Archiv für die Kategorie 'Transzendenz und Alltag'

Mrz 13 2013

“Warum gerade ich?”

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

„Nee ne, warum muss jetzt gerade mir das passieren, womit habe ich das verdient“, denken oder sagen wir zuweilen, wenn uns ein großes oder kleines Missgeschick, etwas Übles, etwas, womit wir gerade überhaupt nicht gerechnet haben, oder gar ein Leid widerfährt. Manchmal erweist sich so etwas indes auf längere Sicht als positives Ereignis, das uns einen Neuanfang ermöglicht, etwa, wenn wir aus der richtigen Spur geraten sind, sich etwas Negatives eingeschliffen hat, wir uns irgendwie festgefahren haben oder notwendige Veränderungen nur aus Bequemlichkeit nicht anpacken.
Vielleicht bin ich momentan in so einer Situation und vielleicht kann ich das, was mich derzeit aus dem Tritt bringt, im Nachhinein als notwendig erkennen und dankbar annehmen. Wir sind in der Fastenzeit, und diese Zeit sollten wir potenziell zur Reflektion und Veränderung unseres Lebens nutzen.

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Feb 21 2013

“Liebe”

“Liebe bot mir Willkomm, doch meine Seele schrak zurück,
In Schuld des Staubes, Schuld der Sünde.
Sie aber, flinken Augs merksam, wie ich träg
Den Fuß kaum von der Stelle setzte, Drang näher an mich, zärtlich fragend,
ob mir etwas zu mangeln schien.

Ein Gast, gab ich zur Anwort, würdig dieses Orts.
Und Liebe sprach: Du sollst es sein.
Ich, der ich des Undanks, der Ungüte voll? Ach lieber Freund,
Der nicht dich anzuschauen vermag.
Liebe ergriff mich bei der Hand und sagte lächelnd:
Wer schuf die Augen, wenn nicht ich?

Zu wahr Herr, aber ich verdarb sie nur, laß meine Schande
Dort hingehen, wo sie es verdient.
Und weißt du nicht, spricht Liebe, wer den Tadel auf sich nahm?
Dann will ich, lieber Freund, dir dienen.
Du mußt, spricht Liebe, niedersitzen und mein Mahl genießen.

So setzte ich mich denn und aß.”
(Aus: Seelhöfer 2009, 84)

Georg Herbert (3. April 1593 – 1. März 1633)

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Feb 13 2013

Aschermittwoch: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist“

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

Wir Menschen sind autonome Individuen innerhalb der Grenzen, die Gott uns gesetzt hat. Wir haben daher bedingt die Möglichkeit, Gottes Gesetze und seinen Willen zu erkennen und sie für uns anzunehmen und uns zu bemühen, nach ihnen zu handeln. Dabei sind und bleiben wir unvollkommen und sündig. Gott aber hat uns durch Jesus Christus seine Vergebung, seine umfassende Gnade versprochen, die wir erlangen können, wenn wir seine Botschaft annehmen und versuchen, uns ihr entsprechend auszurichten. Durch die Unvollkommenheit, Sündhaftigkeit des Menschen, ist der Sündenfall letztlich etwas, das sich immer wieder aufs Neue ereignet. Indem der Mensch sündig gegen Gott und seine Mitmenschen handelt, vertreibt er sich quasi selbst immer wieder aus dem Paradies, das Gott ihm durch seine vollkommene Schöpfung anvertraut hat. Daher bedürfen wir immer wieder neu der Buße, Umkehr und der Gnade Gottes, die uns durch Jesus Christus und sein Opfer am Kreuz zugesagt wurde. In der katholischen Welt hat es Tradition, dass Menschen am heutigen Tag, dem Aschermittwoch, ihre Bereitschaft zur Umkehr und Buße zeigen und dazu das Aschekreuz empfangen „Der Priester besprengt die Asche, die aus verbrannten Palmzweigen des Vorjahres gewonnen wurde, mit Weihwasser und zeichnet den Gläubigen ein Aschekreuz auf die Stirn. Dazu spricht der Priester die Worte: ‚Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst’ oder ‚Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium’.”

