Monatsarchiv für Januar 2013

Jan 26 2013

Gebet

Autor: . Abgelegt unter Texte zur Kontemplation

Flamender Sonnenuntergang

“Die erste Vorbedingung ist die Bereitung der Atmosphäre. Die vielen Regeln, die man in dieser Hinsicht für die Synagoge hat, sind dazu bestimmt, die Synagoge zu einem Ort mit einer gottesdienstlichen, meditativen Atmosphäre zu machen. In die Synagoge zu gehen, sollte eine Erfahrung sein, die einen Menschen darauf vorbereitet, mit seinem Schöpfer in Verbindung zu treten. Schon das bloße Dortsein sollte ausreichen, alle äußerlichen Gedanken aus dem Denken zu entfernen. Man tut gut daran, es den Sepharden gleichzutun, die von dem Moment an, da sie die Synagoge betreten, bis sie sie verlassen, kein einziges unwichtiges Wort sprechen. Die Synagogengespräche auf einem Minimum [zu halten], ist absolut notwendig, wenn man erleben möchte wie sich Kawwana entwickelt. (…) Das Wort ist verschiedentlich auch mit „Empfinden“, „Emotion“, „Konzentration“ oder Andacht übersetzt worden. Seine Wurzel jedoch ist „kiven“, was zielen bedeutet; das ist „gerichtetes Bewusstsein“ als die vielleicht genaueste Übersetzung von kawwana erscheinen. Kawwana besteht jedenfalls darin, alle seine Gedanken auf ein einziges Ziel zu richten.”

Aryeh Kaplan (*23. Oktober 1934 in New York City; †28. Januar 1983. Orthodoxer US-amerikanischer Rabbiner und Schriftsteller.)

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Jan 25 2013

Die Ordnung des Diskurses

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

“Ich möchte nicht in jene gefährliche Ordnung des Diskurses eintreten müssen; ich möchte nichts zu tun haben mit dem, was es Einschneidendes und Entscheidendes in ihm gibt; ich möchte, daß er um mich herum eine ruhige, tiefe und unendlich offene Transparenz bilde, in der die anderen meinem Erwarten antworten und aus der die Wahrheiten eine nach der anderen hervorgehen (…).”

Michel Foucault

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Jan 25 2013

Über Flucht, Asyl, Migration und die Asyllobby

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Im Weblog des Morgenländers habe ich heute eine Replik auf einen Beitrag der “Jungen Freiheit” gefunden, die in dieser Woche unter dem Titel “Das missbrauchte Recht” eine Polemk gegen “die Asyl- und Einwanderungslobby” veröffentlicht haben soll. Ehrlich gesagt gehöre ich nicht zu den Lesern dieses Blattes und erwarte davon im Übrigen davon auch nichts anderes als Ressentiments gegenüber Flüchtlingen und Migranten. (Nachträglich hinzugefügt: Obwohl es wahrscheinlich nicht ganz ok ist, so über etwas zu urteilen, was ich zugegebenenmaßen gar nicht selbst kenne. Da habe ich mich doch bisher auf den linken Diskurs verlassen!)
Wie auch immer, gefreut hat mich indes der sehr deutliche Beitrag des Morgenländers zu diesem Thema, den ich fast eins zu eins so unterschreiben kann. Deshalb, wer diesen Eintrag nicht ohnehin schon gelesen hat, sei hiermit darauf verwiesen und kann das jetzt von hier aus nachholen:

Gewiss sollte man den Verlautbarungen der “Asyl-Lobby” ein gehöriges Maß Skepsis entgegenbringen – wie den Statements jeder Lobby.

Wer aus dieser schlichten Feststellung jedoch ableitet, das Engagement für Flüchtlinge sei reiner Eigennutz, ist auf Dummenfang. Und er wird sich seinerseits fragen lassen müssen, ob es ihm nicht schlicht an Mitgefühl und Menschlichkeit mangelt.

Wer jenseits der üblichen Polemik über Asyl- und Einwanderungsfragen nachdenken will, kommt an drei Tatsachen nicht vorbei: hier klicken, um das Original im Weblog “Morgenländers Notizbuch” weiterzulesen!

