Archiv für die Kategorie 'Politik und Alltag'

Apr 26 2013

Haarige Thesen zu haarigen Fragen!

Mein Lieblingsrechtsliberaler unter den Bloggern, der Morgenländer, hat sich einmal wieder für die freie Markwirtschaft stark gemacht. Diesmal, um sie vor den Angriffen der Sozialisten aller Parteien und den von ihnen verfochtenen Mindestlöhnen in Schutz zu nehmen. Im Speziellen geht es um das Friseursgewerbe. Wenn jetzt ab August 2015 mindesten 8,50 Euro gezahlt werden, sieht Morgenländer zahlreiche Pleiten voraus, die Niedrigpreiskonkurrenz „werde dann ihre Dienstleistungen im unversteuerten Heimbetrieb – vulgo: Schwarzarbeit“, anbieten müssen. Und „Kunden, die die höheren Preise nicht zahlen können oder wollen, werden entweder darauf verzichten, diese Dienstleistung nachzufragen, oder sie werden die nette arbeitslose Friseurin aus der Nachbarschaft bemühen“.
Nun ja!? Man muss eigentlich nicht so viele Haare auf dem Kopf haben, um zu erkennen, dass von 3,14 Euro die Stunde – soviel wird zumindest im Osten im Friseursgewerbe als Einstiegslohn vielerorts gezahlt – kein auskömmlicher Lebensunterhalt zu bestreiten ist. So einen Job kann man sich nur leisten,

  • wenn man entweder einen Ehemann respektive eine Ehefrau hat, die einigermaßen gut verdient,
  • sein Gehalt zusätzlich mit Sozialleistungen aufstockt,
  • oder man sich eben noch etwas dazu verdient.

Die nette Friseurin aus der Nachbarschaft mit 3,14 Euro Stundenlohn wird also ohnehin schon aufstocken müssen, und das sehr wahrscheinlich mit ein paar Euro schwarz auf die Kralle. So funktioniert Marktwirtschaft.
Armut schafft Schwarzmärkte. Und, um bei der Ökonomie im Allgemeinen zu bleiben: „Ein Unternehmer wird die Löhne zahlen, die zu zahlen gerade noch profitabel ist.
Zahlt er weniger, muss er fürchten, dass seine Beschäftigten zu anderen Firmen abwandern; zahlt er mehr, muss er entweder seine Preise erhöhen – wenn er dies am Markt durchsetzen kann – oder mit Verlust arbeiten
“.
Da ist was Wahres dran. Voraussetzung ist natürlich, dass ein Mangel an Arbeitskräften besteht und der Beschäftigte überhaupt zu einem Konkurrenten abwandern kann. Das ist in der Regel aber nicht der Fall. Damit das so bleibt, haben Unternehmen ein Interesse daran, dass immer ein gewisses Maß an Unterbeschäftigung herrscht. Arbeitslosigkeit ist systemimmanent. Richtig, das haben wir doch immer schon gesagt. Marx bezeichnete die Gruppe der Arbeitslosen als „industrielle Reservearmee“. Eine Jongliermasse der Unternehmen, vulgo Kapitalisten, um die Gehälter möglichst gering zu halten und Produktionsschwankungen schnell und billig mit dienstbaren Lohnabhängigen auszugleichen. Um sich im Spiel der Kräfte mit hohen Profiten auf den Märkten halten und behaupten zu können. So funktioniert Kapitalismus. Lieber Morgenländer: Nicht immer nur Adam Smith und Johann Heinrich Thünen, sondern ruhig auch mal Karl Marx lesen.

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Apr 26 2013

Emir Kusturica. Der Jugoslawe

Emir Nemanja Kusturica, Filmregisseur und Musiker, ist ein Jugoslawe. Durch und durch. Und in allen seiner Filmen hat er dem Land Jugoslawien, diesem Kultur-Amalgan aus serbisch-orthodoxen, katholischen, muslimischen und ziganistischen Einflüssen (nicht zu vergessen die Einflüsse des sephardischen Judentums und des Staatssozialismus titoistischer Prägung), ein meisterhaftes filmisches Denkmal gesetzt. Kusturizas Jugoslawien war ein Land voll strotzender Lebensfreude und abgrundtiefer Melancholie, bevölkert von Menschen, die zu heftigem Jähzorn und kaum zu zügelnder Wut ebenso fähig waren wie zu großer Solidarität, Großmut, tiefer Freundschaft und Liebe. Jugoslawien war das Land, in dem sich Orient und Okzident mit all ihren kulturellen Eigenheiten und Mentalitäten, Gutem wie Schlechtem, auf eine ganz eigene Art und Weise vermischten und etwas Hybrides ausbildeten, das sowohl verschmelzen und gleichzeitig doch auch wieder auseinanderfallen konnte, und dessen Menschen vielleicht schon immer etwas mehr zu emotionalen Ausbrüchen neigten, als die Menschen anderswo.

