerden, der Absturz nach dem Überschwang, etwas mir Bekanntes ist. Andere, die dem Christian Wulff die Neue neideten, weil sie selbst gern einmal ausbrechen ­würden – Wulff selbst hat ja vor Papst Benedikt XVI von einem Bruch geredet – haben jetzt vielleicht wohlfeilen Anlass zur Häme, und auch die Bettina bietet gewiss genug Potenzial für etliche Projektionen, eine wurde ja schon vorgestellt.

Natürlich spreche auch ich wie alle direkt oder indirekt Beteiligten von einer ganz spezifischen Position aus. Und die ist dem Mitleid mit einem armen Sünder, der nach einem scheinbar rauschhaften Aufstieg mit Partys und allem Pipapo von einem tiefen persönlichen und politischen Absturz heimgesucht wurde, näher, als jeder Häme oder dem Ich-muss-jetzt-mal-an-meine-Gefühle-denken-Gerede. Und das ist irgendwie auch gut so. Okay, „Privates ist privat und Mitleid keine politische Kategorie. Wozu auch Mitleid”, fragt der Tagesspiegel: “Christian Wulff dürfte bis an sein Lebensende finanziell recht gut abgesichert sein.” Stimmt natürlich. Ein Christian Wulff fällt erheblich weicher als andere in vergleichbarer Situation. Mitleid ist keine politische Kategorie. Darüber kann man streiten, meine ich. Privates ist nicht politisch? Eindeutig falsch.

Hat nicht gerade die mediale Öffentlichkeit das Eheleben von Christian Wulff und Frau zu etwas Politischen gemacht, indem man es gegen die römisch-katholische Kirche und Papst  Benedikt XVI in Stellung brachte: Seht her, hier eine moderne strahlende „Patchwork-Familie“, und da der Hort des Gestrigen, Kräfte, die partout an ihren Auffassungen von Ethik und ehelicher Treue festhalten wollen!? Doch jetzt, nach der schnellen Verfallszeit dieses Vorzeigeexemplars der modernen Familie, wünscht sich sogar die Berliner Tageszeitung (Taz) die echten Wertkonservativen zurück: „Erstaunlich, dass die Unionsparteien noch immer so hohe Umfragewerte verbuchen können, obwohl vieler ihrer Repräsentanten das, wofür Konservative einstmals standen, im Privaten längst nicht mehr vertreten. (…) Irgendwann werden auch die Unionsparteien ernsthaft darüber reden müssen, in welcher Gesellschaft sie eigentlich leben wollen.“

Vielleicht dämmert es ja dem einen oder anderen, dass nicht alles gut ist, was aktuell für gut, schick und „modern“ befunden wird. Und vielleicht sehen auch einige ein, dass die Kirche nicht etwas gutheißen kann, was sie aus theologischer Sicht ablehnen muss, obwohl es einstweilen zum herrschenden Diskurs gehört. Ist es auch richtig, Verhältnisse zu verändern, unter denen die Menschen leiden, unglücklich sind und in denen sie abhängig gehalten werden, so haben sich doch die menschlichen Beziehungen heute tendenziell verdinglicht zu Tauschverhältnissen von Emotionen und gegenseitigen Bedürfnissen zur zeitweiligen Vorteilsnahme. Das, was einst als Befreiung angelegt war, die Befreiung von Abhängigkeiten, hat heute die Neigung, warenförmig zu werden: mein Auto, mein Haus, meine Frau. Die Emanzipation frisst ihre Kinder. Seit den 68ern deren Leitmotiv: die „Selbstverwirklichung“. Sie ist zum Dogma eines bürgerlichen Subjekts geworden, dessen positivistischer Horizont nur noch das erfassen kann, was ihm gerade scheinbar gut tut, ohne dass das Subjekt überhaupt die Frage stellen könnte, was „Selbstverwirklichung“ denn eigentlich sein soll. Und so leidet das Individuum als Mensch immer wieder aufs Neue unter dem, was der Mensch als Subjekt zwanghaft warenförmig affimieren muss.