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Feb 10 2013

Das Ich und das Eigentliche

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

Suchst du Gott, so suche vor allem in dir, sagt der Mystiker Angelus Silesius: „Halt an, wo läufst du hin? / Der Himmel ist in dir: / Suchst du Gott anderswo, / du fehlst ihn für und für“ (…). Du darfst zu Gott nicht schrein, / der Brunnquell ist in dir: / Stopfst du den Ausgang nicht, / er flösse für und für“. Das ist für den Normalmenschen, ja für den „Normalchristen, manchmal schwer zu verstehen, insbesondere, wenn wir Phasen der Krisen, der inneren Bedrängnis, des Zweifels und des Selbstzweifels erleben.
Bei Johannes heißt es: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ Lassen sich Erfahrungen des Mystikers Angelus Silesius und diese Verse des Evangelisten Johannes auf unserer/meiner eigenen Gottsuche irgendwie zusammenbringen
Als ein allen Dingen gemeinsames Prinzip allen Seins erkennbar sind Gesetzmäßigkeiten in der von Menschen beeinflussten und in der unbeeinflussten Natur, denen gleichsam auch der Mensch als Teil der Natur unterworfen ist. Sie erscheinen als physikalische, biologische und soziale Entwicklungsbedingungen, die der Regel von Ursache und Wirkung, wahrscheinlich auch der Dialektik von These und Antithese unterworfen sind. Es ist, soweit erkennbar, ein Strukturprinzip, dem eine bis an bestimmte Grenzen mathematisch ergründbare Logik innewohnt. Das Universum unterliegt – um hier Hegel zu bemühen – einem ordnendem Prinzip: es ist objektiv vernünftig. Das die Welt durchwaltende und ordnende Prinzip, wird in der klassischen griechischen Philosophie teilweise als Logos bezeichnet. Hegel nahm dies auf und sprach von dem Weltgeist, dem Ursprung einer geistigen Tätigkeit, das sich im und am Menschen im Verlauf der Geschichte selbst verwirklicht. Der Logos indes ist die sich in Sinn und Wort darstellende Artikulation der Vernunft. Dann also ist das Wort ein Kontinuum, das nicht zuletzt diese universelle Vernunft verkörpert. Vielleicht ist gerade sie wesentlicher Ausdruck der schöpferischen Kraft Gottes. In diesem Prinzip ist gleichzeitig etwas, das nach Verbesserung, nach Vervollkommnung, nach Erlösung strebt. Der christliche Erlösungsgedanke ist vernünftig, die Vernunft ist in dem Licht, das in der Finsternis leuchtet, aufgehoben. Lassen sich Materialismus und Spiritualität hierin versöhnen? Ist die Vernunftbegabung, die Fähigkeit, „Ich“ zu sagen, sich als Ego zu erkennen, sich zur eigenen Existenz und zu seiner sozialen Umwelt bewusst und reziprok zu verhalten, dann nicht gerade wesentliches Element der menschlichen Gottesebenbildlichkeit?

„Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag (Gen 1, 26-31)

Nach dem Buch Genesis hat Gott dem Menschen die Erde übergeben, damit er sie schöpferisch gestaltet, sie nach seinen Bedürfnissen formt, sie sich ihm anpasst. Das schöpferische Element, die Fähigkeit, sich selbst in den Produkten seiner Tätigkeit planerisch zu vergegenständlichen, ist dies das fundamentale Merkmal einer Gottesebenbildlichkeit? Ist das sogar der Kern der menschlichen Existenz als solcher. Lassen sich Materialismus und Spiritualität auch hierin versöhnen? Wonach aber suchen wir dann im Gebet, in der Meditation? Möglicherweise ist das, was den Menschen ausmacht, sein Ego, das biblische „Gift“ der Erkenntnis mithin, gerade das, worunter er leidet, weil es ihn vom universellen Ganzen trennt, ihn vereinzelt. Was wir suchen, wäre dann das wieder Heil-Werden im Ganzen. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat so etwas angedeutet, indem er die freudsche Libido, den Sexualtrieb, in einen alles beherrschenden Todestrieb uminterpretierte. Hat er möglicherweise hier etwas Richtiges wahrgenommen, jedoch falsch gedeutet. Denn als Christen suchen wir nicht den Tod sondern das Leben, ein Leben das wieder vereint und versöhnt ist mit allem, und aufgehoben in der Liebe Gottes.