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Dieses Land gibt es nicht mehr, nur in Kusturicas Filmen, seiner Musik und in anderen kulturellen Zeugnissen lebt es weiter. Es wird wahrscheinlich von weitaus mehreren seiner ehemaligen Bewohner, die sich jetzt Kroaten, Mazedonier, Serben oder sonst wie nennen, betrauert, als man sich hierzulande vorstellen kann. Kusturizas Filme jedenfalls sind zugleich auch immer ein Ausdruck dieser Trauer und der Versuch, sie irgendwie zu bewältigen. Hier, im westlichen Teil Europas und insbesondere in Deutschland, wo insbesondere seit Anfang der 1990er-Jahren viel von multiethnischem Zusammenleben, Toleranz und den Rechten von Minderheiten schwadroniert und der moralische Finger hochgereckt wird, kann man sich von diesem verloren gegangenen kulturellen Amalgam Jugoslawien keinen Begriff machen. Wahrscheinlich konnte man das hierzulande nie.
Emir Kusturica

Das Jugoslawien von einst kann in diesem, aus einner kulturnationalistischen Idee geborenen und wiedervereinigten Deutschland, wohl schon im Denken gar nicht vorkommen, und so darf es auch keine Jugoslawen geben. Um sich in die Lage zu versetzen, Kusturica begrifflich irgendwie zu erfassen, muss man aus ihm einen „serbischen Nationalisten“ machen.
Kusturica baut sich sein Jugoslawien inzwischen wieder auf: im serbischen Bezirk Mokra Gora ist in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden der Museumsort „Küstendorf“ entstanden, der auch als Kulisse für Kusturicas Film „Das Leben ist ein Wunder“ diente. Dort lebt er jetzt zeitweise. Und in der Nähe von Višegrad, der Stadt an der Drina, die insbesondere durch den Roman „Die Brücke über die Drina“ des jugoslawischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Ivo Andrić bekannt geworden ist, entsteht unter Kusturicas Regie die Kunststadt Andrićgrad. Namensgeber ist natürlich der jugoslawische Schriftsteller Andrić, die Stadt soll zukünftig wieder als Kulisse für einen neuen Film dienen.
Im Jahr 2005 wurde Emir Kusturica in der orthodoxen Kirche Serbiens getauft.


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Apr 23 2013

Der Milchbubi und die Pseudo-Religion

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

„Der tut nichts, der will nur spielen.“ Das in etwa ist derzeit sinngemäß der allgemeine mediale Tenor, wenn es um die Kriegsdrohungen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un geht. Spielen bedeutet: die Verhandlungsposition für zukünftige Gespräche über das Atomprogramm zu verbessern, als Verhandlungspartner von den USA auf Augenhöhe ernst genommen zu werden und die Erfolgsaussichten für die eigenen politischen Forderungen zu erhöhen. Diese Ziele jedenfalls sind nach unseren Maßstäben logisch und politisch sinnvoll, und vergleichbare Motive beeinflussen gemeinhin das politische Taktieren und Handeln in der Diplomatie. Schließlich habe Nordkorea die internationale Staatengemeinschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit Drohungen und kriegerischem Verhalten dazu gebracht, das Land mit Hilfen in Milliardenhöhe zu unterstützen, schreibt beispielsweise der Nachrichtensender N24 in seiner Online-Ausgabe.
Also alles nur Säbelrasseln? Kann sein. Kann aber auch nicht sein. Dieser Kim Jong-un hat die pseudokommunistische Ideologie Nordkoreas quasi mit der Muttermilch eingetrichtert bekommen. Und als Spross der Kim-un’s und Nordkoreas Kronprinz hat er von Kindesbeinen an eine privilegierte Rolle in diesem seltsamen System eingenommen. Das wird ihn mit einem soliden Überlegenheitsgefühl ausgestattet haben, Omnipotenzphantasien inklusive.
Überhaupt sehen wir in Nordkorea bis zur Kenntlichkeit entstellt, was so gut wie allen der sogenannten realen Sozialismen anhaftete: eine säkularisierte Religion, in der sich die dominante Kaste quasi selbst zu einem höchsten Wesen stilisiert, die politischen Führer sich in den Rang anbetungswürdiger Götzen erheben und die Partei zu einem pseudoreligiös-transzendenten System mit eigenem Ritus und eigenen Ritualen wird. Man will dem Volk die Religion austreiben, indem man selbst die entstehend Leerstelle füllt. Funktioniert hat das nirgendwo, sondern in der Regel nur den Erosionsprozess solcherart Regimes beschleunigt. Denkmal, Führerkult, Nordkorea
Wahrscheinlich sind das nicht nur kleine Schönheitsfehler eines seiner Ursprungsidee entfremdeten Sozialismus, sondern diesem quasi von Anfang an zu eigen, jedenfalls, insofern er angetreten ist, die Religion überflüssig zu machen.
Es war immer schon ein Trugschluss zu glauben, Religion ließe sich abschaffen, wenn die Gesellschaft nur erst einmal gewisse soziale Standards erreicht habe. Die Frage nach den letzten Dingen, nach dem Sinn, nach dem Universellen, nach dem Leben und dem Tod, nach Gott, wird die Menschen immer umtreiben. Sie lässt sich nicht aus der Welt schaffen, sondern höchstens eine Weile mit Ideologie substituieren. Bisher sind noch alle Systeme, die behaupteten, irgendwann bedürfe es der Religion nicht mehr, gewissermaßen selbst überflüssig geworden. Allerdings: Die Frage nach einer besseren Form des Zusammenlebens, nach mehr Verteilungsgerechtigkeit, nach der Befreiung von sozialem Elend und Repression, war und ist keineswegs überflüssig. Die Fragen und Themen, die von den Sozialisten aufgeworfen wurden, sind brandaktuell. Versagt haben die Antworten.
Ach ja, wie kam ich jetzt darauf? Nordkorea. Als Milchbubi hat neulich jemand den neuen Machthaber bezeichnet. Das hat was. Aber mit dem Feuer spielende Milchbubis können ganz schön gefährlich werden.