Dazu vielleicht noch einen Nachsatz: Ich selbst war einige Zeit Teil dieser „Asyl- und Einwanderungslobby“. Kritisches Hinterfragen oder eine Reflektion der eigenen multikulturalistischen Positionen und Implikationen schätzt man allerdings auch dort leider gar nicht. Selbst gewählte Abschottung bestimmter migrantischer Gemeinschaften, die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts für Mädchen und Frauen, das Verharren in autoritären Denk- und Verhaltensmustern, Gewaltbereitschaft gegenüber Kritikern und Apostaten, Ehrenmorde-, Zwangsehen und Ähnliches, all das will man dort nicht zur Kenntnis nehmen. Kritik an solchen Systemen, die Forderung auch an Migranten, bürgerliche Rechte und Freiheiten uneingeschränkt auch für die eigene migrantische Gemeinschaft anzuerkennen und den Einwanderern hier auch eine Integrationsbereitschaft abzuverlangen, alles kein Thema. Und trotzdem ist das nur die eine Seite. Sie relativiert nichts von dem, was der Morgenländer in seinem Beitrag geschrieben hat.

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Jan 24 2013

Der Weg nach Hause

Autor: . Abgelegt unter Texte zur Kontemplation

Sunset

Ich trat ein und wußt’ nicht wo,
und blieb auch ohne Wissen,
alles Wissen übersteigend.

Wo ich eintrat, wußt’ ich nicht,
Doch als ich mich dort gewahrte,
ohne Kenntnis meiner Bleibe,
hörte ich von großen Dingen.
Was ich hörte, sag’ ich nicht.
Blieb ich doch ganz ohne Wissen,
alles Wissen übersteigend.

Frieden war’s mit Gott und der Welt,
wovon ich zutiefst erfuhr
ganz allein in meinem Herzen.
Klar ward mir der rechte Weg.
Alles war so voll Geheimnis,
dass ich nur noch stammeln konnte,
alles Wissen übersteigend.

Trunken war ich, wie von Sinnen,
hingerissen, außer mir.
Blieb dabei doch mein Empfinden
jeglicher Empfindung bar.
Und der Geist sah sich beschenket
mit Verstehn, das nicht verstand,
alles Wissen übersteigend.

Jeder, der dorthin gelangt,
wird ganz irre an sich selbst.
Alles, was er vorher wusste,
scheint ihm jetzt verschwindend klein.
Und sein Wissen wächst so sehr,
dass er ohne Wissen bleibt,
alles Wissen übersteigend.

Doch je höher man dort steigt,
desto weniger versteht man,
dass die dunkle Wolke kommt,
um die Nacht uns zu erhellen.
Wer sie kennt, die dunkle Wolke,
der bleibt immer ohne Wissen,
alles Wissen übersteigend.

Dieses Wissen, das nicht weiß,
ist von großer Mächtigkeit,
und die Weisen können nie,
denkend sich’s zu eigen machen.
All ihr Wissen reicht nicht hin,
nicht verstehend zu verstehen,
alles Wissen übersteigend.

Jenes allerhöchste Wissen
ist so überhoch erhaben,
dass kein Können und kein Wissen
jemals es begreifen kann;
nur wer selber sich besiegte
durch ein Wissen, das nicht weiß,
wird’s für immer übersteigen.

Doch wer hören will, der höre:
Dieses allerhöchste Wissen
ist Empfinden hoch erhaben
Gottes eig’ner Wesenheit;
dieses wirkt in ihrer Güte
und lässt nicht verstehend bleiben,
alles Wissen übersteigend.

Johannes vom Kreuz

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Jan 23 2013

Lutherisches Ordinariat in der römisch-katholischen Kirche?