Die menschliche Vernunft, die Fähigkeit, sich reziprok und bewusst zu sich selbst zu verhalten, universelle Zusammenhänge zu erkennen, sich als geschichtliches Wesen mit eigener Geschichte und darin wurzelnden biographischen Besonderheiten und Bedingungen zu begreifen, durch die wir das geworden sind, was wir sind, sich schöpferisch in den Produkten einer Tätigkeit zu vergegenwärtigen, nach dem Lebenssinn und nach Gott zu fragen und in ethischen Kategorien zu denken und zu handeln, das Ego also, seien mutmaßlich Elemente der im alten Testament postulierten Gottesebenbildlichkeit des Menschen, wurde oben angedeutet. Andererseits sei das von der Vernunft hervorgebrachte Bewusstsein seiner selbst, das Selbstbewusst respektive Ego, gerade ein Phänomen, dass den Menschen tendenziell vereinzele, weil es ihn aus der Natur und dem universellen Ganzen heraushebe. Der Mensch ist fähig, sich als ein von seiner belebten und unbelebten Umwelt getrenntes Individuum begreifen. Leidet der Mensch also unter seiner Gottesebenbildlichkeit? Dies scheint in der Tat ein Widerspruch zu sein. Trennt sein Wesen den Menschen von Gott, oder muss der Mensch unter Überwindung seines Egos erst zu Gott finden, um ganz Mensch sein und sein eigentliches Wesen entfalten zu können? Vielleicht stimmt in dialektischem Sinn beides. Vernunft und Antizipationsfähigkeit sind die wichtigsten menschlichen Eigenschaften. Dies ist die Grundlage, auf der der Mensch sich als in einem ganz bestimmten sozialen und gesellschaftlichen Kontext als zu einer Person mit einer einzigartigen Geschichte und einzigartigen Eigenschaften entwickelt. Es ist nicht zu vermuten, dass dies nur eine Erscheinungsform des Menschen ist, hinter der sich quasi sein wirklicher Kern verbirgt. Was den Menschen ausmacht, schneidet ihn jedoch auch bis zu einem gewissen Grad ab von der göttlichen Dimension des Ganzen, des Universellen. Das ist vielleicht das der menschlichen Existenz inhärente Leid und damit ein Aspekt, der die Dynamik seiner Suche nach Wahrheit ausmacht. Darin steckt nicht zuletzt immer auch eine Sehnsucht nach dem wieder Ganz-Werden. Gebet und Kontemplation sind vielleicht Möglichkeiten, diese Dimension des Göttlich-Universellen zu spüren. Durch die Vernunft, durch die durch die Fähigkeit, sich bewusst zu sich selbst zu verhalten, sind wir fähig, und um die tendenzielle Überwindung unseres Egos zu bemühen, uns zu Gott hin zu öffnen. Wahrscheinlich ist es diese Erfahrung, von der uns die Mystiker berichten. Und dann ist es auch nur folgerichtig, dass dazu etwas vom Ego aufgegeben werden muss, wie es etwa in anderen Worten Meister Eckhardt formuliert:

Wenn ein Meister ein Bild macht aus Holz oder Stein, so trägt er das Bild nicht in das Holz hinein, sondern er schnitzt die Späne ab, die das Bild verborgen und verdeckt hatten; er gibt dem Holze nichts, sondern er benimmt und gräbt ihm die Decke ab und nimmt den Rost weg, und dann erglänzt, was darunter verborgen lag. Dies ist der Schatz, der verborgen lag im Acker, wie der Herr im Evangelium spricht.