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Jan 09 2013

Katholiken für Israel 2

Autor: . Abgelegt unter Politik & Christentum

Auf der Website freysing.blogspot.de ist mir heute dieser Beitrag begegnet:

Der altgediente Großmeister des weltpolitischen Journalismus, Peter Scholl-Latour, vermerkte in seinem Frankreich-Buch einen Gedanken, der ihm im Gespräch mit französischen Adeligen und Résistance-Veteranen nach dem Ende des Weltkrieges kam, und der leider nach wie vor aktuell klingt. Der Haß auf das jüdische Volk speise sich, so Scholl-Latour, aus dem alten Haß auf das Volk, aus dem die Muttergottes hervorging und das uns den Erlöser schenkte. Die Kräfte des Antichristen müßten dieses Volk hassen und verfolgen, weil mit ihm die Kirche, das Christentum, die Erlösung in die Welt kam.

Ein gewissen Weitblick sollte man dem guten Peter Scholl-Latour nicht absprechen, trotz allem, was sich gegen ihn vielleicht sonst auch vorbringen ließe.

Weblink: http://freysing.blogspot.de/2010/06/katholiken-fur-israel.html

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Jan 08 2013

Katholiken für Israel

Autor: . Abgelegt unter Allgemein

Um einen Katholiken, der sich ausdrücklich zur Solidarität mit Israel bekennt und außerdem der Auffassung ist, dass viele deutsche Christen sich quasi doppelt schuldig gemacht haben gegenüber jüdischen Menschen, nämlich einmal als Deutsche während des Nationalsozialismus, und darüber hinaus auch als Christen durch den christlichen Antijudaismus, der lange Zeit den Diskurs beherrschte und teilweise unter der Oberfläche immer noch weiterschwelt, kann es in dieser Angelegenheit schon sehr einsam werden. Um so mehr habe ich mich gefreut, jene Website zu entdecken:

Weblink: Katholiken für Israel. Klick hier!

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Jan 07 2013

Nachtrag zu Epiphanias

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

Am Sonntag haben wir das Fest der Erscheinung des Herren gefeiert, ein epochales Ereignis, das festgefahrene und verkrustete Verhältnisse durcheinander bringt: Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Dieses Ereignis und seine Folgen werden Mächtige in Angst und Schrecken versetzen und nicht zuletzt immer wieder auch an den Grundfesten der Kirche selbst rütteln. Eine Kirche in apostolischer Nachfolge , die sich aber ihrerseits oft zur weltlichen Machtinstitution entwickelt hat und mithin immer wieder erneuern, beziehungsweise zu sich selbst zurückkommen muss.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Denn die Kirche und der Geist der apostolischen Überlieferung bringen immer wieder selbst das Aufbegehren gegen Macht und Gewalt hervor. Die Subordinierten, Erniedrigten werden gleichzeitig zu Protagonisten der Geschichte, zu den Subjekten der Befreiung. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. In einem Küstenstreifen am Mittelmeer haben sich der jüdische Befreiungsdiskurs des Exodus und die inneren und äußeren Widersprüche auf eine Art und Weise antagonistisch verdichtet, dass derartige revolutionäre Impulse entstehen können: bis dato scheinbar unverrückbar scheinende Herrschaftverhältnisse werden desartikuliert – infrage gestellt – die Elendsten und Niedersten zu den Hauptfiguren der Heilsbotschaft erhoben. Noch richtet sich das Manifest der Ankunft Christi an jene, die allein den einen Gott, Gepriesen Sei Sein Name, verehren, an Juden. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. Bald schon wird es jedoch universell. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Transzendenz reinkarniert sich durch eine Frau. Für jene Zeit vor 2000 Jahren allein das schon revolutionär.