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Apr 09 2013

Politik des Postfordismus

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Zurückdrängung des Einflusses der Gewerkschaften, Flexibilisierung der Produktion. Senkung der Reallöhne der abhängig Beschäftigten. Ab- beziehungsweise Rückbau der sozialen Sicherungssysteme. Zunahme der Einkommensspreizung, Privatisierung von Staatsunternehmen und Einrichtungen der gesellschaftlichen Infrastruktur wie Post, Bahn, Telekommunikation und Energieversorgung. Deregulierung des Finanzsektors und Öffnung des Marktes für Kapitalgeschäfte und Finanztransaktionen. Verarmung des unteren Drittels der Bevölkerung, zunächst insbesondere in Großbritannien, aber auch in anderen Ländern Westeuropas, Flexibilisierung der Arbeitswelt. Zunahme ungesicherter Arbeitsverhältnisse gegenüber den tariflich abgesicherten sogenannten Normalarbeitsverhältnissen, Zeitarbeit, prekäre freiberufliche Tätigkeiten. Vor diesem Hintergrund eine zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft. Verdichtung der Arbeitsprozesse, Erhöhung der Leistungsanforderungen an die Beschäftigten hier, Zunahme der offenen oder verdeckten Arbeitslosigkeit dort. Zunahme von psychischen Erkrankungen, Stress- und Burnout-Syndrom, Depressionen. Ökonomisierung des Gesundheitswesens, Verschlechterung der Gesundheitsversorgung für die Normalbevölkerung. Und so weiter!
Alles in allem: Ein superber Job. Das sollte man allerdings nicht einer Person anlasten. Es ist vielmehr Teil einer Struktur, deren Logik sich immer größere Teile der Gesellschaft, der Staaten, des Weltsystems unterwirft, vielleicht unterwerfen muss, um überhaupt weiter funktionieren zu können. Es ist eine fatale Logik und sie beinhaltet: Umwandlung von Ressourcen, stofflichem natürlichen Reichtum, menschlicher Kreativität und menschlicher Arbeit in ein Abstraktum, in Geld, und Umwandlung von Geld in Kapital, also in den sich selbst verwertenden abstrakten Wert. Daran geht so pö a pö die Welt kaputt. Wir allerdings vertrauen darauf, dass sich etwas verändern wird.

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Feb 20 2013

Kosoverhandlungen in Brüssel: “Es begann mit einer Lüge”