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Jan 23 2013

Ich will dich lieben, meine Stärke

sunrise

Ich will dich lieben, meine Stärke, / ich will dich lieben, meine Zier, / ich will dich lieben mit dem Werke / und immerwährender Begier; / ich will dich lieben, schönstes Licht, / bis mir das Herze bricht.

Ich will dich lieben, o mein Leben, / als meinen allerbesten Freund; / ich will dich lieben und erheben, / solange mich dein Glanz bescheint; / ich will dich lieben, Gottes Lamm, / das starb am Kreuzesstamm.

Ach, dass ich dich so spät erkannte, / du hochgelobte Schönheit du, / dass ich nicht eher mein dich nannte, / du höchstes Gut, du wahre Ruh; / es ist mir leid, ich bin betrübt, / dass ich so spät geliebt.

Ich lief verirrt und war verblendet, / ich suchte dich und fand dich nicht, / ich hatte mich von dir gewendet / und liebte das geschaffne Licht. / Nun aber ist’s durch dich geschehn, / dass ich dich hab ersehn.

Ich danke dir, du wahre Sonne, / dass mir dein Glanz hat Licht gebracht; / ich danke dir, du Himmelswonne, / dass du mich froh und frei gemacht; / ich danke dir, du güldner Mund, / dass du mich machst gesund.

Erhalte mich auf deinen Stegen / und lass mich nicht mehr irre-gehn; / lass meinen Fuß auf deinen Wegen / nicht straucheln oder stillestehn; / erleucht mir Leib und Seele ganz, / du starker Himmelsglanz.

Ich will dich lieben, meine Krone, / ich will dich lieben, meinen Gott, / ich will dich lieben sonder Lohne / auch in der allergrößten Not; / ich will dich lieben, schönstes Licht, / bis mir das Herze bricht.

Angelus Silesius

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Jan 20 2013

Nachtrag zum “Wolkenatlas” und anderes

Drei- oder vielmal nur erhaschte ich während meiner Jugend einen Blick auf die Inseln der Glückseligkeit, bevor sie in Nebeln, Depressionen, Kaltfronten, ungünstigen Winden und im widrigen Strom der Gezeiten untergingen … Ich verwechselte sie mit dem Erwachensein. Im Glauben, sie wären festgelegte Etappen auf meiner Lebensreise, versäumte ich, ihre geograpischen Koordinaten und die Anfahrtsroute zu verzeichnen. Verfluchter junger Dummkopf. Was gäbe ich heute dafür, eine festgeschriebene Karte des für immer Flüchtigen zu besitzen. Einen Altlas der Wolken, sozusagen
(David Mitchell: Der Wolkenatlas. Deutsch v. Volker Oldenburg. S.494.).

Soweit die Passge aus dem Wolkenatlas, die wohl für den Titel jenes Werkes Pate stand. Den folgende Satz, der meinem Empfinden nach einen notwendigen Kontrast, und gleichsam die einzig mögliche Replik dazu bilden kann, weil in ihm das Ende jener vermeintlich immerwährenden Flucht aufscheint, habe ich auf Jobo72’s Weblog gefunden:

Wir sind für Gott geschaffen, und nichts weniger kann uns letztlich zufrieden machen.
(Brennan Manning)

Noch etwas? Der Morgenländer hat uns heute an Simone Weil erinnert, die im spanischen Bürgerkrieg als Anarchistin in der Brigade Buenaventura Durruti kämpfte und sich später der Mystik zuwandte. Danke für den Hinweis auf diese außerordentliche Persönlichkeit.