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt: ‚Jesus Christus ist der Herr‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Phil 2,5–11 EU

Mit der Geburt von Jesus Christus und durch seine Botschaft – mithin im Akt der Fleischwerdung Gottes – ist ein Emanzipationsprozess eingeleitet worden, der auf die Befreiung der Menschen zielt, und zwar sowohl in ihrer sozialen als auch in ihrer spirituellen Existenz, in ihrer Eigenschaft als zunächst verlorene – weil todgeweihte und schuldbeladene Individuen – als auch in ihrer sozialen Dimension als unterdrückte und geknechtete Wesen. Diese Botschaft ist präsent sowohl in der Verkündigung Christi als auch in seinem Leben und Leiden selbst, in seinem „Engagement“ für uns und die Welt und in der Art seines Todes. Christus ist den Leidensweg der Menschen gegangen, aber daraus ist nicht Zerstörung sondern gleichsam Hoffnung und Versprechen entstanden: Nein, ihr seit nicht verloren, denn ihr werdet wieder aufstehen, nein, das Elend wird nicht immer währen, die Befreiung ist möglich – das „Reich Gottes“ – im Himmel und auf Erden, eine Überwindung von Ausbeutung und Unterdrückung. Dies ist die epochale Botschaft, aus der sich objektiv nicht zuletzt auch die Aufklärung gespeist hat, auch wenn ihre Protagonisten zu oft den Atheismus predigten. Aufklärung wurde auch aus dem Christentum geboren.

Mit der Geburt Christi ist ein Licht in die Welt gekommen, das seit 2000 Jahren leuchtet und vielen Menschen Mut gemacht und Kraft gegeben hat, sich und die Verhältnisse zu verändern. Es in uns leuchten zu lassen, bedeutet Vertrauen zu haben in die Kraft der Liebe und Veränderung. Dies ist eine Herausforderung, der man sich wohl immer wieder neu stellen muss. Und es impliziert eine Form von Vertrauen, die eben nicht das sich stille  Fügen ist, sondern gleichsam eine Form von Engagement und Veränderung aus Liebe für die Menschen und die Welt. Christus gibt uns ein Beispiel davon.

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Jan 07 2013

Die Steuer, der Präsident, die Reichen und die Armen

Autor: . Abgelegt unter Arbeit, Soziales & Kapital

Es werden satt aufstehen, die arm und hungrig sind;
die Reichen müssen gehen, ihr Gut verweht im Wind.

(GL 261 – Marie Luise Thurmair – nach dem Magnifikat)

Hierzulande ist man es ja nicht mehr gewöhnt, dass sich als irgendwie links von der Mitte verortende Politiker oder Parteien auch wirklich linksverdächtige Politik betreiben. Falls das doch einmal passiert, werden die Betreffenden schnell mit dem Linkspopulismus-Etikett versehen und aus dem herrschenden Diskurs ausgeschlossen. Damit erledigt sich die Sache in Deutschland meistens von selbst. In unseren westeuropäischen Nachbarländern indes ist man linksorientierte Politik noch eher gewöhnt, oder doch zumindest den linken Diskurs. Okay, in der Praxis wird auch dort meistens nicht viel draus. Da ist schnell ein deutscher Bundeskanzler oder eine deutsche Bundeskanzlerin vor. Aber wenn es dann doch mal soweit kommt und jemand sich anschickt, linke Wahlversprechen in die Tat umzusetzen, ist das Erschrecken auch hierzulande groß. So beispielsweise im Fall der vom französischen Präsidenten François Hollande vor kurzem forcierten sogenannten Reichensteuer: mit 75 Prozent sollten alle Einkommen über 1 Millionen Euro zukünftig vom Fiskus abgeschöpft werden. Große Aufregung!  Und als der französische Schauspieler Gérard Depardieu dann noch ankündigte, mit seinem Zaster nach Russland zu verschwinden, hatte man wieder mal das richtige Thema. Reiner Populismus. Nein, nicht seitens Gérard Depardieus, sondern seitens des französischen Staatspräsiden natürlich: „Ziemlich erbärmlich finde ich persönlich eher, aus rein populistischen Gründen eine konfiskatorische Steuer erheben zu wollen, deren fiskalischer Nutzen mehr als zweifelhaft und deren ‘Moralität’ die von Wegelagerern ist.“ Soweit der Blogger „Morgenländer“, den ich im Übrigen schon aufgrund der täglichen Dosis an wunderbarer Musik, die er seinen Lesern (und Hörern) in der Regel jeweils am Morgen und am Abend ans Herz legt, sehr schätze. Hier haben wir aber einen kleinen Dissens: Progressive Steuern findet der Morgenländer ungerecht, sie seinen ein Übel, „mag sein ein notwendiges (und sei es auch nur, um die Raubgelüste der vermeintlich zu kurz gekommen zu dämpfen), aber ein Übel dennoch“.