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Derzeit verhandeln Vertreter der serbischen Regierung mit einer Delegation aus Kosovo unter der Regie der EU in Brüssel über die Zukunft dieser ehemaligen serbischen Provinz. Dabei geht es auch um die Zukunft der verbliebenen serbischen Minderheit. Wochenlange NATO-Bombardements hatten im Jahr 1999 die erzwungene Abtrennung des Kosovo von Serbien eingeleitet. Vor fünf Jahren erklärte Kosovo seine Unabhängigkeit, die inzwischen von über 100 Staaten anerkannt worden ist. Serbien besteht darauf, dass Kosovo weiterhin ein Teil des eigenen Staates ist. Doch die derzeitige Regierung will den Balkanstaat in die Europäische Union führen. Das jedoch dürfte ohne Konzessionen in der Kosovofrage nicht zu machen sein.
Völkerrechtlich ist die gewaltsame Abtrennung des Teilgebietes eines autonomen Staates unrechtmäßig, das jedenfalls habe ich einmal im völkerrechtlichen Seminar gelernt. Doch wer jemals der Auffassung war, das Völkerrecht sei mehr als das Recht des jeweils Stärkeren, dem anderen seine ganz eigene Auffassung vom sogenannten Recht der Völker aufzuzwingen, kann, wenn er will, am Beispiel Kosovo etwas Neues erfahren.
Die Bilanz dieses Krieges: Unzählige Tote, Hunderttausende vertriebene Serben und Roma, eine Vielzahl von zerstörten serbisch-orthodoxen Kirchen, Klöstern und Heiligtümern.
War dieser Einsatz damals wirklich notwendig und gerechfertigt, trotz seiner zweifelhaften völkerrechtlichen Legitimation? Es begann mit einer Lüge. Darüber berichteten die Journalisten Mathias Werth und Jo Angerer schon in ihrer 2001 erstmals in der ARD gesendeten Dokumentation.

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[youtube http://www.youtube.com/watch?v=_u016f9FJ8U&w=420&h=315]
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=O9I9Bz1MAJA&w=420&h=315]

Süddeutsche Zeitung: Als die Menschenrecht schießen lernten – hier klicken!

(Zeitschrift Ossiettzki) Hartwig Hohnsbein: Die NATO läßt Kirchen schänden – Hier klicken!

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Jan 25 2013

Über Flucht, Asyl, Migration und die Asyllobby

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Im Weblog des Morgenländers habe ich heute eine Replik auf einen Beitrag der “Jungen Freiheit” gefunden, die in dieser Woche unter dem Titel “Das missbrauchte Recht” eine Polemk gegen “die Asyl- und Einwanderungslobby” veröffentlicht haben soll. Ehrlich gesagt gehöre ich nicht zu den Lesern dieses Blattes und erwarte davon im Übrigen davon auch nichts anderes als Ressentiments gegenüber Flüchtlingen und Migranten. (Nachträglich hinzugefügt: Obwohl es wahrscheinlich nicht ganz ok ist, so über etwas zu urteilen, was ich zugegebenenmaßen gar nicht selbst kenne. Da habe ich mich doch bisher auf den linken Diskurs verlassen!)
Wie auch immer, gefreut hat mich indes der sehr deutliche Beitrag des Morgenländers zu diesem Thema, den ich fast eins zu eins so unterschreiben kann. Deshalb, wer diesen Eintrag nicht ohnehin schon gelesen hat, sei hiermit darauf verwiesen und kann das jetzt von hier aus nachholen:

Gewiss sollte man den Verlautbarungen der “Asyl-Lobby” ein gehöriges Maß Skepsis entgegenbringen – wie den Statements jeder Lobby.

Wer aus dieser schlichten Feststellung jedoch ableitet, das Engagement für Flüchtlinge sei reiner Eigennutz, ist auf Dummenfang. Und er wird sich seinerseits fragen lassen müssen, ob es ihm nicht schlicht an Mitgefühl und Menschlichkeit mangelt.

Wer jenseits der üblichen Polemik über Asyl- und Einwanderungsfragen nachdenken will, kommt an drei Tatsachen nicht vorbei: hier klicken, um das Original im Weblog “Morgenländers Notizbuch” weiterzulesen!

Dazu vielleicht noch einen Nachsatz: Ich selbst war einige Zeit Teil dieser „Asyl- und Einwanderungslobby“. Kritisches Hinterfragen oder eine Reflektion der eigenen multikulturalistischen Positionen und Implikationen schätzt man allerdings auch dort leider gar nicht. Selbst gewählte Abschottung bestimmter migrantischer Gemeinschaften, die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts für Mädchen und Frauen, das Verharren in autoritären Denk- und Verhaltensmustern, Gewaltbereitschaft gegenüber Kritikern und Apostaten, Ehrenmorde-, Zwangsehen und Ähnliches, all das will man dort nicht zur Kenntnis nehmen. Kritik an solchen Systemen, die Forderung auch an Migranten, bürgerliche Rechte und Freiheiten uneingeschränkt auch für die eigene migrantische Gemeinschaft anzuerkennen und den Einwanderern hier auch eine Integrationsbereitschaft abzuverlangen, alles kein Thema. Und trotzdem ist das nur die eine Seite. Sie relativiert nichts von dem, was der Morgenländer in seinem Beitrag geschrieben hat.