Autor: . Abgelegt unter Wir Christen

Zum einen gibt es in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) insbesondere unter den Lutheranern einige, die den Kurs ihrer Glaubensgemeinschaft beispielsweise in Sachen Liturgie, aber auch hinsichtlich des apostolischen Amtes, nicht gutheißen. Sie wollen mehr Katholizität in der evangelischen Kirche, organisieren sich in evangelischen Kommunitäten unter dem Dach einer Hochkirchlichen Vereinigung, feiern die Lutherische Messe, fordern tendenziell die Anerkennung eines Ehrenprimats des Papstes und lassen sich, teilweise jedenfalls, in orientalischen Kirchen zu Priestern weihen. In der evangelischen Kirche sind sie eher geduldet als erwünscht.
Zum anderen hat die ehemalige, und nicht gerade des Katholizismus verdächtige, EKD-Vorsitzende Margot Käsmann nicht zuletzt hinsichtlich des nahenden 500-jährigen Reformationsjubiläums die Aufhebung der Exkommunikation Martin Luthers gefordert.
Dieser Schuss könnte jedoch schon bald quasi nach hinten losgehen. Denn kein geringerer als der Präfekt der römischen Kongregation für die Glaubenslehre, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller (Rom), hat laut Angaben des papstnahen Informationsdienstes Catholic Culture kürzlich die Möglichkeit eines lutherischen Ordinariats innerhalb der römisch-katholischen Kirche in Spiel gebraucht. Er könne sich so etwas nach dem Modell vorstellen, „wie es der Vatikan Anfang 2011 für Anglikaner eingerichtet habe. Ein Ordinariat ist eine rechtlich selbstständige Teilkirche innerhalb der katholischen Kirche, die neben den territorial festgelegten Bistümern besteht und eigene Gemeinden und Verwaltungsstrukturen hat.“ Auch in Deutschland könnten Lutheraner mit ihren eigenen Traditionen und Kirchenorganen dann wieder Teil der weltweiten römisch-katholischen Kirche sein. Nicht ausgeschlossen, dass eine solche Lösung für die eine oder andere evangelische Kommunität in der Hochkirchlichen Vereinigung (oder die SELK?) sehr attraktiv sein könnte.
Das sind allerdings Perspektiven für eine Ökumene, die sich Margot Käsmann so bestimmt nicht vorgestellt hat. Es sollte also nicht verwundern, wenn es diesbezüglich in Zukunft wieder etwas stiller um sie herum wird.

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Jan 23 2013

Ich will dich lieben, meine Stärke

sunrise

Ich will dich lieben, meine Stärke, / ich will dich lieben, meine Zier, / ich will dich lieben mit dem Werke / und immerwährender Begier; / ich will dich lieben, schönstes Licht, / bis mir das Herze bricht.

Ich will dich lieben, o mein Leben, / als meinen allerbesten Freund; / ich will dich lieben und erheben, / solange mich dein Glanz bescheint; / ich will dich lieben, Gottes Lamm, / das starb am Kreuzesstamm.

Ach, dass ich dich so spät erkannte, / du hochgelobte Schönheit du, / dass ich nicht eher mein dich nannte, / du höchstes Gut, du wahre Ruh; / es ist mir leid, ich bin betrübt, / dass ich so spät geliebt.

Ich lief verirrt und war verblendet, / ich suchte dich und fand dich nicht, / ich hatte mich von dir gewendet / und liebte das geschaffne Licht. / Nun aber ist’s durch dich geschehn, / dass ich dich hab ersehn.

Ich danke dir, du wahre Sonne, / dass mir dein Glanz hat Licht gebracht; / ich danke dir, du Himmelswonne, / dass du mich froh und frei gemacht; / ich danke dir, du güldner Mund, / dass du mich machst gesund.

Erhalte mich auf deinen Stegen / und lass mich nicht mehr irre-gehn; / lass meinen Fuß auf deinen Wegen / nicht straucheln oder stillestehn; / erleucht mir Leib und Seele ganz, / du starker Himmelsglanz.

Ich will dich lieben, meine Krone, / ich will dich lieben, meinen Gott, / ich will dich lieben sonder Lohne / auch in der allergrößten Not; / ich will dich lieben, schönstes Licht, / bis mir das Herze bricht.