Die Raubgelüste der vermeintlich zu kurz gekommenen. Damit meint er wahrscheinlich nicht jene Investmentbanker, die zum Dank für ihre Milliardenpleiten, die sie dem Fiskus aufgebürdet haben, auch noch selbst einige Millionen an Boni einstreichen. Dass er den Niedriglohn-Jobber meint, der trotz 10 Stunden Arbeit am Tag noch mit Hartz 4 aufstocken muss, wollen wir mal nicht hoffen und auch nicht böswillig unterstellen. Aber irgendwie, finde ich, ist der gute Morgenländer da noch eine Erklärung schuldig. Wie auch immer: er und auch andere finden es ungerecht, das hart arbeitende Millionäre von ihrem sauer verdienten Reichtum nun auch noch progressiv besteuert werden, damit das Geld dann an die vermeintlich zu kurz gekommenen – Sozialleistungsempfänger? – verschleudert oder andere soziale Belange damit finanziert werden können.

Leute, die über eine Millionen Euro verdienen, arbeiten nicht mehr selbst, sondern lassen arbeiten, habe ich neulich mal irgendwo gehört: Mit der eigenen Hände Arbeit ließe sich niemals soviel Geld verdienen.  Na ja, die Investmentbanker mit einem solchen oder höherem Einkommen, die mehr als 10 Stunden täglich an den virtuellen Finanzmärkten dieser Welt auf den Beinen sind, werden sich bestimmt als hart arbeitende Menschen sehen. Ob sie es sind, darüber ließe sich ja streiten. Wenn die Resultate von Arbeit nicht nur durch einen persönlichen sondern auch durch einen volkswirtschaftlichen Nutzen definiert sind, wohl eher nicht. Aber wie auch immer: Menschen mit einem solch hohen Einkommen befinden sich immer an den Schaltstellen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Macht, sie können die Bedingungen, unter denen produziert und verteilt wird, wesentlich mitbestimmen, und tun das in der Regel zu eigenem Nutzen. Das soll kein moralisches Werturteil sein, wir würden es vielleicht auch so machen.  Einmal ganz davon abgesehen, dass ein Großteil des Reichtums in Deutschland in den Händen von Personen liegt, die allein aufgrund ihrer Herkunft zu diesen Reichtum gekommen sind, ohne dafür je einen Finge zu rühren.

Die progressive Besteuerung solcher Einkommen und Reichtümer ändert daran nichts, sie macht die Reichen nicht spürbar ärmer, sie führt lediglich zu einer etwas gerechteren Form der Verteilung. Finde ich! Oder ist es etwa nicht gerechter, dem Investmentbanker in Relation zu seinem Einkommen etwas mehr wegzunehmen als dem armen Niedriglohnjobber. Das ist doch eine alte Forderung der Linksradikalen, warnt der gute Morgenländer; ein „Meilenstein auf den Weg zum Kommunismus.“ Der Kommunismus ist bekanntlich kläglich gescheitert, und der, den wir kannten, wohl auch zu Recht. Aber wird der Kommunismus da nicht zu einem roten Humunkulus gemacht, mit dem all jene erschreckt werden sollen, die meinen, es müsste doch eigentlich irgendwie sozialer zugehen. Kommunismus HUUAHH. Und was sagt uns das über den Banker und den Jobber? Gar nichts! Oder nein halt, vielleicht doch. Als es den – sogenannten – “Kommunismus” noch gab, gab es im Kapitalismus noch keine Niedriglohn-Jobber und Hartz 4-Aufstocker.