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Jan 16 2013

Luxemburg: Replik der Replik

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

In einer Nachbemerkung hat der Morgenländer noch einmal Stellung zu meiner gestrigen Replik auf seinen Luxemburg/Liebknecht Beitrag genommen. Sein Fazit:

„Und kann man im Ernst meinen, eine spartakistische Diktatur, die sich nur im Bündnis mit der Sowjetunion hätte behaupten können – ein Bündnis, das der Lenin-Vertraute Karl Radek bereits angekündigt hatte -, wäre für Deutschland segensreicher gewesen als das parlamentarische System, das sich eben nur durch Unterdrückung der Extremisten von links und rechts mühsam behaupten konnte?
“Was wäre gewesen, wenn?” ist natürlich eine unbeantwortbare Frage. Aber an eines möchte ich doch erinnern:

Die sowjetische Diktatur hat in Friedenszeiten weit mehr Menschen das Leben gekostet als der Nationalsozialismus. Und am verheerenden Zweiten Weltkrieg trug die Sowjetunion kaum weniger Verantwortung als das Deutsche Reich (Stichwort: Hitler-Stalin-Pakt).“

Auch ich bin mittlerweile weit von jenem linken Revolutionsromantizismus entfernt, demzufolge schon alles irgendwie gut geworden wäre, hätte es in Deutschland nach dem I. Weltkrieg nur einen wie auch immer gearteten Sozialismus gegeben. Und in der Tat: „Was wäre wenn gewesen, ist natürlich eine unbeantwortbare Frage.“

Eher schon lässt sich rekonstruieren, was gewesen ist. Und dabei kann man zur Kenntnis nehmen, das im Wesentlichen vier Entwicklungslinien in die Katastrophe des deutschen Nationalsozialismus und schließlich in den nächsten Weltkrieg mit seinen Zig-Millionen Toten geführt haben:

  • Das war zum einen die weitere Herausbildung von eng mit dem Staat verflochtenen Wirtschaftsmächten auf nationaler Ebene und auf der Basis der privater Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Aufgrund der schlechten Erfahrungen mit diesen nationalstaatlich orientierten Wirtschaftsmächten und der daraus resultierenden Konkurrenzverhältnisse zwischen den Nationalstaaten hat man im Übrigen nach dem Krieg die Montanunion gegründet.
  • Das war zum Zweiten ein, infolge der Kriegsniederlage im ersten Weltkrieg und der dann in den 20er Jahren im Zuge der einsetzenden Wirtschaftkrise, schwer traumatisiertes und ohnehin nach rechts tendierendes Kleinbürgertum. Autoritätshörigkeit, Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Kaiserzeit und antisemitische Ressentiments waren hier weit verbreitet und ließen sich  in der Krise leicht mobilisieren.
  • Und das war ein durch die Wirtschaftkrise immer weiter verarmendes Proletariat, das zunächst wohl eher nach links, Morgenländer würde wohl sagen, zum Links-Totalitarismus, tendierte, sich mehr und mehr jedoch auch von den Nationalsozialisten angesprochen fühlte. Natürlich führte auch diese Neigung zur extremen Rchten und Linken zur Destabilisierung der parlamentarischen Demokratie.
  • Hinzu kamen verschiedene gesellschaftliche Diskurse, wie etwa der Antisemitismus und die Neigung zur Obrikeitshörigkeit, die Erbschaft des preußischen Militarismus und darüberhinaus von rassistischen Denkmustern teiweise tief infiltrierte staatliche Systeme, so beispielsweise das Gesundheitssystem und die Sozialfürsorge. All das konnte leicht in die nationalsozialistische Ideologie integriert werden und den Nazis auf vielen Ebenen Zustimmung einbringen.

Das war,  grob gesagt, die Melange, aus der in Deutschland der Nationalsozialismus hervorging, der sich ab 1939 im Bunde mit den wirtschaftlich Mächtigen daran machte, die Welt zugunsten der deutschen Machtansprüche neu zu ordnen und gleichzeitig einen verheerenden und auf der Welt bisher einmaligen Vernichtungsfeldzug rassistischer Provenienz vom Zaun brach. Dabei war es nicht zuletzt auch der Einfluss der ultranationalistischen Ideologie der einstigen Freikorps-Akteure und ihrer nicht geringen Anhängerschaft, die Hitler im entscheidenden Moment den Rücken stärkten.

Bei unvoreingenommen Hinsehen lässt sich mithin durchaus ein Zusammenhang zwischen dem Mord an Liebknecht und Luxemburg, der nationalsozialistischen Machtergreifung und dem II. Weltkrieg feststellen. Auf jeden Fall ist es ziemlich abenteuerlich, der Sowjetunion quasi eine vergleichbare Mitschuld am II. Weltkrieg zu attestieren.

Alles in allem hätten wir hier wohl Material genug für eine kapitale Neuauflage des Historikerstreits.  Wie auch immer, wie alles hätte kommen können wenn, weiß ich nicht. Und auf jeden Fall möchte ich auch nicht den Eindruck erwecken, ich würde hier einem gescheitertem Sowjetsystem das Wort reden, das in der Tat seinerseits viel Leid in die Welt gebracht hat.  Schließlich denke ich, dass wir zu kurz greifen, wenn wir versuchen, die Welt immer noch nach dem Links-Rechts-Schema zu erklären. Beschneiden wir uns da nicht selbst in unseren Erkentnismöglichkeiten?