Angelus Silesius

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Jan 20 2013

Nachtrag zum “Wolkenatlas” und anderes

Drei- oder vielmal nur erhaschte ich während meiner Jugend einen Blick auf die Inseln der Glückseligkeit, bevor sie in Nebeln, Depressionen, Kaltfronten, ungünstigen Winden und im widrigen Strom der Gezeiten untergingen … Ich verwechselte sie mit dem Erwachensein. Im Glauben, sie wären festgelegte Etappen auf meiner Lebensreise, versäumte ich, ihre geograpischen Koordinaten und die Anfahrtsroute zu verzeichnen. Verfluchter junger Dummkopf. Was gäbe ich heute dafür, eine festgeschriebene Karte des für immer Flüchtigen zu besitzen. Einen Altlas der Wolken, sozusagen
(David Mitchell: Der Wolkenatlas. Deutsch v. Volker Oldenburg. S.494.).

Soweit die Passge aus dem Wolkenatlas, die wohl für den Titel jenes Werkes Pate stand. Den folgende Satz, der meinem Empfinden nach einen notwendigen Kontrast, und gleichsam die einzig mögliche Replik dazu bilden kann, weil in ihm das Ende jener vermeintlich immerwährenden Flucht aufscheint, habe ich auf Jobo72’s Weblog gefunden:

Wir sind für Gott geschaffen, und nichts weniger kann uns letztlich zufrieden machen.
(Brennan Manning)

Noch etwas? Der Morgenländer hat uns heute an Simone Weil erinnert, die im spanischen Bürgerkrieg als Anarchistin in der Brigade Buenaventura Durruti kämpfte und sich später der Mystik zuwandte. Danke für den Hinweis auf diese außerordentliche Persönlichkeit.

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Jan 18 2013

SciFi meets Wolkenatlas

Autor: . Abgelegt unter Kultur und Alltag

Das innere Inferno

Das Literatur- und Filmgenre des Sience Fiction ist den Mief des Trivialen zurecht nie richtig losgeworden. Man muss sich nur einmal in die Scifi und Fantasyabteilung seiner Buchhandlung begeben, um zu sehen, wie viel schwer Verdauliches da so im Angebot ist. SciFi nebst Fantasy, das ist quasi der Burger King unter den Literaturgattungen. Immerhin erzählen diese Produkte etwas über die Ängste des postmodernen Subjekts. SciFi und Fantasy sind die menschlichen Projektionen der Furcht vor Dissoziation, Bedrohung, Vernichtung, Untergang und Verlassensein. Es sind oft nicht zuletzt imaginierte Höllenbilder, die der Filmindustrie und dem Buchhandel respektable Umsätze einfahren. So wie sich die menschlichen Ängste und Obsessionen früher in Märchen und Mythen verdichteten, so heute in SciFi und Fantasy. Das Bild, das da von der Psyche des (post)modernen Menschen durchscheint, mag im Übrigen manchmal wenig Anlass zur Hoffnung geben.
Interessant ist, dass Science Fiktion Autoren aus den osteuropäischen Ländern, wie Stanislav Lem oder die Strugatzki-Brüder, viel mehr über das Wechselverhältnis von Individuum, Psyche, Ort, Zeit und sozialem Raum modelliert haben, anstatt lediglich das – innere – Inferno heraufzubeschwören.

Der Wolkenatlas

Neben all dem speist sich zumindest die Sience Fiktion aus der Neugier nach dem Zukünftigen. Was wird sein, wie wird es einmal werden, wie geht es mit uns weiter, oder, wenn es ein gegenwartsbezogenes Werk ist, der Spur des Optionalen folgend, was hätte sein können, wenn(?). In diesem Umfeld ist der Roman der „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell zu verorten, der vor kurzem in der Verfilmung von Lana und Andy Wachowski sowie Tom Tykwer in den Kinos lief. David Mitchell ist kein Science Fiction Autor, und er wollte vermutlich auch keinen Sience Fiktion Roman schreiben. Da der Roman – wie die Verfilmung – jedoch teilweise auch in der Zukunft handelt, ist es Mitchells Werk nicht erspart geblieben, dem genannten Genre zugeschlagen zu werden. Mitchell hat sechs Geschichten über unterschiedliche Orte und Zeiten erzählt und dabei zu zeigen versucht, wie sich diese individuelle Geschichten und Ereignisse über einen Zweitraum von fast 1000 Jahren hinweg miteinander verbinden und so die Zukunft schaffen. Gegenwart und Zukunft speisen sich aus den Koordinaten vieler einzelner ineinander verwobener Menschengeschichten, so darf man Mitchell wohl lesen. Sie speisen sich aus Schicksalhaftem und aus bewussten Entscheidungen. Was wir tun oder unterlassen bewegt die Welt. Auch hier gibt es viel Apokalyptisches, das im Film indes schnell in den Mittelpunkt gerät. Leider bleibt dabei, wie so oft, der Plot irgendwie auf der Strecke, wirkt streckenweise konstruiert und, anders als im Buch, erschließen sich die Zusammenhänge zwischen den Geschichten nur schwer. Gegenüber anderen Machwerken des Genres ist der Film immer noch einigermaßen sehenswert, gegenüber der einfallsreich erdachten und spannend erzählten Romanvorlage fällt er stark ab.
Fazit:
Buch: Prädikat lesenswert
Film: Für Freunde des Genres sehenswert