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Jan 06 2013

Man wird doch wohl noch! Kleine Notiz zur Broder-Augstein-Wiesenthal Debatte

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Und noch etwas zum Tage: Jetzt streitet sich also die medialsierte Öffentlichkeit darüber, ob Henryk M. Broder den Verleger Jakob Augstein einen Antisemiten nennen, und das Simon Wiesenthal Center  in den USA diesen Mann auf die Liste der 10 schlimmsten Antisemiten des Jahres 2012 setzen darf. Natürlich gerät die Diskussion auch unversehens wieder zu der mithin eher rhetorische gemeinten Frage, wie viel Israelkritik erlaubt sei, ohne antisemitisch zu sein. Rhetorisch, weil implizit oder auch explizit immer die Klage mitschwingt, der Antisemitismusvorwurf werde instrumentalisiert, um eine Kritik an Israel von vorn herein zu delegitimieren.  Man wird doch wohl noch! Es sind die leidenschaftlichstens Kritiker, die sich solcherart in ihrer freien Meinungsäußerung gedeckelt fühlen. Na, lassen wir das.  Auf jeden Fall dürfte bei diesem Streit wie so oft beim Thema Israel einmal mehr viel Meinung und eher wenig Ahnung im Spiel sein: Schon wieder der Broder, kennt man ja, ein Polemiker, Provokateur. Vielleicht ist es ja auch mehr Resisstenz als keine Ahnung. Apropos: Jakob Augstein jedenfalls gibt sich ahnungslos. Das habe er ja nicht gewusst, dass Israelkritik gleich den Antisemitismusvorwurf herauf beschöre, so war er heute in einem Radio-Interview zu vernehmen.

Ehrlich gesagt, so ganz kann ich ihm die Ahnungslosigkeit in diesem Fall nicht abnehmen. Doch ich, Schorsi von Beck, enthalte mich einer Meinung. Stattdessen verweise ich auf den Beitrag von Broder selbst, in dem er begründet, warum er Jakob Augstein als einen Antisemiten bezeichnet. Wer das nachlesen will, kann es hier tun: Henryk M. Broder: Juden-Obsession. Brief an meinen Lieblings-Antisemiten Augstein. Und wer noch keine hatte, kann sich dann ja eine Meinung bilden.

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Jan 05 2013

Hallo 2013: Prekäres, Defizitäres & Elitäres!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein,Prekariat und Alltag

Hallo 2013. Ich versuche mich also an einem Blog. Schorsi von Beck: Notizblättchen. Ehrlich gesagt ist das Ganze zunächst einmal das Resultat eines Ablenkungsmanövers. Ich lenke mich nämlich selbst von der Arbeit ab. Eigentlich müsste ich Zeitschriftenartikel redigieren. Statt dessen daddele ich an dieser Website herum. So profan kann das Leben sein.

Apropos: So wie in meinem digitalen Leben, so mäandere ich irgendwie auch durchs richtige. Hier ein Projekt angefangen, dort ein anderes. Schließlich fällt mir wieder etwas Neues ein, Angefangenes bleibt auf der Strecke.

Okay, jetzt lösche ich erst einmal einige Altlasten im Web. Lohnt es sich, etwas aufzuheben? Vielleicht meine Klage über das prekäre Dasein als selbstständiger Journalist und Redakteur:

Als prekär arbeitender Mensch hast du oft keine Wahl: du musst dich mit den Arbeitsbedingungen, Zumutungen und Erniedrigungen arrangieren. Klar, du kannst Tätigkeiten ablehnen, aber wer weiß, wann dir der nächste Job angeboten wird. Das Risiko trägst du immer selbst. Du kannst nicht zu einem Betriebsrat gehen und dich beschweren, wenn dir etwas gar nicht passt oder etwas wirklich schräg läuft. Du kannst nicht zum Arzt gehen und dich mal eine Woche krank schreiben lassen, wenn es gar nicht mehr geht. Ja, du darfst nicht einmal wirklich krank sein, weil dir dann das Einkommen wegbricht.