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Jan 15 2013

Arabischer Frühling

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Als im vorletzten Jahr in Ägypten der Aufstand gegen Diktator Mubarak losbrach, war bekanntlich auch hierzulande die Euphorie groß. Es werde jetzt zu einer allgemeinen Demokratisierung kommen, hofften viele, an deren Ende eine bürgerliche, an den allgemeinen Grundrechten orientierte Gesellschaft stehe. Gehofft habe ich das auch, gleichwohl eher nicht daran geglaubt. Eine nach der anderen zerplatzen die Hoffnungen nun wie Seifenblasen. Beispiel Religionsfreiheit, eines der Kernelemente bürgerlicher Freiheiten. Leider Essig: Zu 15 Jahren Haft sind jetzt die Mitglieder einer Familie in der oberägyptischen Stadt Biba verurteilt worden, weil sie vom Islam zum Christentum konvertierten.

„Nadia Mohamed Ali, Mutter von sieben inzwischen volljährigen Kindern, war nach Information der IGFM (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte) ursprünglich Christin und konvertierte vor 23 Jahren zum Islam. Nachdem ihr Ehemann 1991 gestorben war, entschloss sie sich im vergangenen Jahrzehnt, mit ihren Kindern zum Christentum zurückzukehren. Das ist nach islamischem Recht allerdings nicht möglich.“

Und die ägyptischen Beamten, die der Familie halfen, diesen Religionswechsel formal zu vollziehen, wanderten gleich selbst für jeweils fünf Jahre in den Bau.

Martin Lessethin, Vorstandssprecher der IGMF, forderte die Bundesregierung auf, bei der ägyptischen Regierung für die Freilassung der Betroffenen einzutreten. Völkerrechtlich verbindliche Verträge müssten eingehalten werden, auch wenn sie mit seiner Auffassung nach archaischen Auslegungen des islamischen Rechts kollidierten. Hier irrt Lessenthin. Das Verbot, dem Islam den Rücken zu kehren und einer anderen Religionsgruppe beizutreten, ist keine archaische Auslegung, sondern eine in allen  islamischen Rechtschulen anerkannte und gültige Regel, Mainstream sozusagen.

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Jan 15 2013

Der 15. Januar

Ich gerate mit den Texten für Zeitschrift A in Verzug. Überhaupt. Das scheint mir heute mal wieder so ein von vorn herein vermasselter Tag zu sein, Null-Bock-Stimmung quasi, etwas elaborierter ausgedrückt, starke Antriebschwäche. Das ist ein Gefühl von müden Gliedern und einem in den Schraubstock geklemmten Thorax. Dabei weiß ich nicht einmal, weshalb. Eigentlich müsste ich heute Abend in der CSB wegen einer geplanten Fortbildungsveranstaltung anfragen, doch das scheint mir schon wieder zuviel des Guten an Initiative abzuverlangen. Solche Dinge sind mir oft, zu oft, ein großes Angehen, für andere wohl eher eine Lappalie.

Liebknecht und Luxemburg

Und sonst so? Heute vor 94 Jahren wurden die Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Freikorps-Soldaten in Berlin ermordet.

„Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gehörten am 30. Dezember 1918 in Berlin zu den Gründern der Kommunistischen Partei. Liebknecht und Luxemburg Nur zwei Wochen später wurden die beiden von Freikorps-Soldaten festgenommen und ermordet.
Während Luxemburg nach einem Verhör im Hotel Eden erst bewusstlos geschlagen und dann mit einem aufgesetzten Schläfenschuss getötet wurde, erschossen die Soldaten Liebknecht am Ufer des Neuen Sees im Tiergarten aus nächster Nähe von hinten. Am Nordufer des Sees erinnert heute eine Stehle an ihn. An Rosa Luxemburg erinnert eine Fußgängerbrücke am Katharina-Heinroth-Ufer.“

Die bürgerliche Mitte und Rechte hat diesen gewaltsamen Tod zwar niemals frenetisch gefeiert, aber wohl doch immer als so etwas wie einen politischen Kollateralschaden im Zuge der Verhinderung eines kommunistischen Deutschlands verbucht. Der Autor der Weblogs Morgenländers Notizbuch kann deshalb diesen Doppelmord zwar nicht gutheißen, aber irgendwie zeigt er sich doch erleichtert, dass die politische Betätigung Liebknechts und Luxemburgs an jenem 15. Januar vor 94 Jahren ein so jähes Ende fand:

„Wäre der Spartakusaufstand im Winter 1918/19 nicht niedergeschlagen worden, wäre Deutschland den Weg des bolschewistischen Russlands gegangen – ein Weg, der Millionen Menschen das Leben gekostet hat.
Dies verhindern zu wollen, rechtfertigte gewiss keinen Mord, aber zu Heldenverehrung geben die Toten des 15. Januar 1919 auch keinen Anlass.“

Ich gehe jetzt einmal nicht weiter darauf ein. Nur soviel: Der Weg, den Deutschand nach dem Tod dieser beiden Kommunisten eingeschlagen hat, kostete rund 80 Millionen Menschen das Leben. Antikommunismus kann doch manchmal ziemlich faktenresistent sein.