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Jan 16 2013

Luxemburg: Replik der Replik

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

In einer Nachbemerkung hat der Morgenländer noch einmal Stellung zu meiner gestrigen Replik auf seinen Luxemburg/Liebknecht Beitrag genommen. Sein Fazit:

„Und kann man im Ernst meinen, eine spartakistische Diktatur, die sich nur im Bündnis mit der Sowjetunion hätte behaupten können – ein Bündnis, das der Lenin-Vertraute Karl Radek bereits angekündigt hatte -, wäre für Deutschland segensreicher gewesen als das parlamentarische System, das sich eben nur durch Unterdrückung der Extremisten von links und rechts mühsam behaupten konnte?
“Was wäre gewesen, wenn?” ist natürlich eine unbeantwortbare Frage. Aber an eines möchte ich doch erinnern:

Die sowjetische Diktatur hat in Friedenszeiten weit mehr Menschen das Leben gekostet als der Nationalsozialismus. Und am verheerenden Zweiten Weltkrieg trug die Sowjetunion kaum weniger Verantwortung als das Deutsche Reich (Stichwort: Hitler-Stalin-Pakt).“

Auch ich bin mittlerweile weit von jenem linken Revolutionsromantizismus entfernt, demzufolge schon alles irgendwie gut geworden wäre, hätte es in Deutschland nach dem I. Weltkrieg nur einen wie auch immer gearteten Sozialismus gegeben. Und in der Tat: „Was wäre wenn gewesen, ist natürlich eine unbeantwortbare Frage.“

Eher schon lässt sich rekonstruieren, was gewesen ist. Und dabei kann man zur Kenntnis nehmen, das im Wesentlichen vier Entwicklungslinien in die Katastrophe des deutschen Nationalsozialismus und schließlich in den nächsten Weltkrieg mit seinen Zig-Millionen Toten geführt haben:

  • Das war zum einen die weitere Herausbildung von eng mit dem Staat verflochtenen Wirtschaftsmächten auf nationaler Ebene und auf der Basis der privater Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Aufgrund der schlechten Erfahrungen mit diesen nationalstaatlich orientierten Wirtschaftsmächten und der daraus resultierenden Konkurrenzverhältnisse zwischen den Nationalstaaten hat man im Übrigen nach dem Krieg die Montanunion gegründet.
  • Das war zum Zweiten ein, infolge der Kriegsniederlage im ersten Weltkrieg und der dann in den 20er Jahren im Zuge der einsetzenden Wirtschaftkrise, schwer traumatisiertes und ohnehin nach rechts tendierendes Kleinbürgertum. Autoritätshörigkeit, Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Kaiserzeit und antisemitische Ressentiments waren hier weit verbreitet und ließen sich  in der Krise leicht mobilisieren.
  • Und das war ein durch die Wirtschaftkrise immer weiter verarmendes Proletariat, das zunächst wohl eher nach links, Morgenländer würde wohl sagen, zum Links-Totalitarismus, tendierte, sich mehr und mehr jedoch auch von den Nationalsozialisten angesprochen fühlte. Natürlich führte auch diese Neigung zur extremen Rchten und Linken zur Destabilisierung der parlamentarischen Demokratie.
  • Hinzu kamen verschiedene gesellschaftliche Diskurse, wie etwa der Antisemitismus und die Neigung zur Obrikeitshörigkeit, die Erbschaft des preußischen Militarismus und darüberhinaus von rassistischen Denkmustern teiweise tief infiltrierte staatliche Systeme, so beispielsweise das Gesundheitssystem und die Sozialfürsorge. All das konnte leicht in die nationalsozialistische Ideologie integriert werden und den Nazis auf vielen Ebenen Zustimmung einbringen.