Weblink: Von der Boheme zur Unterschicht

Oder meinen Ärger über unsere geistigen Eliten:

Blasiert: Das waren noch Zeiten, als den Universitätsprofessoren nebst Gefolgschaft die Verunsicherung der akademischen Amtswürde ins Gesicht geschrieben stand. „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ rief ihnen das rebellische Stundentenvolk achtundsechzig hinterher; einige aus der respektlosen Truppe von damals befinden sich als Universitätsprofessoren heute selbst kurz vor der Pensionierung. Als diese das Ross bestiegen, vom dem ihre Lehrer kurz zuvor noch zu stürzen schienen, waren sie voll der libertären und egalitären Gesinnung. Insbesondere an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten galt das Du zwischen Studis und Profs bis weit in die achtziger Jahre hinein als Usus, wer es anders hielt, war als Spießer verschrien. Seither hat sich einiges verändert. Die Position der habilitierten Hochschullehrer und ihre Autorität ist unangetastet. Und wer das Hauen und Stechen um Assistentenstellen, Promotions- sowie Habilitationsmöglichkeiten und schließlich um die Lehrstühle an den Universitäten kennt, der weiß: hier kommen nur wenige durch, und um das zu schaffen braucht man oft viel Ellenbogen und wenig Rücksichtnahme. Dementsprechend angenehm ist bisweilen der Umgang mit ihnen.
Wer es innerhalb der universitären Wissenschaftler-Zunft zu Ansehen bringen will, muss mit reichlich akademischem Imponiergehabe ausgestattet sein. Und dazu gehört nicht zuletzt die Fähigkeit, Texte in einem für Außenstehende möglichst unverständlichen Fach-Code zu verfassen. Wird das einmal richtig beherrscht, ist es kaum wieder loszuwerden, das ist dann chronisch wie die unleserliche Unterschrift von Hausärzten. Würden die Betreffenden dies als Mangel erkennen, so wäre ihnen zu helfen. Aber Lehrstuhlinhaber und das Eingeständnis von Defiziten, das schließt sich in der Mehrzahl der Fälle aus. Die Leute sind unbelehrbar, und wer sie nicht versteht, gehört aus ihrer Perspektive ohnehin einer anderen Sphäre an. Und mit der möchte man möglichst nicht in Berührung kommen. Fast scheint es so, als ängstigten sich die Betreffenden davor, mit Banalem beschutzt zu werden.
Man hat sich in der universitären Hierarchie nach oben gekämpft, und die Hierarchien sind eindeutig: Leute, die von den Lehrstuhlinhabern abhängig sind, weil sie promovieren wollen beziehungsweise ihrerseits eine Universitätskarriere anstreben, haben zu dienen. Von bösen Zungen auch als Kofferträger bezeichnet, sind die Angehörigen des akademischen Nachwuchses trotz ihrer Dienstfertigkeit vielen Professoren irgendwie lästig. Halten sie den Meister doch davon ab, ungestört die wirklich wichtigen Dinge zu tun. Und dazu gehört vor allem die eigene Profilpflege.

Mit den Dienenden kommuniziert man also nur notgedrungen und auch nur in einer kürzelhaften, abgespeckten Form. E-Mails eignen sich besonders gut für jenen herablassenden und respektlosen Ton, womit den Adressaten gefahrlos verdeutlicht werden kann, welchen sozialen Rang sie einnehmen.
Abhängige außerhalb des Hochschulgefüges werden vergleichbar behandelt, vielleicht noch etwas abfälliger. Denn hier ist die Möglichkeit ohnehin so gut wie ausgeschlossen, dass sie einem irgendwann einmal auf gleicher Augenhöhe begegnen könnten.
Die Kommunikation mit Hochschullehrern kann somit für all jene, die nicht selbst Hochschullehrer sind oder mit einem anderen dicken Pfund zu wuchern haben, eine echte Herausforderung werden, die ein ziemlich dickes Fell erfordert.
Ausnahmen bestätigen die Regel!

Weblink: Wer ist hier der Prof?

Und was hat das jetzt alles mit mir zu tun? Nun, wahrscheinlich würde ich lieber zu den Letztgenannten als zu den Erstgenannten gehören. Aber es ist anders gekommen. Ob das auch gut so ist, weiß ich nicht. Immerhin, der aufmerksame Leser weiß jetzt: „Der Typ hadert mit seinem Lebenslauf.“ Na ja. Manchmal vielleicht. Ein bisschen.

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