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Jan 10 2013

Christian, dem Christian seine Ex, und ich

Autor: . Abgelegt unter Politik und Alltag

Es war, wie es aussieht, eine kurze Hype. Jetzt, am Tag drei der Bekanntgabe ihrer Trennung, ist die Angelegenheit Christian und Bettina Wulff noch nicht einmal mehr den Lokalreportern der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung eine Zeile wert – und das ist vielleicht auch gut so. Nur die „Bunte“ und vielleicht einige andere Gazetten, die auf das Wühlen im Müll sogenannter Promis spezialisiert sind, bleiben am Ball und erteilen den Objekten ihrer Aufmerksamkeit ungebetene Stilberatung: Bettina Wulff solle jetzt Kleidung tragen, in der sie sich wohlfühle und die ihre Persönlichkeit unterstreiche.

Ah ja: Das hatte sie ja schon in ihrem sich inzwischen als Ladenhüter erweisenden Buch eingefordert: mehr von Was-auch-immer für sich zu haben und mehr auf sich achten zu wollen, und das müsse auch der Christian jetzt endlich lernen. Ich erlaube mir jetzt mal folgende persönliche Einschätzung: Derartiges werden all jene Männer aus den Post-68-Generationen kennen, die schon einmal mit einer Frau zusammengelebt haben, die ihren Abschied aus der Partnerschaft respektive Ehe plante. „Du nimmst keine Rücksicht auf meine Gefühle, du bist nur mit dir selbst beschäftigt“, und so weiter und so fort. Hatte sich die Bettina nicht gerade einen ausgesucht, von dem sie von vorn herein wusste, dass er im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, einen zeitaufwendigen Job macht und eher wenig Kapazitäten für die regelmäßige Selbst- und Beziehungsinspektion hat. Na klar, deswegen wollte sie ihn vermutlich ja, einen wichtigen und – mehr oder weniger – mächtigen Mann, dessen mediale Bedeutung auf stark narzisstisch geprägte Persönlichkeiten eine unwiderstehliche Anziehungskraft hat. Wahrscheinlich ist der Christian schon in jenem Moment, in dem er scheiterte, und in dem es wirklich einmal um Gefühle ging, für sie uninteressant geworden. Spekulation, Machogelaber, Unterstellungen? Dabei sind doch jene Wahrheiten, die Bettina Wulff literarisch „jenseits des Protokolls“ zum besten gab, derart profan, dass sie jedem schlechtem Studenten-WG-Geklöne der letzten zwei bis drei Jahrzehnte entnommen sein könnten. Allein, Profanes profan zu nennen und schlichte aber nicht ganz abwägige Zusammenhänge auszusprechen, kann schnell in den Ruch des Frauenfeindlichen und politisch Inkorrekten geraten. Das durfte etwa der  FDP-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Otto erfahren. Nicht so ganz gelungen gab er vor einigenv Tagen auf Twitter zum Besten: „Die Vorgänge, die Christian Wulff sein Amt gekostet haben, hat er nur getan, um Bettina zu imponieren. So sind (manche) Frauen.“ (…) „Zweifeln Sie ernsthaft daran? ALLE Vorwürfe stammen aus der Zeit mit Bettina, kein einziger aus der Zeit mit Christiane.“ Dafür erhielt Otto aber von dem oder der nicht namentlich genannten Berichterstatterin der Internet-Ausgabe des The European eine ganz gehörige Watschen: „Mit diesem Frauenbild-Eintopf ist der Weg nicht mehr weit bis nach Indien.“

Autsch! Nicht, dass ich jetzt hier für die FDP Partei ergreifen will. Aber so ein bisschen tendiert diese Reaktion schon in Richtung jenes Feminismus, der in jedem Manne mit vermeintlich „falschem Frauenbild” ohnehin schnell, allzu schnell, einen Vergewaltiger wittert.  By the way: Was haben doch die 1970er und 1980er Jahre für schöne Stereotypen hervorgebracht. Einen normierten Diskurs, in dem alles, nach der kurzen Erosion in den 1960ern, wieder seinen Platz hat und in der neben dem alten autoritätshörigen Spießer nun der neue Spießertyp des linksalternativen Kleinbürgers entstanden ist, der mit seinen psyeudolinken Allerweltswahrheiten jedes selbstständige Denken genauso hasst wie früher der preußische Untertan.