Das war,  grob gesagt, die Melange, aus der in Deutschland der Nationalsozialismus hervorging, der sich ab 1939 im Bunde mit den wirtschaftlich Mächtigen daran machte, die Welt zugunsten der deutschen Machtansprüche neu zu ordnen und gleichzeitig einen verheerenden und auf der Welt bisher einmaligen Vernichtungsfeldzug rassistischer Provenienz vom Zaun brach. Dabei war es nicht zuletzt auch der Einfluss der ultranationalistischen Ideologie der einstigen Freikorps-Akteure und ihrer nicht geringen Anhängerschaft, die Hitler im entscheidenden Moment den Rücken stärkten.

Bei unvoreingenommen Hinsehen lässt sich mithin durchaus ein Zusammenhang zwischen dem Mord an Liebknecht und Luxemburg, der nationalsozialistischen Machtergreifung und dem II. Weltkrieg feststellen. Auf jeden Fall ist es ziemlich abenteuerlich, der Sowjetunion quasi eine vergleichbare Mitschuld am II. Weltkrieg zu attestieren.

Alles in allem hätten wir hier wohl Material genug für eine kapitale Neuauflage des Historikerstreits.  Wie auch immer, wie alles hätte kommen können wenn, weiß ich nicht. Und auf jeden Fall möchte ich auch nicht den Eindruck erwecken, ich würde hier einem gescheitertem Sowjetsystem das Wort reden, das in der Tat seinerseits viel Leid in die Welt gebracht hat.  Schließlich denke ich, dass wir zu kurz greifen, wenn wir versuchen, die Welt immer noch nach dem Links-Rechts-Schema zu erklären. Beschneiden wir uns da nicht selbst in unseren Erkentnismöglichkeiten?

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Jan 15 2013

Arabischer Frühling

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Als im vorletzten Jahr in Ägypten der Aufstand gegen Diktator Mubarak losbrach, war bekanntlich auch hierzulande die Euphorie groß. Es werde jetzt zu einer allgemeinen Demokratisierung kommen, hofften viele, an deren Ende eine bürgerliche, an den allgemeinen Grundrechten orientierte Gesellschaft stehe. Gehofft habe ich das auch, gleichwohl eher nicht daran geglaubt. Eine nach der anderen zerplatzen die Hoffnungen nun wie Seifenblasen. Beispiel Religionsfreiheit, eines der Kernelemente bürgerlicher Freiheiten. Leider Essig: Zu 15 Jahren Haft sind jetzt die Mitglieder einer Familie in der oberägyptischen Stadt Biba verurteilt worden, weil sie vom Islam zum Christentum konvertierten.

„Nadia Mohamed Ali, Mutter von sieben inzwischen volljährigen Kindern, war nach Information der IGFM (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte) ursprünglich Christin und konvertierte vor 23 Jahren zum Islam. Nachdem ihr Ehemann 1991 gestorben war, entschloss sie sich im vergangenen Jahrzehnt, mit ihren Kindern zum Christentum zurückzukehren. Das ist nach islamischem Recht allerdings nicht möglich.“

Und die ägyptischen Beamten, die der Familie halfen, diesen Religionswechsel formal zu vollziehen, wanderten gleich selbst für jeweils fünf Jahre in den Bau.

Martin Lessethin, Vorstandssprecher der IGMF, forderte die Bundesregierung auf, bei der ägyptischen Regierung für die Freilassung der Betroffenen einzutreten. Völkerrechtlich verbindliche Verträge müssten eingehalten werden, auch wenn sie mit seiner Auffassung nach archaischen Auslegungen des islamischen Rechts kollidierten. Hier irrt Lessenthin. Das Verbot, dem Islam den Rücken zu kehren und einer anderen Religionsgruppe beizutreten, ist keine archaische Auslegung, sondern eine in allen  islamischen Rechtschulen anerkannte und gültige Regel, Mainstream sozusagen.

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