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Jan 07 2013

Nachtrag zu Epiphanias

Autor: . Abgelegt unter Transzendenz und Alltag

Am Sonntag haben wir das Fest der Erscheinung des Herren gefeiert, ein epochales Ereignis, das festgefahrene und verkrustete Verhältnisse durcheinander bringt: Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Dieses Ereignis und seine Folgen werden Mächtige in Angst und Schrecken versetzen und nicht zuletzt immer wieder auch an den Grundfesten der Kirche selbst rütteln. Eine Kirche in apostolischer Nachfolge , die sich aber ihrerseits oft zur weltlichen Machtinstitution entwickelt hat und mithin immer wieder erneuern, beziehungsweise zu sich selbst zurückkommen muss.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Denn die Kirche und der Geist der apostolischen Überlieferung bringen immer wieder selbst das Aufbegehren gegen Macht und Gewalt hervor. Die Subordinierten, Erniedrigten werden gleichzeitig zu Protagonisten der Geschichte, zu den Subjekten der Befreiung. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. In einem Küstenstreifen am Mittelmeer haben sich der jüdische Befreiungsdiskurs des Exodus und die inneren und äußeren Widersprüche auf eine Art und Weise antagonistisch verdichtet, dass derartige revolutionäre Impulse entstehen können: bis dato scheinbar unverrückbar scheinende Herrschaftverhältnisse werden desartikuliert – infrage gestellt – die Elendsten und Niedersten zu den Hauptfiguren der Heilsbotschaft erhoben. Noch richtet sich das Manifest der Ankunft Christi an jene, die allein den einen Gott, Gepriesen Sei Sein Name, verehren, an Juden. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. Bald schon wird es jedoch universell. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Transzendenz reinkarniert sich durch eine Frau. Für jene Zeit vor 2000 Jahren allein das schon revolutionär.

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt: ‚Jesus Christus ist der Herr‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Phil 2,5–11 EU

Mit der Geburt von Jesus Christus und durch seine Botschaft – mithin im Akt der Fleischwerdung Gottes – ist ein Emanzipationsprozess eingeleitet worden, der auf die Befreiung der Menschen zielt, und zwar sowohl in ihrer sozialen als auch in ihrer spirituellen Existenz, in ihrer Eigenschaft als zunächst verlorene – weil todgeweihte und schuldbeladene Individuen – als auch in ihrer sozialen Dimension als unterdrückte und geknechtete Wesen. Diese Botschaft ist präsent sowohl in der Verkündigung Christi als auch in seinem Leben und Leiden selbst, in seinem „Engagement“ für uns und die Welt und in der Art seines Todes. Christus ist den Leidensweg der Menschen gegangen, aber daraus ist nicht Zerstörung sondern gleichsam Hoffnung und Versprechen entstanden: Nein, ihr seit nicht verloren, denn ihr werdet wieder aufstehen, nein, das Elend wird nicht immer währen, die Befreiung ist möglich – das „Reich Gottes“ – im Himmel und auf Erden, eine Überwindung von Ausbeutung und Unterdrückung. Dies ist die epochale Botschaft, aus der sich objektiv nicht zuletzt auch die Aufklärung gespeist hat, auch wenn ihre Protagonisten zu oft den Atheismus predigten. Aufklärung wurde auch aus dem Christentum geboren.

Mit der Geburt Christi ist ein Licht in die Welt gekommen, das seit 2000 Jahren leuchtet und vielen Menschen Mut gemacht und Kraft gegeben hat, sich und die Verhältnisse zu verändern. Es in uns leuchten zu lassen, bedeutet Vertrauen zu haben in die Kraft der Liebe und Veränderung. Dies ist eine Herausforderung, der man sich wohl immer wieder neu stellen muss. Und es impliziert eine Form von Vertrauen, die eben nicht das sich stille  Fügen ist, sondern gleichsam eine Form von Engagement und Veränderung aus Liebe für die Menschen und die Welt. Christus gibt uns ein Beispiel davon.

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