Interessant wird dieses, nennen wir es einmal, Ende einer Affäre,  deshalb, weil es  Identifizierungen zu allen Seiten hin möglich macht. Es kann sich mit all dem aufladen, was die Menschen so zum Thema Partnerschaft, Ehe und Beziehungen auf der Seele haben. Es verdichten sich darain quasi die gesellschaftlichen Diskurse über das Private. Mir beispielsweise tut ja eher der Christian leid, vielleicht, weil dieses Verlassenwerden, der Absturz nach dem Überschwang, etwas mir Bekanntes ist. Andere, die dem Christian Wulff die Neue neideten, weil sie selbst gern einmal ausbrechen ­würden – Wulff selbst hat ja vor Papst Benedikt XVI von einem Bruch geredet – haben jetzt vielleicht wohlfeilen Anlass zur Häme, und auch die Bettina bietet gewiss genug Potenzial für etliche Projektionen, eine wurde ja schon vorgestellt.

Natürlich spreche auch ich wie alle direkt oder indirekt Beteiligten von einer ganz spezifischen Position aus. Und die ist dem Mitleid mit einem armen Sünder, der nach einem scheinbar rauschhaften Aufstieg mit Partys und allem Pipapo von einem tiefen persönlichen und politischen Absturz heimgesucht wurde, näher, als jeder Häme oder dem Ich-muss-jetzt-mal-an-meine-Gefühle-denken-Gerede. Und das ist irgendwie auch gut so. Okay, „Privates ist privat und Mitleid keine politische Kategorie. Wozu auch Mitleid”, fragt der Tagesspiegel: “Christian Wulff dürfte bis an sein Lebensende finanziell recht gut abgesichert sein.” Stimmt natürlich. Ein Christian Wulff fällt erheblich weicher als andere in vergleichbarer Situation. Mitleid ist keine politische Kategorie. Darüber kann man streiten, meine ich. Privates ist nicht politisch? Eindeutig falsch.

Hat nicht gerade die mediale Öffentlichkeit das Eheleben von Christian Wulff und Frau zu etwas Politischen gemacht, indem man es gegen die römisch-katholische Kirche und Papst  Benedikt XVI in Stellung brachte: Seht her, hier eine moderne strahlende „Patchwork-Familie“, und da der Hort des Gestrigen, Kräfte, die partout an ihren Auffassungen von Ethik und ehelicher Treue festhalten wollen!? Doch jetzt, nach der schnellen Verfallszeit dieses Vorzeigeexemplars der modernen Familie, wünscht sich sogar die Berliner Tageszeitung (Taz) die echten Wertkonservativen zurück: „Erstaunlich, dass die Unionsparteien noch immer so hohe Umfragewerte verbuchen können, obwohl vieler ihrer Repräsentanten das, wofür Konservative einstmals standen, im Privaten längst nicht mehr vertreten. (…) Irgendwann werden auch die Unionsparteien ernsthaft darüber reden müssen, in welcher Gesellschaft sie eigentlich leben wollen.“

Vielleicht dämmert es ja dem einen oder anderen, dass nicht alles gut ist, was aktuell für gut, schick und „modern“ befunden wird. Und vielleicht sehen auch einige ein, dass die Kirche nicht etwas gutheißen kann, was sie aus theologischer Sicht ablehnen muss, obwohl es einstweilen zum herrschenden Diskurs gehört. Ist es auch richtig, Verhältnisse zu verändern, unter denen die Menschen leiden, unglücklich sind und in denen sie abhängig gehalten werden, so haben sich doch die menschlichen Beziehungen heute tendenziell verdinglicht zu Tauschverhältnissen von Emotionen und gegenseitigen Bedürfnissen zur zeitweiligen Vorteilsnahme. Das, was einst als Befreiung angelegt war, die Befreiung von Abhängigkeiten, hat heute die Neigung, warenförmig zu werden: mein Auto, mein Haus, meine Frau. Die Emanzipation frisst ihre Kinder. Seit den 68ern deren Leitmotiv: die „Selbstverwirklichung“. Sie ist zum Dogma eines bürgerlichen Subjekts geworden, dessen positivistischer Horizont nur noch das erfassen kann, was ihm gerade scheinbar gut tut, ohne dass das Subjekt überhaupt die Frage stellen könnte, was „Selbstverwirklichung“ denn eigentlich sein soll. Und so leidet das Individuum als Mensch immer wieder aufs Neue unter dem, was der Mensch als Subjekt zwanghaft warenförmig affimieren muss.

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